NACHLESE II
Gesammelte Texte
aus Zeitungen und Zeitschriften
Verlagslogo
KOBERSCHE VERLAGSBUCHHANDLUNG AG
BERN
BÔ YIN RÂ
ist der geistliche Name von
Joseph Anton Schneiderfranken
1.Auflage 1990
© by Kobersche Verlagsbuchhandlung AG
Bern
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die der Übersetzung
in fremde Sprachen und der Verbreitung in Rundfunk, Fernsehen
und auf Tonträgern jeder Art, auch auszugsweise
ISBN 3-85767-101-7
INHALT Seite
NACHLESE II
Vorwort 5
AUFSÄTZE UND ANSPRACHEN ÜBER KUNST
(1913 − 1920)
Die Technik der Wandgemälde von Tiryns
.Athen, Februar 1913 (Sonderdruck aus Athen. Mitteilungen)
9
Was gibt uns die Kunst? 15
Das Oberlausitzer Heimatmuseum 21
Ansprache zur Eröffnung der
.Kunstausstellung Neumann-Hegenberg
31
Eröffnungsansprache anläßlich der Kunst‐
.ausstellung von Otto Wilhelm Merseburg
37
Hans Thoma. Zu seinem 80.Geburtstag 41
Die bösen Modernen 48
«Kino», Kultur und Kunst 53
Max Klinger 63
ABHANDLUNGEN
Edison und der Spiritismus
.(Magische Blätter, 1921)
71
Die «Meister» der «Weißen Loge»
.(Magische Blätter, 1921)
80
Die Grundlagen wahrer Theosophie
.(Theosophie, 1921)
94
Das «Wunder» der tanzenden Tische
.(Magische Blätter, 1921)
106
Stimmen aus dem «Geisterreiche»
.(Der Türmer, 1922)
115
BESPRECHUNGEN
Dr.Carl Vogl und sein Buch «Unsterblichkeit»
.(Magische Blätter, 1921)
131
«Meister in Indien» Von F.R.Scatcherd
.(Besprechung der deutschen Ausgabe, Mag.Blätter 1921)
138
«Nachklang» Von Erika Watzdorf-Bachoff
.(Magische Blätter, 1922)
142
Rezension, vielleicht auch Selbstanzeige
.(Die Säule, 1927)
146
Das Bô Yin Râ-Brevier. Von Rudolf Schott
.(Die Säule, 1935)
149
ZUR MITARBEIT AN DEN «MAGISCHEN BLÄTTERN»
UND AN DER «SÄULE»
Zuschriften an Bô Yin Râ
.(Magische Blätter, 1921)
157
Mitteilung an den Leserkreis
.(Die Säule, 1928)
160
Mein «Glückwunsch»
.(an den Herausgeber der «Säule», Die Säule, 1929)
165
DANKESADRESSEN ZUM 50. UND 60. GEBURTSTAG
Dank. Im Dezember 1926
.(Die Säule, 1927)
173
Dank. Im Januar 1927
.(Magnum Opus, 1927)
177
Den Gratulanten zu meinem 60.Geburtstag.
.Im November 1936 (Die Säule, 1936)
181
PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN
Ein Leben
.(Theosophie, 1915)
187
Alpenluft
.(Der Türmer, 1922)
196
Herbst im Tessin
.(Der Türmer, 1923)
209
Wie wünscht sich der
.Schweizer Schriftsteller seine Leser?

.(Der Schweizer Bücherbote, Osterheft 1937)
216
Originalscan1  Originalscan2
NACHLESE II
VORWORT
.Bereits im Vorwort des ersten Bandes der neu OO
aufgelegten «Nachlese» konnten wir der Freude OO
Ausdruck geben, dass es möglich war, die Samm‐ OO
lung von Texten von Bô Yin Râ stark erweitert in OO
zwei Bänden herauszugeben. Entspricht der erste OO
Band mit Ausnahme von einigen Erweiterungen OO
mehr oder weniger dem 1953 erschienenen OO
Buch, so enthält dieser zweite Band bisher nicht OO
oder kaum bekannte Artikel von Bô Yin Râ aus OO
den 20er und 30er Jahren, darunter einige Be‐ OO
trachtungen über Kunst, die zwischen 1913 und OO
1920 in verschiedenen Tageszeitungen erschie‐ OO
nen und von der Familie des Autors freundlicher‐ OO
weise zur Verfügung gestellt wurden.
.Bô Yin Râ hat sich aber nicht nur über das ihm OO
eigene Gebiet der Kunst geäussert; er hat ‒ wie er OO
in einem seiner Aufsätze selbst schreibt ‒ auch OO
Themen aufgegriffen, «die der Tag nahegelegt OO
hatte», wenn er sich dadurch für den Leser in be‐ OO
stimmten Fragen mehr Klarheit versprach. Dazu OO
gehören mehrere Abhandlungen sowie einige OO
5 NachleseII
Buchbesprechungen, die Bô Yin Râ für den ihm OO
freundschaftlich verbundenen Inhaber des Ri‐ OO
chard Hummel Verlags, Leipzig, verfasst hat. Für OO
den heutigen Leser, der sich die damalige Zeit OO
vergegenwärtigt, kann es wertvoll sein, sich ein OO
Bild davon zu machen, wie Bô Yin Râ stets leh‐ OO
rend und hilfreich bestrebt war, einerseits das Po‐ OO
sitive hervorzuheben, anderseits aber auch gele‐ OO
gentliche Fehlinterpretationen mit Nachdruck OO
richtigzustellen.
.Die Anordnung der Texte ergab sich von selbst; OO
nach Möglichkeit wurde die chronologische Rei‐ OO
henfolge bevorzugt.
.Leider sind die besprochenen Bücher im Buch‐ OO
handel nicht mehr erhältlich. Der Verlag ist somit OO
nicht in der Lage, Bezugsquellen zu nennen.
.Bern.1990      Der.Verlag
6 NachleseII
AUFSÄTZE UND ANSPRACHEN
ÜBER KUNST (1913-1920)
Außer «Die Technik der Wandgemälde von Tiryns» sind 00
alle Artikel in den Jahren 1919 und 1920 in verschiedenen 00
Görlitzer Zeitungen, besonders in den «Görlitzer Nach‐ 00
richten», erschienen.
DIE TECHNIK DER WANDGEMÄLDE
VON TIRYNS
D
IE Malereien, deren Fragmente in Tiryns OO
gefunden wurden, betrachtet man kurzweg OO
als Fresken; aus maltechnischen Gründen dürfte OO
aber eine Modifizierung dieser Ansicht geboten OO
sein. Durch die Freundlichkeit Prof. Karos wurde OO
mir eine Untersuchung der Maltechnik dieser OO
Funde nahegelegt, und ich gebe nun hier die OO
Resultate.
.Man muß vor allem unterscheiden zwischen OO
der Technik der Gemälde des älteren und jener OO
des jüngeren Palastes.
.Die Fragmente vom älteren Palast zeigen einen OO
Farben-Auftrag, dessen Konsistenz unbedingt für OO
ein Bindemittel spricht, das der Farbe selbst beige‐ OO
mengt war, während bekanntlich beim Fresko derOO
Kalk des Wandbewurfs die Farbe bindet, die, ohneOO
mit einem Bindemittel versehen zu sein, auf die feuchte OO
Wand aufgetragen wird.
9 NachleseII
.Die Farbe liegt beim echten Fresko in der kla‐ OO
ren Schicht kohlensauren Kalks, die sich an der OO
Luft bildet, wie in einen spröden, glasigen, dün‐ OO
nen Firnis eingebettet und zeigt selbst nach star‐ OO
ker Verwitterung noch etwas von der ursprüngli‐ OO
chen Transparenz.
.Die Farbe der Gemälde des älteren Palastes da‐ OO
gegen ist in pastoser Schichtung aufgetragen. Oft lie‐ OO
gen mehrere Schichten übereinander, wie bei OO
dem Fragment eines Mannes mit Speer (Tiryns II OO
Taf.14) sehr schön zu sehen ist. Auf dem blauen OO
Grund, der hier die ganze Kalkfläche bedeckt, OO
sitzt das Rot der Hand und des Gesichtes, und auf OO
letzterem sitzt, sehr pastos, das Gelb des Bartes.
.Um solche dicke Schichten sicher zu binden, OO
reicht die Bindekraft des an der Oberfläche er‐ OO
scheinenden wässerigen Kalks nicht aus. Die OO
ganze Konsistenz der Farbe ist die einer dicken OO
Leim- oder Temperafarbschicht, doch können OO
diese organischen Bindemittel nach der chemi‐ OO
schen Untersuchung Mr. Heatons keinesfalls vor‐ OO
liegen. Mir ist nur ein Bindemittel bekannt, das OO
hier enthalten sein könnte, und dessen Konsi‐ OO
stenz die Farbe zeigt. Es ist die sogenannte Kalk‐ OO
milch, d.i. gelöschter Kalk, der in einer größeren OO
Wassermenge verrührt wird.
10 NachleseII
.Mit dieser Flüssigkeit wird die Malfarbe ver‐ OO
setzt. Man kann dann auf feuchten oder trockenenOO
Grund malen und die Farbe wird hart an der OO
Luft. Mitunter wird sie heute noch im Handwerk OO
verwendet, oft auch mit Zusätzen von Käse‐ OO
Quark, als Kasein-Kalkfarbe. Ob sich ein solcher OO
Zusatz hier annehmen läßt, weiß ich nicht. Ich OO
möchte für reine Kalkfarbe eintreten. Eine Bestäti‐ OO
gung sehe ich in Mr. Heatons mikroskopischer OO
Untersuchung (Tiryns II 211 ff.). Mr. Heaton er‐ OO
kannte dabei kleine Kalkteile zwischen den Farb‐ OO
körperchen, für die man, bei der bisherigen Vor‐ OO
aussetzung reiner Fresko Technik, nur die im‐ OO
merhin unbefriedigende Erklärung finden OO
konnte, sie seien durch den Pinsel zufällig vom OO
feuchten Grunde gelöst.
