DIE
WEISHEIT
DES JOHANNES
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KOBERSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG
BASEL
Um den Forderungen des Urheberrechts zu entsprechen,
sei hier vermerkt, daß ich im zeitbedingten Leben den
Namen Joseph Anton Schneiderfranken führe, wie ich
in meinem ewigen geistigen Sein urbedingt bin in den
drei Silben:
BÔ YIN RÂ
Copyright by
Kober'sche Verlagsbuchhandlung Basle 1952
Druck: Conzett & Huber, Zürich
INHALT Seite
Einführung 7
Das Bild des Meisters 25
Des Leuchtenden Erdenweg 41
Der Ausklang 69
Die Sendschrift 87
Die reine Lehre 103
Der Paraklet 139
Schlußwort 153
Originalscan
EINFÜHRUNG
AUS ALLEM DIESEM FOLGET, OO
DASS ICH EUCH DAS TESTA‐ OO
MENT JOHANNIS ABER UND OO
ABERMAL EMPFEHLE, DESSEN OO
INHALT MOSEN UND DIE OO
PROPHETEN, EVANGELISTEN OO
UND APOSTEL BEGREIFT...
GOETHE AN HERDER
20. FEBRUAR 1786
I
V
ERBORGENER Ströme glocken‐ OO
tiefes Rauschen tönt stetig fort OO
durch die Jahrtausende, und aller OO
Lärm des lauten Tages kann dieses tiefe OO
Rauschen nicht vor denen bergen, die es OO
hören wollen.
Zwar sind die Ohren derer, die den Lärm OO
erzeugen helfen, fast taub geworden, so OO
daß sie nur noch hören können, was mit OO
schrillen Lauten sie zuallernächst umtost; OO
allein, zu jeder Zeit gab es denn doch OO
auch Menschen, die sich den lauten Märk‐ OO
ten fernehielten und in stiller Mitter‐ OO
nacht den heilig ernsten, fernen Klängen OO
lauschten, die aus Urseinstiefen sich ver‐ OO
nehmen lassen.
Zu Zeiten aber werden diese Wenigen zu OO
Vielen, und ihre Ohren werden so ge‐ OO
schärft, daß sie die urgrundfernen Klänge OO
selbst im wildesten Getöse ihrer lärm‐ OO
11 Die Weisheit des Johannes
berauschten Umwelt deutlicher emp‐ OO
finden als den grellen Lärm, der sie daran OO
zu hindern sucht.
Wir leben im Anbruch einer solchen OO
Zeit!
Tagtäglich mehrt sich die Zahl der Hören‐ OO
den!
Sie stört nicht mehr das heisere Schreien OO
der Jahrmarktsrufer, nicht das Brüllen OO
wilder Tiere noch das Kastagnettenklap‐ OO
pern toller Tänzer, und lächelnd über‐ OO
hören sie das Schellenklingeln bunter OO
Narrenkappen.
Sie hören nur den einen, heilighehren OO
Glockenton ‒ hören allein auf das stete OO
klangtiefe Rauschen der Ströme derOO
Ewigkeit ‒ und suchen räumlich wie OO
zeitlich in Nähe und Ferne ihresgleichen: OO
suchen Menschen, die bekunden können, OO
12 Die Weisheit des Johannes
daß auch sie das gleiche tiefe Rauschen OO
allerorten hören.
Müde sind heute die Besten aller bloßen OO
Weisheit der Gehirne.
Längst lockt die Akrobatik des Gedan‐ OO
kens nur noch junge Greise oder alte OO
Kinder.
Die geistreichen Schlüsse pfauenstolzer OO
Klügler gelten kaum noch als billige OO
Scheidemünze unter der ewig kindischen OO
Menge, und man erhandelt nur zu‐ OO
weilen noch damit ihre Gunst, so wie der OO
Seefahrer die Gunst der Wilden gewinnt OO
durch bunte Gläser und glitzernde Per‐ OO
lenschnüre.
Wer aber, dem Erwachen nahe, des OO
Erdenlebens Wert in Tat und WirkenOO
sucht, der verlangt nach anderer Er‐ OO
kenntnis: verlangt nach einem InneOO
13 Die Weisheit des Johannes
werden sicherster Gewißheit, die OO
nicht schon morgen wieder UngewißOO
heit wird ‒ der nicht die Resultate OO
fremder Forschung früher oder später OO
ihre Fundamente unterwühlen können.
Zu allen Zeiten gab es Menschen, denen OO
solche Gewißheit wurde.
Sie wird nicht erschlossen und nicht OO
erklügelt, und keines Menschen Hirn OO
kann sie erdenken!
Nicht Reichtum äußeren Wissens ist OO
vonnöten, um sie zu erhalten!
Wer du auch sein magst und wie hoch OO
man auch dein Wissen werte ‒ GeOO
wißheit wirst du eher nicht erlangen, OO
als bis du lernst, der schillernden Viel‐ OO
fältigkeit deines Denkens zu entsagen! OO
Du hast aus «Gedankengängen» ein OO
14 Die Weisheit des Johannes
Labyrinth dir geschaffen, in dem du OO
dich selbst verloren hast.
Du kannst dich nur wiederfinden, wenn OO
du zurück zum Eingang dieses Laby‐ OO
rinthes findest ‒ dorthin zurück, wo OO
einst dein Denken einfach war wie OO
eines Kindes Denken!
Auch die Menschen ferner Vorzeit kamen OO
anders nicht zu Weisheit und Erkenntnis. OO
Es leuchtet heute noch das gleicheOO
Licht, davon man staunend Kunde bei OO
den alten Sehern findet; allein, wenn du OO
im Dunkel der Gedankengänge dich OO
ergehst, wirst du es leichthin leugnen OO
können, da sich seine Strahlen dorthin OO
nicht ergießen.
Die Alten waren zu Zeiten wahrlich weit OO
mehr «Herren der Erde» als diese neue‐ OO
ren Geschlechter, die sich durch ihr Er‐ OO
15 Die Weisheit des Johannes
klügeln und Ersinnen stolzerfüllt die OO
Kerkermauern selber aufeinandertürm‐ OO
ten, die ihnen dann den Blick in die Un‐ OO
endlichkeit verbauten...
Mit sicheren Instinkten wußten sie zu OO
sichten und zu sondern und nahmen OO
voller Ehrfurcht jeweils in Besitz, was OO
ihre Ahnen ihnen darzubieten hatten als OO
unvergängliches, gewisses Weisheitsgut. OO
So konnte aus der alten Tempel Trüm‐ OO
merstätten stets das Heilige gerettet wer‐ OO
den, und mochte auch in jedem neuen OO
Sanktuarium ein neues Kultbild sich er‐ OO
heben, so blieb es letzten Endes doch OO
der gleichen Gottheit hüllendes OO
Symbol und war den Eingeweihten sol‐ OO
cherart vertraut.
Die Menschen des nun schwindenden OO
Geschlechts jedoch ‒ die selbst weit OO
16 Die Weisheit des Johannes
tiefer, als sie ahnten, durch gar mannig‐ OO
fachen Aberglauben wateten, und die ihr OO
Wähnen, Meinen und VermutenOO
anmaßlich als Wissen proklamierten ‒ OO
sahen in jedem Gottesbilde alter Zeiten OO
nur den «Götzen», sahen in seinem Kulte OO
nur der Alten «Aberglauben» und be‐ OO
merkten nicht, daß neben jedem Gottes‐ OO
kulte tiefgeheime Weisheit schreitet, OO
die freilich nur den Mündigen allein OO
sich offenbart. ‒ ‒
So ist denn auch die alte Sendschrift, die OO
man das «Evangelium Johannis» OO
nennt, gar Vielen in den jüngstvergange‐ OO
nen Tagen und wohl auch noch in dieser OO
heutigen Zeit zu nicht viel mehr als OO
einem Märchenbuch geworden, an‐ OO
gefüllt mit poesiegetränkten Zeugnissen OO
längst überlebten Aberglaubens...
17 Die Weisheit des Johannes
Allmählich frei nun von der Furcht, das OO
«Wort der Schrift», das früher als OO
ein Werk des Geistes Gottes galt, OO
auf seine zeitliche und erdgeboOO
rene Gestaltung hin zu prüfen, hatte OO
man der alten Heidenlehren Spur darin OO
gefunden, und da man weiterhin ent‐ OO
deckte, daß auch das wundersame Gottes‐ OO
menschenbild des alten Buches mancher OO
alter Götterbilder Züge in sich eint, so OO
ward den Neueren ‒ soweit sie sich nicht OO
«Christen» nennen ‒ des ganzen Buches OO
Inhalt: frommes Hirngespinst.
Viel mochte dazu beigetragen haben, daß OO
man die alte Kunde nur in einer Form OO
besitzt, die allzudeutlich zeigt, daß vieler OO
Überformer törichtfrohe Arbeit ihr erst OO
die Gestaltung gab, die sie nun trägt.
Verderblich war es auch, daß man in OO
alter Zeit schon darauf ausgegangen war, OO
18 Die Weisheit des Johannes
diese «Sendschrift» als ein Werk des OO
Jüngers, den der Meister «liebte», OO
darzustellen, und somit alles tat, um sie OO
den älteren Berichten anzugleichen, OO
die von des hohen Meisters Erdenleben OO
‒ Wahrheit und Dichtung nach Gefal‐ OO
len ineinandermengend ‒ legendenhafte OO
Kunde bringen.
Man konnte so nicht mehr erkennen, daß OO
dieses alte Buch ‒ einst über ein Men‐ OO
schenalter nach des Meisters Tod ent‐ OO
standen ‒ wohl jene Sagenkunden von OO
des hohen Meisters Erdenwallen nutzte, OO
daß aber sein ursprünglicher Verfasser OO
wahrlich anderes erstrebte, als der OO
alten Wunderbücher Zahl zu mehren.
Hier ist nun darzulegen, daß die alte OO
Sendschrift, die einst frühe Überformer OO
dem «Johannes», den der Meister OO
19 Die Weisheit des Johannes
«liebte», zugeschrieben haben, die OO
Schrift eines «Wissenden» ist, der für OO
seine Getreuen schrieb, die längst «vonOO
Mund zu Ohr» von einer Lehre OO
wußten, die wahrlich «frohe BotOO
schaft» allen war, die sie dereinst er‐ OO
reichte.
Aus gleichem gesicherten Wissen ist hier OO
auszusprechen, daß jener, der die Send‐ OO
schrift erstmals niederschrieb, noch im OO
Besitz von alten Schriften war, die in OO
getreulicher Abschrift Worte aus desOO
hohen Meisters eigenen SendOO
schreiben gaben, wie sie der Jünger OO
Johannes nach des Meisters Tode in OO
Verwahrung nahm und seine eigenen OO
Schüler davon Abschrift nehmen ließ.
Des weiteren ist hier zu sagen, daß der OO
Jünger, den der Meister «liebte», als einOO
ziger unter den «Aposteln» um die tief‐ OO
20 Die Weisheit des Johannes
sten Dinge wußte, die zu seines Meisters OO
Sendung in Beziehung standen.
Nach des Meisters Tode aber sammelte OO
er um sich die Wenigen, die da von OO
Anfang an die Lehre geistig faßten.
Als er dann selbst gestorben war, erhielt OO
sich dennoch die Vereinigung dieser we‐ OO
nigen Getreuen, verwahrend tiefes, ge‐ OO
heimes Wissen, das sich dem äußerlichen OO
Kultkreis nie bequemen konnte, der sich OO
alsbald gerundet fand als Frucht der Pre‐ OO
digt jener anderen Jünger, von denen OO
sich der Auserwählte schon gar bald nach OO
seines Meisters Tod in wachsender Ent‐ OO
fernung stets gehalten hatte, so sehr auch OO
die Legende, die der äußere KultOO
sich schuf, bemüht ist, ihn den IhrenOO
eng verbunden zu erweisen.
Den Nachfolgern dieser Schüler des OO
Apostels ‒ die aber sehr zu unterOO
21 Die Weisheit des Johannes
scheiden sind von des Täufers Jün‐ OO
gern, der den gleichen Namen trug: OO
Jehochanan ‒ galt die Sorge dessen, OO
der die Schrift geschrieben hat, von der OO
ich hier zu reden haben werde.
Ihnen war wahrlich nicht zu kommen mit OO
jenen Wundersagen, die heute sich OO
in dem der Nachwelt dargebotenen und OO
überaus verdorbenen Buche finden, auch OO
wenn aus diesen Wundersagen manches OO
spricht, das Nachgeborenen das Bild des OO
Meisters hellen kann.
Sie wußten von einem GeisteswunOO
der, das alle Wundersagen der Berichte OO
weit in Schatten stellte, und dieses OO
Geisteswunder kannten sie aus eigenem OO
Erleben. ‒ ‒ ‒
So sehr sie aber auch des hohen Meisters OO
Lehre, wie sie durch Johannes einst OO
verstanden worden war, als heiligstes Ver‐ OO
22 Die Weisheit des Johannes
mächtnis hüteten, so trugen sie doch OO
keineswegs Bedenken, wo immer sie in OO
Lehren ihrer Zeit verborgener WahrOO
heit Fäden fanden, solche Wahrheit OO
auch dem Tempelvorhang einzuweben, OO
der in ihren Sanktuarien das Geheimnis OO
wahrte vor profanen Blicken.
Nur wenn man dieses alles wohlbeachtet, OO
ist auch heute noch ‒ trotz aller frem‐ OO
den Hände, die des ersten Schreibers Nie‐ OO
derschrift verdarben ‒ das bruchstück‐ OO
haft Erhaltene dem inneren Werte nach OO
zu fassen, soweit es töricht enger Kor‐ OO
rektur schon in der ersten Zeit entging. OO
So aber auch ist zu verstehen, daß der OO
Dichter diese Sendschrift über alle an‐ OO
deren alten Glaubenskunden stellt, wäh‐ OO
rend neuere Forschung allen Scharf‐ OO
sinn aufzubieten sucht, um durch den OO
wild überwachsenen Garten der Erkennt‐ OO
23 Die Weisheit des Johannes
nis, den sie lichten soll, auch nur einenOO
leidlich gangbaren Weg zu bahnen. ‒ ‒ OO
Und fragt man mich nun, aus welchem OO
Wissen ich mir selbst Gewißheit holte, OO
das in diesem Buche Darzulegende vor OO
aller Mit- und Nachwelt zu vertreten, so OO
muß ich als Erstes den Irrtum im Keime OO
zerstören, als gäbe ich hier etwa Früchte OO
eigenen «Erforschens».
Die Wege, die hier zur GewißheitOO
führen, sind so eng und steil, daß jedes OO
eigene Gepäck, und sei es auch ein Schatz OO
des Erdenwissens höchster und sublimster OO
Art, zurückgelassen werden muß, soll OO
nicht der Fuß auf diesen Höhenpfaden OO
straucheln. ‒
Es gibt ein «Wissen», das allein von OO
diesen Dingen mit Gewißheit wissen OO
kann!
24 Die Weisheit des Johannes
Hier sind «Beweise» denen nur erlang‐ OO
bar, die seit der Urzeit solche Art zu OO
«wissen» pflegen und den BestäOO
tigten in jedem Menschenalter weiter‐ OO
geben, was sie selbst auf gleiche Art er‐ OO
langten: ‒ die Fähigkeit des WisOO
sens aus der Selbstverwandlung, OO
wobei der Wissende zum Wissen aus OO
dem Gegenstand des Wissens wird. ‒ OO
Aus solchem Wissen aber rede ich.
Ich will Gewißheit geben und weiß, OO
daß anders Gewißheit nicht erlangbar ist. OO
Es liegt mir ferne, zum Glauben an meine OO
Worte überreden zu wollen.
Wer da ergründen will, ob ich der WahrOO
heit Wort und Stimme leihe, suche inOO
sich selbst ‒ in seinem Allerinner‐ OO
sten ‒ Bestätigung.
Er wird nicht vergeblich seine Zeit dar‐ OO
auf verwenden, das, was ich ihm zu zei‐ OO
25 Die Weisheit des Johannes
gen habe, so zu sehen, wie ich es ihm OO
zeigen muß...
