WEGWEISER
Verlagslogo
gegründet 1816
KOBER`SCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG AG
BERN
Bô Yin Râ ist der Autorenname von
Joseph Anton Schneiderfranken
2. Auflage
Unveränderter Nachdruck
der 1928 erschienenen Erstausgabe
©
1971 Kober'sche Verlagsbuchhandlung AG, Bern
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung
in fremde Sprachen und der Verbreitung in Rundfunk und
Fernsehen
Druck: Graphische Anstalt Schüler AG, Biel
INHALT Seite
Verheißung 5
Erscheinung und Erlebnis 13
Erkenntnis und Lehre 27
Lesenlernen! 45
Briefe 59
Personenkult 73
Kritiktrieb 87
Wer war Jakob Böhme? 105
Die Macht der Krankenheilung 123
Gefahren der Mystik 137
22 Gedichte in gebundener Rede
Tempel der Tiefe 155
Außen und Innen 156
Weisheit 157
Vieleinheit 158
Geheimnis des Wassers 159
Mahnwort 160
Das Ewige 161
Sinfonia 162
Mysterium magnum 163
Heimkehr 164
Gegensätzlich 165
Seltsame Suchende 166
Allzuwürdevolles Wesen 167
Nötige Strenge 168
Den Wohlmeinenden 169
Konsequenz 170
Freundesfreiheit 171
Blüte oder Frucht 172
Weise Verteilung 173
Der Neunmalkluge 174
Die Überheblichen 175
Rat 176
Originalscan1  Originalscan2
VERHEISSUNG
.Letztes Laub löste herbstlicher Sturm OO
von erstarrten Ästen.
.Welk und gelb, oder rostbraun und OO
rascheldürr, deckt es weithinverweht den OO
Weg.
.Was einst im Frühling zu grünem Leuch‐ OO
ten sproßte, was kühlen Schatten bot in OO
schwüler, mittäglicher Sommersonnenhitze, OO
das liegt nun abgestorben und zertreten auf OO
der feuchten Erde:
‒ Beute des Moders und der Fäulnis Fraß! OO
.Das ist die bange, nebeltrübe Zeit der OO
Sonnenferne!
.Das ist das große Sterben der Natur! ‒ ‒ OO
.So sagen die empfindsamen Dichter und OO
trauern dem entschwundenen Sommer nach. OO
7 Wegweiser
.Aber: ist wirklich alles Leben nun er‐ OO
storben?
.Sind wirklich die Äste so starr und leb‐ OO
los geworden, seit sie ihre Blätter lassen OO
mußten? ‒
.Hebe deinen Blick vom Boden und bleibe OO
nicht im Banne der Verwesung, dann wirst OO
du allerorten schon die treibenden Knospen OO
gewahren, und dort der Haselnußstrauch trägt OO
gar schon die ersten, noch unerschlossenen OO
Blütengehänge!
.Kaum ist die Frucht geerntet und das OO
letzte Blatt gefallen, da zeigt sich schon Ver‐ OO
heißung neuen Grünens, neuen Blühens, OO
neuer Frühlingsherrlichkeit.
.Würde jetzt eine kurze Reihe warmer OO
Sonnentage kommen, dann könntest du als‐ OO
bald das erste junge Grün an jedem Busch OO
entdecken.
8 Wegweiser
.Noch aber sind eisige Stürme zu erwarten, OO
so daß es gut ist, wenn vorerst die treibende OO
Knospe noch umpanzert bleibt. Das Leben OO
in ihr braucht noch Schutz.
.Doch: ‒ kaum ist der Schnee zu Wasser OO
geworden und in die Furchen der Felder OO
versickert, so regt sich auch, was jetzt noch, OO
fast mit Gewalt, in der Knospe zurückge‐ OO
halten wird.
.Alljährlich willst du wieder aufs neue OO
so recht geruhsam den Frühling einziehen OO
sehen, und immer wieder überrascht er dich OO
mit seinem jungen Grün fast über Nacht.
.Ein paar Sonnentage nach einem warmen OO
Regen, und an jedem Ästchen ist bereits OO
das neue Laub.
.Für eine dir gar zu lange währende Zeit OO
muß das Leben alle Kraft gebrauchen, sich OO
selbst zurückzuhalten um seine Gebilde vor OO
der Zerstörung zu schützen.
9 Wegweiser
.Dann aber befreit es sich von allen Ban‐ OO
den und leuchtend sproßt Gestaltetes all‐ OO
überall hervor...
.Gewahrst du nicht, wie hier Natur dich OO
belehrt?!
.Auch du bist wahrlich nicht immer in OO
Lichtesnähe.
.Auch du hast deine Gezeiten, deren Ab‐ OO
lauf dein eigener Lebensrhythmus bestimmt. OO
.Kaum glaubtest du alles errungen und OO
fühltest dich nur allzugesichert in deiner OO
prangenden Kraft, ‒ da überkam dich plötz‐ OO
lich ein Ermatten, das mit jedem Tage dir OO
mehr von deiner Zuversicht nahm, und end‐ OO
lich liegt alles, was deinen Stolz verursacht OO
hatte, vor dir am Boden...
.Nun glaubst du alles Leben in dir er‐ OO
storben, und eitle Torheit meinst du zu OO
vernehmen, wenn man dir sagt, daß deine OO
10 Wegweiser
Ermattung die gewisseste Verheißung neuer OO
Lebenswirksamkeit in sich birgt.
.Noch kennst du deine Gezeiten nicht OO
und willst nicht begreifen, daß auch deinOO
Geist nur in rhythmischem WechselOO
sich auswirken kann. ‒
.Auch in den Tagen deiner größten Lichtes‐ OO
ferne ist das Leben in dir wirksam.
.Das Kommende wird in dir vorbereitet, OO
auch wenn du nicht darum weißt...
.Siehe: auch du wirst wieder dem Lichte OO
so nahe sein wie ehedem!
.Du wirst dich entfalten zu neuer Pracht, OO
nachdem du deine stillen Zeiten jeweils in OO
Geduld ertragen hast! ‒
.Laß' dich nicht betören, traurig und OO
dumpf, düsteren Trübsalsträumen Sinn und OO
Sehnen zu überlassen, wie einer, der nichts OO
mehr zu hoffen hat!
11 Wegweiser
.Sei deiner stets sich erneuernden Kraft OO
bewußt, und glaube an dich selbst!
.Du schaffst dein Schicksal in deinen OO
stillsten Stunden, und in den Tagen deiner OO
weitesten Lichtesferne bilden sich in dir OO
die Keime, denen dann ein neuer Früh‐ OO
ling sichtbarliche Form verleiht! ‒ ‒
.Lerne dir selbst vertrauen und vertreibe OO
alle Unrast aus deiner Seele, damit die OO
Stille in dir gestalten kann, was weiter OO
werden soll!
12 Wegweiser
ERSCHEINUNG UND ERLEBNIS
.Der Grad der Wahrheitserkenntnis eines OO
Menschen wird bestimmt durch seine ErOO
lebnisse; durch die Intensität seines Er‐ OO
lebens, ‒ nicht aber durch die ErscheiOO
nungen, die dieses Erleben auslösen.
.So einfach und leicht begreiflich diese OO
Tatsache auch ist, so wenig wird sie begriffen. OO
.Man begegnet allerorten einer maßlosen OO
Überschätzung des Phänomens, während OO
die Erlebnisfähigkeit in den allermeisten OO
Fällen derart verkümmert ist, daß es erst OO
besonderer Sensationen, unerhörter äußerer OO
Anregungen bedarf um sie vorübergehend OO
noch zu erwecken.
.Wer darf sich wundern, daß dann auch OO
die so erzielten „Erlebnisse” der vermin‐ OO
derten Fähigkeit zum Erlebenkönnen ent‐ OO
sprechen?!
15 Wegweiser
.Was man „erlebt”, ist nur noch SchaumOO
der Oberfläche, da die Fähigkeit fehlt, OO
tiefer in die Erscheinung einzudringen, mag OO
sie auch mit der Lanzette scheinbar bis ins OO
Innerste zerlegt und unter dem Mikroskop OO
bis zu den feinsten Fasern erforscht werden. OO
.Auch wenn die physikalischen Bedin‐ OO
gungen der Erscheinung genauestens nach OO
exakter Forschungsmethode erkannt sind, OO
bleibt dennoch ein letztes, auf solche Weise OO
niemals Erkennbares: ‒ die „Seele” der OO
Erscheinung, die nur erkannt werden kann, OO
wenn die Erlebnisfähigkeit derart entwickelt OO
ist, daß sie auch auf Anstöße reagiert, die OO
den physischen Sinnen völlig unwahrOO
nehmbar bleiben.
.Für solches Erkennen ist es belanglos, ob OO
man die Erscheinung bis auf ihre innersten OO
Fasern seziert, oder sie in der Gesamtheit OO
ihrer Formkomplexe auf sich wirken läßt, OO
ohne sie erst mechanisch, sei es auch durch OO
16 Wegweiser
die Mechanik des Denkens, in ihre einzel‐ OO
nen Teile aufzulösen.
.Es besteht an sich durchaus keine Be‐ OO
dingtheit der Tiefe und Bedeutung des OO
Erlebens durch die Umfänglichkeit, oder OO
die mechanische Wucht in der eine ErOO
scheinung wahrgenommen wird!
.Ein Feuerwerk kann das Auge blenden, OO
und mit ungeheurem Geprassel und Ge‐ OO
knatter enden, ‒ dennoch kann ein win‐ OO
ziger Glühwurm im Dunkel sommernächt‐ OO
lichen Waldes Anlaß zu einem weit tieferen OO
Erlebnis werden als es jemals die Künste OO
des Pyrotechnikers in uns hervorzurufen OO
vermöchten...
.So ist es mit aller Erscheinung, möge OO
sie nun durch das Auge, das Ohr, oder einen OO
anderen physischen Sinn von uns „aufge‐ OO
faßt” werden!
17 Wegweiser
.Gewiß kann die Majestät ragender Hoch‐ OO
gebirgsgipfel, oder die tosende Wildheit an‐ OO
stürmender Meeresbrandung Ursache tiefen OO
und starken Erlebens werden, aber auch OO
Allerkleinstes und scheinbar UnbeOO
deutendstes kann gewaltiges Erlebnis OO
wecken.
.Unzählige Menschen, ‒ und wahrlich OO
nicht die seelisch kältesten, ‒ sind dauernd OO
in der Erwartung eines ungeheuren Er‐ OO
lebens, das ihre innersten Tiefen erschüttern OO
könne, ‒ und weil alle Sehnsucht dieses OO
Erleben nicht herbeiziehen kann, hasten OO
sie unstet suchend von Erscheinung zu Er‐ OO
scheinung, befangen im Wahn, das erhoffte OO
Erleben müsse zu erreichen sein, fände OO
man nur die gewaltige Erscheinung, die OO
durch ihre Ungeheuerlichkeit die Seele über‐ OO
wältigen könne.
.So bleibt ihnen schließlich kein Wunder OO
der Natur mehr fremd und alle Erdteile OO
18 Wegweiser
werden ihnen vertraut, aber die Sehnsucht OO
der Seele bleibt dennoch ungestillt.
.Andere wieder suchen die große Erfül‐ OO
lung in den Bereichen der Kunst, der Wissen‐ OO
schaft, oder des abstrakten Denkens, ‒ und OO
wieder andere, besonders in heutigen Tagen, OO
erwarten alles Heil von den „Wundern der OO
Technik”, wenn sie nicht gar die sportliche OO
„Sensation” und den Kitzel verwegenen OO
Spiels um Leben oder Tod, als Opfer einer OO
Selbsthypnose, für das mit allen Kräften OO
ersehnte Erlebnis halten.
.Keiner denkt daran, daß alle die zeit‐ OO
weiligen Erregungen, die er sich solcherart OO
verschafft, ‒ mögen sie ihm nun auf Höhen OO
oder in den Niederungen der Erscheinungs‐ OO
welt zuteil werden, ‒ nur Betäubung, OO
ja Betrug an der eigenen Seele sind, die OO
nach wie vor ihr Recht verlangt, das Glück OO
des Erlebens zu empfinden in dem sie OO
ihrer selbst bewußt zu werden vermag. OO
19 Wegweiser
.Solches Erleben aber kann jeder inOO
seinem allernächsten Umkreis zur Ge‐ OO
nüge finden, und weiß er es zu finden, OO
dann wird ihm alle Sucht nach fernem Un‐ OO
bekannten töricht, aller Nervenkitzel den OO
er andere als „Erlebnis” preisen hört, nur OO
als bedenkliches Surrogat echten Erlebens OO
erscheinen.
.Doch ‒ wie schon zu Anfang gesagt OO
‒ setzt wirkliches Erleben: Erlebnis‐ OO
Fähigkeit voraus.
.In jedem Menschen ist, latent, diese OO
Fähigkeit vorhanden, aber keiner wird sie OO
zu gebrauchen wissen, der sie nicht bis zu OO
einem gewissen Grade in sich entfaltetOO
hat, und solche Entfaltung ist das Werk OO
steter Übung.
.Erlebnis erfordert äußerste KonzenOO
tration: ‒ Einstellung allen Aufnahme‐ OO
willens auf jeweils einen einzigen Punkt, OO
‒ und stete Bereitschaft, sich bei gegeOO
20 Wegweiser
benem Anstoß sogleich in solcher Konzen‐ OO
tration zu „sammeln”.
.Wer dagegen stets nach „ZerstreuungOO
Ausschau hält, der wird ganz gewiß nicht OO
seine Erlebnisfähigkeit entfalten!
.Er jagt nur von Phänomen zu Phänomen, OO
unersättlich wie ein Sklave berauschender OO
Gifte, um bestenfalls am Ende seiner Tage OO
einzusehen, daß alles was er je getrieben OO
hat „eitel” war, ‒ um dann in bitterer Re‐ OO
signation zu enden. ‒
.Man soll das Erlebnis auch niemals OO
suchen, ‒ noch soll man es als eine Feier‐ OO
tagsgabe betrachten.
.Das echte Erlebnis kommt stets ungeOO
sucht und läßt sich am leichtesten mittenOO
im Alltag finden.
.Plötzlich entdeckt man es auf Wegen, OO
die man gewiß nicht ging um ein ErlebnisOO
zu suchen, ‒ doch wenn man sich auf‐ OO
21 Wegweiser
macht mit großer Vorbereitung, wird man OO
sicherlich zuletzt nach Hause kommen, OO
leeren Herzens und voll Traurigkeit...
.Das gilt vor allem auch für jegliches OO
Erlebnis das da Kunde bringen kann von OO
einer Welt des wesenhaften Geistes.
.Nicht in der irdischen Erscheinung, OO
wohl aber im Erlebnis vermag der erd‐ OO
gebundene Mensch das Geistige zu fassen, OO
und doch bedarf auch dieses Erleben der OO
Auslösung durch Formen und Ereignisse OO
die zur Erscheinungswelt gehören, ja das OO
Geistige selbst ist innere Erscheinungswelt OO
und läßt nur als solche sich im Innern der OO
Seele fassen. ‒
.Wo aber äußere Erscheinung, die den OO
Erdensinnen faßbar wird, sich aufzu‐ OO
drängen sucht als Bote aus der reinen OO
Geisteswelt, dort sei man stets auf seiner OO
Hut, denn seltener als Diamanten in dem OO
Ufersand des Meeres sind jene Kräftekon‐ OO
22 Wegweiser
stellationen, die das Geistige den ErdenOO
sinnen faßbar werden lassen im PhänoOO
men, und unter allen Millionen Menschen OO
auf der Erde sind nur zu jeder Zeit soOO
wenige, daß sie in einer engen StubeOO
sich versammeln könnten, von denen OO
solches Phänomen sich fassen läßt. ‒
.Wer aber Geistiges, und sei es auch OO
nur einmal, in seiner Seele innerstemOO
Erleben faßte, der verlangt nicht mehr, OO
daß es im Phänomen der Außenwelt sich OO
offenbare, denn ihm ward eine Offenbarung OO
jener Art, die manchen Schauenden so OO
sehr beglückte, daß er vermeinte, alle Aus‐ OO
senwelt sei nichts als Schein und Trug, OO
verglichen mit der hellen Wirklichkeit die OO
er in sich erfahren hatte. ‒
.Ist es schon Torheit, zu glauben, man OO
habe die äußere Erscheinungswelt durch‐ OO
drungen, weil man ihre kleinsten Teile OO
seinen Sinnen faßbar machte, ‒ ihre Wir‐ OO
23 Wegweiser
kungsmöglichkeiten aufzuspüren suchte und OO
im Denken sich ein Gleichnis schuf in dem OO
man sie nun zu besitzen wähnt, so ist es OO
erst recht unsagbar töricht, verlangt man OO
gar, daß sich die Welt des Geistes auf OO
solche Weise in der sichtbarlichen Erschei‐ OO
nungswelt finden lasse, und schließt man OO
mit kindlichem Eigensinn: ‒ da sie soOO
nicht zu finden sei, so sei sie auch auf OO
andere Weise nicht erreichbar.
.Nicht minder töricht aber ist auch die OO
Forderung eines Beweises für das Vor‐ OO
handensein geistiger Kräfte, durch Mani‐ OO
festationen die den Erdensinnen faßbar OO
werden.
.Wer noch in solchen Irrgärten der GeOO
dankenwelt gefangen ist, der ahnt noch OO
nicht aus weitester Ferne was „wesenhaften OO
Geistes” Art und Gestaltung ist, ja, er OO
hält wohl gar den Teil der GedankenOO
Welt dessen Dasein er fühlt, obwohl es OO
sich ihm noch nicht erschließt: ‒ den Teil, OO
24 Wegweiser
der außerhalb des ihn umfangenden Irr‐ OO
gartens ist, ‒ für den ewigen, substantiellen OO
Geist!
.So hören denn auch manche, daß die OO
Welt des wesenhaften Geistes nur im ErOO
lebnis sich offenbart, und wähnen, dieses OO
Erlebnis längst zu kennen, als das Erleben OO
ihres hirngebundenen Denkens.
.Das Erlebnis aber, von dem ich hier OO
rede, hat nicht das mindeste mit dem OO
Denken zu tun, und die Welt des wahr‐ OO
haftigen, wirklichen Geistes ist himmelOO
hoch erhaben über allen Wundern der OO
Gedankenwelt! ‒
.So aber, wie jedes Gebiet menschlichen OO
Erkennens dem sich aufschließt, der die OO
Bedingungen zu seiner Erschließung erfüllt, OO
so wird auch ein Mensch der seine FähigOO
keit innerlich zu erleben, an allen Erlebnis‐ OO
möglichkeiten der äußeren Erscheinungswelt OO
25 Wegweiser
schult, allmählich dahin gelangen, durchOO
die Erscheinung den Anstoß zu jenem OO
Erleben zu erhalten, das ihm die Welt OO
des wesenhaften Geistes offenbart.