.Ganz anders liegt die Sache bei den Stücken des OO
jüngeren Palastes. Hier wurde zuerst die ganze OO
Fläche «al fresco» dünn bemalt, und auf dieser, OO
die alle Charakteristiken der Freskomalerei auf‐ OO
weist, in der alten Kalkfarben Technik pastos wei‐ OO
ter gearbeitet. Sehr schön sieht man an dem gro‐ OO
ßen Fragment mit dem Kopf einer Frau (Tiryns II OO
Taf. IX) den Gegensatz der dünnen, mit dem gla‐ OO
sig spröden Kalkgrund sozusagen verwachsenen OO
Unterlage, die zweifellos in Fresko gemalt ist, zu OO
der nach dem Trocknen des Grundes aufgesetz‐ OO
11 NachleseII
ten, pastosen und stumpfen Kalkfarbe. Es scheint OO
fast, als stünde man an der Wiege der Fresko‐ OO
Malerei. Gefärbte Kalktünche war bekannt. Es lag OO
dann nahe, mit verschieden gefärbten Tünchen OO
(Kalkfarben) auf die Wände zu malen. Das Ergeb‐ OO
nis hätten wir beim älteren Palast. Ein Zufall OO
mochte den Malern gezeigt haben, daß die Farbe OO
auch ohne Kalkmilchzusatz hält, wenn sie auf den OO
noch feuchten Kalkputz aufgetragen wird. Bald OO
mußten sie sehen, daß man auf diese Art flüssiger, OO
flotter und leichter arbeiten kann, ja daß die OO
Technik dies geradezu verlangt. So bemalten sie OO
wohl die frisch beworfene ganze Wand ziemlich OO
flüchtig und leicht, solange es die Feuchtigkeit des OO
Kalkes zuließ, ohne vorerst daran zu denken, daß OO
man den Kalkgrund stückweise aneinandersetzenOO
könnte, um das Gemälde «al fresco» fertig zu ma‐ OO
len, wie das in der Renaissance geschah. Dies OO
würde auch das Fehlen der für Fresko charakteri‐ OO
stischen Fugen erklären.
.Al fresco malten sie wohl alles, was sich mög‐ OO
lichst schnell auf der ganzen Malfläche machen OO
ließ. Die großen Farbmassen füllten sie dann mit OO
Kalkfarbe, mit der sie auch das Ganze vollende‐ OO
ten, ähnlich wie man heute noch ein trockenes OO
Fresko mit Temperafarbe retouchiert. Die Maler OO
von Tiryns dürften jedoch das Fertigstellen in OO
12 NachleseII
Kalkfarben keineswegs als Retouche betrachtet OO
haben, denn beide Techniken haben an der ferti‐ OO
gen Malerei gleichen Anteil.
.Den Vertiefungen im Malgrund darf man, mei‐ OO
ner Meinung nach, keine zu große Wichtigkeit bei‐ OO
messen. Ich halte die Vertiefungen der Gewand‐ OO
teile für Schabungen, die durch Korrekturen nötig OO
wurden. Auf solchen ausgeschabten Stellen moch‐ OO
ten die Farben nachher sehr roh wirken, weshalb OO
man sie nach dem Trocknen zu glätten versuchte. OO
Die Schnüre, bei den Netzen der Jagd, werden OO
wohl in den noch weichen Grund eingedrückt sein, OO
und zwar bei der summarischen Aufzeichnung des OO
Ganzen. Die geraden Linien des Architektur-Frag‐ OO
ments scheinen mir dagegen in den trockenen OO
Grund geritzt. Ich schließe das aus der Beschaffen‐ OO
heit der Ränder. In beiden Fällen liegt die Farbe OO
flüssig eingelaufen in den kleinen Kanälen. Wäre OO
sie mit eingedrückt worden, nachdem die Malerei OO
beendigt war, so müßte dies unbedingt an der OO
Oberfläche des Farbflusses zu erkennen sein.
.Sowohl beim älteren wie beim jüngeren Palast OO
ging die Arbeit sichtlich schnell von statten, und OO
wenn die Maler des alten Palastes den frischen OO
Kalkgrund auch noch nicht zur Bindung der OO
Farbe auszunützen verstanden, so mußten sie OO
doch keineswegs warten, bis er trocken war.
13 NachleseII
.Ob die Verschiedenheit der Stücke des älteren OO
und jüngeren Palastes, infolge der durch die OO
Fundumstände sicheren Datierung, ein geeigne‐ OO
tes Datierungsmerkmal auch für andere Funde OO
abgeben kann, entzieht sich meiner Beurteilung. OO
.Athen, Februar 1913
14 NachleseII
WAS GIBT UNS DIE KUNST?
E
S ist eine höchst erfreuliche Tatsache, und OO
mir persönlich in Wien zum ersten Male auf‐ OO
gefallen, daß immer weitere Kreise der Arbeiter‐ OO
schaft für die bildenden Künste, also Malerei und OO
Plastik, ein immer regeres Interesse zeigen.
.Der Ruf: «Die Kunst dem Volke!» ist zwar schon OO
längst gehört worden, aber man packte die Sache OO
am verkehrten Ende an. Man verlangte von den OO
Künstlern, sie sollten Werke schaffen, denen ähn‐ OO
lich, die das Volk bereits gewohnt sei, weil man es OO
für selbstverständlich hielt, daß «das Volk» ‒ wo‐ OO
mit man zumeist nur einen Teil des Volkes, näm‐ OO
lich die Arbeiterkreise meinte, ‒ gar kein Inter‐ OO
esse für jene Werke der Kunst haben könne, die OO
geistige Mitarbeit voraussetzen, will man ihre höch‐ OO
sten Werte erfassen und sie als eine Lebensberei‐ OO
cherung genießen. Man hat sich, wie ich kaum OO
einem intelligenten Arbeiter zu sagen brauche, OO
mächtig getäuscht, denn wo man auch bis jetzt den OO
Versuch machte, der Arbeiterschaft einen Ein‐ OO
15 NachleseII
blick in die Probleme der bildenden Kunst zu ver‐ OO
mitteln, fand sich regstes Interesse, verstehendes OO
Mitgehen auf den Pfaden, die zur sogenannten OO
«Hohen Kunst» führen, die nichts anderes ist, als OO
ein Gestalten aus Werten, die tief in jedem mensch‐ OO
lichen Geiste verborgen ruhen, und die zu heben OO
und sichtbar zu machen eben des wahren Künst‐ OO
lers Beruf ist. ‒ Es gibt daneben allerdings auch OO
eine Art Darstellerei, die wohl «gekonnt» sein will, OO
aber trotzdem nichts mit wahrer Kunst zu tun hat. OO
Sie serviert der Menschheit immer wieder die OO
schon tausend- und abertausendmal abgewandel‐ OO
ten Motive, bald ist es ein «schöner» Frauenkopf, OO
bald irgend eine Anekdotenmalerei, bald eine OO
süßliche Landschaft, und erfordert vom Be‐ OO
schauer rein gar nichts an geistiger Mitarbeit. Es ist OO
begreiflich, daß der Mann der Arbeit an solchenOO
Werken, wie an besseren Spielereien, achtlos und OO
achtungslos vorübergeht, aber sein Interesse wird OO
sofort geweckt, wenn er sieht, daß auch das Schaf‐ OO
fen des Künstlers sehr ernste Lebenswerte fördert, OO
die ihm Freude und Beglückung geben können, OO
auf die er verzichten müßte, wollte er am Kunst‐ OO
schaffen seiner Zeit teilnahmslos vorübergehen. OO
.Warum sollte es auch verwunderlich sein, daß OO
der Arbeiter, und nicht etwa nur der selbst mit OO
Pinsel und Farbe Bescheid Wissende, sondern OO
16 NachleseII
auch der Mann am Schraubstock, an der Dreh‐ OO
bank und an der Maschine, sich für die Probleme OO
wahrer Kunst lebhaft interessieren kann? Sein OO
Geistesleben braucht Nahrung und Arbeitsmate‐ OO
rial für die verschiedensten Gehirnzentren. Zu‐ OO
meist wird es ausgefüllt mit den Gedanken, die OO
seine Alltagsarbeit begleiten, mit Politik im Inter‐ OO
esse seiner Lebensbedingungen, und vielleicht OO
noch mit populärwissenschaftlicher Lektüre. Das OO
reiche Gebiet der bildenden Kunst wurde nur selOO
ten betreten und jene Gehirnpartien, die es sich OO
erobern könnten, lagen still, sind fast unbenutzt OO
und warten darauf, daß ihr Eigner sie in Ge‐ OO
brauch nehme und sie ebenso entwickle, wie er OO
andere Gehirnzentren entwickelt hat. Der aller‐ OO
erste Anfang mag eine gewisse Anstrengung ko‐ OO
sten, aber bald treten bestimmte Beobachtungen OO
auf, die dem erstaunten Auge zeigen, daß die OO
Werke bildender Kunst keineswegs nur dem OO
Schmuckbedürfnis dienen, keineswegs überflüssige OO
Dinge für reiche Liebhaber sind, sondern: SpiegelOO
des menschlichen Empfindens einer Zeit, BekenntnisseOO
der Seele einer Zeit, Dokumente des Fortschritts, OO
Predigten einer Religion, die zutiefst in einem jeOO
den Menschenherzen lebt, und nicht zum wenig‐ OO
sten in der Brust unter dem blauen Kittel, im Ge‐ OO
dröhne und Gestampfe der Fabriken...