Zuweilen mag es also scheinen, als ob OO
ich von dem Gegenstande dieses Buches OO
mich zu weit entferne, und auch Wieder‐ OO
holung wird sich kaum vermeiden lassen. OO
Es ist nicht meine Absicht, nach System OO
und Regel zu verfahren.
Die alte Sendschrift, die den Namen OO
des «Johannes» trägt, soll hier nicht OO
etwa einen Kommentar erhalten.
Es gilt hier nur, die reine Lehre auf‐ OO
zuzeigen, deren Kenntnis der Schreiber OO
bereits voraussetzen durfte bei sei‐ OO
nen Getreuen.
Und weiter will ich hier dem Irrtum OO
steuern, daß die alte Sendschrift gleiOO
cher Glaubensmeinung Zeugnis sei wie OO
die drei älteren Berichte über des OO
26 Die Weisheit des Johannes
«Gesalbten» Leben, denen man in alter OO
Zeit sie schon zur Seite stellte, nachdem OO
sie dafür zubereitet worden war.
Es wird auch nötig werden, hier so man‐ OO
ches Textwort nun in helleres Licht zu OO
stellen, als wenn es nur des BeispielsOO
halber oder als ein Mittel der VerstänOO
digung beiläufige Erwähnung finden OO
sollte, wo es denn füglich auch in herOO
kömmlicher Lesart und Bedeutung OO
seinem Zweck entsprochen hätte.
So möge nun die hohe Weisheit, die OO
trotz aller späteren Verdunkelung noch OO
aus dem alten Texte strahlt, den man das OO
«Evangelium Johannis» nennt, ein OO
Leitstern werden allen Suchenden, ‒ OO
ein Leitstern, der ihnen den Weg
zum Geiste erhellt! ‒
*
27 Die Weisheit des Johannes
DAS BILD DES MEISTERS
B
EKENNERN seines Namens einst OO
zum Gotte geworden, und denen, OO
die das Tiefste seiner Lehre nie er‐ OO
faßten, eine Beute erdenferner Phanta‐ OO
sie, ward späterer Zeit der hohe Meister, OO
der die «frohe Botschaft» brachte, in OO
einem Bilde überliefert, das nur in dürf‐ OO
tigster Kontur noch schwache Spuren OO
seiner erdenhaften Züge zeigt.
Und doch muß jedem, der des hohen OO
Meisters wahre Liebe fassen will, zu‐ OO
erst die irdische Erscheinung des OO
«Gesalbten» deutlich werden, will er OO
nicht Phantasiegebilden sich er‐ OO
geben und in weichlich frommen TräuOO
men sich berauschen.
Er, von dem man das Wort berichten OO
konnte:
«WAS NENNST DU MICH GUT?
NIEMAND IST GUT, AUSSER GOTT!» OO
31 Die Weisheit des Johannes
‒ wie wäre er im Innersten erOO
grimmt, hätte jemals einer derer, die OO
ihm nahe waren, es gewagt, ihm göttliche OO
Ehren zu erzeigen und ihn einen GottOO
zu nennen...
Und wie er die Wechsler und Verkäufer OO
aus den Tempelhöfen ihres Gottes trieb, OO
so hätte er jeden «mit einer Geißel aus OO
Stricken» davongejagt, der ihm gesagt OO
haben würde: «Meister, auch dir wird OO
man einst Tempel bauen!» ‒ ‒ ‒
Er war sich wahrlich seiner geistigen OO
Würde wohlbewußt, so sehr er dann zu OO
Zeiten auch sich klein und zaghaft fühlen OO
mochte.
Wo wäre auch der Mensch zu finden, der OO
stets nur im Bewußtsein seiner ganzen OO
Kraft und seines höchsten WertesOO
sich bekundet hätte?! ‒
32 Die Weisheit des Johannes
Ist sein Bewußtsein überlichtet in der OO
hohen Geisteseinung mit dem «Vater», OO
den das Urwort aus dem UrlichtOO
offenbart ‒ dem großen «Alten», der im OO
«Anfang» ist: dem Menschen derOO
Ewigkeit in seiner urgegebenen Zeu‐ OO
gung ‒, dann wird sein Wort «gewalOO
tig», und er fühlt sich über alles Irdische OO
emporgehoben. ‒ Der LeuchtendeOO
des Urlichts zeigt sich dann in seiner OO
höchsten Geistesmacht. ‒
In Stunden erdenhafter Bindung aber OO
scheut er keineswegs davor zurück, auch OO
seine tiefste Seelenangst zu offen‐ OO
baren, und seine hohe Einsicht droht ihn OO
scheinbar zu verlassen.
«MEINE SEELE IST JETZT IN BE‐ OO
DRÄNGNIS. WAS SOLL ICH SAGEN? OO
VATER, RETTE MICH AUS DIESER OO
STUNDE!» OO
33 Die Weisheit des Johannes
Er entzieht sich keineswegs dem UmOO
gang mit anderen Menschen, auch OO
wenn sie durchaus nicht seine Anhänger OO
sind: ist fröhlich mit den FreudigenOO
und trauert mit den Betrübten.
Sein Mitgefühl macht ihn zum Schützer OO
der Armen und Unterdrückten, zu OO
denen er selbst gehört; aber gleichzeitig OO
wird er manches Reichen und VorOO
nehmen Freund.
Gern nimmt er GastfreundschaftOO
an, selbst dort, wo er weiß, daß man OO
kaum an seine Sendung glaubt und ihn OO
nur geladen hat, um einen so seltsamen OO
Gast zu sehen.
Wo immer er Güte des Herzens fin‐ OO
det, ist er voll des liebendsten Verstehens; OO
nur Heuchelei und HerzenshärteOO
läßt ihn böse Worte finden.
Er drängt seine Lehre keinem auf; doch OO
34 Die Weisheit des Johannes
wo er fühlt, daß man nach ihr verOO
langt, auch wenn man sie bewußter‐ OO
weise noch nicht kennt, dort gibt er, OO
was die Hörer ‒ seiner Meinung nach ‒ OO
wohl fassen sollten.
Er geht nicht auf Ehrungen aus; aber OO
wenn man ihn ehrt, so fühlt er sich OO
aller Ehrung wert, und wenn ein OO
enger Geist unter seinen Begleitern über OO
Verschwendung zetert, weil kostbare Salbe OO
dazu dienen muß, des Meisters Füße zu OO
erfrischen, statt daß man sie verkaufte, OO
um der Armen Not zu lindern, so OO
spricht er in Gelassenheit das Wort:
«ARME HABT IHR ALLEZEITOO
BEI EUCH, MICH ABER HABT IHR OO
NICHT ALLEZEIT.»
Wobei er keineswegs ‒ wie die OO
spätere Auslegung will ‒ den baldigen OO
Tod vor Augen sieht, sondern lediglich OO
35 Die Weisheit des Johannes
daran denkt, daß er nicht oft an dem OO
gleichen Orte weilt.
Nichts Menschliches war ihm fremd, und OO
er wußte gar wohl um den Kampf der OO
Geistnatur im Menschen mit des OO
Menschentieres schwer besiegbaren OO
Gelüsten.
«IHR VERURTEILT NACH DEM OO
SCHEINE, ICH ABER VERUROO
TEILE NIEMANDEN; DENN AUCH OO
DER VATER VERURTEILT KEIOO
NEN
Von seiner Sendung durchdrungen, er‐ OO
klärt er: man möge den «Tempel» ‒ die OO
herrschende Priesterlehre ‒ stürzen, und OO
«in drei Tagen» wolle er sich erkühnen, OO
ihn wieder «aufzubauen».
Die ihn so sprechen hörten, wußten sehr OO
36 Die Weisheit des Johannes
genau, wovon er sprach, auch wenn sie OO
diese Worte wohlverwahrten, um ihn der OO
Tempellästerung dann schuldig zu OO
befinden.
Doch läßt er sich gerne auch mißverOO
stehen, wo er weiß, daß alle Erklärung OO
ihm doch nicht das Verstehen bringen OO
würde, das er sucht. ‒
Im vollen Bewußtsein seiner geistigen OO
Sonderstellung unter den Menschen sei‐ OO
ner Zeit kann er selbstherrlich sagen: OO
«IHR SEID VON UNTEN, ICHOO
BIN VON OBEN.
IHR SEID AUS DIESER WELT, OO
ICH ABER BIN NICHT AUSOO
DIESER WELT
Aber er wußte auch wie keiner derer, OO
die ihm nahe waren, woher ihm seine OO
hohe Würde kam ‒ wußte um seine jahre‐ OO
37 Die Weisheit des Johannes
lange geistige Schulung, ‒ wußte um OO
das harte Ringen in sich selbst, OO
dem er endlich die Gewißheit dankte, OO
aus der er nun zu sprechen und zu OO
lehren hatte, «anders als die Schrift‐ OO
gelehrten». ‒
Das hohe Mysterium seiner Sendung war OO
nur wenigen bekannt, und selbst die OO
Wenigen erfaßten es nicht, bis auf den OO
Einen, den er «liebte».
Nur dieser Eine wußte auch um seines OO
Meisters geistigen Werdegang und um OO
die tiefste Begründung seines Rech‐ OO
tes, zu lehren.
Als nach des Meisters Tode dann «die OO
Herde sich zerstreute», sammelte dieser OO
Jünger um sich, was seiner Artung war, OO
und gab sein Wissen denen weiter, die OO
in seiner Schulung sich bewährten.
38 Die Weisheit des Johannes
Erst eine spätere Zeit, die längst den OO
äußeren Kult im steten Wachsen sah, OO
der aus vorhandenen alten Riten sich ge‐ OO
staltet hatte und aus dem Bilde des hohen OO
Meisters sich den Kultgott schuf, OO
sprengte den kleinen Kreis der GeistiOO
gen, die von Johannnes einstens aus‐ OO
gegangen waren.
Als «Ketzer» gebrandmarkt, gingen sie OO
in der Verborgenheit unter, und mit ihnen OO
das Bild des Meisters, der nie in OO
seinem Leben sich als «Messias» aus‐ OO
gegeben hatte und es als Schändung sei‐ OO
ner selbst betrachtet hätte, sich auf die OO
gänzlich anders zu verstehenden Pro‐ OO
phetenworte zu beziehen, in denen
Spätere, nach seinem Tode, ihn
«vorherverkündet»
wähnten. ‒
*
39 Die Weisheit des Johannes
DES LEUCHTENDEN
ERDENWEG
H
IER wird mir Auftrag nun und OO
Pflicht, des hohen Meisters OO
Werden aufzuzeigen, der ‒ OO
so verborgen auch sein Dasein der GeOO
schichte blieb ‒ durch jene sagenhaf‐ OO
ten Kunden seines Lebens und den Kult, OO
der alter Götterlehren dunkle Mystik OO
unter seinem Namen neu erblühen ließ, OO
zu einem Zeichen des WiderspruchsOO
wurde bis auf den heutigen Tag.
Ich werde hier berichten, was dem Schau‐ OO
enden sich zeigt, der aus GewißheitOO
künden kann, was äußerem Erfassen OO
längst entzogen ist.
Geboren zu Nazareth in Galiläa ‒ OO
nicht etwa «Nazoräer» nur genannt nach OO
einer mystischen Sekte ‒, wurde er von OO
seinem Vater schon im zartesten Kindes‐ OO
alter samt der Mutter mit nach ÄgyptenOO
43 Die Weisheit des Johannes
genommen, allwo zu jener Zeit gerade das OO
Handwerk des Vaters gut gelohnte Arbeit OO
fand. Aus dem, was so tatsächlich einst OO
geschehen war, wurde später die sagen‐ OO
hafte «Flucht nach Ägypten». ‒ OO
Nach wenigen Jahren dann: zurückge‐ OO
kehrt zu seinem Heimatort, half er, so‐ OO
bald er halbwegs herangewachsen war, OO
seinem Vater bei der Arbeit und lernte OO
so, fast noch im Spiel, die ersten Hand‐ OO
reichungen tun, soweit sie seinen Kräften OO
angepaßt erscheinen mochten.
So wurde er schon in früher Jünglings‐ OO
zeit des Vaters Gehilfe, wurde ein ZimOO
mermann, was in jenen Zeiten heißen OO
wollte, daß er nicht nur bauen lernte, OO
was aus Holz zu bauen ist, sondern auch OO
alles gröbere Haus- und Ackergerät aus OO
Holz zu fertigen wissen mußte. Zum Er‐ OO
werben auch nur der geringsten äußeren OO
44 Die Weisheit des Johannes
Gelehrsamkeit war weder Zeit vorhan‐ OO
den, noch entsprach es Sitte und GeOO
wohnheit, daß ein armer junger Hand‐ OO
werksmann nach derlei Dingen strebe.
Erst als sein geistiger Entwicklungs‐ OO
gang ‒ von dem ich nun zu künden OO
haben werde ‒ längst vollendet war, OO
erlernte er durch Anleitung gelehrter OO
Freunde, die er dann gewonnen hatte, die OO
Kunst des Schreibens in den Zeichen OO
seiner Muttersprache.
Mit seiner geistigen Entfaltung aber OO
ging es also zu:
Vom Vater hatte er nur die Gebete ge‐ OO
hört, die jeder fromme Jude zu beten OO
pflegte.
An jedem Sabbat hörte er die übliche OO
Erklärung des Gesetzes, das von OO
den Alten überkommen war.
45 Die Weisheit des Johannes
Auch hier war ihm, der selbst nicht in OO
den Schriften lesen konnte, nur sehr OO
weniges erschlossen.
Wohl aber ward ihm schon seit früher OO
Jugend, wenn er müde von der Arbeit, OO
aber nicht im Geist ermüdet, wachend OO
noch auf seinem armen Lager ruhte, ge‐ OO
heimnisvolle geistige Belehrung, die er OO
selbst den Eltern streng verborgen hielt, OO
durch die er aber mehr und mehr die OO
Weisheit des Gesetzes zu erkennen OO
glaubte, die ‒ wie er meinte ‒ jene OO
Anderen erkannten, die in den Schriften OO
selbst zu lesen wußten.
Wohl verriet er sich dann und wann, OO
wenn er die Älteren in der Gemeinde, am OO
Sabbat oder an den hohen Festen, über OO
Fragen des Gesetzes reden hörte und aus OO
der inneren Belehrung her die rechte OO
46 Die Weisheit des Johannes
Antwort fand, so daß die spätere Legende, OO
die den Knaben zu Jerusalem im OO
Tempel unter SchriftgelehrtenOO
lehrend zeigt, im Grunde doch auf wirk‐ OO
lichem Geschehen baut, wenn auch die OO
Tempelpriester zu Jerusalem gewiß nicht OO
diese ersten Hörer seiner Weisheit waren. OO
Die erste Begegnung mit einem der OO
«Leuchtenden des Urlichts», de‐ OO
ren hoher Bruder er später werden sollte, OO
da er der Artung nach zu ihrem Kreis OO
gehörte, längst bevor er durch das OO
irdische Auge das Licht der Erdensonne OO
sah, wird ihm in seinen späteren Jüng‐ OO
lingsjahren schon zu Capernaum, wo OO
er zu jener Zeit in wochenlanger Arbeit OO
bei Verwandten seines Vaters lebte und OO
einen Auftrag seines Vaters auszuführen OO
hatte.
47 Die Weisheit des Johannes
Noch wußte er vorerst nicht, wer jener OO
war, der da in abendlicher Feierstunde OO
ihm am See begegnet war, den er dann OO
oftmals wieder an der gleichen Stelle traf OO
und der ihm mehr und mehr das Herz OO
zu öffnen und den Blick ins Innerste des OO
Seins zu hellen wußte.
Bald aber mehrten sich Begegnungen OO
von gleicher Art, so daß es ihm kaum OO
noch absonderlich erschien, von diesen OO
offenbar dem gleichen Kreise Zugehören‐ OO
den so aufschlußreiche Lehre zu emp‐ OO
fangen; nur hielt er alles sehr geheim, da OO
es ihm also aufgetragen worden war. So OO
hatte er mehrere Jahre zugebracht im OO
steten Wachsen seiner inneren Erkennt‐ OO
nis, als einer der Männer, die er nun wie OO
alte Freunde kannte, wenn er auch in OO
Ehrfurcht sich vor ihnen neigte, ihm einst OO
die Eröffnung machte: es sei nun für ihn OO
48 Die Weisheit des Johannes
an der Zeit, eine geregelte SchulungOO
zu beginnen, obwohl er dadurch keines‐ OO
wegs von seiner Hände Arbeit abgehalten OO
werde.