.Nur im Erlebnis seiner eigenen SeeleOO
wird er sie erfassen, ‒ jene Welt, die OO
jenseits der Sinne und jenseits desOO
Denkens ist! ‒
.Dann aber erst wird ihm auch alle Er‐ OO
scheinung das innere Sein enthüllen, als OO
dessen Abglanz sie er-scheint...
.Dann erst wird der Erlebende seinOO
eigenes Dasein zu deuten wissen, und OO
was bis dahin dunkel war, wird aufleuchten OO
in ewigem Licht! ‒ ‒ ‒
26 Wegweiser
ERKENNTNIS UND LEHRE
.Es ist ein wesentlich Anderes, ob ich eine OO
Sache im klaren Lichte des Geistes nur für OO
mich selbst zu erkennen vermag, oder ob OO
mir auch die Gabe geschenkt ist, das so OO
Erkannte lehrend zu vermitteln.
.Abgründig tief kann meine Erkenntnis OO
ankern, und dennoch kann es mir versagt OO
sein, aus solcher Tiefe die Schätze zu heben, OO
die ich alldorten verborgen weiß...
.Ich kann aber auch das in der Tiefe OO
Entdeckte längst gehoben haben und den‐ OO
noch der Kunst nicht kundig sein, ihm denOO
strahlenden Glanz zu geben, der seiner OO
würdig wäre, so daß der Anderen ohnehin OO
mißtrauenstrüber Blick gewiß nicht der OO
Schätze Wert und Bedeutung erfassen würde.. OO
.Das ist Binsenweisheit, die jeder zu er‐ OO
greifen vermag, und die Erfahrung des All‐ OO
29 Wegweiser
tags schafft hier wahrlich mehr Bestätigung OO
als nötig wäre!
.Aber es sitzt ein gar lehrhafter Trieb in OO
vielen Menschen, der sie immer wieder OO
vergessen läßt, sich selbst zu fragen, vonOO
welcher Artung der Gegenstand sein darf, OO
den sie noch lehrend weitergeben dürfen. ‒ OO
.Mancher könnte Segen bringen, lehrte OO
er nur das, was er zu lehren vermag, OO
jedoch die leidige Sucht, auch Dinge lehren OO
zu wollen, die er nicht lehren kann, läßt OO
ihn zu einem Werkzeug des Unheils werden. OO
.In irdischen Dingen ist solcher Lehr‐ OO
sucht immerhin Zaun und Riegel vorge‐ OO
schoben, und die von einem Unberufenen OO
Belehrten merken nur zu bald, daß sie töricht OO
vertrauten, wo sie hätten verlachen sollen... OO
.Dort aber, wo die äußere Erscheinung OO
keine Korrektur des falsch Erkannten bietet, OO
kann der Trieb, die anderen zu belehren, OO
Unheil über Unheil türmen, und es mag OO
30 Wegweiser
lange währen, bis der seinem Lehrtrieb Frö‐ OO
nende erkennt, was er verschuldet hat, ob‐ OO
wohl er sich stets guten Willens wußte. ‒ OO
.So gibt es auch unter denen, die zum OO
Licht des reinen, wesenhaften GeistesOO
streben, leider nur Allzuviele, die kaum OO
ihr erstes dürftiges Erkennen erlebten und OO
schon sich nicht halten können, alsbald und OO
unverlangt davon zu reden.
.Kaum hat der erste Strahl der Klarheit OO
sie gestreift, so eilen sie durch alle Gassen, OO
bis sie einen Menschen finden, der sich auf OO
Grund des so spärlich Erkannten nun von OO
ihnen belehren läßt. ‒
.Anwälte des Geistes glauben sie schon OO
zu sein, und sind nur arme Hörige ihrer OO
Eitelkeit!
.Wagt dann der durch solche Lehre Be‐ OO
glückte gar noch Einspruch, da er sich OO
aus eigener Erkenntnis weit belehrterOO
31 Wegweiser
als sein Lehrer weiß, so offenbart sich dieser OO
meist in seiner ganzen kümmerlichen Ar‐ OO
mut, ohne es zu wollen, denn es ist ihm OO
unerfindlich, daß ein Anderer, den er tiefOO
unter sich zu sehen wähnt, Erkenntnis OO
haben könne, die ihm selbst noch fehlt... OO
.Gemeinsam allen Lehrsuchtkranken ist OO
die hohe Meinung, die sie von sich selber OO
haben! ‒
.Was sie vielleicht in Wahrheit schon OO
erkennen, benützen sie um sich ein Piede‐ OO
stal zu bauen, auf dem sie sich schon OO
höherstehend” fühlen können als die OO
Andern, und wenn sie reden, senken sie OO
alsdann die Augenlider, um „herabzuOO
sehen” aus erträumter Geisteshöhe...
.Sie ahnen nicht, wie sie sich selbstOO
das Urteil schaffen: ‒ daß sie zwar „beOO
rufen” waren, aber nun um ihres Dünkels OO
willen ausgeschieden werden müssen aus OO
32 Wegweiser
der Zahl der wirklichZählenden”, die OO
unbeirrbar weise Wahl der Ewigkeit sich OO
auserwählt”! ‒ ‒ ‒
.Sie ahnen nicht, daß ihre Lehrsucht OO
ihnen zum Verhängnis wird, so daß sie OO
niemals aus der ersten Dürftigkeit zur OO
lichten Fülle der Erkenntnis hingelangen OO
können, die nur denen sich erschließt, die OO
erst den Mund zur Lehre öffnen, wenn es OO
geistiges Gebot erheischt, und die selbstOO
dann nur unter Zagen und ErbebenOO
ihrem inneren Erkennen Wortgewänder OO
wirken, stets bewußt der fast untragbaren OO
Verantwortung, die jeder auf sich nehmen OO
muß, der Geistiges zu lehren unternimmt! OO
‒ ‒
.Ach, daß doch in allen, die so gerne OO
sich als Lehrende berufen fühlen möchten, OO
nur ein Weniges wäre von dem BewußtOO
sein der Verantwortung, wie es in denen OO
lebt, die Geistiges lehren müssen! ‒
33 Wegweiser
.Wer auch nur ahnend fühlt, was es OO
hier zu verantworten gilt, der wird sich OO
gewiß nicht so vermessen, daß er Andere OO
lehren möchte, bevor er selber in derOO
untrüglichen Fülle der Erkenntnis steht! OO
.Es gibt keinen Tag in meinem Leben, OO
an den ich mit solchem Erschauern denken OO
müßte, wie an jenen, der mir die Pflicht, OO
zu lehren, auferlegte. ‒ ‒ ‒
.Wahrlich: ‒ es war ein gar schweres OO
Erleben, an mir selbst erfahren zu müssen, OO
wie anders es ist, für sich selbst in lichter OO
Erkenntnis zu stehen, und was es dann OO
heißen will, das Erkannte in Worte derOO
Lehre zu kleiden! ‒ ‒
.Nur allzunahe lag damals die Versuchung, OO
zu beten: ‒ „Herr, lege mir diese LastOO
nicht auf! ‒ Erbarme Dich und sucheOO
Dir einen anderen Knecht!” ‒ ‒
34 Wegweiser
.Aber solches Gebet wäre Lästerung ge‐ OO
wesen und geistige Selbstvernichtung... OO
.Nicht einem aus denen, die jemals OO
als Berufene vom Geiste sprachen, ist OO
diese furchtbare Stunde erspart geblieben. ‒ OO
.Wer aber wirklich vom Geiste reden OO
darf, weil er aus eigener ErfahrungOO
reden kann, der vermag kaum zu fassen, OO
daß es Menschen gibt, die leichthin über OO
kaum Erkanntes sprechen, ‒ vorlaut OO
sprechen, ohne Not und Zwang. ‒ ‒
.Schicksalhafte Nötigung bleibt je‐ OO
dem, der aus dem Geiste lehren muß, jedes OO
Wort der Lehre, obwohl er weiß, daß er OO
voreinst sich selbst zu solchem Schicksal OO
dargeboten hatte, als er noch nicht wußte OO
um die Qual, die ihm aus erdenhafter Hem‐ OO
mung werden würde...
.Man steht an einem urtiefen Brunnen OO
und hält einen winzigen Becher in der OO
35 Wegweiser
Hand um zu schöpfen, auf daß man den OO
Verschmachtenden zu trinken geben könne. OO
.Wohl quillt der Trank aus unergründ‐ OO
barer Tiefe, aber ‒ wie wenig ist das, OO
was der winzige Becher faßt, gemessen an OO
dem nie versiegenden Überfluß, der immer‐ OO
fort tausendfach ersetzt, was der Quelle ent‐ OO
nommen wurde! ‒
.Keiner erlebt so sehr das Gefühl seiner OO
menschlichen Ohnmacht, wie der, dem es OO
Pflicht ward, aus diesem Brunnen zu OO
schöpfen, und der mit Eimern schöpfen OO
möchte, aber auf ein Schöpfgefäß verwiesen OO
ist, das kaum mehr in sich aufnehmen OO
kann als eine hohle Hand. ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ OO
.Was aber soll man von denen dann OO
halten, die vielleicht ein Tröpflein des OO
lebendigen Wassers benetzte, und die sich als‐ OO
dann gebärden, als hätten sie den BrunnenOO
ausgeschöpft!?!
36 Wegweiser
.Es ist menschlich verzeihlich, wenn einer, OO
der zu seiner ersten kleinen Erkenntnis OO
kam, so überwältigt von seinem Erleben OO
ist, daß er nun glaubt, er könne nichts OO
Besseres tun, als auch Anderen mitzuteilen, OO
was er erkannte, oder zu erkennen meint. OO
.Dennoch ist solches Verhalten nicht nur OO
Torheit, sondern Schuld, weil es die EhrOO
furcht vor dem Ewigen vermissen läßt, OO
denn jeder, der bei Sinnen ist, muß sich OO
zu sagen wissen, daß auch unerhörtes Er‐ OO
leben geistigen Erkennens ihn nicht mit OO
einemmale in die Fülle der Erkenntnis ver‐ OO
setzen kann, ‒ daß er nicht berufen ist, OO
zu lehren, solange er selbst noch der Lehre OO
bedarf. ‒
.Wohl darf er den Anderen sagen: ‒ OO
„Seht, so habe ich es von denen verOO
nommen, die mich lehrten, und einigesOO
davon ward durch Erkenntnis mir beOO
stätigt!” ‒ aber wenn er nicht mit Schuld OO
sich schwer beladen will, dann muß er auch OO
37 Wegweiser
die Demut in sich finden, zu bekennen: OO
‒ „Dieses und auch jenes weiß ich zwar, so OO
wie man Dinge wissen kann, die man vonOO
einem Anderen hört, allein, mir selberOO
ist das alles noch erlebensfremd!” ‒ ‒ ‒ OO
.Niemals darf sein spärliches Erkennen OO
ihn verleiten, nun den Anschein zu er‐ OO
wecken, als sei auch Anderes, das er nur OO
aus der Lehre kennt, in seinem Innersten OO
bereits durch eigenes Erleben aufgenommen OO
worden, auch wenn er längst der festen Über‐ OO
zeugung ist, daß dieses nur aus Menschen‐ OO
mund Vernommene die gleiche WahrOO
heit in sich birgt, wie das, was er in sich OO
erkennen und erleben durfte! ‒ ‒
.Er würde sonst nur sein Erkennen OO
hemmen und zuletzt unmöglich werden OO
lassen, denn alles, was er sich vor anderen OO
als Erkenntnis seines eigenen InnernOO
zuspricht, noch bevor er es erkennend in OO
sich selbst erlebte, wird dem wirklichen OO
Erkennen unerreichbar bleiben...
38 Wegweiser
.Unzählige, die einer Wahrheitslehre folg‐ OO
ten und auf dem besten Wege zur Erkenntnis OO
waren, haben so sich um ihr wirklichesOO
Erkennen selbst betrogen, weil sie sich OO
nicht enthalten konnten, Anderen den An‐ OO
schein zu vermitteln, als hätten sie bereits OO
im Innersten erkannt, was die als wahr er‐ OO
fühlte Lehre sie vorerst erkennen lehrenOO
wollte. ‒ ‒ ‒
.Die Lehre, die in dieser Zeit nunmehr OO
mein Wort erneut der Welt vermittelt, er‐ OO
reichte vor Jahrtausenden schon Seelen, die OO
zuletzt sie in sich selbst bestätigt fanden, OO
durch das eigene Erleben.
.Sie soll auch heute wieder solche OO
Menschen finden, und sie fand bereits nicht OO
wenige, die in sich selbst erlebten, was OO
meine Worte als erlebensmöglich künden. OO
.Obwohl nun aber alles, was ich lehre, OO
Gemeinschaftsgut und wohlerprobtes Wis‐ OO
39 Wegweiser
sen aller derer ist, die jemals in der FülleOO
des Erkennens waren, wie derer, die in OO
kommenden Jahrtausenden aus gleicherOO
Fülle lehren können, mußte ich doch erst OO
selbst in dieser Erkenntnis stehen, bevor OO
ich aus ihr reden durfte. Es ist aber noch OO
nichts gewonnen, wenn man nur vernimmt, OO
was meine eigene Erkenntnis ist, solange OO
man nicht willens ist, Bestätigung dafür OO
auch in sich selbst zu suchen. ‒
.Auch was die Schüler dieser Lehre, die OO
sie in sich selbst bestätigt fanden, nun OO
etwa vermitteln können, bleibt nur sehr OO
bedingten Wertes, solange man sich nicht OO
bestrebt, auch in sich selbst Gewißheit OO
zu erlangen.
.Die Art und Weise aber, wie die einzelne OO
Seele solche Gewißheit erlangt, ist gar sehr OO
verschieden, weshalb denn auch mein OO
Wort sich stets aufs neue müht, gesondert OO
aller Möglichkeiten zu gedenken.
40 Wegweiser
.Hier ist der Grund dafür zu suchen, OO
daß ich die Lehre stets in einer anderen OO
Form in Abhandlungen gebe, die in der OO
Einheit eines kleinen Buches immer das zu‐ OO
sammenschließen, was besonderer Seelen‐ OO
artung Hilfe bringen soll. ‒
.Gewiß wird Jeder nun aus jedemOO
dieser kleinen Bücher mancherlei entneh‐ OO
men können, was ihn angeht, allein es wird OO
auch Jeder die für ihn in SonderheitOO
bestimmten Lehrkomplexe finden, so daß OO
er dann aus meinen Worten leicht erfühlen OO
kann, was seiner Seelen-Art gemäß ist, ‒ OO
was er von sich fordern muß, und was OO
er wohl von sich erwarten darf.
.Es ist jedoch nicht ratsam, ‒ wenn OO
es auch dem Urteilsfähigen kaum schaden OO
wird ‒ den Inhalt dieser Buch-Einheiten OO
wahllos in ein anderes Gefüge einzuordnen. OO
.Ich will, daß man als Einheit zu er‐ OO
fassen suche, was ich schon äußerlich als OO
41 Wegweiser
Einheit gab, und nicht die Worte einesOO
Buches willkürlich mit den Worten eines OO
anderen mische!
.Nur so wie ich die Abhandlungen an‐ OO
einanderfügte, wollen sie gelesen und be‐ OO
trachtet werden.
.Das will nicht heißen, daß man nicht OO
dennoch manchen Ausspruch finden könne, OO
der mit anderen aus meinen anderenOO
Büchern sich vereinen ließe, ‒ ja, es könnte OO
sein, daß sich hier eine reiche Sammlung OO
bieten würde, wollte man vereinen, wasOO
sich dem Sinn nach wirklich aneinOO
anderschließt.*) OO
.Ich will nur warnen vor der Neigung, OO
Sätze und Gedankenreihen, die in einemOO
Buche wohlbegründet ihren Platz gefunden OO
haben, willkürlich dem Zusammenhange OO
zu entreißen, um sie ähnlichen Bekun‐ OO
dungen des anderen Buches gleichzusetzen, OO
‒‒
* Mittlerweile ist dies geschehen. Siehe: Rudolf Schott
„Brevier des Werkes von Bô Yin Râ”!
42 Wegweiser
in dem sie einen nicht von mir geOO
wollten Sinn erhalten könnten.
.Es würde sich dann sicher nicht um OO
„Widersprüche” handeln, denn wie könntenOO
Widersprüche möglich sein, wo jedes Wort OO
aus gleicher Wirklichkeitserkenntnis fließt, OO
‒ doch wäre Gefahr gegeben, daß als Wider‐ OO
spruch empfunden werden könnte, was OO
nur von anderem Gesichtspunkt herOO
gesehen ist.
.Letztlich aber bleibt das wichtigste Er‐ OO
fordernis für jeden Menschen der sich OO
meiner Lebenslehre widmet, daß er nach OO
ihren Anweisungen handelt...
.Dann wird ihm aus der Lehre der Weg OO
zum Leben im urewigen Licht, und OO
höchstes Erkennen in der Liebe. ‒ ‒
.So aber, wie man nicht lehren soll, OO
was man selbst noch nicht erkannte, so OO
soll man auch nicht schon zu „erkennenOO
43 Wegweiser
glauben, was man erst nur in der TheorieOO
erfaßte, und was dann noch weit entfernt OO
ist von praktischer Bestätigung!
.Wie kannst du wissen, ob du WahrheitOO
weitergibst, solange das, was du zu geben OO
hast, sich dir noch nicht als wahr erOO
wiesen hat?! ‒
.Nicht, daß ich also lehre, darf dir als OO
Bestätigung der Wahrheit meiner Lehre OO
gelten, sondern was ich lehre, muß sich in OO
deiner Erfahrung bewährt haben, als unOO
anfechtbare Wahrheitserkenntnis!
.Dann erst darfst du weitergeben, was OO
vordem ich dir gegeben habe! ‒ ‒ ‒
44 Wegweiser
LESEN LERNEN
.Daß nicht jeder, der gute Augen hat, OO
auch „sehen” kann, haben die Maler all‐ OO
mählich den Menschen beigebracht, die sich OO
für ihre Kunst interessieren.
.Man hat gehört, man müsse erst sehen OO
lernen”, wolle man wie die Maler sehen OO
können, um dann zu verstehen, daß Wiesen OO
nicht unter allen Umständen grün, ‒ daß OO
Eichbäume auch zuweilen blau zu malen OO
seien...