17 NachleseII
.Man suchte Kunst «ins Volk» zu bringen, indem OO
man billige Reproduktionen guter Kunstwerke, OO
billige Künstlergraphik herstellte, damit so der OO
unwürdige fade «Öldruck» ohne jeglichen Wert, OO
aus der guten Stube des Arbeiters verschwinde. OO
Das ist gut und löblich und bereits ein großer OO
Schritt nach vorwärts, aber man war noch viel zu OO
ängstlich und ist es noch, so daß man nur solche OO
Kunstwerke wählte, die zwar alle Ansprüche er‐ OO
füllen, die an einen wertvollen Schmuck der OO
Wände zu stellen sind, aber dennoch herzlich we‐ OO
nig von jener tieferen Kunstauffassung verraten, OO
die den Künstler zum Schaffen zwingt, als einen OO
Künder menschlicher Seelentiefen, einen Gestal‐ OO
ter der Symbole reiner Menschlichkeit. ‒ ‒ Auch OO
darin wird die Zeit Wandel schaffen, wenn das Be‐ OO
dürfnis sich zeigt. ‒ Aber wer, selbst wenn er Milli‐ OO
ardär wäre, könnte sich jemals alle Kunstwerke OO
kaufen, die seine Seele befruchten können? Wer OO
könnte sie ständig auch nur alle um sich sehen, OO
und sei es auch nur in guten Reproduktionen? OO
Gewohnheit macht stumpf, verdirbt und ermü‐ OO
det. ‒ Dagegen wird der Eindruck, den ein inten‐ OO
siv sich einbohrender Beschauer vor vielen Jah‐ OO
ren von einem Kunstwerk in irgend einer guten OO
Ausstellung erhielt, auch nach weiteren vielen OO
Jahren niemals schwinden. ‒
18 NachleseII
.Dieser Beschauer ist dann der wahre Besitzer OO
des Werkes, während es noch sehr fraglich sein OO
kann, ob es dem Künstler, der mit großen Auf‐ OO
wendungen und seltenen Verkäufen zu rechnen OO
hat und darum gezwungen ist, scheinbar hohe OO
Preise anzusetzen, (von denen meist noch vieles OO
«abgehandelt» wird!) wirklich gelang, einen Käu‐ OO
fer zu finden, der auch das Werk geistig zu «besit‐ OO
zen» fähig ist. ‒ Man braucht keinen großen Geld‐ OO
beutel zu haben, um ein Freund und empfinden‐ OO
der Versteher der bildenden Kunst zu werden. Es OO
ist noch weniger nötig, dicke Bücher über Kunst OO
zu lesen, oder gar die Jahreszahlen der Kunstge‐ OO
schichte auswendig zu wissen. Wer so anfängt, OO
zäumt den Gaul am Schwanze auf und hat nur alle OO
Aussicht, einer der vielen Halbwisser, der vielen OO
Schwätzer zu werden, die wirklichem Kunster‐ OO
fühlen im Wege stehen, soviel sie auch mit ihren OO
zusammengelesenen Floskeln zu imponieren ver‐ OO
suchen. Um sich das Lebensgebiet der Kunst zu OO
erobern, dazu bedarf es lediglich gesunder, se‐ OO
hender Augen, eines tiefen und echten LebensgeOO
fühls, und des ehrlichen Willens, den Schöpfungs‐ OO
prozeß eines Kunstwerkes in eigener Seele nachOO
erleben zu wollen, des Willens, die Sprache der OO
Formen und Farben verstehen zu lernen, die der OO
Künstler spricht, so wie man sich auch im ge‐ OO
19 NachleseII
wöhnlichen Leben an die Ausdrucksweise eines OO
Menschen erst gewöhnen muß, wenn man ihn OO
nicht ständig mißverstehen will. ‒ ‒
20 NachleseII
DAS OBERLAUSITZER
HEIMATMUSEUM
D
IE «Ruhmeshalle» kennt in Görlitz jedes OO
Kind, auch wenn sie offiziell «Gedenkhalle» OO
heißt, aber daß die eigentliche «Ruhmeshalle» OO
nur der räumliche Mittelpunkt eines zwar nicht OO
sehr großen, aber reichen und hochinteressanten OO
Museums ist, dessen scheint man sich in Görlitz OO
und Umgebung immer noch nicht genügend zu OO
erinnern, soll es doch vorgekommen sein, daß ein OO
Fremder nach dem «Kaiser-Friedrich-Museum» OO
fragte und von einem Einheimischen die Antwort OO
bekam, ein solches gäbe es hier nicht. ‒
.Gewiß, die Besucherzahl ist in letzter Zeit im OO
Steigen begriffen und die reichen, besonders auf OO
die Geschichte der Oberlausitz bezüglichen OO
Schätze beginnen allmählich auch Fremde anzu‐ OO
ziehen, die speziell zur Besichtigung des Muse‐ OO
ums nach Görlitz kommen, oder deshalb hier ihre OO
Reise unterbrechen.
.Es hat aber trotzdem den Anschein, als ob man OO
sich in Görlitz selbst noch recht wenig darüber OO
21 NachleseII
klar wäre, welche Bedeutung das kleine Museum OO
für die Stadt hat.
.Vielleicht werden die fremden Besucher mit ih‐ OO
rer wachsenden Anzahl darin eine Änderung be‐ OO
wirken und den Einheimischen mit der Zeit zei‐ OO
gen, daß der eigentliche Wert ihrer «Ruhmes‐ OO
halle» denn doch weniger in der dekorativen Wir‐ OO
kung des Gebäudes von außen, als in den SammOO
lungen zu suchen ist, die dieser Kunsttempel über OO
dem anmutigen Neißeufer beherbergt. ‒
.Eine schier übermenschliche Arbeit hat der Di‐ OO
rektor des Museums, Prof. Feyerabend, geleistet, OO
um diese Sammlungen aufzubringen und in wür‐ OO
diger Weise aufzustellen. Das Museum ist eigent‐ OO
lich sein eigenstes Werk, ein Lebenswerk von OO
nicht unbeträchtlicher Bedeutung.
.Freilich, ohne die Hilfe zahlreicher Gönner des OO
Museums wäre es ihm nicht möglich gewesen, die OO
von ihm kahl und leer übernommenen Museums‐ OO
räume zu füllen, aber wer einigermaßen weiß, was OO
es heißt, ohne irgendeine museumstechnisch ge‐ OO
schulte Hilfskraft, wie er sie längst hätte haben OO
müssen, ein solches Museum zusammenzubrin‐ OO
gen, zu ordnen und zu leiten, und, was nicht zu‐ OO
letzt genannt werden sollte, in lebendigem Kon‐ OO
nex mit dem übrigen deutschen Museumswesen OO
22 NachleseII
zu erhalten, der kam nicht umhin, die Lebensar‐ OO
beit Prof. Feyerabends im allerhöchsten Maße zu OO
bewundern.
.Er hat sich damit den wärmsten Dank der heu‐ OO
tigen und kommender Generationen in Görlitz OO
verdient.
.Es wäre leicht, an einer ganzen Reihe von Bei‐ OO
spielen zu zeigen, wie auch ein kleines, gutgeleite‐ OO
tes Museum in einer kleinen oder mittleren Stadt, OO
den Ruf dieser Stadt in kultureller Hinsicht zu OO
verbreiten geeignet ist, wie es ihre Fremdenziffer OO
und damit ihren Wohlstand hebt und ihren Gel‐ OO
tungsbereich erweitert. Daß auch das Görlitzer OO
Museum den Grundstock besitzt, um sich zu sol‐ OO
cher Bedeutung für seine Heimatstadt und weit OO
darüber hinaus emporzuarbeiten, lehrt ein auf‐ OO
merksamer Rundgang in seinen Räumen.
.Der Qualität nach am mäßigsten bedacht ist noch OO
seine kleine Gemäldegalerie, sehr zum Leidwesen OO
des Direktors, der auch hier mit Freuden nur das OO
Beste zeigen möchte. Die dem Laien so imponie‐ OO
renden Riesenleinwanden mit den Ausklängen OO
der theatralischen und im eigentlich künstleri‐ OO
schen Sinn so wenig ausgiebigen Piloty- und OO
Kaulbach-Zeit bedecken da nebst andern künst‐ OO
lerisch belanglosen Repräsentationsbildern gan‐ OO
23 NachleseII
ze Wände und hindern die so sehr wünschens‐ OO
werte, neuzeitlich mustergültige Verteilung der OO
zwar noch recht wenigen, aber immerhin vorhanOO
denen Werke von wirklichem Kunstwert.
.Besitzt doch die kleine Galerie neben einigen OO
andern nicht unbedeutenden Stücken tatsächlich OO
einen echten, wenn auch für das Gesamtschaffen OO
nicht so ganz instruktiven Böcklin, zwei Werke des OO
hochbedeutenden, in seiner Eigenart so beschei‐ OO
denen Hans von Volkmann, eine zweite Fassung des OO
«Gestades der Vergessenheit» von Bracht, einen OO
sehr guten Schramm-Zittau, ein bedeutendes mo‐ OO
numentales Werk von Lesset Ury, ein gutes Porträt OO
seines Töchterchens von Franz Stuck und eine An‐ OO
zahl nicht unbedeutender Gemälde aus dem älteOO
ren Münchener Künstlerkreis. Immerhin genug, OO
um neben den hier nicht genannten bedeutende‐ OO
ren Werken den Ausgangspunkt einer kleinen OO
guten Gemäldesammlung darzustellen.