Als Zweck der Schulung wurde ihm be‐ OO
zeichnet, daß er durch sie befähigt wer‐ OO
den solle, nicht nur selbst die Weisheit OO
des Gesetzes bis ins Letzte zu erkennen, OO
sondern daß er Anderen auch alsdann OO
die gleiche Weisheit zeigen könne, damit OO
die Vielen, die nach einer Seelenspeise OO
in den Schriften suchten, nicht nur der OO
Schriftgelehrten dürre Auslegung OO
erhielten, die ähnlich sei, als wenn ein OO
Hungernder nach Brot verlange und OO
man reiche ihm einen Stein.
Von da an stand er nun bewußt unter OO
kontinuierlicher geistiger Leitung derer, OO
zu denen er dem Wesen nach gehörte. OO
Sein Tagwerk konnte ihn nicht hindern, OO
49 Die Weisheit des Johannes
diese Schulung durchzuführen und jede OO
Prüfung zu bestehen, die sie von ihm OO
forderte.
Sobald er zu straucheln begann oder OO
angstvolle Zweifel ihn bedrohten, trat OO
einer seiner Lehrer unvermerkt stets OO
wieder ihm zur Seite, stärkte seinen Glau‐ OO
ben und verscheuchte die Dämonenwelt, OO
die vordem ihn in Schrecken setzen OO
wollte.
In jahrelanger Geistesschulung war er OO
endlich so herangereift, daß ihm die OO
letzten Schuppen von den Augen fielen OO
und er selbst sich nun in seiner hohen OO
Sendung sah.
In klarer Sternennacht, auf einer Felsen‐ OO
höhe nahe seinem Wohnort, erhielt er OO
seine Weihe als ein Meister der LichtOO
erkenntnis, als ein Liebender imOO
50 Die Weisheit des Johannes
Lichte, als ein Leuchtender unterOO
Leuchtenden...
Nun wußte er sich selbst als «Weg», OO
‒ nun wußte er sich selbst als OO
«Wahrheit», ‒ nun wußte er sichOO
selbst als «Leben» aus der Sonne OO
aller Sonnen, aus dem Lichte, das die OO
Ewigkeit erhellt. ‒
Von diesem Tage an begann er nun von OO
dem, was ihm geworden war, auch Ande‐ OO
ren aufs deutlichste mitzuteilen.
Nun sprach er im Bewußtsein seiner OO
inneren Berechtigung und suchte an OO
der Hand der alten Schriften, die ihm OO
geistig jetzt erschlossen waren, den tief‐ OO
sten Sinn der alten Seherworte aufzu‐ OO
zeigen, obwohl er noch sein Handwerk OO
weiter trieb wie ehedem.
Seine Zuhörer aber staunten sehr über OO
51 Die Weisheit des Johannes
seine Rede und wußten sich nicht zu er‐ OO
klären, woher denn ihm, dem Ungelehr‐ OO
ten, solches Wissen komme.
So unerhört erschien den Freunden und OO
den Anverwandten die Verwandlung sei‐ OO
nes Wesens, daß sie ihn, trotz aller Tiefe OO
seiner Worte, «von Sinnen» wähnten OO
und er sich schließlich nicht mehr in der OO
Heimat halten konnte.
So zog er denn von dannen, um sich an OO
anderem Orte, wo man ihn nicht kannte, OO
durch seiner Hände Arbeit zu ernähren OO
und durch sein Wort die Seelen zu er‐ OO
wecken. Aber wohin er auch kam, konnte OO
nicht seines Bleibens sein; denn man hörte OO
ihn Dinge sagen, die nie gesagt worden OO
waren, und die Schriftkundigen waren OO
voll des Neides darüber, daß viele ihm OO
mehr zu glauben schienen als ihnen. OO
Nun irrte er geraume Zeit umher, bis er OO
52 Die Weisheit des Johannes
sich wieder nach Capernaum wandte, OO
das ihm lieb geworden war. Es hatte OO
sich ja dort die erste Begegnung einst OO
ereignet mit einem seiner hohen Brüder, OO
die ihm auch jetzt Verheißung gaben, OO
daß er allda die gesuchte Ruhe finden OO
werde.
Dort in Capernaum sollte ihm nun die OO
Freundschaft eines begüterten Mannes OO
werden, der ihn mit Freuden aufnahm OO
und begeistert seinen Reden lauschte. OO
Im Hause dieses Mannes fand er dann OO
auch andere, gelehrte Freunde, und in OO
diesem Zufluchtsorte lernte er durch sie OO
seiner Sprache Schriftzeichen lesen und OO
schreiben.
Das Ansehen, das er hier bei den OO
Wohlgeachteten genoß, hatte allmählich OO
ringsum seinen Ruf verbreitet.
53 Die Weisheit des Johannes
Da nun in jener Zeit das Volk des Glau‐ OO
bens war, daß ein solcher Weiser auch OO
über geheime Künste verfüge, durch die OO
er alle Krankheit heilen könne, so OO
kam bald dieser und bald jener in des OO
vornehmen Mannes Haus und bat, daß OO
der weise Rabbi ihn heile.
Anfänglich widersetzte sich der Meister OO
solchem Begehren und schickte die Kran‐ OO
ken zu den Ärzten.
Dann aber mehrte sich der Ansturm, und OO
von Erbarmen erfaßt, ging er zu den OO
Kranken hinaus, um sie zu trösten. Aber OO
es geschah, daß viele von denen, die er OO
berührt hatte, schon bald darauf sich OO
geheilt fühlten, so daß der Meister zu‐ OO
erst selbst nicht wußte, was er von sol‐ OO
chen Dingen halten sollte.
Es war ihm aber fernerhin nicht mehr OO
möglich, sich den Bitten der Kranken zu OO
54 Die Weisheit des Johannes
entziehen, die nichts von ihm verlangten, OO
als daß er sie nur berühren möge.
Selbst von weit her wurden Kranke zu OO
ihm gebracht, und der Glaube an seine OO
«Wunderkraft» erstarkte mehr und mehr. OO
Bekannte sich nachher einer als geheilt, OO
so betonte stets der Meister selbst, daß OO
nur sein eigener Glaube ihm geholfen OO
habe.
Auch verbot er jedem strenge, von seiner OO
Heilung weiterzuerzählen, da er dem An‐ OO
drang kaum mehr sich gewachsen fühlte. OO
Im Laufe der Zeit jedoch erkannte er, OO
daß ihm eine Kraft des Heilens inne‐ OO
wohne und daß nicht der Glaube der OO
Geheilten nur allein ihrer Heilung Ur‐ OO
sache war.
Zwar konnte er nicht alle Krankheit OO
heilen; aber der Geheilten Zahl ward OO
trotzdem täglich größer.
55 Die Weisheit des Johannes
Geraume Zeit des Tages brauchte er, um OO
allen die Hände aufzulegen, die er heilen OO
sollte.
Bis spät in die Nacht aber fand er Zu‐ OO
hörer um sich versammelt, die seiner OO
neuen Gesetzesauslegung lauschten, und OO
unter diesen fand er auch die Ersten, die OO
ihm geeignet schienen, seine besonderen OO
Schüler zu werden.
Ihnen allein aber suchte er zu offen‐ OO
baren, woher ihm selbst seine Weis‐ OO
heit geworden war.
Lange schon hatte er erkannt, daß er OO
nun kaum mehr sein Handwerk weiter OO
betreiben könne.
Doch da er wußte, daß er stets das Nötige OO
im Überflusse finden würde, wenn er ‒ OO
getreu dem geistigen Gesetze ‒ es OO
seinem «Vater» überließe, ihn zu näh‐ OO
56 Die Weisheit des Johannes
ren und zu kleiden, so kam keine Sorge OO
in ihm auf, und schließlich bat er OO
seinen Gastwirt, ihn nun ziehen zu las‐ OO
sen, damit er auch an anderen Orten leh‐ OO
ren könne.
Die Gegnerschaft der ersten Tage schien OO
ihm nun längst nicht mehr bedenklich. OO
Die ersten Schüler aber, die zu CaperOO
naum von ihm gefunden worden waren, OO
wollten ihn nicht lassen und folgten ihm. OO
Jeder von ihnen nahm auf seine Weise OO
in sich auf, was der Meister ihnen zu OO
geben hatte.
An manchen Orten, seines Rufes als OO
Heiler wegen, mit seinen Schülern OO
freudig aufgenommen, mußte er OO
doch auch an anderen Orten schroffsteOO
Zurückweisung erfahren, und für OO
die Menschen seines HeimatortesOO
57 Die Weisheit des Johannes
blieb er der anmaßende «Narr», den sie OO
schon zu Anfang in ihm gesehen hatten. OO
Das Volk aber nannte seine Heilungen OO
‒ dort, wo sie erfolgen konnten ‒ OO
«Wunderwerke», und man verstand OO
ihn nicht, wenn er in solchen Fällen stets OO
betonte, daß nur der eigene GlaubeOO
und die ausströmende Kraft aus OO
dem Körper des Heilenden solche OO
«Wunder» wirke.
Den alten Lehren seines Volkes gab er OO
eine Auslegung, durch die sie auch OO
vor höherer Erkenntnis noch bestehen OO
konnten, und nur wo er sterilen Formel‐ OO
kram die Gläubigen bedrücken oder den OO
düsteren Stammesgott der Vorzeit Opfer OO
fordern sah, sprach er das Wort:
«DEN ALTEN WARD GESAGT... OO
ICH ABER SAGE EUCH...!» OO
58 Die Weisheit des Johannes
Nachdem er so fast ein Jahr in GaliläaOO
heilend und lehrend mit wechselndem OO
Erfolg umhergezogen war, glaubte er zu OO
erkennen, daß nur in Jerusalem sei‐ OO
nem Worte der rechte Nachhall werden OO
könne, und durch die Freunde von OO
Capernaum bereits bei deren Freun‐ OO
den in der Heiligen Stadt aufs beste an‐ OO
gekündigt, schloß er sich mit seinen OO
Schülern den Pilgern an, die zum OsterOO
feste nach Jerusalem wallten.
Die vornehmen Freunde nahmen ihn OO
gastlich auf; aber sein erstes Auftreten OO
schon zog ihm den Haß der TempelOO
priester zu.
So verließ er bald die Stadt, kehrte aber OO
nicht nach Galiläa zurück, sondern blieb OO
in ihrer Nähe, um immer wieder kurze OO
Zeit in ihr zu verweilen, mied sie aber OO
doch mehr und mehr, nachdem er immer OO
59 Die Weisheit des Johannes
deutlicher gewahr geworden war, daß OO
seine vornehmen Freunde ihn kaum schüt‐ OO
zen könnten, falls er der PriesterOO
schaft in die Hände fiele, die er gar OO
hart in seinen Reden angegriffen hatte.
Er heilte und lehrte, wo er auch war, OO
so wie ehemals in Galiläa.
Es konnte darum nicht fehlen, daß er OO
stets größerer Kreise Hoffnung wurde, OO
besonders unter den Armen und Entrech‐ OO
teten, die auf die knechtende Priester‐ OO
herrschaft noch weniger gut zu sprechen OO
waren als auf die fremden Unterdrücker. OO
So kam es denn, daß alles Volk immer OO
mehr des Glaubens wurde, daß er der OO
in alten Schriften vermeintlich VerheisOO
sene sei, der aus der Priester- und der OO
Römer Knechtschaft nun die Armen be‐ OO
freien müsse.
60 Die Weisheit des Johannes
Die aus dem immer ruhelosen Haufen OO
der Hauptstadt also dachten, hatten er‐ OO
fahren, daß der Meister kurze Zeit vor OO
dem Osterfeste wieder nach JerusalemOO
kommen werde, und sie bereiteten alles OO
vor, um ihn, sobald er käme, zum OO
nige auszurufen, da sie der PriesterOO
Macht nur durch die römischen Kohorten OO
gesichert sahen, der Römer Gewalt OO
aber aus ihrer Enge her nicht begreifen OO
konnten.
Als der Meister nun kam, zog man ihm OO
vor die Tore mit großem Jubel entgegen OO
‒ Männer, Weiber und Kinder ‒, und OO
ihre Sprecher verlangten von ihm, daß OO
er sie gegen die Bedrücker führe.
Überwältigt von allem, was er sah, ver‐ OO
ließ ihn hier die Sicherheit des inneren OO
Bestimmens, und so wie Moses nach OO
der Sage zweifelte, ob er dem Volke OO
61 Die Weisheit des Johannes
Wasser schaffen könne, so glaubte er OO
vielmehr für kurze Augenblicke, die OO
Macht, die man ihm zuerkennen wollte, OO
könne seiner Sendung StützeOO
werden.
Nur allzubald sah er den Irrtum ein, so OO
daß er kaum die Stadt betreten hatte, als OO
er dem aufgeregten Haufen sich entzog OO
und in dem Hause eines seiner vorneh‐ OO
men Freunde Zuflucht suchte, bis die OO
Menge durch der Römer Wachtsoldaten OO
auseinandergetrieben war.
Allein, die Folgen seines kurzen Schwan‐ OO
kens ließen sich auf geistigem sowie OO
auf irdischem Gebiet nicht mehr ver‐ OO
meiden.
Längst schon den Priestern des Tempels OO
als bitterer Mahner verhaßt und um OO
seines Ansehens bei dem Volke willen OO
62 Die Weisheit des Johannes
gefürchtet, hatte er jetzt selbst die OO
Gelegenheit geschaffen, ihn bei der römi‐ OO
schen Obrigkeit zu verklagen als einen, OO
der sich gegen ihre Herrschaft wende: OO
einen Aufwiegler des Volkes, der OO
des Volkes König werden wolle.
Es war die römische Obrigkeit wahr‐ OO
haftig Tumulte unter diesem Volke ge‐ OO
wohnt und hätte auch den neuesten am OO
liebsten übersehen; allein, bei solcher OO
Art der Klage war es nicht mehr möglich, OO
die Verhaftung des Beschuldigten zu OO
unterlassen.
Der weltkluge römische Prokurator, der OO
deutlich sah, aus welchen Gründen man OO
ihn hier gebrauchte, fühlte in seinem OO
Stolze sich verletzt und suchte der Nöti‐ OO
gung zu einem Urteilsspruche sich zu OO
entziehen.
63 Die Weisheit des Johannes
So schob er die Vernehmung denen zu, OO
die Klage erhoben hatten.
Er ahnte nicht, wie sehr willkommen es OO
jenen war, den Gehaßten nun scheinbar OO
mit besten Gründen auch nach ihremOO
Gesetze zu verurteilen.
Es gab seiner Worte genug, die man frü‐ OO
her nicht zu ahnden wagte und die ihn OO
nun des Todes schuldig erscheinen las‐ OO
sen konnten. Überdies hatte er ja «den OO
Tempel gelästert»: was wollte man OO
noch mehr! Da ihnen aber eines Todes‐ OO
urteils Vollstreckung unter der Rö‐ OO
mer Macht entzogen war, so brauchten OO
sie nur darauf zu beharren, daß er das OO
Volk verführe und sich zum KönigeOO
ausrufen lassen wolle, um die römische OO
Gerichtsbarkeit zu zwingen, den haß‐ OO
geborenen Richterspruch an ihrer Stelle OO
auszuführen.
64 Die Weisheit des Johannes
Die Folge war, daß der Gehaßte starb am OO
römischen Kreuzesgalgen, nachdem ihn OO
römische Söldner aus aller Welt und OO
jüdische Tempelknechte schon fast zu OO
Tode gepeinigt hatten.