.Es handelt sich hier um die Erkenntnis, OO
daß es nicht genügt, gesunde Augen zu OO
haben, um auch richtig „sehen” zu können, OO
sondern daß künstlerisches Sehen erOO
lernt und geübt sein will.
.Ist es aber mit dem rechten Lesen nicht OO
ebenso?! ‒
47 Wegweiser
.Jeder, der in der Schule die Bedeutung OO
der Buchstabenzeichen erfaßt hat und so OO
nach und nach zum „Lieben Leser” einer OO
Zeitung heranwuchs, bildet sich felsenfest OO
ein, er könne „lesen”, und wenn du es OO
ihm nicht glaubst, dann liest er dir was OO
du nur hören magst im schönsten Pathos OO
vor, um es dir zu beweisen.
.Ob er aber wirklich „lesen” kann, OO
weißt du dann immer noch nicht!
.Du hast dich nur überzeugt, daß er Buch‐ OO
stabenzeichen und ihre Kombination zu OO
Worten oder Sätzen richtig durch Mundlaute OO
auszudrücken vermag.
.Lesen” ist aber denn doch noch etwasOO
anderes!
.Von einem der behauptet, „lesen” zu OO
können, darfst und mußt du getrost ver‐ OO
langen, daß er nicht nur Buchstabenzeichen OO
ins Mundgerechte übersetzen und dir bei‐ OO
läufig den Sinn der Worte, korrekt nach OO
48 Wegweiser
dem Wörterbuch, zu Verstande bringen, oder OO
die Sätze grammatikalisch analysieren kann, OO
‒ sondern daß er vor allem „versteht”, OO
was der Verfasser des Geschriebenen mit OO
Buchstaben, Worten und Sätzen anderen OO
Gehirnen übermitteln wollte. ‒ ‒
.Das aber wird sich oft gar nicht so leicht OO
aus dem gerade gelesenen Satz allein ersehen OO
lassen, sondern der Leser wird das Schrift‐ OO
stück an den verschiedensten Punkten OO
nach der Meinung des einen Satzes befragen OO
müssen, um zur Sicherheit im Verstehen OO
zu gelangen, ‒ und ein andermal wieder OO
wird der, der wirklich „lesen” kann, so‐ OO
fort wissen, daß er von allen anderen Sätzen OO
absehen muß, will er zum richtigen Ver‐ OO
stehen eines in sich selbst beschlossenen OO
Satzes kommen.
.Lesenkönnen” verlangt als Voraus‐ OO
setzung ein möglichst hochentwickeltes EinOO
fühlungsvermögen.
49 Wegweiser
.Nicht nur der ehrliche Wille, den AutorOO
(und nicht sich selbst) zu vernehmen, OO
muß vorhanden sein, sondern zugleich auch OO
die Fähigkeit, sich in die GedankenOO
gänge des Autors zu versetzen, und so OO
dann gleichsam an seinem Denken teilOO
zunehmen.
.Handelt ein Schriftwerk nur von Dingen, OO
die alltäglich erfahrbar und mit Wohl‐ OO
bekanntem leicht vergleichbar sind, dann OO
kann wohl auch schon geringes Einfüh‐ OO
lungsvermögen zu richtigem Verstehen ge‐ OO
nügen, ‒ aber anders werden die Bedin‐ OO
gungen der Übertragbarkeit von Gedanken OO
durch geschriebene oder gedruckte Worte, OO
sobald es sich um Mitteilungen handelt, die OO
wenig Vergleichsmöglichkeiten im Allbe‐ OO
kannten finden, ‒ und ganz unmöglichOO
ist ein richtiges Verstehen ohne intensive OO
Einfühlung, wenn irdischer Erscheinungs‐ OO
form nicht zu Vergleichendes der Vor‐ OO
stellung des Lesers deutlich werden soll... OO
50 Wegweiser
.Wir Menschen werden uns verstehbar, OO
indem der eine das ihm bekannt gewor‐ OO
dene, soweit es anderen noch unbekanntOO
ist, darzustellen sucht mit Hilfe dessen, was er OO
als allgemein bekannt voraussetzen darf. OO
.Nun ist aber wirklich nicht alles allen OO
erfahrbar, und nur engstirnig-eitle Ahnungs‐ OO
losigkeit kann diese Tatsache leugnen.
.Je weiter jedoch des Einzelnen geistiger OO
Umfang reicht, je respektabler sein „ForOO
mat” ist ‒ um dieses Modewort hier als OO
Verdeutlichungsbehelf zu gebrauchen, ‒ OO
desto sicherer besitzt er die Erkenntnis, daß OO
noch gar Vieles ihm selber nicht erlangbar OO
ist, wohl aber durch Andere, die es erOO
langten, auch ihm begreifbar werden kann. OO
.Die Frucht aus fernen Landen, die deine OO
Tafel ziert, brauchst du nicht selbst zu pflük‐ OO
ken, und dennoch kannst du sie genießen! OO
.Soll dir darum in einer Niederschrift noch OO
Fernes, deinen Vorstellungen FremdesOO
51 Wegweiser
übermittelt werden, so wirst Du es nur OO
prüfen können, indem du in dich aufOO
nimmst, was dich so erreicht, auch wenn OO
du vorerst noch nichts anderes kennst dem OO
es vergleichbar wäre. ‒
.Das heißt mit anderen Worten:
.Je ferner dir des Autors eigene Erfahrung OO
ist, ‒ je ferner Vergleichen mit der Sinnen‐ OO
welt, ‒ desto mehr mußt du versuchen, OO
dich in seine Ausdrucksweise einzufühlen, OO
wenn du wirklich ihn verstehen lernen OO
willst! ‒
.Du mußt dich selbst in deiner Vor‐ OO
stellung an seiner Stelle sehen und in OO
deinem eigenen Erfühlen nacherleben, OO
was er durch das Wort dir so erkenntnis‐ OO
nahe bringen möchte, wie er es in sich OO
selbst erkennt. ‒
.Dann wirst du von dir sagen dürfen, daß OO
du zu „lesen” weißt, wie jeder Redliche OO
52 Wegweiser
zu lesen wissen sollte, bevor er sich an Worte OO
wagt, in denen seelisches Erleben sagbar OO
werden will! ‒
.Und solches „Lesen” wird dich auch OO
belehren, ob das, was du als „lesenswert” OO
erachtest, wirklich Lesens-Werte in sich OO
trägt, denn alles Hohle wird dir seine OO
innere Leere zeigen müssen, da es nicht OO
in deiner Seele Tiefen sinken kann, die OO
nur das wahrhaft Vollgewichtige erreicht. OO
‒ ‒ ‒
.Man liest heute viel, vielleicht nur all‐ OO
zuviel, und doch verstehen wenige die Kunst OO
des rechten Lesens.
.Das Zeitungslesen hat diese Kunst ver‐ OO
nichtet. Die Ehrfurcht vor dem Buche OO
ist dahingeschwunden.
.Man weiß nicht mehr anders zu lesen OO
als in fliegender Hast, so wie man gewohnt OO
ist, täglich das Morgenblatt zu durchstöbern. OO
53 Wegweiser
.Daß ein Buch gebaut sein kann wie OO
ein Tempelbau, ‒ daß jede Silbe dann OO
einen Baustein bildet, der nicht fehlen darf, OO
kommt dem gierigen Leser nicht zu Be‐ OO
wußtsein. ‒
.Wer weiß noch etwas von der Magie des OO
Lesens, die in dem Leser das Gelesene neuOO
erstehen läßt zu unverlierbarem Besitz?! OO
.Man sollte wissen, daß man durch ein OO
Buch mit seinem Autor in seelische GeOO
meinschaft tritt, und sollte zu wählenOO
wissen, mit wem man in solche Gemein‐ OO
schaft treten mag. ‒
.Ein Buch ist das magische Mittel, GeOO
dankenbilder in dir zu erzeugen, die OO
denen gleichen, die sein Autor schuf. Du OO
wirst aber kein Gedankenbild in deiner OO
Seele gestalten oder gar liebevoll hegen OO
können, das nicht auf geheimnisvolle Weise OO
teilhat an Deiner Seele Formung.
54 Wegweiser
.So ist denn dein Lesen sehr verantwort‐ OO
liches Tun.
.Nur dort solltest du lesen, wo du gewiß OO
sein kannst, daß die Gedankenbilder, die OO
dein Lesen in dir zeugt, deiner Seele höchste OO
Formung fördern.
.Es müssen durchaus nicht immer ab‐ OO
gründig ernste Bücher sein, die solches OO
bewirken.
.Auch Humor und Satire können gött‐ OO
liche Kräfte in dir erwecken, die du bei OO
der Formung deiner Seele wahrlich nicht OO
missen darfst!
.Ja, es ist möglich, zuzeiten Bücher mit OO
hohem Gewinn zu lesen, deren einziger Wert OO
in der Macht der Spannung liegt, die der OO
Autor im Leser zu erzeugen weiß.
.Ich will hier gewiß kein Puritanertum OO
des Lesens predigen!
55 Wegweiser
.Wenn du aber lesen willst, dann lies OO
‒ was immer du lesen magst ‒ als einer, OO
der da bewußt das Wunder erlebt, daß Reihen OO
seltsamer Zeichen auf einem Blatte Papier OO
seine eigene Schöpferkraft erregen können, OO
so daß in ihm selber die gleichen Gedanken‐ OO
bilder erstehen, die einst in eines anderen OO
Menschen Seele erste Gestaltung fanden.
.Erziehe dich selbst zur Ehrfurcht vor OO
dem Wort!
.Eine einzige Seite so gelesen, daß dir OO
eines jeden Wortes weitester Umfang deut‐ OO
lich zu Bewußtsein kam, wird dir mehr OO
Segen bringen, als wenn du das beste Buch OO
„in einem Zuge” durchgelesen hättest, kaum OO
noch der Sätze achtend, geschweige denn OO
dem einzelnen Worte hingegeben.
.Erst wenn du recht zu lesen weißt, ge‐ OO
hört das Buch dir allein.
.Deine eigene Wertung wird seine Worte OO
wandeln, so daß du anderes lesen wirst als OO
56 Wegweiser
alle anderen, die das gleiche Buch in Händen OO
halten. ‒ ‒
.Ein Buch kann so für dich einen Wert OO
erlangen, der hoch über seinem sichtbaren OO
Inhalt steht. ‒
.Du kannst sogar seelisch reicher werden OO
durch das rechte Lesen eines Buches, als OO
der Autor, der es schuf...
.Ich rate dir: ‒ wage den Versuch und OO
lies einmal ein Buch auf solche Art. Wenn OO
du dich selber festzuhalten weißt, so daß OO
du dir nicht unvermerkt dabei entschlüpfen OO
kannst, dann wirst du gewiß nicht mehr OO
auf andere Art zu lesen wünschen.
.Es ist nur geringe Mühe, die man hier OO
von dir verlangt, vergleichst du sie mit dem OO
Gewinn, der dir auf diese Weise werden OO
kann.
.Auch „leichte” Lektüre werde niemals OO
anders von dir gelesen, als mit treuerOO
57 Wegweiser
Wortbeachtung, denn wie sollte Formungs‐ OO
kräftiges, das auch im Scherz und in gar OO
wenig gedankenbeschwerter Rede sich ver‐ OO
stecken kann, dir zu Bewußtsein kommen, OO
wenn du nur gleichsam in weiten und OO
flüchtigen Sprüngen die Sätze „überfliegst”, OO
statt alle ihre Deutungsmöglichkeiten auf‐ OO
zuspüren?! ‒
.Lesen lernen” heißt: ‒ sich selbst OO
als Lesenden achten, und somit sich selbst OO
zu gut sein zu unfruchtbarem Tun! ‒
.Alles, was du lesen magst, kann dir OO
reiche Frucht tragen, so du nur recht zu OO
lesen verstehst! ‒ ‒ ‒
58 Wegweiser
BRIEFE
.Es ist etwas Geheimnisvolles um das OO
Stückchen Papier, das da, bedeckt mit selt‐ OO
samen Zeichen, von einem Menschen zum OO
anderen geschickt werden kann, und des OO
einen Gedanken wie seine Gefühle dem OO
anderen vermittelt.
.Da aber der briefliche Verkehr von OO
Mensch zu Mensch ein Bedingnis des All‐ OO
tagslebens geworden ist, so ward er uns nur OO
allzusehr vertraut, und es bedarf erst eines OO
Herausrückens unserer selbst aus dem Ge‐ OO
leise alltäglicher Denkgewohnheiten, sollen OO
wir wieder das Geheimnisvolle solcher Mit‐ OO
teilungsmöglichkeit empfinden können.
.Dieses hier gemeinte Geheimnisvolle aber OO
ist keineswegs schon umschrieben durch den OO
Hinweis auf den so wundersamen Vorgang, OO
daß ein Gedanke sich in Schriftzeichen OO
61 Wegweiser
bannen läßt, und daß er dann jederzeit OO
aus solchen Zeichen wieder zu lösen, gleich‐ OO
sam „aufzulesen” ist, denn der gleiche Vor‐ OO
gang wiederholt sich ja bei jedem gedruckten OO
oder geschriebenen Wort in der nämlichen OO
Weise.
.Es handelt sich hier vielmehr um das OO
unsichtbare und nur dem Fühlen wahr‐ OO
nehmhafte Fluidum, das mit dem Stück‐ OO
chen Papier und seinen Schriftzeichen zuOO
gleich an den Empfänger gelangt und von OO
ihm aufgenommen, „aufgesogen” wird, mag OO
er darum wissen oder nicht.
.Jeder auch nur einigermaßen sensitive OO
Mensch fühlt dieses Fluidum ebensodeut‐ OO
lich wie er die Schriftzeichen durch das OO
Auge zu sehen vermag, aber wer es nichtOO
fühlt, der wird nicht weniger davon beein‐ OO
druckt, ‒ nur vermag er sich darüber keine OO
Rechenschaft zu geben.
62 Wegweiser
.Es ist dabei ohne Bedeutung, ob ein OO
Brief handschriftlich oder mit Hilfe eines OO
mechanischen Apparats geschrieben wurde, OO
wenn er nur aus des Schreibers Händen OO
kommt, also nicht erst in Buchdruck um‐ OO
gesetzt wurde und auf anderes Papier über‐ OO
tragen! ‒
.Das Papier an sich ist der Träger des OO
hier gemeinten Fluidums, und dieses Flui‐ OO
dum wäre auch übertragbar, wollte der Ab‐ OO
sender nur das Papier „bedenken”, statt OO
es zu beschreiben. ‒ ‒
.Auf diese Weise besteht der „InhaltOO
eines Briefes durchaus nicht nur in dem, OO
was die niedergeschriebenen Worte besagen, OO
ja, der wichtigere und nur fühlbare In‐ OO
halt kann geradezu das Gegenteil von dem OO
übermitteln, was die sichtbaren Sätze sinn‐ OO
gemäß bedeuten. ‒ ‒ ‒
.Daraus ergibt sich aber, daß man einen OO
Brief immer nur dann wirklich beurteilen OO
63 Wegweiser
kann, wenn er soeben eröffnet, direkt vom OO
Schreiber kommt, denn das besagte Fluidum OO
verflüchtigt sich sehr schnell, und in we‐ OO
nigen Tagen schon ist kaum mehr viel da‐ OO
von zu fühlen.
.Ein Brief ist nun aber auch ureigentlich OO
nur für seinen Empfänger bestimmt, auf OO
den ja dann unweigerlich das mitgesandte OO
Fluidum übergeht, es sei denn, er wisse OO
um dessen Existenz und fühle Veranlassung, OO
sich dagegen zu wehren und es von sich OO
abzuschleudern...
.Aber wie könnte man nun, im Wissen OO
um all diese Dinge, noch die heute gras‐ OO
sierende Unsitte rechtfertigen, die Brief‐ OO
wechsel aller möglichen und unmöglichen, OO
bedeutenden und herzlich unbedeutenden OO
Menschen unter irgend einem fadenschei‐ OO
nigen Vorwand auszugraben, um sie zur OO
Vermehrung des offenbar noch immer zu OO
64 Wegweiser
dürftigen alljährlichen Bücherzuwachses auf OO
den Markt zu werfen!??
.Um keinerlei Zweifel Raum zu geben, OO
will ich hier deutlichst kundtun, daß mir OO
Weniges in der Welt so verhaßt ist, wie OO
solche widerliche und gleichsam „leichen‐ OO
schänderische” Briefwechselfabrikation!
.Wer immer Schriftstellerruhm zu den un‐ OO
entbehrlichen Lebensnotwendigkeiten rech‐ OO
net, aber selbst nichts auch nur irgendwie OO
Bedeutsames zu sagen hat, der sucht mit OO
der Herausgabe eines „Briefwechsels” sich OO
einen „Namen” zu ergattern, und Herr OO
Neureich kann sich eine ganze Bibliothek OO
aus Briefwechselbänden zusammenstellen OO
lassen, was für ihn auch recht praktisch OO
ist, denn er kann nach einigem Durch‐ OO
blättern eines Briefwechselbandes schon sehr OO
unterrichtet erscheinen, auch wenn er nie OO
sonst eine Zeile des betreffenden Schriftstel‐ OO
lers gelesen hat.
65 Wegweiser
.Der arme Briefschreiber selbst kann sich OO
ja nicht mehr wehren und muß sich aus‐ OO
plündern lassen, einerlei ob es dem Her‐ OO
ausgeber darum zu tun ist, seinen eigenenOO
Namen bekannt werden zu lassen, oder ob OO
er mit dem Hervorzerren der alten Briefe OO
deren Autor zu ehren glaubt...
.Die Manie, Briefe von irgendwie be‐ OO
achtsameren Menschen nach ihrem Tode OO
zu veröffentlichen, ist geradezu kulturOO
feindlich zu nennen. Briefe eines Men‐ OO
schen die man vor Fremde zerrt, für die OO
sie nicht bestimmt waren, ergeben schon OO
deshalb ein unrichtiges Bild, weil sie OO
doch niemals alle die Umstände erkennen OO
lassen können, aus denen heraus sie ge‐ OO
schrieben wurden. Außerdem ist jeder solche OO
Briefwechsel, da ursprünglich nur Ange‐ OO
legenheit zweier bestimmter Menschen, für OO
den späteren Leser als ungebetenen Dritten OO
denn doch ein recht bedenkliches Förde‐ OO
66 Wegweiser
rungsmittel der Erkenntnis, weil hier ganz OO
selbstverständlich subjektive Nachempfin‐ OO
dung an Stelle objektiven Aufnehmens tritt, OO
auch wenn man das nicht wahrhaben will, OO
und es selbst wohl auch nicht mehr bemerkt. OO
.Eine Ausnahme bilden nur Briefe ganz OO
allgemeinen Inhalts: wie SchilderungenOO
von Reisen oder Zeitbegebenheiten, OO
humoristische Ergüße, und auch LiebesOO
oder Erziehungsbriefe, da es in allen OO
diesen Fällen wenig verschlagen kann, ob OO
der Leser das Mitgeteilte nun objektiv an OO
sich herantreten läßt oder ob er sich sub‐ OO
jektiv in die Rolle des Briefschreibers OO
einfühlt.