.Wichtiger aber, und naturgemäß besser be‐ OO
dacht, ist zurzeit noch die reichhaltige Sammlung OO
von Stichen, Zeichnungen und andern Kunstblät‐ OO
tern, die sich auf die Geschichte von Görlitz, die OO
Geschichte der Oberlausitz beziehen.
.Vielleicht am vollständigsten ist dann die eben‐ OO
falls nach den Interessen der Heimatgeschichte OO
24 NachleseII
orientierte kunstgewerbliche und kunsthistori‐ OO
sche Sammlung in den beiden Flügeln des Erd‐ OO
geschosses, während die Oberlausitzer Zimmer in OO
den Souterrain-Räumen nebst vielem andern, OO
das dort seinen Platz fand, diese Sammlungen le‐ OO
bendig ergänzen.
.Ein kleines Museum für sich ist der Urge‐ OO
schichte gewidmet und ebenfalls in den Keller‐ OO
räumen untergebracht. Der Archäologe, der die OO
Oberlausitzer Keramik studiert, kann auf die OO
Kenntnis dieser zum Teil sehr hervorragenden OO
Funde nicht verzichten, während sie dem Laien OO
ein Bild fernster Vorzeit geben.
.Erstaunlich viel Belehrendes bieten diese un‐ OO
tersten Räume, in denen zu allem Überfluß noch OO
zwei recht eigenartige und des Ansehens werte OO
Kleinwerke der Volkskunst, zwei sogenannte OO
«Krippen»-Darstellungen Platz fanden, um die das OO
Museum wohl von der berühmten Münchner OO
Krippensammlung im bayrischen Nationalmu‐ OO
seum nicht wenig beneidet werden dürfte.
.Der Fleiß einfacher Handwerker hat diese Dar‐ OO
stellungen in jahrelanger mühevoller Arbeit ge‐ OO
schaffen. Die eine schildert nur die Geburt Christi OO
mit den üblichen anachronistischen, volkstümli‐ OO
chen Beigaben, so daß der ganze Hergang in die OO
25 NachleseII
engere Heimat versetzt erscheint, die andere OO
«Krippe» ist eigentlich ein vollständiges PassionsOO
spiel, beginnend mit der Geburtsgeschichte und OO
endigend mit der Auferstehung. Und das alles ist OO
durch eine Anzahl sinnreicher Anordnungen in OO
geradezu verblüffend natürlicher Weise beweg‐ OO
lich.
.Bei der Kreuzabnahme wird selbst der Leich‐ OO
nam Christi frei vom Kreuze heruntergeholt! Al‐ OO
les ist so naiv aus dem Geiste echter Volkskunst OO
entstanden, daß die Beweglichkeit der Figuren OO
nur den künstlerischen Eindruck verstärkt, statt OO
ihn etwa zu stören. Wer bei dem dreimaligen Ge‐ OO
bet Jesu im Garten am Ölberg nicht durch die Be‐ OO
wegung des bis in den Tod Betrübten ergriffen OO
wird, der muß jedes Gefühl für volkstümliche OO
Einfühlung in die Begebnisse christlicher Heils‐ OO
geschichte verloren haben. ‒
.Und das alles hat man hier unten mustergültig OO
aufgestellt. Ein Beamter des Museums, auch ein OO
einfacher, tüchtiger Handwerker besten alten OO
Schlages, obwohl ein noch jüngerer Mann, der OO
auch die Vorführungen unternimmt, hat all diese OO
Einzelteile mit feinstem Verständnis wieder zu‐ OO
sammengesetzt, die «mechanische Kunst» daran OO
in sinngemäßer Weise wiederhergestellt und in OO
liebevoller Hingabe beide «Krippen» in den zur OO
26 NachleseII
Verfügung stehenden Räumen aufgebaut, was OO
gewiß keine leichte Arbeit war und einen beson‐ OO
ders feinen seelischen Takt erforderte, um das OO
Unberührte, das Wesentliche der alten Origi‐ OO
nalarbeit zu erhalten.
.Das wäre so in aller Kürze, jedem Besucher des OO
Museums nicht fremd, der wesentlichste Inhalt OO
der Räume.
.Eine bedeutende Münzensammlung sowie OO
noch manches andere harrt des Tages, an dem OO
ein schon längst geplanter, aber jetzt auf unbe‐ OO
stimmte Zeit hinaus verschobener Erweiterungs‐ OO
bau doch einst seine Vollendung finden wird.
.Es wäre zu wünschen, daß das Museum immer OO
mehr Gönner finden möge, die es durch Legate OO
und sonstige Schenkungen, seien es nun kunst‐ OO
und kulturhistorisch wichtige und wertvolle OO
Werke, seien es die so dringend nötigen größeren OO
Barmittel, in den Stand setzen würden, seiner ho‐ OO
hen Aufgabe für das kulturelle Leben der Stadt OO
Görlitz und im weiteren Sinne der gesamten OO
Oberlausitz in mustergültiger Weise zu genügen. OO
.Aber schließlich ist auch ein «Heimatmuseum» OO
keine isolierte, nur auf den Bannkreis seiner Stadt OO
oder ihrer nächsten Umgebung beschränkte Ein‐ OO
27 NachleseII
richtung, wenn auch die Vorteile, die es durch OO
seinen Ruf einer Stadt bringen kann, dieser allein OO
zugute kommen.
.In diesem Sinne ist jeder Einwohner von Gör‐ OO
litz zwar praktisch an dem Gedeihen und Be‐ OO
kanntwerden des heimischen Museums inter‐ OO
essiert, aber dieser Ruf, dieses Bekanntwerden ist OO
nur zu erreichen dadurch, daß sich die Museums‐ OO
leitung in den Dienst der gesamten Kunstwissen‐ OO
schaft stellt und die Verbindung mit allen Museen OO
in deutschem Sprachgebiet stets aufrecht erhält. OO
Die hierzu nötige Arbeit übersteigt aber die Kraft OO
eines einzelnen Mannes, sei er auch wie der der‐ OO
zeitige Leiter und Schöpfer des Museums ein OO
Hüne an Arbeitskraft. Mit ungeschulten und billi‐ OO
gen Hilfskräften ist hier gar nichts geholfen. Nö‐ OO
tig wäre die Assistenz einer wissenschaftlich gebil‐ OO
deten und in den Aufgaben eines Museumsbeam‐ OO
ten nicht ganz unerfahrenen Persönlichkeit.
.Da die Stadt Görlitz zurzeit mit Aufgaben über‐ OO
lastet ist, die es ihr wohl unmöglich machen dürf‐ OO
ten, eine solche Hilfskraft zu besolden (obwohl OO
der wissenschaftliche Arbeiter auch heute noch ausOO
Liebe zur Sache zu arbeiten pflegt und daher in sei‐ OO
nen Ansprüchen weitaus bescheidener ist als OO
mancher Fabrikarbeiter), so könnte man es nur OO
als eine hochherzige Tat bezeichnen, wenn von OO
28 NachleseII
privater Seite die Kosten einer solchen Hilfe für OO
die Museumsleitung übernommen würden.
.Es wäre die denkbar übelste Verkennung des OO
Nötigen, wenn man den fruchtbringenden Be‐ OO
stand eines Museums in heutiger Zeit als überflüs‐ OO
sigen Luxus ansehen wollte. ‒ «Nicht vom Brote OO
allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, OO
das aus dem Munde Gottes kommt.» ‒
.Ein jedes Werk bedeutender Vorzeit, alles, was OO
die Gegenwart an wirklich Gehaltvollem schafft, OO
ist solch ein «Wort Gottes», das zu empfänglichen OO
Herzen, insonderheit zu den Gemütern der Ju‐ OO
gend, oft wuchtiger sprechen kann als Schule und OO
Kirche es vermögen, gerade weil all diese sicht‐ OO
baren, greifbaren Dinge so ganz auf das praktische, OO
tagtägliche Leben hinweisen. Alles, was heute den OO
allenthalben im praktischen Leben grassierenden OO
Materialismus zurückdämmen kann, dient dem OO
Wiederaufbau, ist eine nicht zu missende und ihre OO
Unterschätzung bitter rächende Kraft, die zur OO
Gesundung unsres Lebens führt. ‒ ‒
Was das Buch für das Denken bedeutet, das ist derOO
sichtbare Gegenstand, wenn er von Kunst, Ge‐ OO
schmack und handwerklicher Tüchtigkeit zeugt, OO
für das Gemüt. ‒ Aus dem Gefühl heraus aber muß OO
die Kraft zur Wiederaufrichtung unsres Volkes OO
29 NachleseII
kommen. Das Denken geht irre Wege, wenn es OO
nicht durch das Gefühl in gesunde Bahnen gelei‐ OO
tet wird. ‒ Was wir heute alle beklagen, ist nicht OO
zum wenigsten die Frucht irregeleiteten Denkens, OO
die Folge davon, daß man das Volk systematisch OO
daran gewöhnte zu glauben, alles Gute müsse sich OO
erdenken lassen, daß man Kopfmenschen, GehirnOO
menschen erzog, aber keine Menschen, die sehenOO
können und durch Sehen zu lernen wissen. ‒ Dies OO
aber lehrt in erster Linie ein Museum.