Hier aber, als sein Erdenwirken schon OO
beendet schien, vollbrachte erst der Mei‐ OO
ster jene größte Liebestat, durch die OO
er allen, die da Geistiges erschauen, über OO
alle Menschengröße hoch erhaben bleibt OO
für alle Zeiten, als der Größte allerOO
Liebenden, die je die Erde trug ‒ und OO
keiner kann je nach ihm kommen, der OO
ihn an Liebeskraft erreichen würde... OO
In dieser letzten Stunde ist es ihm ge‐ OO
lungen, das Menschentier in sich der OO
Macht des Geistigen zu absoluterOO
Einheit des Empfindens zu ver‐ OO
einen, so daß er die Vernichter seines OO
65 Die Weisheit des Johannes
Erdenlebens noch in der Vernichtung OO
lieben konnte wie sich selbst.
Die unsichtbare Erde, die diesen Erd‐ OO
ball in sich trägt gleichwie das Ei den OO
Dotter, ist seit jener heilighohen Stunde OO
der Macht des «Fürsten dieser Welt» OO
‒ des unsichtbaren, aber nur seinerOO
selbst und nicht im Geiste bewuß‐ OO
ten, vergänglichen Gewaltigen, der OO
in dem liebeleeren Dunkel der MaterieOO
sich selbst erlebt und alles in sein eigeOO
nes Erleben ziehen möchte ‒ für alle OO
Zeit entwunden...
So wie er selbst in dieser Stunde über‐ OO
wunden wurde, kann alle Macht der OO
Finsternis auf dieser Erde nunmehr über‐ OO
wunden werden, durch jene, die um OO
solche Macht des Menschen wissen und OO
«guten Willens» ‒ wollend ausOO
der Liebe ‒ sind.
66 Die Weisheit des Johannes
Wüßte die Menschheit der Erde um OO
ihre Macht ‒ wahrhaftig, sie würde OO
schon seit fast zwei Jahrtausenden der OO
Erde Angesicht verwandelt haben, so daß OO
den Menschen, die in diesen Tagen noch OO
der Erde Not erleiden, ein Erdenzustand OO
dargeboten wäre, der ihnen wie des Him‐ OO
mels Seligkeit erscheinen müßte. ‒
Zwar wird auf dieser Erde nie ein OO
«Garten Eden» sich erschaffen lassen; OO
allein, was hier sich dennoch wandeln OO
läßt, ist so gewaltig, daß späte Enkel OO
sicherlich in gleicher Weise voll Entsetzen OO
stehen, finden sie die Spuren heutigenOO
Geschehens unter Menschen ‒ wie jeden OO
heute Lebenden das Grauen packt, wenn OO
er die Gräber jener Menschtierahnen OO
öffnet, die, wie die Funde zeigen, ihrer OO
Feinde Hirne aus den Schädeln saugten OO
und das Mark aus ihren Knochen fraßen. OO
67 Die Weisheit des Johannes
Erst wenn diese Menschheit erkennen OO
wird, was sie vermag, sobald sie, ausOO
der Liebe wirkend, dieser Erde An‐ OO
gesicht zu wandeln sucht, wird jene
Liebestat auf Golgatha ihr end‐
lich fruchtbar werden. ‒
*
68 Die Weisheit des Johannes
DER AUSKLANG
D
AS GRÖSSTE, was ein Mensch OO
der Erde je vollbringen konnte, OO
ward noch im KreuzestodOO
dereinst auf Golgatha vollbracht: ‒ desOO
Erdenmenschen Schicksal wardOO
gelöst aus kosmischer VerhafOO
tung! ‒
Es ist nun weiter zu berichten, was nachOO
des Meisters Erdentod sich noch ereig‐ OO
nete, da hier die Wahrheit durch das OO
Werk der frommen Phantasie schon OO
in den allerersten Zeiten ÜbertünOO
chung leiden mußte, durch die das OO
wirkliche Geschehen aller späteren OO
Zeit verborgen bleiben sollte. ‒
Wohl trägt die fromme Mär in sich der OO
Wahrheit Kern, und wer ihn unter OO
seiner Hülle fassen kann, wird nicht be‐ OO
trogen sein.
71 Die Weisheit des Johannes
Wohl ist der Leuchtende aus seinem OO
Erdengrabe «auferstanden»; allein, OO
die irdische Erscheinung konnte OO
ihm in seiner «Auferstehung» nicht OO
mehr Träger seines Wesens sein.
Wohl ist der Leuchtende auch heuteOO
noch bei dieser Erde und seinen Brüdern, OO
die in irdischer Erscheinung wirken, sicht‐ OO
bar in der geistigen Gestaltungsform, OO
die seiner erdenhaften Daseinsform, in der OO
ihn seine Jünger kannten, voll entspricht. OO
‒ Allein, dies alles kann gewiß nicht hin‐ OO
dern, daß dem irdischen GeschehenOO
nach des Meisters Tode für die Nachwelt OO
noch Bedeutung innewohne.
So sei denn dargestellt, was sich dem OO
Schauen zeigt, da doch der Kern des OO
frommen Glaubens, der die Menschen OO
durch Jahrhunderte hindurch beglückte, OO
in diesen Tagen kaum der Hülle mehr OO
72 Die Weisheit des Johannes
bedarf, ja durch die Hülle in Gefahr OO
gerät, von denen nicht erkannt zu OO
werden, die ihn suchen. ‒
Es folge hier nun der Bericht:
Die vornehmen Freunde des Meisters OO
hatten sogleich nach seinem Tode alles OO
aufgeboten, um seinen LeichnamOO
durch den römischen Prokurator zu er‐ OO
halten, da vorher alles vergeblich gewesen OO
war, was sie unternommen hatten, um OO
den Todesgang ihm zu ersparen.
Der Prokurator aber ‒ des Meisters OO
Freunden ohnehin wohlgesinnt und voll OO
Verachtung gegenüber der Tempelprie‐ OO
sterschaft, die ihn zu zwingen wußte, OO
einen Mann zu richten, der ihm nie und OO
nimmer eine Staatsgefahr zu bilden schien OO
‒ gewährte nur zu gerne nun den Freun‐ OO
den ihren Toten, nachdem er vorher OO
73 Die Weisheit des Johannes
trotz dem besten Willen nicht imstande OO
war, den Lebenden ihnen zu retten. OO
Als aber die Tempelpriester davon hör‐ OO
ten und mit Sicherheit wußten, daß ihnen OO
kein Gehör beim Prokurator würde, OO
bestürmten sie den Obersten derOO
Stadtwache und erreichten, daß er OO
ihnen Wächter stellte, die das Grab be‐ OO
wachen sollten; denn sie fürchteten sehr, OO
daß des Toten Anhang sonst beiOO
dem Grabe weheklage und seineOO
Wut sodann gegen die PriesterOO
richte. So erhielt das Grab nun eine OO
römische Wache, die den Auftrag hatte, OO
jede Ansammlung dort zu verhüten.
Es lebten aber zu der Zeit die hohen OO
Brüder des Meisters ‒ die ihn einst OO
geschult und als der Ihren einen vollOO
endet hatten zu seinem PriesterOO
74 Die Weisheit des Johannes
königtum ‒ verborgen noch an nahen OO
Orten im judäischen Gebirge, und wäh‐ OO
rend seines Wirkens war der hohe Meister OO
ihnen oftmals in der Einsamkeit begegnet, OO
hatte oft sie an den Stätten ihrer Ab‐ OO
geschiedenheit besucht.
Sie wußten, was ihm widerfahren war, OO
und hatten ihn nicht retten können; denn OO
seine geistige Schuld: daß er ‒ wenn OO
auch für Augenblicke nur ‒ die äußer‐ OO
liche Macht auf Erden sich zur Seite OO
stellen wollte, hatte sein Geschick ent‐ OO
wunden jener hohen Geistesleitung, der OO
sie unterstanden und die auch ihn einst OO
führte, bevor er sich bei jenem Einzug OO
in Jerusalem für kurze Zeit betören ließ OO
durch das bestürmende Begehren derer, OO
die in ihm den Retter aus der äußeren OO
Bedrängnis sahen.
Die Wandlung der Gesetze in der unOO
75 Die Weisheit des Johannes
sichtbaren Erde, die er dann selbstOO
durch seine Liebestat auf Golgatha vollOO
brachte, hätte sein Endesschicksal ihm OO
erspart, wenn vor ihm ein AndererOO
ihr Vollbringer gewesen wäre.
Da aber diese Wandlung erst in seiner OO
letzten Stunde sich durch ihn vollbrin‐ OO
gen ließ, so mußten seine hohen Brüder, OO
schmerzerfüllt und doch im Innern ju‐ OO
belnd seines Siegs gewärtig, ihn den Lei‐ OO
densweg betreten lassen. ‒ ‒
Sie wußten nun um sein Grab, und OO
ihnen war er lebend nahe in seiner OO
geistigen Gestaltung.
So taten sie, was zu tun war, völlig mitOO
seinem Einverständnis und nachOO
seinem Willen, damit kein törichter OO
Kult um seinen Erdenleichnam sich OO
bilde.
76 Die Weisheit des Johannes
Es war einer unter ihnen, der die Kunst OO
verstand, bei bloßer Wechselrede Men‐ OO
schen in magischen Schlaf zu bannen.
Dieser ging voran zu des Grabes Wäch‐ OO
tern, und da er wie ein Großer der OO
Römer gekleidet war, so gaben die Wäch‐ OO
ter ehrfurchtsvoll Antwort seinen Fragen, OO
bis ihre Zungen nur noch lallen konnten OO
und sie zuletzt in tiefen Traumschlaf OO
niedersanken.
Nun war die Zeit gekommen, die anderen OO
Brüder, die in der Nähe harrten, herbei‐ OO
zurufen.
Mit einiger Mühe öffnete man das Grab OO
und nahm den Leichnam sorglichst her‐ OO
aus. Dann legte man ihn, umbunden mit OO
seinen Leichenbinden, auf zwei lange OO
Tücher, die man mitgebracht hatte, so daß OO
er gleichsam auf dem einen saß, indes OO
das andere den Oberkörper hielt.
77 Die Weisheit des Johannes
In monderhellter Nacht trug man sogleich OO
die geliebte schwere Bürde mit vieler OO
Mühe weit hinauf in das Gebirge, bis OO
zu einer Felsenschlucht, die man schon OO
vorher ausersehen hatte ‒ allwo ein OO
Scheiterhaufen tags zuvor bereitet OO
worden war und zwei der hohen Brüder OO
harrten.
Es waren aber diese Brüder vornehme OO
Männer aus fremdem Stamme ‒ einst OO
weit her vom Osten gekommen ‒, und OO
nach ihres Stammes Weise wurde der OO
teure Leichnam nun hier verbrannt, OO
wo man gesichert war vor jeglicher Stö‐ OO
rung. Das Licht des Mondes dämpfte zu‐ OO
dem jeden Feuerschein, und weit und OO
breit war dazumal in jener Wüstenei kein OO
Mensch gesiedelt, so daß man auch ein OO
Feuer nicht beachtet hätte, wäre nicht die OO
Schlucht schon Schutz genug gewesen, es OO
78 Die Weisheit des Johannes
vor Entdeckung in der Weite ringsherum OO
zu hüten.
Als dann im lichten Frührot die Glut OO
erlosch, sammelten sorglich die hohen OO
Brüder jeden Überrest, der noch ver‐ OO
blieben war, und trugen ihn, in Tücher OO
eingehüllt, auf langer Wanderung dem OO
Jordan zu, um dort das Letzte, das noch OO
von des Meisters irdischer Erscheinung OO
stammte, in dieses Flusses Fluten zu ver‐ OO
senken, so wie es in ihrem Stamme Brauch OO
und Sitte war.
Sie blieben darauf, zurückgekehrt, noch OO
geraume Zeit an ihren verborgenen Orten OO
im Gebirge und suchten von dort aus OO
dann und wann die Schüler des Meisters OO
auf, die nach seinem Scheiden aus der OO
Sichtbarkeit noch in seiner geistigenOO
Gemeinschaft blieben.
79 Die Weisheit des Johannes
Zwölf Monde später aber verließen sie OO
dauernd die Gegenden Palästinas, wan‐ OO
derten gen Osten: ihrer Heimat zu ‒ OO
nahe dem höchsten Gebirge der Welt... OO
Sie waren wirklich jene «Könige» aus OO
Morgenland ‒ die PriesterkönigeOO
und königlichen Priester ‒, die OO
einst den «Stern» des jungen Zimmer‐ OO
manns aus Galiläa «fern im Morgenland OO
gesehen» hatten und gekommen waren, OO
ihn zu schulen, bis er seine Sendung OO
selbst erfassen konnte, auch wenn sie OO
nicht, wie jene spätere Sage will, schon OO
zu des Kindes Wiege knieten, um ihm OO
ihre Gaben darzubringen. ‒
Die Sage formte nur auf ihre Art, was OO
einst die Wenigen, die in des Meisters OO
nächster Nähe waren, durch ihn selbst OO
erfahren hatten und später denen, die bei OO
80 Die Weisheit des Johannes
ihnen Lehre suchten, in tief geheimer OO
Rede anvertrauten.
Sie formte es wohl altem, fernem VorOO
bild gleich, und dennoch wahrte sie der OO
Wahrheit Züge; denn wenn auch sieOO
ben dieser hohen Brüder einst zu jener OO
Zeit das öffentliche Wirken ihres neuen OO
Bruders aus der Nähe sahen, so waren OO
doch nur drei von ihnen seine eigent‐ OO
lichen Lehrer ‒ und drei der Leuch‐ OO
tenden sind jeweils nötig, soll ein neuerOO
Ring der goldenen Kette einOO
geschmiedet werden, die von den OO
ersten Tagen dieser Menschheit an sich OO
stets erneuern muß in jedem Menschen‐ OO
alter. ‒
Der Schreiber jener alten Kunde, die OO
man das «Evangelium Johannis» OO
nennt, wußte von allen diesen Dingen OO
81 Die Weisheit des Johannes
und redete zu Menschen, die aus ge‐ OO
heimer Lehre vieles davon kannten.
Das Wissen um des Meisters hohe LehreOO
setzt seine Sendschrift schon voraus, OO
und wenn die Lehre auch den WissenOO
den aus manchem Wort entgegenleuch‐ OO
tet, so war sie doch den AußenstehenOO
den noch immer dicht genug verhüllt. OO
Verhüllung aber forderte das geistige OO
Gesetz zu jener Zeit.
Doch auch in des Geistes Wirken gibt OO
es der Ebbe Zeiten und Zeiten der Flut: OO
‒ Zeiten der Verhüllung und der OO
Offenbarung.
So ist es denn heute möglich, da zu OO
reden, wo man vordem schweigenOO
mußte.
Doch ist auch heute keine Gefahr, daß OO
etwa Unberufene dem stillen Tem‐ OO
82 Die Weisheit des Johannes
pel göttlicher Verborgenheit sich nahen OO
könnten.
Die den Weg zu finden wissen, der zu OO
diesem Tempel führt, werden stets nur OO
die Erwählten sein, die aus reinsterOO
Herzensinbrunst suchen, bis ihnen OO
die ersehnte Führung wird im eigeOO
nen «Ich».
Geheimnisvoll Verborgenes wird ihnen OO
sich enthüllen; doch was auch immer OO
noch im Laufe der Jahrtausende sich OO
dieser Menschheit offenbaren mag, OO
wird stets weit tieferes Geheimnis in OO
der Ferne zeigen, und niemals wird die OO
Gottheit sich dem Erdenmenschen als OO
Gegenstand begrifflichen ErfasOO
sens überlassen. ‒
Nur Bild und Gleichnis dürfen von OO
der letzten Wahrheit Kunde bringen!
Wer aber solche Wahrheit nicht mehr OO
83 Die Weisheit des Johannes
außen sucht; wer da erkannt hat, daß OO
sie nur im Innersten des InnernOO
Menschen faßbar werden kann «vonOO
Angesicht zu Angesicht», dem OO
zeigen Bild und Gleichnis Weg und OO
Weise, in das Innerste des Innern zu OO
gelangen.
Dort kann ihm, ist er ein Berufener, OO
noch vieles sich eröffnen, was ich hier, OO
und so vor jedem Menschenohr, verOO
schweigen muß: ‒ sei es, daß Men‐ OO
schenwort die Weite dessen nicht um‐ OO
spannt, was hier zu sagen wäre, sei es, daß OO
solches Wissen keinem nützen würde, der OO
es nicht aus dem Innersten erlangt, OO
wo es allein für ihn erfaßbar werden OO
kann. ‒
Was ich zu sagen habe, ist mir selbst OO
genau umrissen.