.Nun gibt es freilich auch Briefe, die OO
schon geradezu im Hinblick auf spätere Ver‐ OO
öffentlichung geschrieben wurden...
.Hier handelt es sich aber schon kaum OO
mehr um die geheimnisvolle Brücke von OO
Mensch zu Mensch, als die ich den „Brief” OO
67 Wegweiser
aufgefaßt sehen will, sondern mehr um eine OO
Art von Essays in Briefform, die man OO
gewiß nicht an sich abzulehnen braucht, OO
sobald ein Mensch, der etwas zu sagen hat, OO
aus irgend einem Grunde sich ihrer be‐ OO
dienen mag!
.Es soll aber immerhin leider Menschen OO
geben, die es nicht unter ihrer sonst so OO
sorglich gehüteten und betonten Würde OO
finden, auch ihre scheinbar intimsten Privat‐ OO
briefe im Gedanken an eine mögliche spätere OO
Veröffentlichung zurechtzustilisieren...
.Auch eine Form menschlicher EitelOO
keit, wenn auch eine gar merkwürdige OO
Geschmacksbekundung! ‒ ‒
.Wenn aber Briefe wieder das werden OO
sollen, was sie in guten Zeiten und für so OO
manche, ihrer Ewigkeit wirklich bewußteOO
Menschen schon waren, dann wird man OO
wieder zur Unbefangenheit in der gegen‐ OO
68 Wegweiser
seitigen Aussprache zurückfinden müssen, OO
denn, was seinen Wortinhalt angeht, bleibt OO
der Brief nur sterile „Mitteilung”, wenn OO
seine Worte nicht aus einem wirklich „ge‐ OO
öffneten Herzen” kommen, und nie wird OO
ein Brief das Herz dessen zu öffnen ver‐ OO
mögen, an den er gerichtet ist, wenn man OO
zwischen den Zeilen nur allzudeutlich spürt, OO
daß jedes Wort daraufhin besehen und ab‐ OO
gewogen wurde, ob es möglicherweise auchOO
in die Öffentlichkeit kommen könnte! ‒ OO
.Ein Brief, der erfüllen soll, was ein OO
Brief erfüllen kann, muß aus jener Re‐ OO
gion des Innern kommen, in der wir alle OO
die gleiche gemeinsame Urheimat haben, OO
und muß jeweils so geschrieben sein, daß OO
er keinem anderen Menschen gelten könnte, OO
außer dem einen, für den er bestimmtOO
ist. ‒ ‒
.Diese Einstellung auf ein einzigesOO
Du” ist das wesentlichste Charakteristikum OO
des eigentlichen „Briefes”! ‒
69 Wegweiser
.Ein Brief an Viele zugleich ist seiner OO
besten Kraft beraubt, ja ist im strengen OO
Sinne überhaupt kein „Brief” mehr, sondern OO
ein Rundschreiben, ein Bericht, oder eine OO
Abhandlung. ‒ ‒
.Ich rede hier selbstverständlich nicht OO
von Briefen im Geschäftsverkehr, ob‐ OO
wohl es auch da durchaus nicht so nötig ist, OO
wie mancher kleine Geschäftsmann glaubt, OO
die notwendigen Korrespondenzen so unOO
persönlich wie möglich zu halten, und OO
die „Könige” unter den Kaufleuten längst OO
wieder wissen, daß man mit betont persönOO
lich gehaltenen Briefen, wie sie einst auch OO
die alten Hanseaten zu schreiben wußten, OO
denn doch erheblich weiter kommt. ‒ ‒ OO
.Was ich vielmehr hier im Auge habe, OO
ist die Wiedereinsetzung des „Briefes” in OO
seine guten alten Rechte als überaus wichtiger OO
70 Wegweiser
Faktor gegenseitiger Emporführung, geisti‐ OO
ger Hilfe und Stärkung. ‒ ‒ ‒
.Hier ist nur zu gewinnen, wenn man OO
sich von aller Schablone und aller Über‐ OO
ängstlichkeit frei machen will!
.Das bedeutet aber freilich andererseits OO
auch noch lange nicht, daß man jedem uner‐ OO
probten Mitmenschen sofort die geheimsten OO
Eröffnungen zu Füßen legen müsse, und OO
es braucht zweifellos einigen Takt, um je‐ OO
weils den für jeden Einzelnen gerade rich‐ OO
tigen und ihm gemäßen Ton zu treffen! ‒ ‒ OO
.Kehrt aber das Vertrauen, das der OO
Brief einst besaß, ihm wieder, so kann eine OO
in ihrem Wert kaum abzuschätzende Be‐ OO
reicherung unseres irdischen Lebens hier OO
wieder aufs neue erlangt werden.
.Gewiß verbieten es die Lebensumstände, OO
in denen die Menschen von heute sich zu‐ OO
rechtfinden müssen, daß man zu der Brief‐ OO
seligkeit ruhigerer Zeiten zurückkehre, allwo OO
71 Wegweiser
„der Posttag” wochenlang erwartet wurde und OO
wieder Wochen vergehen konnten, bis Ge‐ OO
legenheit zur Absendung der Antwort kam.
.Allein auch heute besteht noch immer OO
kein Zwang, einen Briefwechsel im EilOO
tempo zu betreiben.
.Die Möglichkeit, sofort antworten zu OO
können, darf nicht zu einer NötigungOO
mißbraucht werden!
.Mag es auch schwerer sein als ehedem, OO
die Ruhe zum Briefschreiben zu finden, OO
so braucht der Brief dennoch nicht die OO
Spuren der Hast zu zeigen, die dieses heutige OO
Zeitalter für sein ihm angemessenes Lebens‐ OO
tempo hält.
72 Wegweiser
PERSONENKULT
.Solange Menschen auf dieser Erde leben, OO
wird man es nicht verhüten, nicht verwehren OO
können, daß gewisse Einzelne, die irgend‐ OO
wie das Wohl Aller fördern, oder wohl OO
auch nur zu fördern scheinen, von jenen OO
ihrer Mitmenschen, die solches Tun als per‐ OO
sönliche Wohltat empfinden, Dank und Ver‐ OO
ehrung empfangen.
.Dank, wenn es sich um unleugbare OO
Hilfe handelt, ‒ Verehrung aber, wenn OO
der Beglückte in dem Verehrten sich selbst, OO
sein eigenes Menschentum, ‒ zu einer OO
Höhe emporgerissen fühlt, die er aus eigener OO
Kraft nicht zu erreichen vermag und den‐ OO
noch als dem Menschen erreichbar erahnt. ‒ OO
.Wer wollte Dank für geleistete Hilfe, OO
‒ wer solche, hier bezeichnete, Verehrung OO
verargen!?
75 Wegweiser
.Zu tief sind beide Empfindungstriebe OO
in jedem, nicht völlig verkommenen Men‐ OO
schen verwurzelt, als daß nicht hier deut‐ OO
lichst zu erfühlen wäre, welche Bedeutung OO
ihnen für die Erhaltung der Art, für die OO
Entfaltung des Edelsten der Rasse, inne‐ OO
wohnt. ‒
.Auf bedenkliche Bahnen aber verirrt OO
sich der Verehrungstrieb, wenn er der LeiOO
tung des Urteils sich entzieht und dann OO
wahllos alles verehrt, was der Kraft seines OO
Eigners versagt ist, und doch durch einen OO
anderen Menschen als erreichbar er‐ OO
wiesen wird.
.Dann ist der „Herkules” der Jahrmarkts‐ OO
bude, der Gaukler und Feuerfresser, gleicher OO
Verehrung sicher wie der Schöpfer höchster OO
geistiger Werte, und ebenso geht auch alle OO
Unterscheidung zwischen „Kunststück” und OO
Kunst verloren...
76 Wegweiser
.Aber wenn auch der Blick des Ver‐ OO
ehrenden sich nur auf wirkliche WerteOO
richtet, muß doch die Gefahr erkannt und OO
überwunden werden, daß allzuleicht aus OO
Verehrung „Personenkultus” wird, so‐ OO
bald man sie ausarten läßt zu einer VerOO
götterung des Persönlichen, wo nur OO
Tat oder Werk allein Verehrung gebührt. OO
.Es läßt sich nicht ändern, daß die allerOO
meisten Menschen während ihres Erden‐ OO
lebens nur für sich selbst und ihrenOO
allernächsten Umkreis Bedeutung er‐ OO
langen, während andere, wenige, auch fürOO
weite Menschheitsbezirke, ja fast fürOO
die ganze Erdenmenschheit „bedeutend”, OO
‒ zielweisend ‒ werden können.
.Verständlich und gerechtfertigt ist es, OO
wird den allgemein „Bedeutenden” Ver‐ OO
ehrung dargebracht, vor denen, die nur sich OO
und ihrer engsten Enge etwas zu bedeuten OO
77 Wegweiser
vermögen, auch wenn diese Enge schon sehr OO
wichtige Bezirke umfassen kann.
.Verhängnisvoll aber wird auch hier die OO
Verwechslung dessen, was eigentlich zu ver‐ OO
ehren ist, mit dem Erdenmenschen, der OO
es zu Tage brachte!
.Mag man auch immer den, der Ver‐ OO
ehrungswürdiges bewirkt, besonders achten, OO
ja vielleicht „bewundern” ‒ da man es OO
wie ein „Wunder” betrachtet, daß ein Mit‐ OO
mensch auf seine Höhe fand ‒ so muß OO
doch immer sorglichst unterschieden werden OO
zwischen dem, was er erlangte, und dem, OO
was er trotz allem bleibt: ‒ zwischen gei‐ OO
stigen unpersönlichen Werten und der OO
persönlich bestimmten Natur des MenOO
schen, der solche Werte darbietet, weil sie OO
ihm, sei es durch mühereiche Arbeit oder hohe OO
Gnade, schließlich erreichbar wurden. ‒ OO
.Es ist auch nie zu vergessen, daß jeder OO
„Schöpfer geistiger Werte” dies nur insoOO
78 Wegweiser
fern ist, als er aus der Fülle der ihmOO
offenbaren Geistigkeit „schöpft” ‒ wie OO
man Wasser schöpft aus einem gewaltigen OO
Strom ‒, nicht aber in jenem anderen OO
Sinne, dem „Schöpfung” ein Hervorbringen OO
aus dem Nichts bedeutet! ‒ ‒
.Und ebenso bleibt alles, was ein Mensch OO
jemals aus dem Geistigen holt und erden‐ OO
sinnverständlich macht, „Offenbarung”, sei OO
es nun Resultat einer jahrelang währenden OO
Laboratoriumsarbeit, oder die Gabe eines OO
gotterfüllten Augenblicks. ‒ ‒ ‒
.Ihn selbst dafür zu vergöttern, wäre OO
nicht nur Torheit, sondern EntwürdiOO
gung seiner Tat, ‒ seines Werkes, ‒ OO
ja es käme der Unterstellung gleich, daß OO
er wohl selbst nicht zwischen sich und dem, OO
was ihm geworden ist, zu unterscheiden OO
wisse. ‒
.Bei allem was ein Mensch seinen Mit‐ OO
menschen „be-deutet”, ist auch immer da‐ OO
79 Wegweiser
nach zu fragen, ob seine Bedeutung mit OO
ihm selbst und seinem Erdendasein steht OO
und fällt, oder ob Weiterzeugendes, OO
Weiterzeigendes unter den Menschen OO
lebendig bleibt, auch wenn der Bringer der OO
Gabe nicht mehr unter den Sichtbaren OO
weiterwirken wird. ‒
.Niemals aber besteht auch nur der OO
mindeste Anlaß, den Bringer, Deuter oder OO
Künder um seines Tuns willen zu „ver OO
göttern”, ‒ seiner Persönlichkeit (auch OO
wenn man diesen Begriff in dem hohen OO
Sinne Goethes erfaßt! ‒) götzenhaftenOO
Kult zu widmen, und jeder, der für seine OO
weitere menschliche Mitwelt wahrhaft „be‐ OO
deutend” ist, wird stets mit Ekel und Scham OO
solche Vergötzung von sich weisen, mag er OO
auch noch so weit davon entfernt sein, OO
seine tatsächliche Bedeutung zu unter‐ OO
schätzen! ‒ ‒ ‒
.Wer in Wahrheit für seine Mitmenschen OO
etwas zu bedeuten hat, der kennt auch OO
80 Wegweiser
aus tiefster Erkenntnis heraus sehr OO
wohl Art und Grad seiner Bedeutung.
.Er würde zum Lügner vor sich selbst OO
und Anderen, wollte er etwa den „Be‐ OO
scheidenen” spielen und so tun, als ob er OO
nicht um sein Bedeutendes wüßte!
.Aber, es ist etwas anderes, um seine OO
Bedeutung zu wissen, Verehrung, ja selbst OO
Ehrfurcht Anderer um ihretwillen zu er‐ OO
tragen, wie der Abgesandte eines Landes OO
wohl die Ehrung annimmt, die man seinem OO
Lande zollt, als um der Bedeutung seines OO
Wirkens willen und auf ihre Kosten, die OO
eigene Persönlichkeit, die doch nur OO
Mittlerdienste leistet, in den Vordergrund OO
zu stellen...
.Wenn ein Mensch den Mitmenschen OO
geistige Werte bringt, so wird man gewiß OO
verstehen, daß er sich auch gedrungen fühlt, OO
so gut wie es ihm möglich ist, zu bezeugen, OO
daß er nicht geraubtes Gut verschenkt OO
81 Wegweiser
sondern auf rechtliche Weise erlangte, was OO
er besitzt.
.Ob dieser Besitz aber auch wirklich OO
einen geistigen Wert darstellt, kann nur OO
durch Prüfung der Gabe selbst ent‐ OO
schieden werden und niemals durch die bloße OO
Bezeugung, daß sie rechtlich erlangt wurde, OO
obwohl es auch auf das „Wie” des Er‐ OO
langens sehr wesentlich ankommt.
.Werte, die aus dem Reich des wesenOO
haften, reinen Geistes stammen, können OO
niemals durch gedankliche Spekulation oder OO
naturwissenschaftliches Experiment erlangt OO
werden, und andererseits wäre es sinnlose OO
Vermessenheit, eine nur durch intensiveOO
Denkarbeit erlangbare Erkenntnis mühe‐ OO
los aus den geistigen Reichen her erwarten OO
zu wollen. ‒
.Aber so, wie eine bestimmte Entdeckung OO
eines Chemikers ihren Wert nur in sich OO
selber trägt, einerlei, wer des Gelehrten ein‐ OO
82 Wegweiser
stige Lehrer waren, oder aus welcher Fabrik OO
die Instrumente und Apparate stammten, OO
die er benützte, ‒ so muß auch die Gabe OO
aus dem Reich des wesenhaften reinen OO
Geistes in sich selber probehaltig be‐ OO
funden werden, ganz abgesehen von der OO
Bezeugung des Bringers über die Art und OO
Weise, wie er sie erlangte, oder wie er OO
zu ihrer Erlangung fähig wurde. ‒ ‒
.Es ist nicht eindringlich genug zu warnen OO
vor dem Annehmen einer geistigen Gabe OO
lediglich auf Autorität hin, denn ‒ wer OO
überhaupt auf Autorität hin etwas annimmt, OO
das nur auf die Bestätigung des eigenenOO
inneren Lebens und Erlebens hin an‐ OO
genommen werden dürfte, der ist stets OO
in Gefahr, auch von Fälschern, autoritäts‐ OO
gläubig, Gefälschtes anzunehmen, oder OO
von betrogenen Betrügern Talmi statt Gold OO
zu kaufen...
83 Wegweiser
.„Personenkultus” aber schafft so recht OO
die Treibhauswärme, in der die Neigung, OO
auf Autorität hin anzunehmen, was nur OO
nach eigener innerer Prüfung übernommen OO
werden darf, üppig gedeihen kann...
.Weit entfernt von solchem Kultus aber OO
ist das menschlich begründete VerOO
trauen gegenüber dem Vermittler einer OO
geistigen Gabe!
.So wie man wertvolle Dinge des äußeren OO
Lebens nur bei einem Kaufmann erstehen OO
wird, dessen Rechtlichkeit erwiesen und OO
dessen Fähigkeit zu urteilsicherem Einkauf OO
seiner Ware wohlerprobt ist, so soll man OO
auch geistige Werte niemals aus der Hand OO
eines Menschen nehmen, dem man nicht OO
felsenfest vertrauen kann, wodurch man OO
sich keineswegs des Rechtes begibt, das Er‐ OO
haltene dennoch erst im eigenen Innern OO
nachzuprüfen. ‒
84 Wegweiser
.Ist solches Vertrauen vielfach bestätigtOO
worden, so kann es freilich zu einer Sicher‐ OO
heit führen, die im voraus weiß, daß alle OO
Nachprüfung nur die Echtheit des Erhaltenen OO
erweist, ja das eigene Urteil kann sich im OO
Laufe der Zeit zur Urteilsgewißheit des OO
Vermittlers erheben, ähnlich, wie mancher OO
Kunstsammler etwa sich allmählich einen OO
Blick für das Echte erwarb, der ihn befähigt, OO
auch ohne Anwendung besonderer Prü‐ OO
fungsmethoden, sofort Wert von Unwert OO
zu unterscheiden.
.Und dieser hier herangezogene Vergleich OO
mag auch noch deutlicher werden lassen, OO
wie es bei jedem Bringer geistiger Werte OO
nur um das geht, was er bringt, und nicht OO
um eine Vergötzung seiner Person.
.So gibt es beispielsweise Sammler, die OO
einem bestimmten Meister alter oder neuerer OO
Kunst vor allen anderen den Vorzug geben OO
85 Wegweiser
und alles aufzubieten trachten, um seine OO
Werke zu erhalten.
.Wohl wird ein solcher Sammler auch OO
den Menschen, der die Werke schuf, zu OO
ehren wissen, allein ‒ nur um seiner OO
Werke willen, und weil nur dieser eine OO
Mensch eben diese Werke schaffen konnte OO
oder schaffen kann. ‒
.Niemand wird hier von „Persönlichkeits‐ OO
kultus” reden wollen!
.Ebenso aber müssen auch Sammler OO
geistiger Schätze verfahren lernen.