30 NachleseII
ERÖFFNUNG DER
KUNSTAUSSTELLUNG
NEUMANN-HEGENBERG
Im Bankettsaal der Stadthalle wurde gestern gegen 11,30 00
vom neuen Vorsitzenden des Kunstvereins, Herrn Jo00
seph Schneider - Franken*, die Ausstellung Neumann - Hegen00
berg und Paul Polte eröffnet. Ein guter Anfang unter der 00
neuen Leitung, die, wie wir hoffen, noch recht ersprieß‐ 00
liche Arbeit auf diesem Gebiete des Kunstlebens leisten 00
wird, um dadurch der Stadt Görlitz auch nach außenhin 00
in dieser Beziehung einen Namen zu machen. Wir wün‐ 00
schen dem neuen Vorsitzenden den besten Erfolg.
Zur Eröffnung der Ausstellung führte er aus:
Meine Damen und Herren!
.Der Kunstverein hat vor kurzem seinen lang‐ OO
jährigen und verdienstvollen Vorsitzenden durch OO
den Tod verloren, und mir wird nun die Aufgabe, OO
die für das kulturelle Leben dieser Stadt so wich‐ OO
tige Vereinigung zu leiten.
* Da die beglaubigte Namensänderung in «Schneider‐ 00
franken» erst Ende August 1920 erfolgte, sind sämtliche 00
Artikel über Kunst mit Joseph oder J. A. Schneider-Fran‐ 00
ken gezeichnet.
31 NachleseII
.Daß am Beginn meiner Tätigkeit gleich eine so OO
hervorragende Ausstellung steht, wie die ist, die OO
ich hier nun eröffnen soll, ist nicht mein Ver‐ OO
dienst.
.Ich danke aber den Herren des Vorstandes, OO
daß sie den beiden Künstlern, die hier ausstellen, OO
Gelegenheit gaben, ihre Werke zu zeigen.
.Ich kann mit voller Überzeugung und warmenOO
Herzens für diese Ausstellung eintreten.
.An anderer Stelle zeigte ich vor kurzem, daß die OO
Richtung, der ein Künstler zugezählt wird, eigent‐ OO
lich Nebensache ist, daß es einzig darauf ankommt, OO
ob ein Künstler zu den Echten und Wahrhaftigen, OO
oder aber nur zu denen zu zählen ist, die irgend‐ OO
einer Richtung nachlaufen, weil sie selbst nichts EiOO
genes zu sagen haben.
.Die Ausstellung, die Sie jetzt sehen werden, OO
zeigt in lebendiger Gestaltung, wie wenig es auf OO
die Richtung ankommt, wie die Persönlichkeit eines OO
Künstlers ganz allein für die Wertung seines Schaf‐ OO
fens maßgebend ist.
.Man kann sich kaum verschiedenere RichtungenOO
vorstellen als die sind, die durch die beiden aus‐ OO
stellenden Künstler vertreten werden.
32 NachleseII
.Der Maler, dem ja der größte Anteil an der Aus‐ OO
stellung zufällt, geht von der Darstellung der äus‐ OO
seren Umwelt aus und sucht und findet schließ‐ OO
lich die Ausdrucksmittel, um die reiche Bewe‐ OO
gung seiner inneren Welt zu gestalten.
.Er sucht seine großen Vorbilder in der Gotik, OO
vor allem in Mathias Grünewald, dem Meister des OO
Isenheimer Altars, und man könnte ihn äußerlich OO
zu den «Expressionisten» rechnen, doch ist er eine OO
ganz auf sich gestellte Persönlichkeit, der es gar OO
nicht einfällt, eines Programmes wegen zu malen. ‒ OO
.Er malt so, wie er malt, weil er so malen muß, OO
wenn er sich selbst treu bleiben will.
.Das Gleiche ist von dem Bildhauer zu sagen.
.Auch er gibt, als Plastiker, was er seiner Natur OO
nach geben muß, aber in ihm ist nur statuarischeOO
Ruhe und verhaltenes Leben, kein Drang zu dramatiOO
scher Bewegung der Formen, wie in dem Maler.
.Seine Richtung, wenn man ihn unbedingt einer OO
zuzählen will, ist die Richtung der großen deut‐ OO
schen Monumentalplastiker, der Wrba, Beermann, OO
Hahn und anderer, die alle mehr oder weniger OO
von Hildebrandt und seiner Auffassung des «ProOO
blems der Form» ausgehen.
33 NachleseII
.Der Plastiker, Paul Polte, dürfte Ihnen ohne OO
weiteres verständlich sein.
.Sie sehen die große Ruhe und Geschlossenheit sei‐ OO
ner Figuren und die vollendet schöne Modellierung, OO
den feinen seelischen Ausdruck in allen seinen Wer‐ OO
ken ohne Mühe.
.Der Maler, Neumann-Hegenberg, verlangt mehrOO
willige Einstellung von Ihnen.
.Er will Ihnen seine Entwicklung zeigen, will zei‐ OO
gen, wieso er dazu kommen mußte, seine letzten OO
Werke zu schaffen.
.Die Bilder sind deshalb auch in chronologi‐ OO
scher Reihenfolge aufgehängt, von den starken OO
und räumlich tiefen Schilderungen der Umwelt OO
angefangen, bis zu den Werken, in denen er reinOO
seelisch Geschautes zeigt, dem oft ein NatureinOO
druck, oft ein musikalisches Erleben oder aber nurOO
innerlich Empfundenes zu Grunde liegt.
.Neumann-Hegenberg will immer noch weiter, OO
sucht stets noch neue Ausdrucksmöglichkeiten und OO
betrachtet auch seine letzten Bilder noch nicht als OO
sein «letztes Wort».
.Aber vieles von dem, was er zeigt, stellt auch, hoOO
hen kritischen Ansprüchen gegenüber, eine restlosOO
vollkommene Lösung dar.
34 NachleseII
.Sie haben es mit einem tiefernsten, ehrlich mit OO
seiner Kunst ringenden Manne zu tun, der alles OO
Halbe und nur beiläufig Gute weit hinter sich läßt. OO
.Er dichtet mit dem Pinsel in der Hand farbige OO
Werke voller Glut des Erlebens, voller Intensität OO
der inneren Bewegtheit.
.Sie wissen alle, was der Rhythmus in der Musik OO
bedeutet.
.Diesen Rhythmus finden Sie wieder, wenn Sie OO
die Gemälde dieses Malers betrachten, und Sie OO
müssen nach dem Rhythmus suchen, wenn Sie OO
den inneren Wert dieser Bilder erkennen und ih‐ OO
nen gerecht werden wollen.
.Folgerichtig sieht man auch seine AuffassungsartOO
und seine Technik sich entwickeln.
.Nichts ist «gesucht», alles Spätere entwickelt sich OO
mit Notwendigkeit aus dem Früheren. Er malt, was OO
ihm sein Innerstes befiehlt.
.Daß außer aller malerischen Qualität auch viel OO
Poesie in den meisten Werken steckt, wird ihm si‐ OO
cher auch manche Verehrer gewinnen, die für das OO
eminent Malerische der Bilder noch nicht das OO
rechte Auge haben.
35 NachleseII
.Ich hoffe, daß niemand diese Ausstellung ver‐ OO
läßt, ohne einen reichen und nachhaltigen Ein‐ OO
druck mitzunehmen.
.Ich möchte hier nur noch sagen, daß ich den OO
Wunsch hege, den Kunstverein in dieser Stadt zu OO
einer Instanz zu machen, der das Laienpublikum OO
bei seinen Ankäufen und Kunstbesichtigungen OO
absolut vertrauen kann.
.Man soll wissen, daß in seinen Ausstellungen OO
nur echte und reife Kunst geboten wird.
.Ich danke den beiden Ausstellern, daß sie mir OO
diesen verheißungsvollen Anfang ermöglicht ha‐ OO
ben! OO
36 NachleseII
ERÖFFNUNG DER
KUNSTAUSSTELLUNG
VON OTTO WILHELM MERSEBURG
Die neue, überaus reichhaltige Kunstausstellung des 00
Kunstvereins für die Lausitz fand gestern vor geladenen Gä‐ 00
sten im Bankettsaal der Stadthalle ihre Eröffnung. Der 00
Vorsitzende des Kunstvereins, Herr Schneider-Franken, 00
führte in seiner Eröffnungsansprache etwa folgendes aus: 00
OO
.„Der Kunstverein hat sich unter meiner Lei‐ OO
tung die Aufgabe gestellt, an möglichst markan‐ OO
ten Beispielen zu zeigen, wie das wirklich WertvolleOO
in der Kunst ganz unabhängig ist von der jeweili‐ OO
gen Richtung, zu der man den oder jenen Künstler OO
zählen mag. Es ist nicht gerade überflüssig, dies OO
immer wieder zu betonen, denn in manchen OO
Kreisen herrscht immer noch die Auffassung, OO
eine Ausstellungsleitung müsse sich zu dieser OO
oder jener «Richtung» bekennen und könne darum OO
den anderen Richtungen «nicht gerecht» werden. OO
.Wir sind weit von dieser Auffassung entfernt!
.Wir wollen allein der Kunst eine Gasse bereiten, OO
wo wir sie auch finden, und wir finden in jederOO
37 NachleseII
Richtung echte und wahrhafte Kunst, wie wir in jederOO
Richtung auch allerlei Scheinkunst abzulehnen ha‐ OO
ben.
.Der Künstler, dem die heute zu eröffnende OO
Ausstellung gilt, wird Ihnen in schönster Weise OO
wieder zeigen, was wir unter Kunst verstehen, und OO
daß wir durchaus nicht nur etwa dem «Expressio‐ OO
nismus» das Wort reden wollen, auch wenn wir in OO
dieser Kunstrichtung besonders hohe und zukunftsOO
reiche Werte im Entstehen sehen, Werte, die wir OO
auf jede Weise ans Licht zu ziehen suchen.