84 Die Weisheit des Johannes
Ich kann nur darzustellen suchen, was OO
mir darzustellen aufgetragen ist, da‐ OO
mit das Licht erneut die Finsternis OO
durchdringe.
Es sind in diesen Tagen allerorten viele, OO
die nach Licht verlangen ‒ weit mehrOO
als je zu einer früheren Zeit ‒, OO
und heute ist geschriebenes Wort, das OO
sie allein mit Sicherheit erreichen kann, OO
längst nicht mehr in Gefahr, durch AbOO
schrift umgeformt und so gefälschtOO
zu werden.
Wohl ihnen allen, wenn mein Wort zu OO
ihren Herzen findet und sie der FinOO
sternis entreißt, damit sie auf den OO
Weg gelangen, den höchste Liebe
schuf, und so zur Auferstehung
in sich selbst! ‒
*
85 Die Weisheit des Johannes
DIE SENDSCHRIFT
D
ER ALTEN Sendschrift ersteOO
Formung wiederherzustellen, OO
ist auch dem Schauenden un‐ OO
möglich, dem sich dagegen der ursprüng‐ OO
liche Inhalt zeigt in geistigem Erschauen OO
seiner urgegebenen Bedeutung und OO
keineswegs etwa in Worten jener alten OO
Sprache, in denen ihn die UrschriftOO
dargeboten hatte. ‒ Geistiges Erschauen, OO
das nur bei wachen, ‒ ja fast überwachen OO
Sinnen erreichbar ist, erfordert von dem OO
Schauenden, der noch an die Gesetze OO
dieser Erde durch die irdische Erschei‐ OO
nungsform gebunden ist, so unerhörte OO
Kräfte, um die Einstellung auf das OO
Erschaubare auch festzuhalten, daß über‐ OO
dies hier auch der Wert des Resultats in OO
keinerlei Verhältnis stehen würde zu dem OO
Aufwand, den die Erreichung dieses Re‐ OO
sultats verlangte, wenn man der ganzen OO
89 Die Weisheit des Johannes
Urschrift ursprünglichen Sinn in lük‐ OO
kenloser Folge wiedergeben wollte. Die OO
Wenigen allein, die solches Schauen aus OO
Erfahrung kennen ‒ und nur den OO
noch im Erdenkleide hier auf dieser Erde OO
Wirkenden der «Leuchtenden desOO
Urlichts» ist ein solches Schauen mög‐ OO
lich ‒, wissen um die Kraftausgabe lan‐ OO
ger Jahre, die da Vorbedingung ist, um OO
in des eigenen Erlebens Helle zu er‐ OO
blicken, was ein Menschengeist der Vor‐ OO
zeit in sich trug, als er sein Werk zu for‐ OO
men suchte.
Was so erschaut wird im ErlebenOO
‒ nicht etwa von außen her ‒, muß OO
dann erst neue Formung finden in den OO
Worten dessen, der es schaut, um so in OO
seiner eigenen Redeweise des erstenOO
Formers wahre Meinung aufzuzeigen, OO
90 Die Weisheit des Johannes
in einer Wortform, die den Menschen OO
seiner Tage sich erschließen kann, selbst OO
wenn er dabei keineswegs darauf ver‐ OO
zichtet, sich auch der Worte zu bedienen, OO
die er in den Textfragmenten noch er‐ OO
halten sieht in ursprünglicher Ge‐ OO
staltung.
Es würden jene, die «das Wort der OO
Schrift» für «göttlich» halten, nur OO
frevelhafte «Schriftverfälschung» OO
wittern, und jene anderen, die ohnedies OO
aus eigener Erforschung wissen, wie es OO
in Wahrheit um die «GöttlichOO
keit» des alten, arg entstellten Textes OO
steht, würden gleichwohl eine neue OO
Wiedergabe, die sich, ohne äußeren «Be‐ OO
weis» für ihre Findungen, als Resultat OO
des geistigen Schauens zu beken‐ OO
nen hätte, bestenfalls als Träumerei be‐ OO
werten. ‒
91 Die Weisheit des Johannes
Ich werde dennoch ‒ wenn auch nur im OO
Bruchstück ‒ manches aus dem alten OO
Texte hier in diesem Buche wiedergeben OO
müssen und werde es hier wiedergeben, OO
so wie es sich dem Schauenden dem OO
Sinne nach enthüllt. Es sei mir aber OO
ferne, frommen Glauben anzutasten, OO
der den arglos Gläubigen beglückt und OO
ihn ‒ ist er es wert ‒ auch in der wun‐ OO
derlichsten Form zur Wahrheit füh‐ OO
ren kann.
Gleich ferne liegt mir die törichte Ab‐ OO
sicht, was ich in diesem Buche bringe, OO
der gelehrten Forschung zu emp‐ OO
fehlen, obwohl ich in mir selber gute OO
Gründe finde, um hier auszusprechen, OO
daß sicherlich noch manche alte Hand‐ OO
schrift ihres Finders harren dürfte, aus OO
der sich meiner Wiedergaben Richtigkeit OO
dereinst erweisen lassen wird...
92 Die Weisheit des Johannes
Hier sei zuerst nun aufgezeigt, wie jene OO
Glaubenseiferer des neuen Kultes, denen OO
einst die alte Sendschrift in die OO
Hände fiel, mit ihrem Texte skrupellos zu OO
schalten wußten.
Der unbekannte Verfasser dieser Send‐ OO
schrift hatte einst ‒ dem Sinne nach OO
‒ geschrieben:
«IM ANFANG IST DAS WORT, UND OO
DAS WORT IST IN GOTT, UND GOTT OO
IST DAS WORT.
ALLES HAT DASEIN NUR IN IHM, OO
UND AUSSER IHM IST NICHTSOO
IM DASEIN: AUCH DAS GERINGSTE OO
NICHT. IN IHM HAT ALLES LEBEN, OO
UND SEIN LEBEN IST DER MEN‐ OO
SCHEN LICHT.
DAS LICHT LEUCHTET IN DER OO
FINSTERNIS, UND DIE FINSTERNIS OO
KANN ES NICHT AUSLÖSCHEN. OO
93 Die Weisheit des Johannes
ES IST IN DER WELT, UND DIE WELT OO
IST AUS IHM GEWORDEN; ABER OO
DIE WELT ERKENNT ES NICHT. OO
ES IST IN SEINEM EIGENEN; ABER OO
DIE IHM EIGEN SIND, NEHMENOO
ES NICHT AUF.
ALLEN ABER, DIE ES AUFNEHOO
MEN, GIBT ES MACHT, GOTTOO
GEZEUGTE ZU WERDEN: DIE OO
NICHT GEZEUGT WERDEN AUS OO
DEM BLUTE, NICHT AUS DES OO
WEIBES WILLEN, NICHT AUS OO
DES MANNES WILLEN, SONDERN OO
AUS GOTT GEZEUGT, AUS DER OO
FÜLLE DER GNADE UND WAHROO
HEITOO
Hier war einst der Zusammenhang durch OO
nichts anderes unterbrochen, und es OO
war lediglich Absicht des Verfassers, OO
durch diese Worte, die sich im engsten OO
94 Die Weisheit des Johannes
Anschluß an die damals verbreitete Lehre OO
vom «Logos» hielten, den Getreuen, an OO
die seine Sendschrift gerichtet war, einen OO
deutlichen Hinweis zu geben, in welchem OO
Sinne er das nun Folgende aufgefaßt OO
wissen wollte.
Und dann erst begann er die Erzählung OO
von dem Täufer, die er bereits in den OO
alten Schriften vorgefunden hatte, auf OO
seine Weise zu verwerten, da er nicht nur OO
zu den Jüngern des Täufers, die OO
zu jener Zeit noch zu finden waren, sich OO
im Gegensatze wußte, sondern auch OO
den Seinen zeigen wollte, daß weder die OO
strenge Askese, die der Täufer als ein OO
Abgesandter einer mystischen Sekte einst OO
gepredigt hatte, das Heil gewähre, noch OO
die Wassertaufe des neuen Kultes, OO
der sich nach dem hohen MeisterOO
nannte. Daneben aber wollte er dem IrrOO
95 Die Weisheit des Johannes
tum wehren, als sei der hohe Meister ‒ OO
wie es ältere Sage wollte ‒ erst des Täu‐ OO
fers Schüler gewesen, bevor er selbst OO
zu lehren begann.
Darum läßt er des Täufers Jünger die‐ OO
sen verlassen, als er selbst bekennen muß, OO
daß er zwar mit Wasser taufe, jener OO
Jehoschuah aber mit Geist zu taufen OO
wisse.
Dies nun sagten ‒ dem Sinne nach OO
‒ die ursprünglichen Worte:
«ES WAR EIN MENSCH, DER NANNTE OO
SICH JEHOCHANAN.
UND DIES IST ZU BETHANIA GE‐ OO
SCHEHEN, JENSEITS DES JORDANS, OO
WO JEHOCHANAN TAUFTE.
JEHOCHANAN SPRACH:
ICH TAUFE MIT WASSER; ABER OO
ES IST EINER IN EURER MITTE UND OO
96 Die Weisheit des Johannes
IHR KENNT IHN NICHT: DER WIRD OO
TAUFEN MIT GEIST!
NICHT WERT FÜHLE ICH MICH, IHM OO
AUCH NUR DIE RIEMEN SEINER OO
SANDALEN ZU LÖSEN.
EINES ANDERN TAGES ABER STAND OO
JEHOCHANAN DA MIT ZWEIEN SEI‐ OO
NER JÜNGER.
UND ALS ER DEN JEHOSCHUAHOO
VORÜBERGEHEN SAH, SPRACH ER; OO
DIESER IST ES!
ICH KANNTE IHN SELBST NICHT; OO
ABER DER MICH BEAUFTRAGT HAT, OO
MIT WASSER ZU TAUFEN, SPRACH OO
ZU MIR:
WENN DU EINEN SEHEN WIRST, ZU OO
DEM EIN GEIST HERABKOMMT OO
UND ER BLEIBET IN IHM: DER IST OO
ES, DER MIT GEIST ZU TAUFEN OO
KOMMEN WIRD.
97 Die Weisheit des Johannes
UND JEHOCHANAN BEZEUGTE UND OO
SPRACH:
ICH SAH EINEN GEIST AUF IHN OO
SICH NIEDERSENKEN, WIE SICH OO
EINE TAUBE NIEDERLÄSST, UND OO
DER GEIST BLIEB IN IHM.
UND DIE ZWEI JÜNGER HÖRTEN OO
IHN DAS SAGEN UND FOLGTEN DEM OO
JEHOSCHUAH.»
Läge die Urschrift heute einem Über‐ OO
setzer vor, so könnte er vielleicht die OO
Form der Sätze anders wiedergeben, OO
vermöchte aber keinesfalls zu anderer OO
Bedeutung zu gelangen.
Es war dem Verfasser der alten Send‐ OO
schrift keineswegs daran gelegen, daß OO
sich die Form, in der er die Erzählung OO
gab, mit den Berichten deckte, die aus OO
98 Die Weisheit des Johannes
ihr sich die Bestätigung zu schaffen such‐ OO
ten, daß der Täufer in dem Meister den OO
«Messias» erkannt und bekundet habe. OO
Es fehlt hier auch vieles, das man an OO
gleicher Stelle in der heute überlieferten OO
Textgestaltung findet.
Was hier aber fehlt, ist in dem über‐ OO
lieferten Texte Zutat der gleichenOO
Gehirne, die den Urtext so zu ändern OO
wußten, daß des Täufers schon Erwäh‐ OO
nung geschieht in den Worten, die der OO
ganzen Sendschrift Auftakt bilden.
In mannigfacher Abwandlung suchten sie OO
den Urtext den ihnen heiligen früheren OO
Berichten anzugleichen.
Was in der ersten Zeit des neuen Kultes OO
«Abschrift» hieß, war nichts als ParaOO
phrase, und jeder Schreiber, der aufs OO
neue Abschrift nahm, hielt es für durch‐ OO
aus gut und richtig, den Text so zu ver‐ OO
99 Die Weisheit des Johannes
ändern, daß er seiner eigenen GlauOO
bensmeinung Stütze wurde.
Auf solche Weise ist der Text der ganzen OO
Sendschrift oftmals umgestaltet worden, OO
bevor der Text entstand, der aller über‐ OO
lieferten Gestaltung nun zugrunde liegt.
Man kann bedauern, daß die Urschrift OO
nicht erhalten ist; allein, man darf OO
nicht ‒ durch seine Wünsche bestimmt OO
‒ das heute Überlieferte nach Möglich‐ OO
keit zu retten suchen, sondern muß sich OO
klar darüber werden, daß weit mehrOO
davon Veränderung und Zutat ist, OO
als das Erhaltene ausmacht, was noch OO
originale Züge trägt. ‒ ‒
Nur wer die Lehre in sich aufgenommen OO
haben wird, die einst der hohe MeisterOO
den Getreuen gab und die noch in dem OO
kleinen Kreis lebendig war, an den der OO
Urschrifttext dereinst erging, der wird mit OO
100 Die Weisheit des Johannes
aller Sicherheit erfühlen, was noch UrOO
schriftprägung trägt und was da OO
fromme Fälschung ist.
Solange sich nicht wohlverwahrte alte OO
Texte finden lassen, die der Urschrift OO
immerhin noch näher stehen als das OO
heute Überlieferte, wird dies der
einzige Weg sein, hier zur
Klarheit zu gelangen.
*
101 Die Weisheit des Johannes
DIE REINE LEHRE
D
ES hohen Meisters reine Lehre, OO
die er allein nur den GeOO
treuen gab, reicht wahrlich OO
weiter als die Lehren ethischer Natur, OO
die er vor allem Volke sprach, und OO
als jene, die man später aus der «Heid‐ OO
nischen» Weisen Schriften nahm, um sie OO
in des hohen Meisters Mund zu legen. ‒ OO
Es war diese reine Lehre nicht seines OO
Denkens Frucht, und nicht in frommer OO
Verzückung der Ekstase hatte er sie OO
erlangt.
Was er zu geben hatte an die wenigen OO
Getreuen, die «das Geheimnis desOO
Reiches Gottes» erfassen sollten, OO
stammte aus dem Weisheitsgut der gei‐ OO
stigen Gemeinschaft, der er zugehörte. OO
Uraltes, heiliges Wissen: ‒ jedem OO
derer, die es hier in diesem Erdenleben, OO
105 Die Weisheit des Johannes
als der geistigen Gemeinschaft Glieder, OO
in sich selbst erlangen, nur in wacheOO
stem Erleben faßbar ‒ formte er auf OO
seine Weise und in seiner Sprache, so OO
wie da jeder der «durch SelbstverOO
wandlung Wissenden» stets nur die OO
gleiche Wahrheit künden kann, in Bil‐ OO
dern und in einer Sprache, die ihm selbst OO
zu eigen wurden, auch wenn in solcher OO
Sprache und in solchen Bildern manches OO
wiederkehren mag, das alter Prägung ist. OO
So wußte er die Schüler, die ihm folgen OO
konnten, einzuführen in das Innerste des OO
Seins und ihnen eine Vorstellung von OO
Gott zu übermitteln, die sehr wesentlich OO
sich von der öffentlichen Priesterlehre OO
unterschied.
Er sprach zu Menschen, die aus keiner OO
hohen Schule kamen und denen es ge‐ OO
106 Die Weisheit des Johannes
nügte, wenn er ihnen von dem Urlicht, OO
das sich selbst als Urwort spricht, zu OO
sagen wußte:
«GOTT IST GEIST, UND DIE IHN OO
ANBETEN: IM GEISTE MÜSSEN SIE OO
DIE WAHRHEIT ANBETEN.»
Was er den Getreuen aber unermüdlich OO
zu zeigen sich mühte, war der Weg, um OO
in das Reich des Geistes zu geOO
langen, in dem «viele Wohnstätten» OO
sind ‒ vielerlei Möglichkeiten des Er‐ OO
lebens ‒ je nach der Höhe der An‐ OO
schauungsweise, zu der sich des Menschen OO
Geistiges, ist es einmal erweckt, zu er‐ OO
heben vermag.