.Mögen sie auch in hohem Grade den OO
Vermittler solcher Gaben verehren, so soll OO
dies doch nur um der Gabe selbst willen OO
geschehen, und vielleicht auch um der Tat‐ OO
sache willen, daß echte Künder aus dem OO
Reiche wesenhaften Geistes doch wohl nochOO
seltener in dieser Erdenzeiten Lauf zu finden OO
sind, als echte Künstler. ‒ ‒ ‒
86 Wegweiser
KRITIKTRIEB
.Bei gewissen Krankheiten, deren Sym‐ OO
ptome den Nervenärzten wohlvertraut sind, OO
macht man die seltsame Beobachtung, daß OO
die Erkrankten jeder Heilungsabsicht inneren OO
Widerstand entgegensetzen, weil sie den OO
krankhaften Zustand geradezu wie eine be‐ OO
sondere Wertbetonung ihrer lieben Per‐ OO
sönlichkeit empfinden und somit keineswegs OO
wirklich von ihm befreit sein möchten.
.Nicht allzuferne von derart patholo‐ OO
gischem Zustand sind in heutigen Tagen OO
leider allzuviele Menschen, über die eine OO
seuchenhaft grassierende KritiksüchtigOO
keit derart Herr geworden ist, daß es ihnen OO
nicht mehr wohl in ihrer Haut wäre, fänden OO
sie nicht allenthalben um sich her stets neuen OO
Anlaß zu berechtigter, oder auch oft sehr OO
unangebrachter Verneinung des Tuns und OO
Werkes ihrer Nebenmenschen.
89 Wegweiser
.Es kommt den hier gemeinten Kritik‐ OO
triebkranken gar nicht mehr zu Bewußtsein, OO
daß normales und gesundes Bedürfnis OO
zu kritischem Verhalten erst dann sich OO
einstellt, wenn kenntnisgefestigte und OO
ihrer Sicherheit gewisse Prüfung jeweils OO
die Momente im Wirken und Werk des OO
Anderen entdeckt, durch die entweder seine OO
Absicht gefährdet erscheint, zum erstrebten OO
Ziel zu gelangen, oder durch die eine unOO
lautere Absicht erkennbar wird.
.Kritik, die aus nicht entartetem Kri‐ OO
tiktrieb erwächst, ist immer „wohlwollend”, OO
denn der seines gesunden Triebes mächtige OO
Wille erstrebt da in der Auswirkung ent‐ OO
weder das Wohl des kritisierten Handeln‐ OO
den, oder das Wohl der vor diesem zu OO
schützenden anderen Mitmenschen.
.Von einem gesund gebliebenen Kritik‐ OO
trieb ausgehende Kritik läßt sich auch stets OO
durch Belehrung korrigieren und wird OO
90 Wegweiser
nie in eigensinnigem Beharren besserem OO
Wissen Widerstand leisten.
.Das krankhaft überreiztem Triebe OO
entstammende Kritikbedürfnis will hingegen OO
nur die eigene Befriedigung und fühlt OO
empfindlichen Mangel, wenn es ihm schwer OO
wird, sich die gewohnte, fast wollüstig er‐ OO
sehnte Selbstbefriedigung zu verschaffen.
.Über diese Dinge ist sich so Mancher OO
nicht klar, der sich viel darauf zugute hält, OO
daß er an allem und jedem was seine Neben‐ OO
menschen treiben und schaffen, „etwas aus‐ OO
zusetzen” hat, weil er seinen ursprünglich OO
gesunden Kritiktrieb zur Hypertrophie ent‐ OO
arten ließ durch fortgesetzte, selbstgewollte OO
Überreizung...
.Was aber hier gesagt wird, geht auch OO
alle an, die ihren Kritiktrieb noch gesund OO
zu erhalten wußten, denn der beste Schutz OO
vor seiner möglichen Entartung ist stete OO
Achtsamkeit auf die ihm drohende Gefahr. OO
91 Wegweiser
.Es liegt unbestreitbar ein gewisser sinn‐ OO
licher Reiz darin, seiner Kritiklust die Zügel OO
zu lockern und an Anderen der Wirkung OO
froh zu werden, die ungehemmte Verneinung OO
immer auslöst, sei es in der Form froh‐ OO
lockender Zustimmung, oder als entrüstete OO
Abwehr.
.Gerade diesem Anreiz aber gilt es zu OO
widerstehen, denn wer ihm des öfteren er‐ OO
liegt, der wird unmöglich seinen Kritiktrieb OO
gesund erhalten können.
.Hier handelt es sich nicht etwa um harm‐ OO
loses Spiel, das keinem verwehrt werden OO
dürfe.
.Allzuviel Unheil wird tagtäglich durch OO
eilfertiges und vorlautes Kritisieren herauf‐ OO
beschworen, in verhängnisvoller Auswir‐ OO
kung krankhaft entarteten Kritiktriebes, als OO
daß es nicht an der Zeit wäre, dem Übel OO
endlich festen Willens entgegenzutreten.
92 Wegweiser
.Es handelt sich hier nicht um berufs‐ OO
mäßige Kritik, die sich mit bildender Kunst, OO
Literatur, Musik und Theater befaßt, denn OO
da liegt doch zumeist das Amt des Kri‐ OO
tikers in der Hand von Publizisten, die auf OO
diesen Gebieten genügend Orientierung be‐ OO
sitzen um mit der Kritik der Werke dort OO
einsetzen zu können, wo fruchtbare Wir‐ OO
kung zu erwarten ist.
.Man wird auch schwerlich unter be‐ OO
rufsmäßigen Kritikern vielen Kritiktrieb‐ OO
kranken begegnen, und wenn berufsmäßige OO
Kritikausübung auch keineswegs vor Irr‐ OO
tümern geschützt ist, so bleibt doch das OO
kritisierte Werk bestehen und kann sich OO
im Laufe der Zeit die Revision des Fehl‐ OO
urteils erzwingen.
.Anders aber liegen die Dinge bei den OO
wilden Äußerungen entarteten Kritiktriebes OO
gegenüber dem Tun und Reden des Neben‐ OO
menschen, denn hier können Unkenntnis, OO
Vorwitz, oder böser Wille jede gute Wir‐ OO
93 Wegweiser
kung im Keim ersticken und jede spätere OO
Korrektur unmöglich machen.
.Besonders gilt das im Bereich des öffent‐ OO
lichen menschlichen Gemeinschaftslebens, OO
allwo Unzählige das Recht des Einzelnen OO
zur Mitbestimmung seiner äußeren Lebens‐ OO
bedingungen als ein Recht zu ahnungsOO
loser Kritik an allen und allem auf‐ OO
fassen, und so unweigerlich zu kläglicher OO
Entartung ihres Kritiktriebes gelangen.
.Gerade hier aber wirkt solche Entartung OO
auch ansteckend wie eine Seuche...
.Da sich jeder Einzelne zur Kritik beOO
rechtigt fühlt, auch wenn ihm jede Sach‐ OO
kenntnis abgeht gegenüber dem Tun oder OO
Reden, das zu kritisieren er unternimmt, OO
so wirkt auf ihn die kritische Äußerung OO
eines Anderen als überaus suggestive Auf‐ OO
forderung, sich in gleicher Weise hören zu OO
lassen, wobei dann die Eitelkeit dafür sorgt, OO
94 Wegweiser
daß die Aufblähung der eigenen Persön‐ OO
lichkeit des Kritikers aller sachlichen Kritik OO
überordnet wird...
.Einer besonderen Vorliebe erfreut sich OO
bei solchen an der Kritiksuchtseuche Er‐ OO
krankten das Schlagwort als bequemstes OO
und immer effektvolles, kritisches Schein‐ OO
argument.
.Der Dümmste vermag noch, ein Vir‐ OO
tuose des Schlagworts zu werden, das stets OO
ein sicherer Köder für alle Denkträgen und OO
Urteilsunmündigen ist und bleiben wird.
.Die Beliebtheit des Schlagworts genügt OO
aber allein schon zur Entlarvung der da‐ OO
mit operierenden Kritik, als eines verant‐ OO
wortungslosen Bestrebens, die zumeist recht OO
dürftige Geistigkeit des Kritikers gewichtig OO
und bedeutsam erscheinen zu lassen.
.Man darf wohl sagen, daß jeglicheOO
Kritik im gleichen Maße an Gültigkeit und OO
Wert verliert, als sie genötigt ist, ihre Zu‐ OO
95 Wegweiser
flucht zu wirkungserprobten SchlagwortenOO
zu nehmen. ‒
.Kritik als Auswirkung des gesundenOO
Kritiktriebes aber kennt das Schlagwort OO
kaum.
.Der noch nicht erkrankte Kritiktrieb OO
weckt vor aller Auswirkung das VerantOO
wortungsgefühl des Kritikers.
.Nicht um die Selbstbetonung einerOO
Persönlichkeit handelt es sich bei der Be‐ OO
tätigung des gesunden Kritiktriebes, sondern OO
um die Mitwirkung an der Vervollkomm‐ OO
nung eines Zustandes, einer Einrichtung, OO
oder sonstigen menschlichen Werkes.
.Hoch erhebt der Kritiktrieb den Men‐ OO
schen über das Tier!
.Auch das intelligenteste Tier nimmt seine OO
Umwelt hin wie sie ist, und äußert nicht OO
die leisesten Anzeichen wirklich kritischen OO
Verhaltens.
96 Wegweiser
.Freudiges Annehmen, oder Abwendung OO
und Widerstand im Verhalten des Tieres OO
zur Außenwelt, sind nur Äußerungen seines OO
Selbsterhaltungstriebes und dürfen nie‐ OO
mals als Ergebnis kritischen Erwägens ge‐ OO
deutet werden.
.Der Kritiktrieb des Menschen setzt die OO
Erahnung eines vollkommeneren Zustandes OO
der Dinge voraus, als er jemals hier auf OO
Erden anzutreffen ist.
.Wäre der Mensch hier im Leben der OO
physischen Erscheinungswelt heimisch, wie OO
das Tier, ‒ wie würde er Kritik üben OO
können an seiner ihm äußeren Welt!? ‒ OO
.Nur weil sein Geistiges VollkommeOO
neres kennt, als die ihn umgebende irdische OO
Welt, konnte der Mensch den Trieb zur OO
Kritik in sich erzeugen.
.Die ihm heute nicht mehr bewußtseins‐ OO
gegenwärtige Erfahrung seines urgegebenen OO
geistigen Seins ist dennoch Ursache seines OO
97 Wegweiser
kritischen Verhaltens gegenüber der ihn OO
nun umgebenden physischen Welt.
.Durch eigene Willens-Strebung ausge‐ OO
stoßen aus dem Bewußtseinsbereich des OO
reinen Erlebens wesenhaft geistiger Ge‐ OO
staltung, bleibt die ewige Geistsubstanz, die OO
im Erdmenschtiere sich nun physisch-sinnlich OO
erlebt, doch immer noch Träger der Er‐ OO
innerung an ihren vormaleinst erlebten OO
Seinszustand, und wenn auch das erden‐ OO
tierhafte Gehirn nicht ohne weiteres fähig OO
ist, an solcher „Er-Innerung” teilzunehmen, OO
so wird es gleichwohl ihrer ahnend teil‐ OO
haftig durch Influenzwirkung. ‒
.Alle Auswirkung gesunden Triebes zur OO
Kritik ist bestimmt durch unbewußtes Ver‐ OO
gleichen des im Irdischen Dargebotenen OO
mit der Form absoluter Vollkommenheit, OO
die ihm in geistiger Erscheinung ent‐ OO
sprechen würde.
98 Wegweiser
.Wir Menschen hier auf Erden leben OO
unter dem Einfluß zweier, voneinander OO
äußerst verschiedener Vollkommenheits‐ OO
Ideale, mögen wir unsere Doppelstrebigkeit OO
ignorieren, oder ‒ wie alle nicht ganz OO
irdisch verkrusteten Naturen ‒ bitter an OO
ihr leiden...
.Wären wir nur irdisch-sinnliche Na‐ OO
turen, dann wäre die Zwiestrebigkeit und OO
alles ihr entspringende Leid unmöglich.
.So aber sagt uns das physische Dasein OO
zwar mit brutaler Vehemenz, was ihm fürOO
sich „Vollkommenheit” heißt, während wir OO
durch das gleiche physische Gehirn auch OO
rein geistige Influenz aufnehmen, womit OO
uns die Vorstellung einer Vollkommenheit OO
gegeben wird, neben der alles irdisch Voll‐ OO
kommene für uns zur UnvollkommenOO
heit verdammt erscheint. ‒ ‒
.Es muß zu innerer „Zerrissenheit” OO
führen, wenn ein Mensch danach strebt, OO
99 Wegweiser
Dinge, die ganz der physischen Gesetz‐ OO
lichkeit unterordnet sind, zu einer Voll‐ OO
kommenheit zu führen, die nur im GeiOO
stigen gegeben ist!
.Alles Streben nach „Vergeistigung” des OO
Körperlichen gehört hierher...
.Es ist uns nur die erhabene Möglichkeit OO
geboten, hier im Physischen den Geist zu OO
verkörpern, aber auch diese Geist-VerkörOO
perung ist nur nach der Weise physischOO
sinnlicher Vollkommenheit vollziehbar, ‒ OO
wird also der Vollkommenheit des ewigen OO
Geistes gegenüber allzeit als „unvollOO
kommen” gelten müssen. ‒ ‒ ‒
.Nun verleitet uns aber der zwar geistOO
gezeugte, jedoch nur im Physischen sichOO
auswirkende Kritiktrieb immer wieder zu OO
der irrtümlichen Annahme, wir könnten OO
das in der physisch-sinnlichen Erscheinung OO
Gegebene zu jener Vollkommenheit führen, OO
die nur im Geistigen möglich ist.
100 Wegweiser
.Daher dann die Übersteigerung unserer OO
Ansprüche an uns selbst und die mit uns OO
Lebenden, ‒ daher die HypertrophieOO
des ungehemmten Kritiktriebes! ‒
.Die einsehen können, was hier einzu‐ OO
sehen ist, sollten sich wahrlich endlich klar OO
darüber werden, daß Kritik am Tun und OO
Treiben ihrer menschlichen Umwelt nur OO
dann berechtigt ist, ‒ daß der Kritiktrieb OO
nur dann gesund erhalten werden kann, ‒ OO
wenn sorglichst geachtet wird auf die OO
Bedingungen, denen alles Wirken des OO
Menschengeistes hier auf Erden unter‐ OO
stellt ist.
.Auch die irdisch-vollkommenste Lei‐ OO
stung des Menschen innerhalb der physischOO
sinnlichen Erscheinungswelt bleibt ein UnOO
vollkommenes gegenüber dem, was dem OO
ewigen, wesenhaften Geiste Vollkommen‐ OO
heit heißt. ‒
.Um wievielmehr ist alle Nachsicht dortOO
geboten, wo nach Lage der Dinge nicht OO
101 Wegweiser
einmal die „Vollkommenheit” nach physiOO
scher Möglichkeit erwartet werden darf... OO
.Kritiksucht ist die Krankheit, mit der OO
die „Schlange” des „Paradieses” die Mensch‐ OO
heit infizierte, und vielleicht versteht man OO
nach dem, was hier zur Erörterung kam, OO
nun besser die verlockenden Worte, die OO
innerhalb der mythischen Erzählung durch OO
das satanische Prinzip dem Menschen ein‐ OO
geflüstert werden:
.Ihr werdet sein wie die Götter, ‒ OO
erkennend Gutes und Böses!” ‒ ‒ ‒ OO
.Gar trübe und endlich vergängliche OO
„Götter” sind es, die solcher „Erkenntnis” OO
teilhaft sind!
.Vor dem ewigen, wesenhaften GeisteOO
aber ist alles „Böse” nur zeitlich erschei‐ OO
nender, vergänglicher Irrtum, dessen phyOO
sische Realität für geistiges Bewußtsein OO
ein „Nichtsein” ist, denn was allein im OO
102 Wegweiser
Geiste sich selbst erlebt, ist ewige VollOO
kommenheit: ‒ das urgezeugte und ewig OO
sich selber weiterzeugende „Gute”. ‒ ‒ ‒ OO
.Und nun noch ein Wort über SelbstOO
kritik!
.Daß auch diese Art der Auswirkung OO
den Kritiktrieb zur Entartung bringen OO
kann, wenn er nicht durch rechte Einsicht OO
geleitet wird, das dürfte am ehesten vielleicht OO
doch allen denen verstehbar werden, die OO
selbst an solcher Triebentartung leiden... OO
.Kritik am eigenen Verhalten kann OO
ebenso fördern oder hemmen, wie unsere OO
Kritik an Anderen diesen zur Förderung OO
oder Hemmung gereichen kann.
.In beiden Fällen wird die Auswirkung OO
des Kritiktriebes nur dann Segen bringen, OO
wenn vor allem anderen das Gute erspürt OO
und wertgeachtet wird, ehe man nach OO
Fehlern und Mängeln an sich oder seinen OO
Nebenmenschen forscht. ‒
103 Wegweiser
.Ein einziger positiver Wert kannOO
die Fülle aller vorhandenen FehlerOO
und Mängel überwiegen!
.Die Sage erzählt, daß Sodom vernichtet OO
wurde, weil die Sünde seiner TausendeOO
ihm zum Verderben gereichte, aber ‒ um OO
zehn Gerechter” willen wäre die ganzeOO
Stadt gerettet worden...
104 Wegweiser
WER WAR JAKOB BÖHME?
.Scheinbar ist es recht überflüssig, hier OO
aufs neue diese Frage zu stellen.
.Alte und neue Deuter des seltsamen OO
Werkes, das den Namen Böhmes trägt, OO
haben sich bald mit mehr, bald mit weniger OO
Glück auch mit der Deutung des MenschenOO
beschäftigt, der hinter diesem Werke steht. OO
.Daß Böhme ‒ außer dem was er warOO
‒ auch Schuhe nähen konnte, wissen selbst OO
Leute, die nie eine Zeile von ihm gelesen OO
haben, und wenn auch gewisse Deuter seines OO
Werkes von dem Urheber als dem „Gör‐ OO
litzer Schuster” sprechen, so ist das ‒ OO
bestenfalls ‒ Geschmackssache, wenn man OO
nicht mit mir der Ansicht zuneigt, daß OO
zwar die Schuhmacherei ein sehr ehren‐ OO
wertes Handwerk ist; daß auch dieser Hand‐ OO
107 Wegweiser
werkerstand recht stolz sein kann auf seinen OO
berühmten Zunftgenossen; daß es aber ge‐ OO
wiß nicht „geistige Nähe” verrät, wenn OO
man dem abgründig tiefen GeisteskünderOO
Jakob Böhme gegenüber, auch nur an das OO
alltägliche Tun erinnern mag, mit dem er OO
sein Brot verdiente. ‒ ‒
.Allerdings hat es auch niemals an Men‐ OO
schen gefehlt, denen das Wesentliche eines OO
geistig so bedeutenden Menschen wahrlich OO
nicht durch seine irdische Erwerbstätigkeit OO
bestimmt erschien, ‒ denen es belanglos OO
blieb, daß dieser Lehrer außerhalb der OO
abgesteckten Pferche landläufiger Bildung OO
aufgewachsen war.