.Otto Wilhelm Merseburg*, dessen Werke Sie nun OO
in einer reichen Auswahl sehen werden, ist ein OO
Künstler, der sich längst schon seinen Namen zu OO
schaffen wußte, auch wenn ihn vielleicht hier erst OO
noch wenige kennen werden.
.Seine Bilder wurden von großen Staatsgalerien OO
angekauft und hängen längst in bedeutenden Pri‐ OO
vatsammlungen.
.Sie werden das verstehen, wenn Sie nun Gele‐ OO
genheit finden, sein Schaffen kennen zu lernen.
.Hervorgegangen ist er seinerzeit aus der Schule OO
Eugen Brachts, wenn auch Bautzer und andere OO
* Deutscher Maler und Radierer (1874-1947)
38 NachleseII
Meister Einwirkungen auf seinen Werdegang OO
hinterließen.
.Heute steht er lange schon als ein durchaus im eiOO
genen Erdreich Wurzelnder vor Ihnen, als ein MaOO
ler von hohem Rang, der seine eigene Richtung sich OO
selber schuf, und den man vielleicht mit Boehle, OO
Thoma und Steinhausen in manche Parallele setzen OO
kann. Seine ganze Kunst ist erfüllt von einer star‐ OO
ken und hingebenden Liebe zur Natur, ‒ insbeson‐ OO
dere zur Natur und zu den Menschen seiner en‐ OO
geren Thüringer Heimat, ‒ und in jedem seiner OO
Werke spricht sich eine ungemein reiche, tief empOO
findende Seele aus.
.Sie werden diesem Künstler ohne weiteres zu OO
folgen vermögen, auch ohne jede weitere «Erklä‐ OO
rung» seiner Werke. Ich bitte Sie aber, besonders OO
auf die großen Bilder an der Stirnwand des Saales OO
achten zu wollen. Diese Bilder tragen Ewigkeits‐ OO
charakter und bilden gleichsam die Stimmgabel OO
zur ganzen Ausstellung, in der dieser «Ewigkeits‐ OO
charakter» oft auch noch im kleinsten Blättchen OO
vielfach wiederkehrt.
.Daß Merseburg auch als Portraitist eine nicht OO
unbedeutende Stellung einnimmt, möchte ich OO
nur noch nebenbei erwähnen, und Sie werden ja OO
selbst Gelegenheit finden, sich jetzt auch in dieser OO
Hinsicht ein Urteil zu bilden.
39 NachleseII
.Ich danke auch an dieser Stelle dem Künstler, OO
daß er keine Mühe, keine Kosten und keine son‐ OO
stigen Schwierigkeiten scheute, um uns diese OO
reichhaltige Kunstschau zu ermöglichen, und ich OO
hoffe, daß seine Kunst hier in Görlitz viele neue OO
Freunde und Verehrer finden wird.”
40 NachleseII
HANS THOMA
Zu seinem achtzigsten Geburtstag
W
ENN ich mir die Frage vorlege, wie dieser OO
große Altmeister deutscher Kunst an sei‐ OO
nem Ehrentage am besten zu erfreuen wäre, dann OO
glaube ich, es könnte ihm nichts lieber sein, als OO
wenn ihm eine Schar Kinder, ungeputzt, wie sie OO
gerade vom Spielen kommen, Buben und Mädel, OO
schlicht und recht, wie es Kinder eben können, OO
vor seinem Fenster einfache deutsche Volkslieder OO
singen würde.
.Wie deutsche Volkslieder, sind ja auch alle OO
seine Bilder nur entstanden aus der naiven OO
Freude an der lieben, schönen Gotteswelt, an OO
Busch, Bach und Baum, an Wiese und Wald, und OO
an den guten, einfachen Menschen, die das OO
Volkslied kennt.
.Auch wenn er seine Gestalten aus Mythe und OO
Sage nimmt, oder wenn sie seiner schauenden OO
Phantasie entstammen, gibt er sie so, wie nur un‐ OO
verdorbenes, reines und einfachstes Empfinden OO
sie sich vorzustellen vermag.
41 NachleseII
.Ein unübersehbarer Schatz ist es, den er in den OO
achtzig Jahren seines Lebens ‒ oder doch min‐ OO
destens sechzig davon ‒ seinem Volke geschenkt OO
hat.
.Wohl sah er in dieser so langen Zeit gar manche OO
bedeutende künstlerische Erscheinung in deut‐ OO
schen Landen neben sich wirken, allein, wenn es OO
gelten soll, den Künstler unseres Zeitalters zu nen‐ OO
nen, der am reinsten deutsches Empfinden, deut‐ OO
sche Poesie im besten Sinne, als Maler zum Aus‐ OO
druck brachte, der alle Naturempfindung, die in OO
unseren Sagen, Märchen und Liedern beschlos‐ OO
sen ruht, seiner Zeit wieder lebendig vor Augen OO
führte, dann wird sich kein Zweifel erheben, daß OO
nur sein Name allein zu nennen ist.
.Auch er ist einst in die Fremde gezogen, um OO
dort, wo noch lebendige Tradition das Handwerk OO
des Malers lehren konnte, sich sein Rüstzeug zu OO
holen, aber als er zurück in die Heimat kam, OO
wußte er bald, was er mit seinem draußen erwor‐ OO
benen Können beginnen müsse, und streifte alles OO
ab, was nur Können um seiner selbst willen war, OO
um seinem schlichten Naturempfinden die ihm OO
allein gemäße Ausdrucksweise zu schaffen.
.Jahrzehntelang mußte er bitter um Anerken‐ OO
nung ringen, und als sie ihm endlich allgemein OO
42 NachleseII
zuteil wurde, hatte er bereits ein halbes Jahrhun‐ OO
dert an Lebensjahren erreicht.
.Spott und Hohn, Geringschätzung und Un‐ OO
verstand hatte er in reichlichem Maße zu erdul‐ OO
den, obwohl das uns heute kaum glaublich er‐ OO
scheint, und nur eine kleine Schar begeisterter OO
Verehrer seiner frommen und innigen Kunst OO
wußte ihm zu zeigen, daß seine Bilder Seelen fan‐ OO
den, die sie empfinden konnten, Menschen, die OO
seine damals schon in reicher Fülle vorhandenen OO
Meisterwerke würdig schätzten.
.Seit dieser trüben und schweren Zeit des Rin‐ OO
gens, die eines jeden echten Künstlers Schicksal OO
ist, der sich von der Mode entfernt und mehr als OO
bloße «gefragte Marktware» zu geben unter‐ OO
nimmt, hat ihm dann die Welt alle Ehren ge‐ OO
bracht, die sie an einen Künstler und bedeuten‐ OO
den Menschen nur vergeben konnte, und so OO
wurde in späten Jahren doch manches gesühnt, OO
manches ersetzt, was die Zeit seines jüngeren OO
Mannesalters ihm schuldig geblieben war.
.Selten hat sich deutlicher, als gerade an Hans OO
Thoma, gezeigt, daß das erste Bedingnis eines OO
großen Künstlers die eigene bedeutende PersönOO
lichkeit ist und daß alle manuelle Virtuosität nichtsOO
bedeutet gegenüber dieser Grundvoraussetzung, OO
43 NachleseII
die schließlich auch nach dem härtesten Ringen OO
den Sieg verleiht.
.Man hat Thoma oft genug mangelndes maleri‐ OO
sches Können, «Verzeichnungen» und ähnliches OO
vorgeworfen, aber man sehe sich nur einmal die OO
Jugendwerke an, die noch unter dem Einfluß der OO
französischen Künstler, besonders dem Courbets, OO
stehen, und urteile dann, ob der Maler dieser Bil‐ OO
der nicht mit spielender Leichtigkeit imstande ge‐ OO
wesen wäre, durch alle nur denkbare malerische OO
Bravour zu glänzen.
.Daß er es vorzog, sich eine einfache, schlichte OO
Weise zu schaffen, bewußten Willens auf alles, was OO
nur entfernt nach «genialer Mache» aussah, zu OO
verzichten, war ein befolgtes Gebot seiner von in‐ OO
nen heraus gefestigten, reifen und im Tiefsten OO
wahren Persönlichkeit.
.Wer einmal in dieses gütige, klare und so le‐ OO
bensvolle Auge blicken durfte, wer öfters diesen OO
stillen Weisen aus dem Schwarzwald in den OO
schmiegsamen warmen Tönen seiner Heimat aus OO
seinem so reichen Leben erzählen hörte, wer zu OO
stiller Stunde in seiner Werkstatt den Reichtum all OO
dieser Mappen aus der Jugendzeit von seinen lie‐ OO
ben Händen ausgebreitet sah, der kann diese OO
Weihestunden nie vergessen, und wüßte, auch OO
44 NachleseII
wenn er niemals die an schöner Menschlichkeit, OO
Tiefe und Herzenswärme so reichen Schriften des OO
Meisters gelesen hätte, wie ernst dieser Schwarz‐ OO
wälder Bauernsohn das Wort des Meisters von OO
Nazareth nahm: «So ihr nicht werdet wie eines OO
aus diesen Kleinen, werdet ihr nicht in das Reich OO
der Himmel finden.» ‒
.Wer ihm, wie ich, zu danken hat, daß er die er‐ OO
sten, tastenden Schritte in das Labyrinth der OO
Kunst gütig und liebevoll auf rechte Wege wies, OO
der weiß auch, wie dieser so unendlich schaffens‐ OO
reiche Künstler nicht nur zu schaffen, sondern OO
auch recht zu beraten versteht.
.Und dieses Wissen darum, daß er andere auf OO
rechte Wege zu führen vermag, hat ihn wohl auch OO
bewogen, seine Gedanken über Zeit und Ewigkeit OO
den Seelen der Menschen darzulegen.