Nicht immer ist es im gleichen Sinne zu OO
verstehen, wenn der Meister vom «Reiche OO
Gottes» spricht!
Wohl sagt er, daß das Reich der Him‐ OO
107 Die Weisheit des Johannes
mel im Menschen sei; allein, er weiß OO
auch zu sagen, daß keiner das Reich OO
Gottes «sehen» könne, der nicht «vonOO
neuem geboren» werde. Hier wird OO
Verwirrung nur vermieden, wenn man OO
weiß, daß einmal nur von der Art des OO
Menschengeistes gesprochen wird, der OO
latent die Erlebnismöglichkeit in OO
sich enthält, durch die ihm das Reich des OO
Geistes Gewißheit werden kann, doch OO
ohne die Fähigkeit, sich in den höchsten OO
Regionen geistiger Welten bewußt wieOO
hier im Erdenleben und noch wähOO
rend dieses Erdenlebens zu empfinden OO
‒ und ein andermal von dem höchOO
sten Ziele des Menschengeistes: daß er OO
nach diesem Erdenleben und vielleicht OO
erst nach einer langen Vorbereitung in OO
der geistigen Welt eine neue LebensOO
form erlange, in der er erst sich selbst OO
108 Die Weisheit des Johannes
im Innersten des geistigen Reiches beOO
wußt und wirkend erleben kann. ‒ OO
Es sind hier verschiedene aufein‐ OO
anderfolgende Zustände im Auge zu OO
behalten.
Der erste ist die Erweckung des Men‐ OO
schengeistes aus seinem Schlafe im Men‐ OO
schentiere, wodurch er, aus der Nacht der OO
Nichterkenntnis erwachend, ahnendOO
erfühlt, daß er nicht von dieserOO
Erde ist: daß er aus einem Lebensreiche OO
stammt, in dem das Leben anderer Ge‐ OO
setze Formung ist als hier in dieser irOO
dischen Erscheinungswelt. ‒ Hieraus OO
ergibt sich als zweites dann das Entgegen‐ OO
streben, dem Urlicht zu, aus dem OO
durch des Geistes hierarchisch geordnetes OO
Leben stufenweise weitergeleitet, letzten OO
109 Die Weisheit des Johannes
Ursprungs das Leben des Menschengeistes OO
in ewigem Sein sich findet.
Diesem Entgegenstreben aber kann noch OO
während dieses Erdendaseins ErfülOO
lung werden, indem ein «GeistesOO
funke», ein Strahl aus dem UrlichtOO
‒ durch alle hierarchischen Stufen gei‐ OO
stigen Lebens herabgeleitet ‒, im Men‐ OO
schengeiste und aus dieses Menschen‐ OO
geistes Kräften einen geistigen OrgaOO
nismus schafft, durch den sich der OO
Menschengeist vereinigt findet mit OO
diesem göttlichen «Geistesfunken» oder OO
«Strahl» des Urlichts, den er erkennt OO
als seinen «lebendigen Gott».
Nun ist ihm sicherste Gewißheit ge‐ OO
worden, was vorher nur ahnendes ErOO
fühlen war: ‒ er ist sich seines LebensOO
im Geiste und aus dem Geiste beOO
wußt!
110 Die Weisheit des Johannes
Noch aber ist er keineswegs fähig, OO
auch jenes hohe Geistesreich bewußtOO
und handelnd betreten zu können, OO
aus dem er einst sich selbst durch seine OO
Willensneigung löste in jenem «Fall» OO
aus hohem Leuchten, der ihn an diese OO
irdische Erscheinungswelt verhaftet OO
hat. ‒
Hierzu ist anderes vonnöten; und wenn OO
er auch der Erde irdische Gestaltung OO
einstens nicht mehr trägt und sich in OO
Geistesform nach seines Körpers Erden‐ OO
tod bewußt und lebend findet in den OO
niederen Regionen geistigen Lebens, so OO
bleibt ihm dennoch jenes höchste, OO
innerste der geistigen Erscheinungs‐ OO
reiche ‒ «das Reich Gottes» im höchOO
sten Sinne ‒ so lange verschlossen, bis OO
er in ihm «aufs neue geboren» wird: OO
aus geistigem Samen neu gezeugt ‒ OO
111 Die Weisheit des Johannes
aus den Urwassern des Lebens im OO
Geiste.
«Geburt» in irdische Erscheinungs‐ OO
welt ist die Frucht der Weiterzeugung OO
tierischen Lebens und ermöglicht OO
allein Bewußtsein und Handeln in die‐ OO
ser irdischen Erscheinungswelt.
Wer nicht in sie geboren wird, kann OO
anders nicht in sie hineingelangen: ‒ sie OO
ist ihm nicht erschlossen, auch wenn er OO
um sie wüßte.
So auch kann in keine der geistigenOO
Erscheinungswelten ‒ und alles, was im OO
Reiche des Geistes lebt, ist sich nur er‐ OO
faßbar als geistige ErscheinungOO
ein Menschengeist hineingelangen, er sei OO
denn hineingeboren.
Ursprünglich ist nun der Menschengeist OO
in jenes innerste «Reich Gottes», aus OO
112 Die Weisheit des Johannes
Gott gezeugt, von Ewigkeit her «geboren», OO
ließ aber den geistigen, gottgeboreOO
nen Organismus ‒ in diesem Bilde ge‐ OO
sprochen ‒ im innersten Reiche des OO
Geistes zurück, allwo er wieder der Kraft OO
der Gottheit sich verschmolz, so daß eine OO
individuelle «Wiedergeburt» erfol‐ OO
gen muß, soll sich der Menschengeist in OO
jenem «Reiche Gottes» einst beOO
wußt und handelnd finden können. OO
Vorher ist der Menschengeist, auch bei OO
höchster Entfaltung durch das Erden‐ OO
leben, nur seiner selbst und seines OO
lebendigen Gottes bewußt und fin‐ OO
det sich nach dem «Tode» des Erden‐ OO
körpers nur in jenen niederen geisti‐ OO
gen Welten, deren Organismus ihm OO
keimhaft erhalten blieb, auch nachOO
seinem Falle in tierische Erscheinungs‐ OO
welt ‒ als einzige geistige Daseinsform, OO
113 Die Weisheit des Johannes
die er hier noch besitzt und zu entfalten OO
vermag durch seine Haltung im Erden‐ OO
leben. Von diesem höchsten und letzten OO
Ziele allein aber läßt der Verfasser der OO
alten Sendschrift den Meister sprechen: OO
«WENN EINER NICHT WIEDERGEOO
BOREN WIRD AUS DEM WASSER IM OO
GEISTE ‒ AUS GEISTIGEM SA‐ OO
MEN ‒, SO KANN ER IN DAS REICH OO
GOTTES NICHT EINGEHEN
Und zur Bekräftigung und Verdeut‐ OO
lichung läßt er den Meister weiter sagen: OO
«WAS AUS DEM FLEISCHE GE‐ OO
BOREN IST, DAS IST FLEISCH; UND OO
WAS AUS DEM GEISTE GEBOREN OO
IST, DAS IST GEIST
Damit nur ja kein Zweifel sei, daß hier OO
die Erzeugung eines wirklichen OrOO
ganismus erfolge, wie aus dem Fleische, OO
so aus dem Geist...
114 Die Weisheit des Johannes
Die einzigen Menschen auf dieser Erde OO
aber, denen schon während ihres OO
Erdenlebens diese «Neugeburt» im Geiste OO
ward und die daher, zugleich mit ihrer OO
Erlebnisfähigkeit in irdischer Erschei‐ OO
nungswelt, bewußt im innersten Reiche OO
des Geistes leben und handeln, sind OO
des Urlichtes Leuchtende, deren OO
der hohe Meister aus Nazareth einer war. OO
‒ Nur ein solcher vermag in Wahrheit OO
von sich und seinen Brüdern zu sagen:
«WIR REDEN, WAS WIR WISSEN, OO
UND WAS WIR GESEHEN HABEN, OO
BEKUNDEN WIR.»
Oder auch jenes andere, später einer hin‐ OO
zugekommenen Erzählung eingefügte und OO
dort kaum mehr kennbare Wort:
«IHR BETET AN, WAS IHR NICHTOO
115 Die Weisheit des Johannes
WISSET, WIR ABER WISSEN, WAS OO
WIR ANBETEN.»
Dem hohen Meister gleich, muß jederOO
der im Urlicht Leuchtenden be‐ OO
kunden:
«ICH UND DER VATER SIND EINES. OO
WER MICH SIEHT, DER SIEHT OO
AUCH DEN VATER
Denn eine andere Selbstdarstellung hatOO
der «Vater» im Urwort nicht auf dieser OO
Erde, als den Leuchtenden des UrOO
lichts, den er sich als Selbstdarstellung OO
bereitet hat und dem er, noch während OO
der Leuchtende in irdischer Erschei‐ OO
nung lebt, die Geistesform aus sich OO
erzeugte, die ihn bewußt werden ließ in OO
geistiger Erscheinungswelt, ohne ihn OO
dieser Erdenwelt zu entziehen. ‒
116 Die Weisheit des Johannes
Er ist wahrhaftig des «Vaters» im OO
Urwort «eingeborener Sohn» gewor‐ OO
den! ‒ ‒ ‒
Aus seinem bewußten Selbsterleben als OO
geistiger «Sohn» des ewigen, geistigen «Va‐ OO
ters» im Urwort: ‒ aus seinem Bewußt‐ OO
sein in geistiger Erscheinungswelt ‒ OO
kündet der hohe Meister die reine Lehre. OO
«WOHL KENNT IHR MICH UND OO
WISSET UM MEINE HERKUNFT; OO
ABER NICHT VON MIR SELBSTOO
BIN ICH GEKOMMEN ‒ NICHT WAS OO
ICH IRDISCHER HERKUNFT NACH OO
BIN, BERECHTIGT MICH ZUR LEHRE OO
UND LÄSST MICH SOLCHERART ZU OO
EUCH REDEN ‒, SONDERN ES OO
SANDTE MICH EIN WAHRHAFOO
TIGER, EINER, DEN IHR NICHT OO
KENNT.» OO
117 Die Weisheit des Johannes
«WENN ICH AUCH VON MIR SELOO
BER ZEUGNIS GEBE, SO IST DOCH OO
MEIN ZEUGNIS WAHR, WEIL ICH OO
WEISS, WOHER ICH KAM UND WO‐ OO
HIN ICH GEHE.»
«JA, DER MICH GESANDT HAT, IST OO
MIT MIR, UND ER LÄSST MICH OO
NICHT ALLEIN, DA ICH ALLEZEIT OO
TUE, WAS IHM WOHLGEFÄLLT.»
Und in der unwiderlegbarsten Gewiß‐ OO
heit, daß er in seiner Umgebung der OO
Einzige ist, der da weiß, was nötig ist, OO
damit der Erdenmensch sich einst «an OO
seinem Letzten Tage» in dieser Erschei‐ OO
nungswelt bereitet finde zu ewiger «Ge‐ OO
burt» in geistiger Erscheinungswelt, OO
spricht er das gewaltige Wort:
«ICH BIN DER WEG, DIE WAHROO
118 Die Weisheit des Johannes
HEIT UND DAS LEBEN. NIEMAND OO
KOMMT ZUM VATER AUSSER OO
DURCH MICH
Denn das Geistgezeugte, das er den OO
«Sohn» nennt und als das er sichOO
selbst erlebt als Leuchtender desOO
Urlichts, ist für allen Menschengeist OO
das Gleiche, und in ihm alleinOO
wird dem Menschengeiste unvergängOO
liches Leben in der Geisteswelt. OO
Dieses Leben erlebt er selbst, und von OO
ihm kann er künden:
«WAS MIR MEIN VATER GEGEBEN OO
HAT, IST GRÖSSER ALS ALLES, UND OO
NIEMAND KANN ES DER HAND MEI‐ OO
NES VATERS ENTREISSEN.»
Aber nicht für sich selbst alleinOO
will er im unvergänglichen Leben sein, OO
und so spricht er das Wort:
119 Die Weisheit des Johannes
«WER AN MICH GLAUBT, DER OO
GLAUBT NICHT MIR, SONDERN OO
DEM, DER MICH GESANDT HAT. OO
ICH BIN ALS LICHT IN DIE WELT OO
GEKOMMEN, DAMIT JEDER, DER AN OO
MICH GLAUBT, NICHT IN DEROO
FINSTERNIS BLEIBE.
DENN ICH HABE NICHT VON MIROO
SELBST GEREDET, SONDERN DER OO
VATER, DER MICH SANDTE, DEROO
HAT MIR DAS GEBOT GEGEBEN, OO
WAS ICH REDEN UND LEHREN SOLL. OO
UND ICH WEISS, DASS SEIN GEBOT OO
AUS EWIGEM LEBEN KOMMT.
DARUM, WAS ICH REDE, REDE ICH OO
SO WIE ES MIR DER VATER GEOO
SAGT HAT.»
Wie aber im Leuchtenden des Urlichts OO
bereits in dieser Zeit des Erdenlebens der OO
120 Die Weisheit des Johannes
«Vater» im «Sohne» zur SelbstOO
darstellung kommt, ‒ wie der Leuch‐ OO
tende selbst sich erlebt als «Sohn» OO
des ewigen «Vaters», des höchsten OO
geistigen Oberhauptes aller Leuchtenden OO
auf Erden, aus dem und in dem ein OO
jedes Glied dieser geistigen Gemeinschaft OO
lebt in absoluter Vereinigung, so wird OO
auch durch ihn nur der «Vater», der OO
urgezeugte Mensch der Ewigkeit im OO
Urwort, erkannt in erdenmenschOO
licher Offenbarung. ‒ ‒
«WIE DER VATER LEBEN AUSOO
SICH SELBER HAT, SO HAT ER OO
AUCH DEM SOHNE LEBEN AUSOO
SICH SELBST GEGEBEN.»
Aber gleichwie Moses in der Wüste die OO
eherne Schlange aufgerichtet hatte, damit OO
jeder, der im Glauben zu ihr aufsehe, OO
121 Die Weisheit des Johannes
genesen sollte, so muß auch im Menschen OO
dieser Erde das Bild des «Menschen‐ OO
sohnes», des Leuchtenden, «erhöhet» OO
werden über alles andere, in gläubigem OO
Bewußtsein der Wahrheit, daß es das OO
Urlicht selbst ist, das in seiner Selbst‐ OO
aussprache als das Urwort den ewigen, OO
urgezeugten Menschen des GeistesOO
«spricht», der ewiglich in seiner Licht‐ OO
gezeugtheit im Urwort verharrt und OO
«Vater» wird den Leuchtenden, damit OO
durch sie der Menschengeist auf dieser OO
Erde wieder Kunde empfange von seiner OO
Urheimat und von dem Wege, der zu ihr OO
zurückführt. ‒
«GLEICHWIE MOSES DIE SCHLANOO
GE IN DER WÜSTE ERHÖHTE, SO OO
MUSS DER MENSCHENSOHNOO
‒ DER KÜNDER AUS DEM REICHE OO
DES GEISTES ‒ UND DIE KUNDE, OO
122 Die Weisheit des Johannes
DIE ER BRINGT, ERHÖHET WER‐ OO
DEN, DAMIT ALLE, DIE AN IHN OO
GLAUBEN, NICHT VERLORENGEHEN OO
‒ IN ÄONENLANGER NACHT DER OO
NICHTERKENNTNIS ‒, SONDERN OO
DAS LEBEN HABEN.»
Und nochmals, um zu zeigen, daß nur OO
dem Bestätigung wird, der so den OO
Leuchtenden des Urlichts vertraut, wie OO
jene der wundertätigen Schlange des OO
Moses vertrauen mußten, die genesen OO
wollten, läßt der Verfasser der alten OO
Sendschrift den Meister sprechen:
«WENN IHR DEN MENSCHENSOHN OO
WERDET ERHÖHET HABEN, DANNOO
WERDET IHR ERKENNEN, DASS ICH OO
ES BIN UND DASS ICH NICHTSOO
WIRKE AUS MIR SELBSTOO
ALS ERDENMENSCH, NACH MEINER OO
123 Die Weisheit des Johannes
MENSCHLICHEN WILLKÜR ‒, SON‐ OO
DERN REDE, WAS MEIN VATEROO
MICH GELEHRET HAT.»