.Böhme selbst aber zeigt nur zu deut‐ OO
lich in seinen Schriften, wie sehr er es als OO
Mangel fühlte, daß ihm die Gelehrsamkeit OO
seiner Zeit nicht zu eigen geworden war, OO
und bis an das Ende seines Lebens müht OO
er sich, der gelehrten Freunde Begriffswelt OO
zu erfassen: in den Worten, die er bei ihnen OO
106 Wegweiser
hört, von seinem eigenen Schauen undOO
Denken Kunde zu geben.
.Die Nötigung, das einmal erlernte Hand‐ OO
werk betreiben zu müssen, um nur leben OO
zu können, war ihm eine stete Störung, OO
und alles, was man um seine äußeren Le‐ OO
bensumstände weiß, zeigt deutlich, wie sehr OO
er sich dieser Störung zu entwinden suchte, OO
um nur dem inneren Antrieb seines hohen OO
Geistes folgen zu können.
.Will man das Geistesgut, das sich in OO
dem Menschen Jakob Böhme seinen ir‐ OO
dischen Schrein geschaffen hatte, wirklich OO
erkennen lernen, dann darf man wahrhaftig OO
den Schriften des Weisen sich nicht in der OO
vorgefaßten Meinung nahen, hier nun den OO
mehr oder weniger hausbackenen Ergeb‐ OO
nissen des sinnierenden Grübelns eines OO
biederen Handwerksmannes zu begegnen, OO
der bei seiner Schusterkugel vergißt, daß OO
er brauchbares Schuhwerk schaffen soll und OO
109 Wegweiser
statt dessen lieber den mancherlei meta‐ OO
physischen Fragen Antwort sucht, die sein OO
frommes Gemüt nicht in Ruhe lassen wollen. OO
.Das sei allen gesagt, die zwar den OO
Namen des Weisen kennen, aber seine OO
Schriften nicht gelesen haben, oder sie gar OO
bald aus der Hand legten, weil sie Anstoß OO
nahmen an dem dunkeln Wort der freilich OO
oft sehr eigenmächtigen und seltsam tönen‐ OO
den Redeweise!
.Wer aber Böhmes Schriften wirklichOO
durchforscht hat, ‒ wer es sich Mühe OO
kosten ließ, in ihre Sprache sich einzuleben, OO
‒ der hat stets auch gelernt, sich vor dem OO
Manne, der solches niederschreiben durfte, OO
in Ehrfurcht zu beugen, und es ist längst OO
bezeugt, daß diese Ehrfurcht sich gerade OO
dort am stärksten einstellt, wo eigenerOO
Seele Tiefe aufklingt, sobald die wunder‐ OO
samen Schätze erst ertastet werden, die Jakob OO
Böhmes Weltentiefe in sich birgt...
110 Wegweiser
.Das gilt allerdings nur von seiner Er‐ OO
kenntnis der rein geistigen Welt!
.Aber trotz der Fehlgriffe in die Gebiete OO
des physisch-sinnlichen Universums, bei OO
denen er sich von anderen das Hebezeug OO
borgt, trotz aller zeitlichen Bedingtheit seiner OO
Folgerungen, ‒ und selbst trotz aller Ketten‐ OO
fesseln dogmenstarrer Religionsform, steht OO
einer der Weisesten hier vor uns, unter OO
denen, die jemals die letzten Urtiefen OO
menschlichen Erkennens zu ergründen OO
suchten! ‒
.Ein „Brunnenbauer”, der seinen Schacht OO
bis zu den Urwassern des Lebens vertiefte! OO
.Wer immer den Mut aufbringt, in diesen OO
Brunnenschacht niederzusteigen, ‒ denn es OO
ist kein angeseilter Eimer da, mit dem er OO
etwa schöpfen könnte, der wird die Bestä‐ OO
tigung finden, daß er nur in sich selbst OO
einen Schacht von gleicher Tiefe zu bauen OO
111 Wegweiser
brauchte, um auf die gleichen lebendigenOO
Quellen auch in sich selbst zu stoßen... OO
.Wer freilich hängen bleibt in dem OO
Wurzelwerk religiöser Allegorien, das OO
an den Wänden des Brunnenschachtes, den OO
Böhme in sich selbst hinein baute, immer OO
noch Halt findet, um den Arglosen in sein OO
Gewirre zu verstricken, der wird froh sein OO
können, weiß er sich endlich wieder befreit, OO
und die Wasser der Tiefe werden ihm nur OO
sein eigenes verstörtes Antlitz spiegeln. ‒ OO
.Dies alles sei zuerst ausgesprochen, be‐ OO
vor ich der Frage antworten kann, werOO
dieser seltsame und auf seine Art der Welt OO
des Geistes so kundige Seher Jakob Böhme OO
war, dem neuere Forschung endlich den OO
Rang in der Geistesgeschichte der Mensch‐ OO
heit zuweist, der ihm gebührt, auch wenn OO
es ihm nie an Verehrern fehlte, denen OO
bald diese, bald jene Seite seines Wesens OO
staunenswert erschien, weil keiner dasOO
112 Wegweiser
ganze Bild dieses großen Menschen in sein OO
Blickfeld fassen konnte. ‒
.Die Antwort, die ich hier nun zu geben OO
habe, gilt nur der geistigen Herkunft OO
Böhmes, so wie ich sie kenne aus gesicher‐ OO
tem Erkennen, und was mir da nun zu sagen OO
möglich ist, wird denen verstehbar sein, OO
die bereits erkannten, daß alles geistige OO
Geschehen hier auf Erden nur letzte Aus‐ OO
wirkung aus der Liebe geborener hoher Im‐ OO
pulse im Reiche des wesenhaften GeistesOO
darstellt. ‒
.Man wird sich alles dessen erinnern OO
müssen, was ich bereits unzählige Male zu OO
bekunden hatte, wenn ich davon sprach, OO
daß Göttliches nur durch den MenschenOO
geist dem Menschen faßbar werden kann, OO
und daß aller Einfluß, den die Erden‐ OO
menschheit aus dem Reiche des wesenOO
haften Geistes empfängt, von einem un‐ OO
sichtbaren Tempel hier auf Erden aus‐ OO
geht, dessen fundamentbildende Bausteine OO
113 Wegweiser
Menschen dieser Erde sind, die gleichOO
zeitig, vollbewußt und ohne jeden Unter‐ OO
bruch ‒ trotz allem irdischen Tun, ‒ OO
im reinen Geiste leben. ‒ ‒
.Von dort her ward auch Böhme zu OO
seinem Wirken geführt! ‒
.Als geistiger „Schüler” des von mir OO
so oft bezeichneten verborgen wirkenden OO
geistigen Kreises erstieg er Stufe um Stufe, OO
soweit es ihm während dieses Erdenlebens OO
möglich war, und er selbst wußte wahrlich, OO
woher ihm seine Erleuchtung kam.
.Nach außenhin aber war er durch OO
strenges Gebot zum Schweigen verpflichtet. OO
.Er selbst war ja nicht dazu bestimmt, OO
hier auf Erden im Kreise der „Leuchten‐ OO
den des Urlichts” ein Leuchtender zu werden. OO
.Allzu irdische Flammen umlohten in OO
ihm noch das goldweiße Licht des göttlichen OO
114 Wegweiser
Geistes, und keineswegs lag jene geistige OO
Entfaltung, die Jahrtausende währt und die OO
jeder „Leuchtende” erreicht haben muß, OO
bevor er sich im Erdentiereskörper hier OO
erlebt, schon hinter ihm, als er ins irdische OO
Dasein trat.
.Was aber ein wahrhaft würdiger Mensch OO
erlangen kann, der „angenommen” wurde, OO
um ein Schüler des Lichtes zu werden, OO
das hat Jakob Böhmes Werk der Welt ge‐ OO
zeigt, obwohl sie nicht darum wissen konnte, OO
woher die Kraft zum Werke zugeflossen OO
war...
.Unmöglich war es den Deutern von OO
Böhmes Schriften, über die ursächlicheOO
Bedingung seiner Seherschaft Authenti‐ OO
sches zu wissen, ‒ unmöglich war es ihnen, OO
auch nur zu ahnen, daß in ihm eine gei‐ OO
stige Leitung wirksam war, von deren Da‐ OO
sein auf der Erde stets nur einige wenige, OO
die nicht reden durften, Kenntnis erhalten OO
hatten. ‒ ‒ ‒
115 Wegweiser
.Und dennoch ist es nicht unmöglich, OO
daß Böhme vertrauten Freunden einst eine OO
ihm noch erlaubt erscheinende Andeutung OO
machte, die zu einer späteren Erzählung OO
seines ersten Biographen Anlaß gab, einer OO
Erzählung, mit der man heute nichts mehr OO
anzufangen weiß, so daß man in ihr nur OO
die Mythenbildung am Werke glaubt.
.Beachtlich dürfte es daher wohl sein, OO
daß der Lebensbeschreiber und Freund OO
Böhmes zu berichten weiß:
.„Und kan wohl seyn, daß auch vonOO
außen durch Magisch-Astralische Würk‐ OO
kung der gestirnten Geister, zu diesem OO
heiligen Liebe-Feuer, gleichsam ein verOO
borgener Glümmer und Zünder mit an‐ OO
und eingelegt worden.” *)
‒ ‒ ‒
* Ich lasse hier mit Absicht die Worte, auf die es ankommt, OO
gesperrt drucken, während ich im übrigen wörtlich OO
nur dem Original folge.
116 Wegweiser
.Es liegt zum mindesten sehr nahe, daß OO
der Biograph einiges von den wirklichen OO
Zusammenhängen ahnte, wenn er nicht OO
gar, aus andeutenden Reden Böhmes, mehr OO
wußte, als er sagen wollte. ‒ ‒
.Zweifellos gibt es für jeden, der hier OO
den wirklichen Zusammenhang durchblickt, OO
doch sehr zu denken, daß im Anschluß an OO
obiges Zitat erzählt wird, wie einstmals OO
„ein frembder, zwar schlecht bekleideter, OO
doch feiner und ehrbarer Mann” in Böhmes OO
jungen Jahren zu ihm in den Laden seines OO
Meisters getreten sei, während Böhme dort OO
allein war, und daß dieser Mann ihn dann OO
plötzlich, trotz aller Unbekanntheit, beim OO
Namen genannt habe, nicht ohne Böhme OO
dadurch sehr zu erschrecken.
.Dann aber heißt es weiter:
.„Da ihm der Mann eines Ernst-freund‐ OO
lichen Ansehens, mit Liecht-funckelten OO
Augen, bey der rechten Handt gefasset, ihme OO
strack und starck in die Augen gesehen OO
117 Wegweiser
und gesprochen: Jakob, du bist klein, aber OO
du wirst groß und ein gar anderer Mensch OO
und Mann werden”... usw. usw.
.„Worauff der Mann ihme die Hand OO
getrücket, wiederumb starck in die Augen OO
gesehen, und also seinen Weg für sich OO
gangen.”
.Es wird dann im gleichen Zusammen‐ OO
hang noch berichtet, wie Böhme daraufhin OO
anders geworden, und „nach weniger Zeit OO
darauff” sei dann seine Erleuchtung, sein OO
„Geistlicher Außruff und Sabbaths-Tag... OO
erfolget.”
.So ferne es mir auch liegt, rechten OO
zu wollen darüber, welchen Wert man dieser OO
Erzählung zuerkennen soll, so glaube ich OO
doch, daß hier ein Hinweis immerhin nicht OO
ganz fehlen darf. ‒
.Da ich mir nicht die Aufgabe stelle, OO
Böhmes Schriften deuten zu wollen, so OO
118 Wegweiser
darf ich es aber auch wohl bei diesem OO
einen Hinweis bewenden lassen, trotzdem OO
ich es durchaus nicht für unmöglich halte, OO
daß gründliche Kenner dieser Schriften OO
mir auch in Böhmes eigenen Texten so OO
manche geheimnisvolle Stelle zeigen könnten, OO
die hier genannt werden dürfte. ‒ ‒
.Es möge genügen, die Aufmerksamkeit OO
der Leser auf das Erwähnte hingelenkt zu OO
haben.
.Was aber hier ausdrücklich gegeben OO
werden soll, ist die nur aus einer einzigen OO
Quelle erlangbare Darlegung von Böhmes OO
geistiger Herkunft und wurde veranlaßt OO
durch die stets wiederholte Beobachtung, OO
daß auch die besten Erklärer des geistigen OO
Phänomens Jakob Böhme, weder den OO
Menschen restlos zu deuten vermögen, OO
noch die Schriften, solange sie nicht um OO
die Beziehungen Böhmes zu dem geistigen OO
Kreise der „Leuchtenden des UrlichtsOO
wissen.
119 Wegweiser
.Die Gründe, durch die einst der OO
weise Seher selbst zum Schweigen ver‐ OO
pflichtet wurde, bestehen heute längst OO
nicht mehr, und seinen Schriften wird OO
nur die Wirkung erleichtert, wenn man OO
um seine geistige Herkunft weiß und ihre OO
Spuren in seinem Werke richtig deuten OO
kann.
.Was zeitlich und allzupersönlich be‐ OO
dingt war an seinem Werke, ‒ was einer OO
Vorstellungswelt entstammt, mit der er OO
fertig werden mußte, wollte er nicht noch OO
weit herberes Leid durch deren Anhänger OO
erdulden, als sie schon ohnehin ihn er‐ OO
dulden ließen, ‒ das alles läßt sich aus OO
diesem Werke lösen, ohne ihm irgendwie OO
Wesentliches zu nehmen.
.Was aber als Wesentliches bleibt, das OO
wurde vor mehr als dreihundert Jahren OO
wahrlich auch für die heutige Zeit ge‐ OO
schrieben!
120 Wegweiser
.Niemals kann es veralten, da es der OO
Ewigkeit entstammt: ‒ dem immerOO
währendenHeute”!
.Jakob Böhme gab dem Schauen seiner OO
Seele nur die Wortgestalt, in der es für ihnOO
selber bleibend faßbar und be-haltbarOO
werden konnte, da er ja nicht Herr und OO
Meister dieses Schauens war, sondern immer OO
warten mußte, bis es ihm aufs neue vom OO
Reiche des Geistes her eröffnet wurde, so OO
daß ihm das jeweils Erschaute in Gefahr OO
geriet, wieder verloren zu gehen. ‒ ‒ ‒ OO
.Es ist nicht zum Verwundern, wenn OO
er wirklich Wesentliches oft so kraus und OO
wirr verzierte, weil ihm nur solche Ara‐ OO
beske Unsagbares formhaft zu umschließen OO
schien.
.Als ein naturhaft starker Sprachge‐ OO
stalter in der Weise seiner Zeit, zwangOO
er die Worte, seinem bildhaften Erleben OO
121 Wegweiser
Form zu werden, und es bekümmerte ihn OO
wenig, wenn die Worte sich auch sträubenOO
mochten, die Überfülle seiner inneren Ge‐ OO
sichte aufzunehmen.
.Aus seinen Worten auszulösen, was OO
sie fassen, wird stets nur liebender VerOO
senkung möglich sein. ‒ ‒ ‒
122 Wegweiser
DIE MACHT DER KRANKENHEILUNG
.„Da aber das Volk dieses sah, OO
fürchtete es sich, und pries Gott, OO
der solche Macht den Menschen OO
gegeben hat.”     Matthäus, IX, 8. OO
.Es wurde berichtet von einem Maori auf OO
Neuseeland, der ganz unerhörte HeilungenOO
vollbringe. Der Mann sei ein getaufter OO
Christ und er verlange von denen, die er OO
heilen solle, daß sie die Heilung nur der OO
Heiligen Dreieinigkeit: ‒ Vater, SohnOO
und Heiliger Geist”, danken dürften, ja OO
er drohe, daß die Heilung nicht bestehen OO
bleibe, sobald der solcherart verlangte Glaube OO
in dem Geheilten schwinde.
.In christlichen Kreisen aber sah man OO
das Wirken dieses Maori als handgreifliche OO
Bestätigung des Dogmas an...
.Dann kam in Europa Herr Coué, ver‐ OO
langte nichts weiter von dem Kranken, als OO
daß er an die Macht seiner eigenen EinOO
bildungskraft glaube, und erzielte nicht OO
weniger „wunderbare” Erfolge.
125 Wegweiser
.Und nun kommt schon wieder neue OO
Kunde von einem Heiler, der durch bloßesOO
Handauflegen allerlei Krankheit zum Ver‐ OO
schwinden bringen soll.
.Diesmal ist es ein buddhistischerOO
Mönch ‒ angeblich ein Chinese ‒ der OO
durch seine Heilungen in dem an „Wunder” OO
gewohnten Indien Staunen und ehrfürchtige OO
Scheu erregt.
.Da er allein nicht mehr imstande ist, OO
allen Kranken die zu ihm kommen, die OO
Hände aufzulegen, so „überträgt” er seine OO
Heilerkraft an fünf seiner Schüler. ‒ ‒
.Zeitungsmeldungen lassen erkennen, daß OO
man die Tatsächlichkeit der Heilungen nicht zu OO
bezweifeln vermag und daher ‒ wie gewöhn‐ OO
lich in solchen Fällen ‒ vor Rätseln steht.
.Nun wird ja freilich von Zeit zu Zeit genug OO
des Wunderbaren aus Ostasien berichtet, OO
und bei näherer Nachprüfung bleibt dann OO
126 Wegweiser
oft recht wenig davon übrig, obwohl nie‐ OO
mals die „durchaus glaubwürdigen Augen‐ OO
zeugen” in den ersten Berichten fehlen.
.Was man aber hier von diesem Bud‐ OO
dhistenmönch berichtet, ist durchaus nicht OO
so wunderbar, daß man es schon aus bloßer OO
Vorsicht bezweifeln müßte.