.Alle weltläufige Phrase und nichtssagende OO
Wortemacherei muß vor dieser ruhigen, mensch‐ OO
lichen Größe verstummen, die das Bedeutendste OO
und Erhabenste in so kindlich reiner und einfa‐ OO
cher Weise zu sagen unternimmt, daß oberflächli‐ OO
ches Urteil nur zu leicht den köstlichen Kern in so OO
bescheidener Schale übersieht.
.In diesem großen Meister der Kunst steckt OO
gleichzeitig ein weiser Seher voll tiefer seelischer OO
45 NachleseII
Erlebnisse, und wenn er nicht all seinem Schauen OO
Ausdruck zu geben trachtet, so hält ihn sicher nur OO
die Ehrfurcht vor dem Unbegreifbaren, die Sor‐ OO
ge, Heiligstes zu profanieren, davon ab.
.Was Hans Thoma über das Leben der Seele ge‐ OO
schrieben hat, gehört in all seiner unbekümmer‐ OO
ten, schlichten Erzählerweise zu dem Schönsten, OO
Feinsten und Tiefsten, das in unserer Zeit zu OO
Worte ward, obwohl er selbst nicht im mindesten OO
den Anspruch macht, unter die «Denker» und OO
«Philosophen» oder die «Dichter» gezählt zu wer‐ OO
den.
.Er liebt ‒ um seine eigenen Worte zu gebrau‐ OO
chen ‒ sein «schönes Handwerk der Malerei» über OO
alles.
.Er sehnt sich nicht nach dem Ruhm eines OO
Schriftstellers.
.Aber alle, die das, was er geschrieben hat, gele‐ OO
sen haben, werden ihm dankbar sein, daß er in OO
hohem Alter sich endlich entschließen konnte, OO
das niederzulegen, was er uns zu sagen hat.
.Und jetzt, an seinem achtzigsten Geburtstag, OO
gibt er noch gleichsam als Dank an alle, die sich OO
freuen, daß er dieses schöne Alter erleben durfte, OO
seine eigene Lebensgeschichte in Umrissen, vom OO
46 NachleseII
Schwarzwälder Bauernbuben und Uhrenmaler OO
angefangen, bis zu der Höhe, auf der er heute OO
weithin sichtbar für alle steht.
.An ihm können wir sehen, was unser Bestes ist. Er OO
zeigt uns, daß all unsere Kraft nur dann zu wirk‐ OO
lich Bedeutendem führt, wenn sie von allem OO
Phrasenhaften sich frei erhält, und fest verankert OO
ist in einer reinen und im besten Sinne gläubigen, OO
auf sich selbst und den Weltgrund, der sie trägt, OO
fest vertrauenden Seele. ‒ ‒
.Möge der Achtzigjährige, der noch heute eine OO
prachtvoll kernige Handschrift schreibt, die wie OO
ein Bild seiner eigenen Geradheit und Festigkeit OO
ist, und aus der keiner sein hohes Alter er‐ OO
schließen würde, uns noch manches erhebende OO
Wort, noch manches seiner seelisch so tief emp‐ OO
fundenen Bilder schenken.
Görlitz, 2.Oktober 1919.
47 NachleseII
DIE BÖSEN MODERNEN!
OO
W
O immer eine moderne Ausstellungslei‐ OO
tung, einer ernsteren und heiligeren Auf‐ OO
fassung des Kunstschaffens folgend, mit dem al‐ OO
ten Schlendrian aufräumte und frische, bele‐ OO
bende Luft in ihre Säle einließ, dort erhob sich OO
noch stets das Zetergeschrei aller derer, die vorherOO
an gleicher Stelle reichlich Gelegenheit gefunden OO
hatten, mit den Erzeugnissen ihrer braven OO
Scheinkunst an erster Stelle zu prangen. Sie kön‐ OO
nen es nicht begreifen, daß das nun anders werden OO
soll, und fühlen sich gekränkt in ihren ‒ wie sie OO
meinen ‒ wohlerworbenen Rechten. Nach Grün‐ OO
den suchend für die Unbill, die nach ihrer Ansicht OO
ihnen widerfährt, gelangen sie niemals dazu, diese OO
Gründe bei sich selbst zu finden, und stets sind es OO
natürlich nur «Intrigen», «Ungerechtigkeiten», OO
«Unterdrückungssucht» und Schlimmeres, wenn OO
diese bösen «Modernen» ihnen die Plätze wei‐ OO
gern, die sie früher innehatten.
.Es wird als ganz selbstverständlich betrachtet, OO
daß man wirklich gute, echte Kunst, zu der jeder OO
48 NachleseII
wahre Kunstfreund «Wallfahrten» unternimmt, OO
wenn er sie irgendwo wittert, ‒ die selten ist, wie OO
die Perle in der Muschel, ‒ nur deshalb ablehnen OO
könnte, weil sie nun einmal der gerade «moder‐ OO
nen» Strömung nicht in den Ausdrucksformen OO
gleicht. ‒ Man ahnt nicht einmal, welche UngeheuOO
erlichkeit in einer derart stupiden Unterstellung OO
liegt! ‒ ‒
.Aber ein altes Sprichwort sagt: «Es sucht keiner OO
den andern hinterm Ofen, der nicht selbst einmal OO
dahinter war!» ‒ Die Herrschaften belieben ihre OO
eigene Haltung einer Kunstart gegenüber, zu der OO
sie keinen Zugang haben, weil sie wirklich aus den OO
Tiefen aller Kunstgestaltung schöpft, die ihnen OO
nie erreichbar waren, auch auf andere Menschen zu OO
übertragen, denn es ist ihnen schier unfaßbar, OO
daß diese «Modernen» nicht in gleicher Weise wie OO
sie selbst das ihnen Fernere verdächtigen sollten... OO
.Man kann oder will es nicht begreifen, daß einer OO
guten und ihres Urteils sicheren Ausstellungslei‐ OO
tung ganz und gar nichts daran liegt, aus welcher OO
«Schule» die Künstler kommen, die sie werten OO
soll, oder welcher «Richtung» sie vielleicht zuge‐ OO
zählt werden könnten. ‒ Man ist des felsenfesten OO
Glaubens, daß die Parteilichkeit, die man in sichOO
selber fühlt, auch anderen befehlen müsse, und hat OO
keine Vorstellung davon, wie absolut sicher reagie‐ OO
49 NachleseII
rend sich der Blick für Echtheit, Wert und wirklicheOO
Ursprünglichkeit entwickeln läßt, und wie er jedeOO
leise Spur davon entdeckt, wenn sie sich unter ir‐ OO
gendeiner noch so sonderlichen oder alten Hülle OO
‒ wirklich findet. ‒
.Bringt doch einmal Werke zu so einer Ausstel‐ OO
lung, die durch die Auswahl eines dieser bösen OO
«Modernen» ihre Gestalt gewinnt, ‒ Werke, die OO
auch nur in noch so bescheidener Weise irgendOO
etwas von jenen Werten zeigen, die noch im letz‐ OO
ten und unbekanntesten Bildchen schlummern, OO
das irgendein unbedeutender Schüler eines der OO
alten holländischen Kleinmaler schuf! ‒ ‒
.Bringt einmal Stilleben und Landschaften, die OO
auch nur ein Weniges von jener tiefen Liebe, von OO
jenem echten Kunstgefühl in sich tragen, die OO
auch noch den geringsten Enkelschüler der OO
alten Großmeister dieser Kunstgebiete auszeich‐ OO
nen! ‒
.Ihr würdet eure blauen Wunder erleben und OO
euch vielleicht doch beschämt bekennen müssen, OO
daß der Maßstab, nach dem die «Modernen» mes‐ OO
sen, euch offenbar allzufremd ist, als daß ihr ihn OO
verstehen könntet! ‒ ‒ ‒ Freilich, für das, was in OO
euren Werken euch so wertvoll scheint, hat seine OO
Skala keine Eintragung. ‒ Aber deshalb soll man OO
50 NachleseII
nicht etwa glauben, daß er nur nach «Geschmack» OO
und «Mode» messe. ‒ ‒ ‒
.Sobald ein Künstler Ausdrucksformen findet, OO
die nur ihm und seiner Zeit gehören, sollte er nach OO
der Ansicht dieser armen «Unterdrückten» sofort OO
unterdrückt werden, damit nur ja sie selbst ihre OO
Plätze nicht verlieren...
.Es ist aber ein Gebot der Pflicht und der BilligOO
keit, gerade solchen Künstlern, die nicht auf den er‐ OO
sten Blick dem großen Publikum verständlich OO
sind, die Schwierigkeiten aus dem Weg zu räu‐ OO
men, ganz abgesehen davon, daß eine neue ForOO
mensprache doch nicht die Begründung zur AblehOO
nung geben darf, sobald es sich um wirklich erlebte, OO
aus ernstem Müssen geborene Kunst handelt. ‒ OO
Was man in jenen Kreisen, die noch immer glau‐ OO
ben, die seichte und innerlich hohle Kunstauffas‐ OO
sung am Leben erhalten zu können, in der sie nun OO
einmal aufgewachsen sind, der neueren Kunst‐ OO
beurteilung zum Vorwurf macht, das ist gerade OO
das Gegenteil von «Ungerechtigkeit». ‒
.Es ist die durch keine Vettermichelei zu beir‐ OO
rende, unerbittliche Auswahl des Echten, UrOO
sprünglichen aus der Menge des NachempfundenenOO
und gemächlich aus zweiter Hand Bezogenen, ganz OO
einerlei, ob älteste oder allerneueste Formen und OO
51 NachleseII
Farbensprache dem innersten Müssen Ausdruck OO
gibt, oder nur äußerlich eitles Machwerk, mag es OO
auch dem ungeübten Laienauge noch so «schön» OO
erscheinen, zutage fördert.