Immer wieder wird betont, daß der OO
Leuchtende des Urlichts, in dem OO
die höchste geistige Erlebnisfähigkeit OO
in einem Menschen dieser Erde auf der OO
Erde Bekundung findet ‒ der die OO
höchste Geistigkeit dem Tiere zu OO
vereinen weiß ‒, nicht seine eigene OO
erdenmenschliche Weisheit lehrt, OO
sondern aus der Fülle des Erkennens OO
spricht, das ihm der «Vater» offenbart. OO
«MEINE LEHRE IST NICHT MEIN, OO
SONDERN VON DEM, DER MICH OO
SANDTE. WILL EINER NACH DES‐ OO
SEN WILLEN TUN, SO WIRD ER OO
INNEWERDEN, OB DIESE LEHRE OO
AUS GOTT IST ODER OB ICH AUS OO
MIR SELBER GEREDET HABE.»
124 Die Weisheit des Johannes
Als Bedingung jeglicher BestätiOO
gung der Lehre des Leuchtenden wird OO
somit gesetzt, daß der Schüler nicht nur OO
die unermeßliche Bedeutung erkenne, die OO
der Tatsache innewohnt, daß ein sterb‐ OO
licher Mensch vom innersten ReicheOO
des Geistes Kunde bringen kann, son‐ OO
dern daß er auch nach den Gesetzen des OO
Geistes handelt, von denen der Leuch‐ OO
tende nur nach dem «Willen» seines OO
«Vaters» und im Einklang mit ihm OO
zu künden kommt. ‒
Doch nicht auf diese äußere Erschei‐ OO
nungswelt der physischen Sinne allein OO
beschränkt sich das Wirken des Leuch‐ OO
tenden.
Er wirkt ebenso im innersten ReicheOO
des Geistes ‒ im Reiche der UrOO
sachen ‒ wie auf dieser Erde, wie auch OO
125 Die Weisheit des Johannes
in jenen niederen geistigen Welten, OO
die der Menschengeist betritt, wenn er OO
diese Erde verläßt, und von diesem OO
Wirken kündet er mit den Worten:
«ES KOMMT DIE STUNDE, UND OO
SCHON IST SIE GEKOMMEN, DA DIE OO
TOTEN (DURCH MICH) DIE STIMME OO
DES SOHNES HÖREN WERDEN, OO
UND DIE SIE HÖREN, WERDEN OO
LEBEN ‒ DENN SIE KANN DER OO
LEUCHTENDE AUFERWECKEN: OO
‒ KANN SIE BEREITEN ZU DER OO
NEUGEBURT IM GEISTE, DIE DER OO
VATER WIRKT.»
Doch daß man auch nicht glaube, daß er OO
als «Sohn» des Vaters etwa frei nach OO
Willkür schalte, weiß er zu sagen:
«DER SOHN KANN NICHTS AUS OO
SICH SELBER TUN, WENN ER ES OO
NICHT TUN SIEHT DEN VATER; OO
126 Die Weisheit des Johannes
DENN ALLES, WAS DIESER TUT: OO
AUF GLEICHE WEISE TUT ES OO
AUCH DER SOHN.
NIEMAND KANN ZU MIR KOMMEN, OO
WENN DER VATER, DER MICH GE‐ OO
SANDT HAT, IHN NICHT ZU MIR OO
ZIEHT, DAMIT ICH IHN AUFER‐ OO
WECKE AN SEINEM LETZTEN TAGE.» OO
Aber keinem Menschengeiste kann im OO
Reiche des Geistes das dauernde LebenOO
werden, wenn er nicht glaubt, daß er OO
dieses Leben finden wird. ‒
Und von diesem Glauben allein, der OO
ein selbstgewisses Vertrauen sein muß, OO
hatte der Meister einst gesprochen im OO
Hinblick auf seine Lehre, die alle GeOO
wißheit aus der Geisteswelt durch OO
eines Menschen Mund auf dieseOO
Erde brachte:
127 Die Weisheit des Johannes
«DIESES ABER IST DAS BROT, OO
DAS VOM HIMMEL HERAB KAM, OO
DAMIT, WER DAVON ISST, OO
NICHT STERBE
Es stand dieses Wort einst an der gleichen OO
Stelle, an der gesagt ist:
«WER AN MICH GLAUBT, AUSOO
DESSEN LEIBE WERDEN STRÖOO
ME LEBENDIGEN WASSERSOO
FLIESSEN. ‒ ER SELBST WIRD OO
GEISTIGES AUS SICH WEITEROO
ZEUGEN IN DER GEISTIGENOO
ERSCHEINUNGSWELT; DENN VOM OO
'LEIBE' DES GEISTGEBORENENOO
IST HIER DIE REDE.»
Und von dem gleichen «Leibe» des OO
Geistgeborenen wußte der Meister OO
dort zu sagen, daß dieser «Leib» in OO
geistiger Erscheinungswelt so «wirk‐ OO
lich» sei wie «Fleisch» und «Blut» in OO
128 Die Weisheit des Johannes
dieser irdischen Erscheinungsform, so OO
daß nur der im Geiste bewußtes LebenOO
haben könne, der dieses geistigenOO
Leibes Eigner geworden sei.
«WENN IHR DAS FLEISCH DES MENOO
SCHENSOHNES NICHT ERLANOO
GEN WERDET UND SEIN BLUT OO
NICHT IN EUCH SEIN WIRD, SO OO
WERDET IHR DAS LEBEN NICHT IN OO
EUCH HABEN.»
Alles, was nun in der heute überliefer‐ OO
ten Gestaltung der Sendschrift an der OO
Stelle steht, an der das Wort vom OO
«Brote» sich den Worten vom «Fleisch» OO
und «Blute» mengt, ist spätere UmforOO
mung und wohlerwogene Zutat.
Man fand das Wort von dem geistigenOO
«Leibe» wohlgeeignet, den neuen KultOO
zu stützen, der aus den Kultgepflogen‐ OO
129 Die Weisheit des Johannes
heiten mystischer Glaubensgemeinden OO
entstanden war, wie sie der Orient in OO
jenen Zeiten allerorten kannte.
So formte man des Meisters Worte der‐ OO
art um, daß sie von seinem eigenen, OO
erdenhaften Fleische und Blute zu OO
handeln schienen und nicht von dem, was OO
ihm im innersten Reiche des Geistes Trä‐ OO
ger seines geistigen Bewußtseins war, OO
wie hier auf Erden Fleisch und Blut sein OO
irdisches Bewußtsein trug. ‒ ‒
Man wiederholte diese eigene Glaubens‐ OO
meinung in der Abschrift dann in man‐ OO
nigfacher Paraphrase, indem man sie zu‐ OO
gleich den Worten, die vom «Brot vom OO
Himmel» handelten, in gleicher Para‐ OO
phrasierung eng verband.
Wohl waren später unter denen, die des OO
neuen Kultes Liturgie und Riten form‐ OO
130 Die Weisheit des Johannes
ten, manche Hocherleuchtete und «Wis‐ OO
sende»; allein, sie hatten allbereits schon OO
mit Bestehendem zu rechnen und OO
suchten durch Auslegung umzuwer‐ OO
ten, was sie dem Wesen nach als fremdes OO
Kultgut eingewurzelt fanden.
Indessen endeten die einen als ausgestos‐ OO
sene «Ketzer», während der ande‐ OO
ren Deutung nur insoweit angenommen OO
wurde, als es möglich schien, auch ohneOO
die aus alten Heidenkulten überkomme‐ OO
nen Lehren zu gefährden, denen der Kult‐ OO
kreis seinen mystischen Nimbus dankte. OO
Doch ist es wahrlich kein «Zufall», daß OO
selbst der heute erhaltene Text der Send‐ OO
schrift allein nichts weiß von jenen OO
Worten der drei älteren Berichte, die sie OO
den Meister bei dem letzten Osterfest‐ OO
mahl sprechen lassen und die des glei‐ OO
chen Kultes Stütze wurden! ‒ ‒
131 Die Weisheit des Johannes
Wie hätte doch gerade der Verfasser, dem OO
man die falschen Meisterworte von des OO
Meisters erdenhaftem Fleisch und Blut OO
zu unterschieben wußte: von seinem OO
«Fleische», das «wahrhaftig eine Speise», OO
und seinem «Blute», das «wahrhaftig ein OO
Trank» sei, mit denkbar feierlichOO
ster Bekräftigung jene Worte beim OO
Ostermahl verzeichnet, wäre ein einziOO
ger Ausspruch auch nur ähnlichenOO
Sinnes von ihm an der gefälschten Stelle OO
berichtet worden!
So aber wußte er nur zu gut, daß Vor‐ OO
stellungen alter Heidenkulte hier ein OO
neues Leben in des hohen Meisters OO
Namen sich begründet hatten. ‒ ‒ ‒ OO
Gerade in diesem Punkte schied sich OO
ja das geistige Erfassen, in dem er lebte, OO
und die Seinen festigen wollte, von der OO
132 Die Weisheit des Johannes
Lehre und dem äußerlichen Kulte, die OO
sich um des Meisters Namen rankten und OO
zu der Zeit, als der Verfasser seine Send‐ OO
schrift schrieb, schon mancherlei Erfolg OO
verzeichnen konnten, da sie den mysti‐ OO
schen Kultgemeinden, die man allerorten OO
vorgefunden hatte, in jeder Art des Mei‐ OO
sters Lehre anzugleichen suchten. ‒ OO
Die ganze alte Sendschrift ist nur zu ver‐ OO
stehen, wenn man weiß, daß sie geschrie‐ OO
ben wurde, um den Gegensatz zu zei‐ OO
gen, in dem des hohen Meisters reineOO
Lehre, die zu jeder Zeit nur Wenige OO
erfassen konnten, zu der neuen GlauOO
bensmeinung stand, die mehr und OO
mehr die Geister fesselte und nicht zum OO
wenigsten darum Verbreitung fand, weil OO
sie das Neue so dem ÜberkommeOO
nen zu einen wußte, daß alles, was die OO
133 Die Weisheit des Johannes
Zeit an mystischer Lehre bot, in ihr zu OO
neuer Geltung kam.
Da sich in solche Glaubensmeinung aber OO
manches Wort des Meisters mischte, OO
das auch den Schülern des JohannesOO
heilig war, so wollte der Verfasser die in OO
seinem kleinen geistigen Kreise SchwanOO
kenden durch seine Sendschrift schütOO
zen vor der drohenden Gefahr, dem OO
äußeren Kult anheimzufallen. ‒
Den Zweck, den sie erfüllen sollte, hat OO
seine Sendschrift aber auf die Dauer OO
nicht erreicht.
Die letzten Nachfolger der Schüler des OO
Johannes mußten vor dem neuen äuße‐ OO
ren Kulte weichen und, von dessen Gläu‐ OO
bigen als «Ketzer» angesehen, sich ver‐ OO
bergen, so daß schon kaum ein Menschen‐ OO
alter später keiner mehr zu finden war, OO
der in der reinen Lehre lebte.
134 Die Weisheit des Johannes
Als dann die alte Sendschrift in die OO
Hände frommer Glaubenseiferer des OO
neuen Kultes gekommen war, fand bald OO
dieser, bald jener Veranlassung, dem OO
Texte, den man guten Glaubens für OO
ein Werk des Jüngers Johannes hal‐ OO
ten konnte, all das einzufügen, was ihn OO
nach Möglichkeit geeignet machte, in den OO
Versammlungen als Lehrtext verlesen OO
zu werden.
Die Ehrfurcht vor dem «Wort derOO
Schrift» hatte in jenen ersten Zeiten OO
des neuen Glaubens nicht die Bedeu‐ OO
tung, die sie später erlangte.
Weit wichtiger war der Kult des OO
neuen Erlösergottes und die VerteidiOO
gung der Glaubensmeinung gegenüber OO
Juden und Heiden.
So wurden unbedenklich Texte verändert, OO
wie die Bedürfnisse des Kultes es ver‐ OO
135 Die Weisheit des Johannes
langten, der nun den Formen alterOO
Mysterienkulte neue AuslegungOO
zu geben suchte, und ebenso unbedenk‐ OO
lich änderten Juden- und Heidenchristen, OO
aus denen der Kultkreis bestand, was OO
in den Berichten ihnen bedenklichOO
schien vor ihren früheren Glaubens‐ OO
genossen.
Man glaubte immer auf solche Weise OO
nur der Verbreitung des «wahren» OO
Glaubens zu dienen und letzten Endes OO
ganz in der Absicht der alten Ver‐ OO
fasser zu handeln.
Fast bleibt es so ein Wunder, daß trotzOO
allem doch noch der Urschrift SpurenOO
da und dort erhalten blieben, wenn auch OO
der ursprüngliche Sinn sehr vieler OO
Einzelworte heute in sein GegenteilOO
verkehrt erscheint.
136 Die Weisheit des Johannes
Wer aber tiefer schürft und die Verschüt‐ OO
tung wegzuräumen sucht, kann heute OO
noch allhier die Fundamente eines alten OO
Tempels finden, in dem die reineOO
Lehre einst Erfüllung fand, die der OO
hohe Meister, als ein LeuchtenderOO
des Urlichts, seinen nächsten
Schülern übermittelt hatte.
*
137 Die Weisheit des Johannes
DER PARAKLET
D
ER HOHE Meister, der als derOO
Größte aller LiebendenOO
über diese Erde schritt, wußte OO
jederzeit gar wohl, daß er die große OO
Liebestat, die er dereinst vollbringen OO
sollte, nur in seiner Todesstunde und OO
nur im Tode durch MenschenOO
hand vollbringen könne. ‒
So hatte er Zeiten, in denen er sich nach OO
der Stunde seines Todes sehnte, und OO
wieder andere Zeiten, in denen er mit OO
innerem Schauder an sein Ende dachte. OO
Bald wünschte er seinen Tod herbei, bald OO
hoffte er, noch lange Zeit zu leben, um OO
seinen Schülern noch recht lange beizu‐ OO
stehen und ihnen geben zu können, was OO
sie vorerst «noch nicht tragen» konnten. OO
Die hohen Brüder, die er aufsucht in OO
ihrer Einsamkeit, wissen ihm in solchen OO
Stunden des Schauderns und Entsetzens OO
141 Die Weisheit des Johannes
nur zu sagen, daß es einem «Sohne» des OO
«Vaters» im Urwort niemals zieme, nach OO
dem Kommenden zu fragen...
In solcher Seelenverfassung, sein baldiges OO
Ende erahnend, ohne zu wissen, wie nahe OO
es sei, schrieb er aus der Einsamkeit einen OO
eigenhändigen Brief an seine Getreuen OO
und übersandte ihn dem Jünger, den er OO
liebte, weil dieser aus allen ihn am OO
tiefsten verstand, aus der hellfühlenden OO
Liebe, die ihn ihm verband.
Durch diesen Jünger sollte der Brief den OO
Getreuen kundgetan werden.
Aus Niederschriften von des Meisters OO
eigener Hand stammt manches Wort, OO
das der Verfasser der alten Sendschrift OO
den Meister reden läßt; hier aber ist OO
noch fast der ganze Brieftext erhal‐ OO
ten, auch wenn er später auseinander‐ OO
142 Die Weisheit des Johannes
gerissen und an erwünschteren Stellen OO
wieder eingefügt wurde, wie es des neuen OO
Kultes Glaube verlangte.
In seine Urschrift hatte einst der Ver‐ OO
fasser der alten Sendschrift den Text OO
der Meisterworte solcherart über‐ OO
nommen:
«NOCH EINE GERINGE ZEIT ‒ UND OO
DIE WELT WIRD MICH NICHT MEHR OO
SEHEN.
AN JENEM TAGE WERDET IHR MICH OO
UM NICHTS MEHR FRAGEN KÖN‐ OO
NEN. DOCH ICH WILL EUCH NICHT OO
ALS WAISEN ZURÜCKLASSEN.