.Zum Verwundern ist es vielmehr, daß OO
man immer wieder staunend und um ErOO
klärung verlegen vor solchen Heilungen OO
steht, ja daß man sie selbst dem sympa‐ OO
thischen und nüchternen Herrn Coué, der OO
doch wahrlich sich keinerlei Wundermantel OO
umhing, in manchen Kreisen nicht so recht OO
glauben will. ‒
.Freilich sprach Herr Coué nur von der OO
Autosuggestion”, während es sich hier OO
um Kräfte handelt, denen eben durch die OO
Autosuggestion nur die Fesseln abgeOO
nommen werden, aber das Wesentliche OO
bleibt bei seinem Erklärungsversuch doch OO
127 Wegweiser
der Hinweis, daß Kräfte, die jeder Mensch OO
in sich selbst trägt, die Heilungen be‐ OO
wirken.
.In Wahrheit kann kein Arzt der Welt OO
auf eine andere Weise wirklich heilen, als OO
dadurch, daß er diesen Kräften die Mög‐ OO
lichkeit schafft, sich auszuwirken, einerlei OO
durch welche Mittel er dazu gelangt, mag OO
er auch chemische oder chirurgische Ein‐ OO
griffe vornehmen.
.Das ist nun nichts Neues und man hat OO
sich von je her mit der billigen Erkenntnis OO
beholfen, daß der Arzt nur die Heilkraft OO
der Natur anregen könne, ansonsten aber OO
mit den besten Medikamenten, ja selbst OO
durch Entfernung kranker Organe, kaum OO
viel vermöge.
.Es sind aber noch andere Dinge hier OO
im Spiel, und die sympathisch-bescheidene OO
Geste des Herrn Coué, daß er selbst garOO
nichts mit der Heilung zu tun habe, sondern OO
128 Wegweiser
nur lehre wie der Patient sich selberOO
helfen könne, darf beileibe nicht als un‐ OO
umstößliche Mitteilung eines Tatbestandes OO
aufgefaßt werden, selbst wenn Herr Coué OO
in seinem tiefsten Innern von der Richtig‐ OO
keit dieser Auffassung durchdrungen gewesen OO
sein mag. ‒
.Immer und überall wird die PersönOO
lichkeit des Heilers von ausschlaggebender OO
Wichtigkeit sein, einerlei, ob es sich um die OO
durch Herrn Coué nun populär gewordene, OO
von den amerikanischen sogenannten „Neu‐ OO
denkern” seit einem halben Jahrhundert OO
bereits praktizierte Methode der AutosugOO
gestion handelt, ‒ um Glaubensheilung, OO
oder Handauflegen, ‒ oder schließlich OO
um die Heilung durch medizinische und OO
chirurgische Eingriffe.
.Gewiß kann der Wille, besonders in seiner OO
höchsten Potenz: als Imagination, als OO
Einbildungskraft wirkend, im Menschen OO
129 Wegweiser
wahre „Wunder” vollbringen, und das gilt OO
auch hinsichtlich der Freimachung jener OO
Heilkräfte, die als automatisch wirksame OO
Ordner in jedem menschlichen Organismus OO
vorhanden sind, aber durch die leiseste OO
Einrede der Gedanken schon gelähmtOO
werden, so daß alles darauf ankommt, wie OO
man am besten die Fesselung durch solche OO
Gedanken-Einrede entferne.
.Darüber hinaus aber handelt es sich hier OO
‒ wie bei allen Bekundungen der Lebens‐ OO
kräfte ‒ um ein Wirksamwerden zweierOO
Pole, deren einer im triebhaften Willen OO
der Zellen des erkrankten Organismus zur OO
Entartung, deren anderer im geistigenOO
Willen (nicht „Wunsch”!) zur GesundungOO
zu finden ist.
.Bei der Selbstheilung ist es unum‐ OO
gängliche Voraussetzung, daß der Kranke OO
seinen Willen zur Gesundung objekOO
tiviere; ihn gleichsam sich selber „fremd” OO
mache, damit die nötige Spannung ent‐ OO
130 Wegweiser
steht zwischen dem organhaften Willen OO
zur Krankheit und dem geistigen Willen OO
zur Gesundung.
.Das ist nicht immer ganz leicht und zu‐ OO
weilen fast unmöglich, während die An‐ OO
forderungen an den Kranken auf ein letztes OO
Minimum herabgesetzt werden, sobald der OO
geistige Wille zur Gesundung: ‒ zur OrdOO
nung des im Organismus UngeordnetenOO
‒ wenigstens zu Anfang, von außen herOO
auf ihn einwirkt und durch Influenzwir‐ OO
kung seinen eigenen geistigen Willen ent‐ OO
sprechend zur Tätigkeit anregt.
.Dieser äußere geistige Wille kann ein OO
Kollektivwille sein, wie er an Wallfahrts‐ OO
orten z. B. in Wirksamkeit ist, ‒ er kann OO
aber auch von einer einzelnen PersönOO
lichkeit ausgehen und ist alsdann bedingt OO
durch die einwohnende Kraft dieser Per‐ OO
sönlichkeit, solchen „heilenden” Willen auf OO
Andere übertragen zu können. ‒
131 Wegweiser
.Bekanntlich hat man auf dem Gebiete OO
der medizinischen Heilpraxis unzähligemale OO
die Erfahrung gemacht, daß gewisse Heil‐ OO
methoden in der Hand des einen Arztes die OO
erfreulichsten Heilerfolge sicherten, während OO
andere, nicht minder tüchtige Aerzte mit OO
den gleichen Methoden kaum etwas anzu‐ OO
fangen wußten.
.Auch der Umfang des Wissens, ja selbst OO
die Fülle der praktischen Erfahrung, OO
vermag nicht Ersatz zu bieten für die anOO
geborene Eignung zum wahren Heiler, OO
und es sollte darum nur dann ein Mensch sich OO
heilärztlichem Wirken zuwenden, wenn OO
er diese Eignung: den geistigen WillenOO
zum Gesundwerden alles ErkranktenOO
auf Andere übertragen zu können, deut‐ OO
lich an sich wahrgenommen hat. ‒
.Alles nur rein wissenschaftliche In‐ OO
teresse am inneren Gefüge des mensch‐ OO
lichen Organismus und seinen pathologischen OO
Veränderungsmöglichkeiten rechtfertigt da‐ OO
132 Wegweiser
gegen nur das Streben nach reinem ForscherOO
beruf, der dann indirekt den Kranken OO
hohen Nutzen bringen kann, aber man sollte OO
auf dem Gebiete der medizinischen Wissen‐ OO
schaft aufs strengste scheiden lernen zwischen OO
der Eignung zum Forscher und der Eig‐ OO
nung zum Heiler. ‒ ‒
.Beide Eignungen sind angeboren und OO
lassen sich in ihrer ausgeprägt echten Form OO
niemals erwerben, wenn auch so mancher OO
Arzt, der, zum Forscher geboren, eine OO
Heilpraxis betreiben muß, aus der Not OO
eine Tugend macht, weil er aus rein menschOO
licher Hilfsbereitschaft heilen möchte, OO
da man ihn nun einmal dazu gerufen hat, OO
und dann vielleicht auch zuweilen recht OO
zahlreiche Heilerfolge erzielt. ‒
.Die Vereinigung beider Eignungen in OO
einem Menschen ist so überaus selten, OO
daß man hier füglich von ihr absehen OO
darf. ‒
133 Wegweiser
.Was aber das Studium des kranken OO
Menschen durch den Forscher angeht, der OO
es ja keinesfalls entbehren kann, so dürfte OO
es wahrlich auch dann zu ermöglichen OO
sein, wenn er die eigentliche HeilpraxisOO
dem geborenen Heiler allein überläßt. ‒ OO
.Wir haben genug Menschen unter uns, OO
die geborene Heiler sind und wenn schon OO
heute die kompliziertesten mechanischen OO
Methoden zur Anwendung gelangen, um OO
festzustellen, ob ein Mensch die rechte Eig‐ OO
nung zum Lokomotivführer, oder zu irgend OO
einem anderen technischen Berufe besitzt, OO
so sollte es wahrlich auch gelingen, schon OO
während der Studienzeit festzustellen, OO
ob der angehende Mediziner zum ForscherOO
oder zum Heiler taugt.
.Es würde sich dann kaum mehr ereignen, OO
daß irgend ein obskurer Wundermann den OO
Ruf erlangt, alle erdenklichen Krankheiten OO
heilen zu können, die der medizinisch ge‐ OO
134 Wegweiser
bildete Arzt nicht heilen konnte, weil er OO
eben kein geborener Heiler war.
.Ein solcher Heiler aber wird mit jederOO
Methode Heilerfolge erzielen, und seine er‐ OO
worbene Wissenschaft wird stets von seiner OO
sicheren Intuition berichtigt werden.
.Bevor man aber zu der Erkenntnis kommt, OO
daß der rechte Arzt vor allem geborener OO
Heiler sein muß, werden alle neuen Heil‐ OO
methoden, alle Reformen in der Heilkunst, OO
nur sehr wenig Förderung bringen, und OO
immer wieder wird man erleben, daß alle OO
Welt aufhorcht, wenn irgend ein wirklicher OO
Heiler auftaucht, während das Vertrauen OO
zur wissenschaftlich fundierten Heil‐ OO
kunst mehr und mehr unterminiert wird. ‒ OO
.Es liegt solchem Verhalten der Menge OO
stets ein sicherer Instinkt zugrunde, der OO
eine Macht zu heilen im Menschen derOO
dazu geboren ist erspürt, und sich wenig OO
darum kümmert, ob ein solcher Mensch OO
135 Wegweiser
auch die wissenschaftliche Einsicht be‐ OO
sitzt, sein Tun zu kontrollieren.
.Der kranke Mensch will geheilt werden OO
und trägt keinerlei Begehr danach, daß man OO
ihn als einen „interessanten Fall” betrachtet, OO
was er nur für den Forscher sein darf, OO
aber niemals für den Heiler!
136 Wegweiser
GEFAHREN DER MYSTIK
.Dokumente aus allen Zeiten zeugen von OO
gewissen Menschen, die behaupteten, daß OO
ihnen Göttliches nicht nur dem religiösen OO
Glauben nach gesichert in der Wahrheit OO
gelte, sondern vielmehr von ihnen wissendOO
erlebt und in erprobt untrüglichem Er‐ OO
leben wohlvertraut geworden sei.
.Solche Behauptung gilt allen denen als OO
Vermessenheit, die allzusicher auf das Axiom OO
vertrauen, alle Menschen seien „gleichOO
vor Gott”, was denn gemeinhin so gedeutet OO
wird, als könne es keinerlei Erleben geben, OO
das nicht einem wie dem anderen ohne OO
weiteres zugänglich sei.
.Aber es gibt Zeugnisse besonderer Men‐ OO
schen, die denn doch beweisen, daß die OO
Reichweiten des Erlebens unter uns Erd‐ OO
139 Wegweiser
bewohnern sehr verschieden sind, wie ja OO
denn auch im Erleben der AußendingeOO
schon die größte Verschiedenheit des Er‐ OO
leben-Könnens offenbar wird.
.Ist es schon im äußeren Leben wichtig, OO
welche Veranlagung ein Mensch von Geburt OO
an besitzt und wie er seine Begabung aus‐ OO
zubilden weiß, so tritt hinsichtlich des OO
geistlich-seelischen Erlebens noch eine OO
ganze Reihe anderer Umstände hinzu, die OO
alle in günstiger Weise zusammenwirkenOO
müssen, wenn gesichertes Erleben im Un‐ OO
sichtbaren erreicht werden soll.
.Die Fälle, in denen Menschen Geistiges OO
mit restloser Klarheit und Sicherheit er‐ OO
lebten, sind äußerst selten, aber es wäre OO
sehr töricht, sie um ihrer Seltenheit willen OO
unbeachtet zu lassen oder gar fortleugnen OO
zu wollen. Dies um so mehr, als es auch OO
heute Menschen gibt, die in solcher Art OO
140 Wegweiser
erleben und mit wachester Urteilsfähigkeit OO
um ihr Erleben wissen.
.Man muß aber stets unterscheiden zwi‐ OO
schen diesem eigentlichen Erleben und der OO
Mitteilung des Erlebten, wie es der also OO
Erlebende in Worten zu geben sucht.
.In solcher Mitteilung strebt der Mensch OO
mit aller Inbrunst, auszusagen, was sich OO
doch niemals in Worten sagen läßt, OO
und notgedrungen schafft er sich BildOO
und Gleichnis, um auch anderen Seelen OO
erfaßbar zu machen, was ihm wider‐ OO
fahren ist.
.Es zeigt sich in diesem Bestreben das OO
innere Ahnen, daß das eigene Erleben ir‐ OO
gendwie auch für alle anderen Menschen OO
Gültigkeit und befruchtenden Wert haben OO
müsse; zugleich aber weiß der Berichtende OO
mit Sicherheit, daß dieses Erleben den OO
meisten anderen nicht zugänglich ist, sodaß OO
er sich verpflichtet fühlt, davon Kunde OO
zu geben, selbst wenn es ihm schwer werden OO
sollte, Bekenntnis abzulegen.
141 Wegweiser
.Man könnte, folgt man der Bild- und OO
Gleichnis-Spur hierhergehöriger Bekennt‐ OO
nisse, gar leicht vermuten, daß es sich OO
im Grunde stets um das gleiche innere OO
Erleben handle, nur verschieden darge‐ OO
stellt, je nach der Darstellungsfähigkeit OO
des Erlebenden und seiner ihm eigenen OO
Bildwelt.
.Sieht man aber näher zu, so ist es auch OO
für den, der niemals von ähnlichen Erleb‐ OO
nissen erschüttert wurde, nicht allzu schwer, OO
zu entdecken, daß es sich doch um Berichte OO
sehr wesentlich verschiedenen Erlebens OO
handelt, auch wenn oft die gebrauchten OO
Darstellungsbilder dazu verleiten könnten, OO
wesentlich gleichartige Erfahrungen vor‐ OO
auszusetzen.
.Ja, man wird alsbald ersehen, daß es OO
sich um ganze Gruppen völlig gesonderter OO
Erlebnisse handelt, trotzdem in den gleichen OO
oder sehr ähnlichen Worten berichtet OO
werden mag. ‒
142 Wegweiser
.Das hat seinen Grund darin, daß allesOO
mit physischen Sinnen nicht mehr faßbare OO
Erleben durchaus nur vergleichsweiseOO
und andeutend ausdrückbar ist: ‒ daß der OO
Berichtende aber auch außerdem gerne die OO
Bilder und Gleichnisse anderer aufgreift, OO
um aus seiner Not des Nichtsagenkönnens OO
herauszukommen.
.Es handelt sich im Wesentlichsten um OO
zwei große Gruppen Erlebender, und jede OO
dieser Gruppen umfaßt wieder besonOO
dere Arten des individuellen Erleben‐ OO
könnens.
.Auf der einen Seite stehen jene Men‐ OO
schen, die nur das Verborgene ihresOO
eigenen Innern erleben, hier aber schon OO
vermeinen, „das Göttliche” erlebt zu haben, OO
da sie die Höhe und Tiefe, die Weite und OO
Breite dessen, was die menschliche Seele OO
umfaßt, nicht kennen, und nicht zu dem OO
Glauben sich erheben wollen, das alles sei OO
noch des Menschen Bereich.
143 Wegweiser
.Hier wird zumeist in Ekstasen und OO
Visionen erlebt, immer aber in einem OO
„anderen Zustand”, der vom normalen OO
wachen Tagesbewußtsein sehr verschieden ist. OO
.Auf der anderen Seite stehen die wirklich OO
im Geiste objektive geistige WirklichOO
keit Erlebenden, die alle Ekstasen und OO
Visionen instinktiv scheuen und nur ein OO
Erleben gelten lassen, zu dem sie mit unOO
getrübten Außensinnen, stets ihrer selbstOO
und ihrer äußeren Umwelt bewußt, OO
gelangen können.
.Diese Erlebenden sind weitaus selteOO
ner als die Ekstatiker und Visionäre, denn OO
solches tagwache Geisteserleben fordert eine OO
recht strenge innere Erziehung und Selbst‐ OO
kontrolle. Es setzt voraus, daß sich der OO
Mensch ein durchaus gesundes, geordnetes OO
Innenleben zu erringen wußte, daß er sich OO
peinlichst aller schwärmerischen Gefühle OO
und Ausdeutungen enthält, um nüchternen OO
Sinnes, aber voller Ehrfurcht vor dem wesen‐ OO
144 Wegweiser
haften Geistigen, die wirkliche Erfahrung OO
geistiger Wirklichkeit stets freizuhalten OO
von allem Rankenwerk der Phantasie. ‒ OO
.Man kann nicht scharf genug zwischen OO
diesen beiden Hauptgruppen unterscheiden, OO
will man zu einem klaren Urteil gelangen OO
bei der Betrachtung jener zahllosen Bekennt‐ OO
nisdokumente aus alter und neuer Zeit, die OO
von wahrem oder vermeintlichem Erleben OO
des Göttlichen Zeugnis zu geben suchen. OO
.Es ist auch nicht allzu schwer, hier OO
sichere Bürgschaft zu erhalten.
.Während die Ekstatiker und Visionäre OO
ihre Erlebnisse stets in einer Ausdeutung OO
darstellen, die gewohnte Glaubensvorstel‐ OO
lungen bestätigen sollen, auch wenn sie OO
diese Vorstellungen allenfalls auszubauen OO
oder zu vertiefen suchen, wird jeder, der das OO
Erleben geistiger Wirklichkeit bezeugt, OO
recht deutlich erkennen lassen, daß er freiOO
145 Wegweiser
wurde von den Fesseln bestimmter, zeit‐ OO
gegebener Vorstellungswelten.
.Er wird zwar oft genug an solche zeit‐ OO
läufige Begriffe anknüpfen müssen, aber OO
immer nur, um das bereits allen Bekannte OO
als Verständigungsmittel zu benützen. OO
.Er will die Meinung, die zu seiner Zeit OO
und in seiner Umgebung in bezug auf gei‐ OO
stige Dinge gerade Gültigkeit hat, durch OO
den Gebrauch der bekannten Begriffe und OO
Vorstellungsbilder keineswegs stützen, son‐ OO
dern, unbekümmert um irgendein dogma‐ OO
tisches Gebäude, kraft seiner ihm gewor‐ OO
denen Einsicht zeigen, welche Steine eines OO
solchen Baues Bestand haben und welche OO
nicht, ‒ welche richtig behauen und OO
welche verkehrt bearbeitet sind, denn es OO
liegt ihm nicht daran, niederzureißen, wohl OO
aber daran, daß der Bau auch der Wirk‐ OO
lichkeit entspreche, die er aus geistiger OO
Erfahrung kennt.
146 Wegweiser
.Viel Irrtum ist entstanden durch das OO
kritiklose Vermischen von Bekenntnissen OO
der hier aufgezeigten beiden Gruppen inner‐ OO
lich Schauender und Erlebender.