ICH WERDE DEN VATER BITTEN, OO
UND ER WIRD EUCH EINEN ANDEOO
REN HELFER SENDEN AUSOO
DEM GEISTE DER WAHRHEIT: OO
EINEN, DEN DIE WELT NICHT ER‐ OO
143 Die Weisheit des Johannes
GREIFEN KANN; DENN SIE SIEHTOO
IHN NICHT UND WEISS NICHTSOO
VON IHM.
IHR ABER WERDET IHN ERKENOO
NEN; DENN ER WIRD BEI EUCHOO
BLEIBEN UND IN EUCH SEIN.
ER WIRD EUCH ALLES LEHRENOO
UND EUCH AN ALLES ERINNERN, OO
WAS ICH EUCH SAGTE.
NICHT AUS SICH SELBST WIRD OO
ER REDEN ‒ SO WIE AUCH ICHOO
EUCH SAGTE, DASS ICH NICHTOO
AUS MIR SELBER REDE ‒, SON‐ OO
DERN WAS ER HÖRT, WIRD ER OO
REDEN UND EUCH KUNDMACHEN.
ER WIRD MICH BESTÄTIGEN; OO
DENN VON DEM MEINEN WIRD ER OO
NEHMEN UND ES EUCH VERKÜNDEN. OO
ALLES, WAS DER VATER HAT, IST OO
MEIN.
144 Die Weisheit des Johannes
DARUM SAGE ICH: ER WIRD VON OO
DEM MEINEN NEHMEN.
WER IHN AUFNIMMT, DEN ICH SENOO
DEN WERDE, DER NIMMT MICHOO
AUF, UND WER MICH AUFNIMMT, OO
NIMMT DEN AUF, DER MICH GEOO
SANDT HAT. AN JENEM TAGE WER‐ OO
DET IHR ERKENNEN, DASS ICH OO
IN MEINEM VATER BIN.
EUER HERZ BETRÜBE SICH OO
NICHT. SEID OHNE FURCHT!
ICH HINTERLASSE EUCH IN FRIEOO
DEN.
MEINEN FRIEDEN GEBE ICH EUCH, OO
DEN DIE WELT NICHT GEBEN OO
KANN.»
Es ist von nichts anderem hier die Rede, OO
als daß der Leuchtende verspricht, seinen OO
Schülern nach seinem Erdentode einen OO
145 Die Weisheit des Johannes
anderen Lehrer zu schicken, und zwar OO
einen derer aus dem hohen Kreise der OO
Leuchtenden des Urlichts, die nichtOO
mehr im Erdenkörper, sondern in geiOO
stiger Gestaltung leben, damit sie unter OO
seiner geistigen Leitung sich vollenden OO
könnten und nicht in Sorge sein müßten, OO
daß er von Menschen ergriffen und seinen OO
Schülern genommen werden könnte wie OO
der Meister selbst.
Ausdrücklich sagt er in den gleichen OO
Worten, daß auch dieser Geisteslehrer, OO
den sie nur in ihrem Innersten zu OO
hören fähig seien, gleich ihm «nichtOO
aus sich selber» rede und ihnen das OO
Gleiche künde, das sie zuvor aus seinem OO
eigenen Munde vernommen hätten.
Aus dem Schatz des gleichen alten OO
Weisheitsgutes, das jeder, der ein «Sohn» OO
des «Vaters» wurde, aus dem ErkenOO
146 Die Weisheit des Johannes
nen des Vaters empfängt, werde er OO
zu nehmen wissen und dadurch ihn, den OO
Meister selbst, bestätigen.
War aber der hohe Meister selbst gar OO
bald nach seinem Tode schon den Gläu‐ OO
bigen des neuen Kultes zum Gotte ge‐ OO
worden, so mußte auch dieser geistigeOO
Bruder des Meisters alsbald zum GotteOO
werden. ‒
Man hatte die wirkliche «Dreieinheit» OO
nicht erkannt, die darin allein gesehen OO
werden muß, daß sich das gestaltlose, OO
unfaßbare und alles in sich umfassende OO
Urlicht ‒ das unendliche, unergründ‐ OO
liche, ewige «Meer der Gottheit» ‒ ewig‐ OO
lich selbst als Einheit im UrwortOO
offenbart ‒ das «Wort», das «im An‐ OO
fang» ist, der immer war und ist und OO
sein wird: «Gott» in der Gottheit ‒ OO
147 Die Weisheit des Johannes
und daß das Urwort aus sich selber OO
offenbart den «Menschen der EwigOO
keit» ‒ den lichtgezeugten ewigenOO
Geistesmenschen, der immerdar in OO
ihm verharrt und weiterzeugend als OO
«Vater» alle Geisteshierarchien aus sich OO
hervorgehen läßt, somit in EinheitOO
aller Vielheit Inbegriff, in sich offen‐ OO
barend sich selbst in den Zahlen desOO
Ursprungs, aus denen hervorgeht alle OO
Unendlichfältigkeit des geistigen OO
Lebens...
Dieses ewige Sein des Geistes, gleich‐ OO
zeitig Selbstoffenbarung des Gei‐ OO
stes und dieser Selbstoffenbarung geistige OO
Folge:
     in Unerfaßbarkeit,
     in Einheit,
     in Zahl
148 Die Weisheit des Johannes
die wieder Einheit zeugt unendlichOO
fältig ‒, ist letzte Wirklichkeit, mit OO
welchen Worten man ihr auch Bekun‐ OO
dung geben will; denn mit dem gleichen OO
Rechte wäre sie auch zu bezeichnen als: OO
     das ewige Unoffenbare,
     das ewig sich Offenbarende,
     das ewige Offenbarte. ‒
Stets wird aber jedes Wort der Men‐ OO
schensprache nur ein Stammeln bleiben, OO
soll es des Geistes Leben künden, das OO
allein sich in der Liebe fassen läßt, die OO
auch den Menschengeist, der sich der OO
Liebe einst entwand, aufs neue seines OO
ursprünglichen göttlichen Erlebens OO
fähig werden läßt. ‒
Der «Geist der Wahrheit» aber ist OO
des Urwortes Leben: ‒ das UrlichtOO
selbst in seiner Unerfaßbarkeit ‒, das OO
149 Die Weisheit des Johannes
sich als Urwort offenbart und in dem OO
alle Geisteshierarchien leben, die gleich‐ OO
sam Ton und Stimme dieses Urwortes OO
sind und seine ewig weiterzeugende OO
Offenbarung in der Geisteswelt des UrOO
lichts.
Auch das niedere geistige Leben, das OO
dem Menschengeiste noch verblieb nach OO
seinem Falle aus hohem Leuchten, lebt OO
nur aus dem gleichen Geiste der WahrOO
heit: dem substantiellen Geiste des ewi‐ OO
gen Urlichts, von dem der Menschen‐ OO
geist auch schon in diesem Erdendasein OO
einen «Strahl» erfassen und in seinem OO
eigenen «Ich» erkennen kann als seinen OO
«Lebendigen Gott».
Das Urlicht ist allein die ewige OO
Quelle alles Lebens: das aus sich selber OO
Seiende!
150 Die Weisheit des Johannes
In sich als Sein unfaßbar für sich selbst, OO
«spricht» es sich aus im Urwort, das OO
in ihm allein sein Leben hat «aus sich OO
selbst»...
Und weiterzeugend, offenbart sich so das OO
Urwort in dem ewigen GeistesOO
menschen, der wieder «aus sich selbst» OO
das gleiche Leben nur im UrlichtOO
hat und weiterzeugt die Hierarchien aller OO
Geisteswesenheiten, die alle «aus OO
sich selbst» das Leben haben, da sie alle OO
nur des Urlichts nähere und ferne OO
Offenbarung durch das UrwortOO
sind, das selbst des Urlichtes erstes, OO
ewiges Offenbaren ist. ‒ ‒
Die Liebe aber, die sich selbst im OO
anderen liebt, ist aller dieser Urseins‐ OO
offenbarung innerster Impuls. ‒
151 Die Weisheit des Johannes
Wer «in den Geist» gelangen, wer OO
bewußt des Urlichts Leben neu in OO
sich empfinden will, der trachte vor OO
allem, daß er stetig «in der Liebe» OO
sei! ‒
Ihm wird man öffnen jene enge Pforte, OO
die zum Leben führt; denn er weiß OO
anzuklopfen, er sucht auf
rechte Weise, und sicherlich
wird ihn zu finden wissen
‒ der «Paraklet».
*
152 Die Weisheit des Johannes
SCHLUSSWORT
S
OWEIT ICH in diesem Buche Worte OO
des überlieferten Textes mei‐ OO
ner Rede verflochten habe, nahm OO
ich sie nur auf, wenn mir die geistige GeOO
wißheit wurde, daß sie dem Sinn des OO
Ursprungstextes noch entsprechen, OO
und wo dies nicht der Fall war, suchte OO
ich in meinen Worten diesem ursprüng‐ OO
lichen Sinn gerecht zu werden.
Da ich in diesem Buche nur die alte OO
Sendschrift deute, die als das «EvanOO
gelium Johannis» gilt, so ließ ich OO
mit Bedacht die Meisterworte fehlen, die OO
ich als gutbegründet auch in den drei OO
früheren Berichten von des Meisters OO
Erdenleben kenne, obwohl sie dem, was OO
155 Die Weisheit des Johannes
ich zu sagen hatte, gar oft Bestätigung OO
gegeben hätten.
Wer aber meinen Worten folgt, der wird OO
das Nichtverfälschte in den ande‐ OO
ren Berichten unschwer selbst heraus‐ OO
zufinden wissen, so wie er auch von Fall OO
zu Fall die Gründe bald entdecken OO
wird, die in der alten Sendschrift, wie OO
den früheren Berichten, Einschub und OO
Überarbeitung veranlaßt haben.
Es ist hier nicht zu leugnen, daß so man‐ OO
ches Wort, das denen, die im Glauben an OO
die Göttlichkeit der alten Schriften OO
aufgewachsen sind, einst lieb und teuer OO
war und ihnen wohl auch heute noch als OO
heilig dünkt, nur spätere ErdichtungOO
ist.
Soweit sich solche Worte aber irgendwie OO
als Wahrheitsträger dartun lassen, OO
156 Die Weisheit des Johannes
sehe ich noch keinen Grund, sie nun ge‐ OO
ring zu achten oder gar sie zu verwerfen. OO
Die späteren Bearbeiter der alten Schrif‐ OO
ten waren ‒ will man sie als «DichOO
ter» werten ‒ den ursprünglichen OO
Schreibern oftmals weitaus überlegen. OO
Sie fanden manches Bild und manche OO
Sagenformung, um die Glaubens‐ OO
meinung, der sie dienten, in die alten OO
Texte einzuführen, die ihnen die ur‐ OO
sprünglichen Verfasser wahrlich hätten OO
neiden können. ‒
Doch ist es ein Anderes, ob man erOO
kennen lernen will, was einst die UrOO
schrift bot, oder ob man fromme ErOO
bauung sucht in eines DichtersOO
Worten, der bemüht ist, seinem inbrün‐ OO
stig geliebten Glauben eine Urkunde zu OO
schaffen.
157 Die Weisheit des Johannes
Da in der alten Sendschrift, die es hier OO
zu deuten galt, zudem die Urschrift durch OO
die Dichtung überwuchert ist und OO
so ein Dokument Verfälschung fand, das OO
sich als einzige Bekundung jener rei‐ OO
nen Lehre, die der hohe Meister nur den OO
nächsten Schülern gab, der Nachwelt OO
dargeboten hätte, so war es nur zu sehr OO
geboten, lediglich der Urschrift un‐ OO
verfälschten Inhalt wieder aufzurich‐ OO
ten, soweit der Text herangezogen wer‐ OO
den mußte.
Durch eine Redeform, die jeden Satz fürOO
sich bestehen läßt und ihm fast abOO
geschlossene Bedeutung gibt, auch OO
wenn er sich an anderer Stelle findet OO
als dort, wo er zuerst gegeben war, sah OO
in der ersten Folgezeit sich jede Glau‐ OO
bensmeinung leichthin in der Lage, die OO
158 Die Weisheit des Johannes
Sätze, die ihr störend waren, dem Zu‐ OO
sammenklang des Textes zu entreißen und OO
sie nach Willkür dort dann einzufügen, OO
wo sie ihr vorzüglich dienen mußten. OO
Wo dann ein Wort zu finden war, das OO
man nicht gerne lesen mochte, dort schied OO
man unbedenklich als der «Ketzer» Zu‐ OO
tat aus, was Urschriftprägung war; OO
und was doch zu gewichtig schien, um OO
ausgemerzt zu werden, dem gab man OO
einen Einschub oder einen Zusatz, OO
der den ursprünglichen Sinn ins OO
Gegenteil verkehrte.
Auch nahm man nur zu gerne Worte, die OO
der Meister einst in völlig anderem Zu‐ OO
sammenhang gesprochen hatte, in die OO
bald nach seinem Tode schon entstan‐ OO
denen Wundersagen auf, um so den OO
frommen Glauben an die Wundermären OO
zu befestigen.
159 Die Weisheit des Johannes
Unzähliges ist entstellt, Unzähliges in OO
sein Gegenteil verkehrt, und dennoch OO
bleibt die Spur der reinen Lehre noch OO
erhalten, dennoch leuchtet durch den OO
ganzen Text die hohe Liebe, die als OO
Vermächtnis des Apostels auch in den OO
fernsten seiner nachgeborenen Schüler OO
noch erhalten blieb und die auch den OO
Verfasser zeigt als Liebenden im Licht OO
der reinen Lehre, die er den Seinen, OO
denen seine Worte galten, erhaltenOO
wissen wollte ‒ rein, wie er sie selbst OO
empfangen hatte ‒, unvermischt mit OO
Glaubensmeinungen, in denen er den Irr‐ OO
tum nur zu deutlich sah. ‒ ‒
Von dem, was sonst noch, dieser alten OO
Sendschrift gleich, dem Jünger zu‐ OO
geschrieben wurde, den der Meister OO
«liebte», weil er ihn «in der Liebe» OO
160 Die Weisheit des Johannes
fand, ist nichts von jenem Jünger einst OO
geschrieben worden, und nichts davon OO
entstammt der Feder des Verfassers dieser OO
Sendschrift.
Was man als «Briefe» des JüngersOO
Johannes betrachtet, enthält gewiß so OO
manches herrliche Wort der Weisheit und OO
ist wahrhaftig eines Menschengeistes Be‐ OO
kundung, der «in der Liebe» lebte; OO
allein, diese Briefe wurden erst geschrie‐ OO
ben, als die Sendschrift, von der hier OO
die Rede ist, schon dem neuen Kulte an‐ OO
geglichen worden war, und ihr Schreiber OO
war ein Gläubiger des neuen Kultes.
Das sogenannte Buch der «OffenOO
barung» aber ‒ die «ApokaOO
lypse» ‒ ist das Werk sehr verOO
schiedenwertiger Geister und das OO
Zeugnis verschiedener Zeiten.
161 Die Weisheit des Johannes
Es finden sich in ihm die Spuren «Wis‐ OO
sender» neben dem mysteriösen Ausputz, OO
den das Buch durch Gläubige des neuen OO
Kultes erhielt, und den freigebigen Zu‐ OO
taten späterer Bearbeiter.
Der einst dem Inhalt dieses Buches die OO
grandiose dichterische Gestaltung gab, OO
benutzte nur ein Material, das lange vorOO
ihm schon in Fragmenten vorhanden war OO
als Bezeugung mystischer Gesichte.
Die reine Lehre aber, die der hohe OO
Meister seinen nächsten Schülern einst OO
gegeben hatte und die nur jener Eine, OO
den er «liebte», ganz erfaßte, um sie OO
denen zu vermitteln, die zu ihm sich OO
hielten, ist nur in dieser SendschriftOO
zu erkennen, die ein Späterer, der ganz OO
im Geiste dieser Lehre lebte, auf‐ OO
gezeichnet hat.
162 Die Weisheit des Johannes
Möge das Weisheitsgut, das diese OO
Sendschrift birgt, trotz aller Über‐
formung, die sie leiden mußte, den
Suchenden der kommenden Tage
nicht verloren sein!
*
163 Die Weisheit des Johannes
ENDE