.Mögen aber auch Zeugnisse der Eksta‐ OO
tiker und Visionäre zuweilen aller BewunOO
derung und selbst hoher Schätzung würdig OO
sein, so bleiben sie doch immer mehr oder OO
weniger zeitlich und subjektiv bedingte, OO
dabei verschleierte und getrübte Aus‐ OO
sagen über ein zwar nicht alltägliches, aber OO
keineswegs täuschungsfreies SelbstOO
erleben, vergleichbar dem der Dichter, aber OO
ohne die ordnende Sichtung eines sou‐ OO
veränen Künstlertums.
.Demgemäß kann auch der Wert nach‐ OO
fühlender Aufnahme solcher Bekenntnisse OO
nur in einer poetischen Anregung oder OO
einer subjektiv gefärbten religiösen Stim‐ OO
mungserhebung bestehen.
.Bei distanzierter Betrachtungsweise OO
aber wird man nur vor bedeutungs- und OO
147 Wegweiser
beziehungsreichen Dokumenten menschOO
lichen Irrens stehen, die erst als ForOO
schungsmaterial ihren Wert erhalten, OO
mögen sie uns an sich als menschlich OO
rührend, als groß und gewaltig, als erschüt‐ OO
ternd, oder als groteske Narretei erscheinen. OO
.Die bestaunte glaubensgenährte My‐ OO
stik aller Zeiten und Völker wurzelt in OO
solchem Humusboden subjektiven Irrtums OO
und überwuchert allgemach jede Blüte OO
echten mystischen Erkennens, so daß es fast OO
nicht mehr angängig ist, noch von „MystikOO
zu reden, wenn man eben Anderes meint OO
als dieses Schlingpflanzengewirre. ‒
.Soll aber das Wort, das entwertet wurde, OO
wieder zu einiger Bedeutung für das mensch‐ OO
liche Erkennen kommen, so wird es nötig OO
sein, sehr entschieden zwischen einer OO
scheinbaren Mystik wie die hier aufge‐ OO
zeigte, und dem wirklichen mystischen OO
Erleben, das ein waches Erleben desOO
148 Wegweiser
Menschengeistes im ewigen reinenOO
Geiste ist, zu unterscheiden.
.Das ist sehr wohl möglich, auch wenn OO
man durchaus nicht gesonnen ist, gewissen OO
sogenannten „mystischen” Bekenntnissen, OO
die schon als Werke des Schrifttums alle OO
Achtung verdienen, fortan seine gewohnte OO
Ehrerbietung zu versagen.
.Da es sich aber letztlich doch wohl OO
darum handeln wird, zu einem tieferen, OO
klareren und vor allem wahrhaftigerenOO
Erfassen der Kosmologie geistiger Welt, OO
als der uns vorbehaltenen ewigen Wirk‐ OO
lichkeit, vorzudringen, so ist alles stim‐ OO
mungsmäßige Einfühlen in die durch ReliOO
gionssysteme und den Glauben an ihre OO
Dogmen bedingte „mystische” Bekenntnis‐ OO
Literatur beinahe ‒ wenn nicht durch‐ OO
gängig ‒ eine Gefahr für den, der hier OO
nicht zu sondern weiß, und nicht stark OO
genug ist, auch liebgewordene Vorstellungen OO
149 Wegweiser
aufzulösen um der Wahrheit willen, die OO
er nur dort finden kann, wo Menschen sich OO
bekunden, die tagwach und nüchtern in OO
die Welt des Geistes Einlaß fanden. ‒ ‒ OO
.Es kann nicht verborgen bleiben, zu OO
welcher Gruppe innerlich Erlebender ich OO
mich selber rechne, denn in allen meinen OO
Schriften habe ich stets mit allem Nach‐ OO
druck betont, wie ferne ich aller Ekstase, OO
allem Visionären stehe. ‒ Wenn man mich OO
dennoch als „Mystiker” rubrizieren möchte, OO
ob aus Bequemlichkeit, oder aber weil ein OO
anderes Wort zu fehlen scheint, so muß OO
ich zum Wenigsten darauf dringen, daß OO
man die Unterscheidung zwischen dogmaOO
tisch religiöser und kosmisch-geistigerOO
Mystik sich zu eigen mache, deren Not‐ OO
wendigkeit ich hier nun genugsam darge‐ OO
legt zu haben glaube.
.Denen aber, die in den Schriften dogOO
matisch religiös gebundener „Mystiker” OO
Bestätigungen für das aufzufinden suchen, OO
150 Wegweiser
was ihnen heute meine Lehre zu geben OO
hat, rate ich sehr entschieden, sich die OO
Mühe zu sparen.
.Sie werden dort allenfalls gewisse Über‐ OO
einstimmungen finden, weit mehr aber durch OO
einen recht wesentlich verschiedenen, OO
wenn nicht diametral entgegengesetztenOO
Gebrauch der Worte und Bilder verwirrt OO
werden.
.Vor allem aber müssen sie sich klar OO
darüber werden, daß ihr Bedürfnis, meine OO
Worte anderweitig noch bestätigt zu finden, OO
allein schon den striktesten Beweis liefert, OO
daß sie von einem eigenen VerarbeitenOO
dessen, was in meinen Schriften steht, noch OO
himmelweit entfernt sind. ‒
.Ein neuer geistiger Tag ist im An‐ OO
brechen, und keine, wenn auch historisch OO
noch so fest verankerte Erdenmacht ist im‐ OO
stande, ihn zurückzuhalten, aber in dieser OO
Generation werden ihn nur jene sehen, OO
151 Wegweiser
die, freien, nüchternen Sinnes ihm wa‐ OO
chend entgegeneilen, und solche nur können OO
meine Lehre verstehen! ‒ ‒
.Mir ist es ja wahrlich nicht darum zu OO
tun, etwa „Anhänger” werben zu wollen, OO
und ich bin jedem Leser meiner Schriften OO
dankbar, wenn er so wenig wie möglichOO
Notiz nimmt von ihrem Autor.
.Es ist mir zur Lebensaufgabe geworden, OO
in aller Verborgenheit das niederzuschrei‐ OO
ben, was ich meinen Mitmenschen zu geben OO
habe, und ich habe nichts anderes zu OO
geben, als die Aufschlüsse über des Erden‐ OO
menschen Beziehung zum Reiche wesen‐ OO
haften Geistes, wie sie in meinen BüchernOO
zu finden sind.
152 Wegweiser
22 Gedichte in gebundener Rede
TEMPEL DER TIEFE
Sollst nicht in den Lüften schweben!
Sollst fest auf der Erde stehn!
Doch, willst du zum Urgrund streben,
Mußt du in die Tiefe gehn! ‒
Dort, wo sich der Wolke Fluten
In der Erde Schoß ergießen;
Wo in Liebesfeuergluten
„Mann und Weib” sich rein genießen!
Wo die zeugenden Gewalten
Stets die Erde neu befruchten: ‒
Dorthin, wo die großen Alten
Schon des Lebens Urstrom suchten! ‒ ‒
Aber dort wird nur begnadet,
Wer von allem Alltags-Staube
Selbst sich sorglichst reingebadet...
Einlaß schafft ihm nur sein Glaube!
155 Wegweiser
AUSSEN UND INNEN
So, wie die Welt der Außensinne
Nur kund wird dem,
Der sich als Teil von ihr
In ihr bewegt,
Und, selbst bewegend,
Sich von ihr umschlossen findet,
So wird nur dem die Welt des Geistes kund,
Der alles Geistige in sich
Bereitet hat,
Unendlich sich zu weiten,
Um die Welt des Geistes zu umschließen. ‒
Dann ist er nicht nur Teil
Der Welt, die er erlebt!
Umfangend hält er das Umfangene
Im eigenen Sein
Und keine Grenze scheidet
Den Erlebenden
Fortan von dem,
Was er in sich erlebt: ‒
Zur Einheit wird
Erlebtes und Erlebender
Dann im Erlebnis...
156 Wegweiser
WEISHEIT
Auf sich gestellt,
In sich vollendet,
So lebt in der Seele
Ewige Kraft
Und wirkt sich selbst
Zu göttlichem Leben ‒ .
.‒ Nie ward sie geboren,
.‒ Nie kann sie sterben!
Wer sie erkannte,
Erkennt sich selber,
Lebt aus sich selbst
Ihr ewiges Leben!
.‒ Er fürchtet nicht,
.‒ Daß er vergehen könnte.
157 Wegweiser
VIELEINHEIT
Wir glühen alle
In einem Leben
Und jedem gehört
Dieses Leben ‒
Allein. ‒ ‒
Wir können uns immer
Das Gleiche nur geben,
Und doch ‒
Wird es immer
Ein Anderes sein...
158 Wegweiser
GEHEIMNIS DES WASSERS
Heilkräftig sprudelt manche Quelle,
Heilkräftig ist des Meeres Welle, ‒
Ernährt wird Wald und Feld und Au
Durch Regen, Fluß und Morgentau;
So ist es des Wassers ureigene Kraft,
Die allem Nahrung und Heilung schafft...
Hier aber ist noch mehr beschlossen,
Urewig geistig ausgegossen, ‒
Doch kündet es kein Menschenmund,
Allein den Wachen wird es kund,
Wie stets in der Erde das Wunder ge‐
.schieht,
Das sich allem Klügeln der „Klugen” ent‐
zieht...
Will einer recht das Wasser kennen,
Muß er es wahrlich „heilig” nennen,
Weil nirgends sich der Gottesgeist
In höh'rer Heiligkeit erweist,
Als wo er sich über die Erde beugt
Und aus dem Wasser: das Leben zeugt!
159 Wegweiser
MAHNWORT
Es ist nicht leicht, so umzudenken,
Daß man im „Ich” sich selbst erkennt, ‒
Daß man im tiefsten Sich-versenken
Den findet, den kein Name nennt;
Daß man in Vielheit sieht den Einen
Und dennoch in der Einheit bleibt, ‒
Und, ohne selbst sich zu verneinen,
Im Sein den letzten Trieb zum Scheinen
Aus seinem Paradiese treibt!
160 Wegweiser
DAS EWIGE
Weil es allzu nahe liegt,
Wird es nicht erkannt! ‒
Weil der Sinn ins Weite fliegt,
Bleibt der Blick gebannt. ‒ ‒
Und so sucht er denn in weiten
„Kosmischen Unendlichkeiten”,
Was noch keiner je gefunden,
Der nicht, mit sich selbst verbunden,
In sich selbst sich tief versenkte,
Bis sich ihm ‒ das Kleinod schenkte!
161 Wegweiser
SINFONIA
Aus Urlichtsonnenfeuern sprühet
.Weltensamen,
Und wird zu Weltensonnen,
Wird zu Welten, die um Sonnen kreisen.
Aus Welten keimen Wesen,
Denen hohe Geister sich im Fall ver‐
.einen...
Vereinigt, ziehen sie empor, was erdge‐
.boren ‒
Und stille Geisterscharen
Steigen stetig nun als Menschengeister
.zu den Sternen auf,
Und werden selbst zu Sternen,
Werden Menschengeistersonnen,
Die den Erdenwesen ferner leuchten.
‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒ ‒
162 Wegweiser
MYSTERIUM MAGNUM
Noch ist euch eures Leibes Kraft
Nur Quell der Sinnenlust...
Daß sie dem Geist den Körper schafft,
Ist Wenigen bewußt! ‒ ‒
Geheimnisvoll verbirgt Natur
Das Wunder hinter dichten Hüllen, ‒
Doch weist sie selber auch die Spur,
Will einer ihr Gesetz erfüllen! ‒ ‒
Ein Gleiches führet Mann und Weib
In heißer Liebesglut zusammen,
Und formt des Geistes neuen Leib
Aus ewig lichten, reinen Flammen! ‒ ‒ ‒
163 Wegweiser
HEIMKEHR
Wohl war auch ich einst in den Schein
.gebannt...
Wohl war auch ich voreinst im Traum
.befangen...
Dann aber ward im Lichte ich zu Licht
verbrannt
.Und bin in seinem Leuchten aufgegangen.
Nun ist der Erde Dunkel um mich her
Mir wie ein trüber Dunst in weiter
.Ferne...
Im Abgrund hör' ich noch ein grollend
.wildes Meer.
Doch ferne bleiben seine Stürme meinem
.Sterne!
164 Wegweiser
GEGENSÄTZLICH
Wenn ich über hohe Dinge
Heilig ernstes Wort gesprochen,
Kommt mir oftmals das Geringe
Kichernd auf den Weg gekrochen.
Doch ich hüte mich, zu schelten,
Wenn es gar vertraulich tut,
Denn in allen hohen Welten
Meint man's auch mit Kleinem gut! ‒
165 Wegweiser
SELTSAME SUCHENDE
Wie denn das und jenes sei
Und zusammenhänge?” ‒
So geht ihre Fragerei
Endlos in die Länge.
Was sie tun und lassen sollen?
Hört man nie sie fragen...
Da sie ja nur „wissen” wollen,
Müssen sie versagen! ‒
Wie ein Kind sein Pensum lernt,
„Lernen” sie die Lehren;
Praktisch weit davon entfernt,
Sich daran zu kehren. ‒
Können sie recht „eingeweiht
Nur vor Andern prunken,
Sind sie schon in Seligkeit
Selbstberauscht versunken...
Stets zu großem Wort bereit,
Zerschwätzen sie die Wahrheit: ‒
Ach! ‒ wie sind sie noch so weit,
Weit von aller Klarheit! ‒ ‒ ‒
166 Wegweiser
ALLZUWÜRDEVOLLES WESEN
Freund, deine „Würde” steht dir schlecht!
Du bist nur deiner „Würde” Knecht! ‒ ‒
Vordem war aufrecht stets dein Gang
Und mancher freie Wurf gelang.
Jetzt aber gehst du krumm gebogen
Und all dein Tun wirkt wie erlogen...
Es ist, als müßtest du dich fragen,
Ob du es weiter dürftest wagen,
Wie früher doch: du selbst zu sein! ‒
Du wirst, mein Freund, dir selbst zur Pein,
Und peinlich wirst du auch den Andern,
Die gerne wollten mit dir wandern! ‒
Dein Pathos tönt in falschem Ton
Und spricht dem Besten in dir Hohn...
Laß ab, mein Freund von solchem Streben,
Willst du zum Geiste dich erheben!
Du mußt erst deine „Würde” zwingen,
Soll je dir Würdiges gelingen! ‒
Erscheinst du dir auch noch so groß
Und wirst nicht deine „Würde” los,
So bleibst du doch nur arm und klein,
167 Wegweiser
Wirst stets nur scheinen, ‒ ‒ niemals
.sein,
Und bleibst zuletzt am Boden liegen,
Denn niemals lernst du so ‒ das Fliegen!
.‒ ‒
NÖTIGE STRENGE
Manches mußt du dir ent-innern,
Soll dein Inneres sauber sein!
Darum lasse zum Er-innern
Nur noch Allerreinstes ein! ‒
168 Wegweiser
DEN WOHLMEINENDEN
Es gibt Leute, die möchten mich anders
.haben, ‒
Nicht ganz so, wie ich nun einmal bin.
Und wirklich:
Diese guten Knaben,
Sie haben nichts Schlechtes für mich
.im Sinn!
Wäre ich wirklich
Wie sie mich wollen,
So sähe ich wahrlich
Nicht übel aus, ‒
Nur habe ich nicht so werden sollen,
Und möchte nicht aus meiner Haut
.heraus! ‒
Ich wäre gewiß nicht der ich bin, ‒
Wär' ich nach ihrem Wunsche geschaffen,
Und keiner hätte davon Gewinn,
Macht' ich mich zu eines Anderen
Affen! ‒ ‒ ‒
169 Wegweiser
KONSEQUENZ
Soll dein Pfeil dem Adler gelten,
Mußt du nach dem Himmel zielen! ‒
Strebt dein Sinn nach hohen Welten,
Darfst du nicht nach Wolken schielen!
170 Wegweiser
FREUNDESFREIHEIT
Der Weise liebt nur dann,
Wenn er verzichten kann, ‒
Reicht ihm ein Freund die Hand, ‒
Er wird sie freudig fassen,
Und will er von ihm gehn ‒ ‒
Er wird ihn ‒ segnend lassen...
Er weiß im Anbeginn,
Daß jeder Freundschaft Gabe
Stets nur ein Lehen ist, ‒
Niemals Besitz und Habe. ‒ ‒
171 Wegweiser
BLÜTE ODER FRUCHT
Die sich der Blüten schon erfreuen wollen
.in den Vasen,
Dürfen keine Früchte fordern, wenn der
.Zweig verwelkt, ‒
Und alle Zweige ohne Wurzel welken...
172 Wegweiser
WEISE VERTEILUNG
Stets alles zugleich tun, was man kann,
Heißt immer übers Ziel geschossen!
Auf einem Pferde reitet man,
Doch pflügt man mit den Arbeitsrossen!
173 Wegweiser
DER NEUNMALKLUGE
Mancher glaubt, er wüßt' es besser,
Als man es ihm sagen kann,
Und so wetzt er dann sein Messer: ‒
Schneidet fremde Früchte an...
Schneidet sich in allen Längen
Scheiben aus der Frucht heraus,
Läßt das Kernhaus ‒ oben hängen,
Nimmt die Scheiben mit nach Haus'...
Steckt sie dort in seinen Garten, ‒
Sieht in Träumen schon die Sprossen, ‒
Aber ach! Trotz allem Warten,
Hat er sie umsonst begossen! ‒ ‒ ‒
174 Wegweiser
DIE ÜBERHEBLICHEN
Laßt sie nur recht Dummes schwätzen
Und sich sehr erheblich fühlen!
Laßt sie nur danebenschätzen
Und ihr heißes Mütchen kühlen!
Habt doch Mitleid mit den Armen,
Reicht ihr Horizont nicht weiter! ‒
Ach! ‒ Es ist schon zum Erbarmen,
Denn sie werden nie gescheiter! ‒
Was sie selbst nicht ausgeklügelt,
Ist für sie auch nicht vorhanden,
Und was Andere beflügelt,
Schwätzt ihr seichtes Wort zuschanden...
Teuer müssen sie bezahlen
Ihre immer falschen Schlüsse,
Denn sie finden stets nur Schalen
Und entdecken nie ‒ die Nüsse. ‒ ‒
175 Wegweiser
RAT
Nimm dein Leben wie es ist!
Denke nicht: „So könnt' es sein.”
Fluche keinem deiner Tage!
Was du tragen mußt, ertrage!
Alles, was dir je begegnet,
Segne, und du wirst gesegnet! ‒
176 Wegweiser
ENDE