.Die Zeiten sind viel zu ernst geworden, als daß OO
sie jener innerlich leeren Samtjackenkunst noch OO
Raum bieten könnten, die früher ihre Triumphe OO
feierte. Nur was uns wirkliche, dauernde LebenswerteOO
aus der Seele Tiefen schürft, hat heute noch seine OO
Berechtigung und wird sie behalten, solange es OO
Kunst und Künstler gibt. ‒ ‒ ‒
52 NachleseII
«KINO», KULTUR UND KUNST
OO
S
EIT Jahren bringt das Kino seine Schauer‐ OO
dramen, seine verlogenen Detektivgeschich‐ OO
ten und unmöglichen Sensationsfilme, ohne daß OO
irgendein Mensch Einspruch erhoben hätte, bis OO
in die jüngste Zeit. Nun allerdings dämmert es all‐ OO
mählich, und es finden sich, ganz abgesehen von OO
den verschiedentlichen Demonstrationen der Ju‐ OO
gend, die wohl nicht gerade zweckmäßig sein OO
dürften, immer mehr gewichtige Stimmen im OO
Kampf gegen den «Kinoschund».
.Einsichtige sahen zwar längst, welche Seuche OO
sich da in unsern Volkskörper fraß, aber ihr Un‐ OO
wille gedieh nicht zu lautem Einspruch, und OO
wenn je einer es wagte, das Kind beim Namen zu OO
nennen, fanden seine Worte wenig Widerhall.
.Auch heute darf man sich nicht dem frommen OO
Glauben hingeben, man hätte die Mehrzahl der OO
ernst zu nehmenden Menschen hinter sich, wenn OO
man auf die Schädlichkeit der Kinodarbietungen OO
hinweist. In weiten Kreisen, von denen man an‐ OO
53 NachleseII
nehmen sollte, daß die psychologische Bedenk‐ OO
lichkeit der Kinodramen für sie durchschaubar OO
sei, begegnet man einer unbegreiflichen Laxheit OO
des Urteils. Man glaubt, weil man selbst imstande OO
ist, ohne seelischen Schaden die albernsten Ab‐ OO
surditäten des Flimmerbildes an sich vorüberzie‐ OO
hen zu sehen, es handle sich im Grunde doch nur OO
um eine «recht harmlose Sache», denn man kann, OO
oder mag sich nicht in den Seelenzustand der Ju‐ OO
gendlichen oder des nur bedingt urteilsfähigen OO
Volkes versetzen, um so die vergiftende Wirkung OO
der allermeisten Filmspiele zu erkennen. Ich OO
denke dabei durchaus nicht etwa nur an Darstel‐ OO
lungen, deren ganze Absicht es ist, die Sinne aufOO
zureizen, auch wenn keinerlei Nacktheit, keinerlei OO
im Sinne der Zensur «unsittliche» Situationen ge‐ OO
zeigt werden, obwohl ich auch wieder in keiner OO
Weise denen beipflichten kann, die das gröbste OO
Erregen der Sinnlichkeit beinahe als Kulturzweck OO
feiern, denn ich bin der Ansicht, daß die sinnli‐ OO
chen Triebe im Menschen von Natur aus stark geOO
nug wirksam sind, und bei gesunden Menschen, OO
am wenigsten bei Jugendlichen, der besonderen OO
Aufpeitschung gewiß nicht bedürfen. ‒ ‒
.Jedenfalls nimmt das Kino in dieser Beziehung OO
keine Ausnahmestellung ein, denn was die OO
plumpe Absicht, sinnlichen Kitzel zu erregen be‐ OO
54 NachleseII
trifft, so leistet da so manche «Industrie» minde‐ OO
stens Ebenbürtiges, von der Postkarte angefan‐ OO
gen bis zum literarisch tuenden Roman und dem OO
auf die Börse der Theaterbesucher wie ein OO
Strauchdieb spekulierenden Schauspielkitsch.
.Viel schlimmer erscheint mir die verheerende OO
Wirkung der Kinodramen zu sein, durch die VerOO
logenheit der Darstellungen und ihres Milieus. ‒ OO
.Die Filmindustrie, die letzten Endes für alle OO
Schäden allein verantwortlich ist, denn der Kino‐ OO
besitzer nimmt, was sie ihm bietet, weil er ja nichts OO
anderes bekommen kann, tut sich nicht wenig OO
darauf zugute, so realistisch wie möglich zu arbei‐ OO
ten. Aber man sehe sich diesen «Realismus» ein‐ OO
mal etwas genauer an!
.Wo in aller Welt gibt es soviel Tagediebe wie im OO
Kinodrama? Wo in aller Welt leben Menschen der OO
Arbeit, Gelehrte, Erfinder, Kaufleute, Künstler, in OO
der Art und Weise, wie das Kino ihr Leben zu zei‐ OO
gen vorgibt? ‒ Wo in aller Welt können sich nor‐ OO
mal begüterte Menschen den Luxus des Milieus OO
leisten, der in diesen Kinodramen immer wieder‐ OO
kehrt? ‒
.Die protzig überladene Wohnung eines Schie‐ OO
bers in Berlin WW, mag er nun seinen Reichtum OO
55 NachleseII
vor, im, oder nach dem Krieg «gemacht» haben, OO
ist doch gewiß nicht der Typus der Wohnung ei‐ OO
nes jeden Begüterten! ‒ Und ebensowenig pfle‐ OO
gen sich Männer und Frauen anständiger, besit‐ OO
zender Kreise in der Art zu kleiden, wie es die OO
männliche und weibliche Lebewelt der großstäd‐ OO
tischen Nachtlokale liebt, die sich das auf anderer OO
Leute Kosten leisten kann.
.Was soll der einfache Mann aus dem Volke, der OO
ohnehin schon mit bitteren Gefühlen von einem OO
Leben der «Reichen» träumt, wie es höchstens in OO
seltenen Auswüchsen einmal bei einem Geldprot‐ OO
zen, der aus der Hefe einer Großstadt aufstieg, OO
zur Wirklichkeit wird, ‒ was soll der Jugendliche, OO
der aus ärmlichen Verhältnissen kommt, bei sol‐ OO
chen Schilderungen aufnehmen, wenn nicht Haß OO
und Wut auf alle diese reichen Müßiggänger, OO
oder, im besten Fall, eine völlig überspannte Vor‐ OO
stellung von dem Leben begüterter Kreise und OO
angesehener Berufe, und eine ebenso über‐ OO
spannte Sucht, es ihnen nach Möglichkeit bald OO
gleichtun zu können ?! ‒ ‒ ‒
.Hier steckt meines Erachtens die allerübelsteOO
Wirkung der Kinodramen, übler noch als die Ge‐ OO
schmacksverbildung in literarischem Sinn, und OO
übler als alle kitschige Erotik. ‒
56 NachleseII
.Die Wirkung ist um so verderblicher, weil ja das OO
Kino wirkliches Leben vortäuschen will und von OO
dem naiven Beschauer auch ohne weiteres als geOO
naue Darstellung des Lebens, wie es wirklich seiner OO
Meinung nach ist, genommen wird. Alles spielt ja OO
in natürlicher Umgebung. Das Leben der Straße OO
spielt mit, wie es sich gerade trifft, wirkliche Gär‐ OO
ten und Parks, wirkliche Häuser und wirkliche OO
freie Luft bilden den Hintergrund der Szenen. OO
Unwillkürlich wird auch die «Wirklichkeit» der OO
Innenräume, die nicht wie beim Theater, Kulisse OO
sind, den Eindruck verstärken, man habe es mit OO
wirklichen Begebnissen zu tun. ‒
.Dazu kommt noch, daß doch die meisten Kino‐ OO
schauspieler und Schauspielerinnen als solche OO
mehr oder weniger «Talmi» sind, von Ausnahmen OO
abgesehen, wo sich eine wirkliche Bühnengröße OO
des Geldverdienstes wegen für das Kino hergibt. OO
Die allermeisten dieser Akteure stammen gewiß OO
nicht aus vornehmen Häusern, kennen das Le‐ OO
ben des wirklichen Aristokraten gewiß nicht aus ei‐ OO
gener Anschauung, und so geben sie in ihrer OO
Rolle eben, was sie geben können: ‒ Talmi und OO
Kitsch. ‒
.Von der Verlogenheit historischer Milieus oder OO
ethnographischer Schauplätze und ihrer agieren‐ OO
den Charaktere sei hier nur nebenbei noch die OO
57 NachleseII
Rede. Auch hier wird alles, was wirklich beleh‐ OO
rend und wertvoll sein könnte, durch eine unsäg‐ OO
lich alberne Aufmachung verdorben, und der oh‐ OO
nehin schon allem Kitsch wohlgeneigte Ge‐ OO
schmack der Menge in geradezu raffinierter OO
Weise noch unter sein ursprüngliches Niveau her‐ OO
abgedrückt. Das gleiche gilt von den, aller Le‐ OO
benswirklichkeit hohnsprechenden, so sehr be‐ OO
liebten Detektivgeschichten, die noch außerdem OO
oft geradezu wie «Lehrkurse für Verbrecher und OO
solche, die es werden wollen», wirken. Es wäre OO
eine interessante Aufgabe für Kriminalisten, bei OO
den Verbrechen Jugendlicher, oder sonst Unbe‐ OO
scholtener, einmal nachzuforschen, welcher Pro‐ OO
zentsatz da auf eine «erste Anregung» aus dem OO
Kino entfällt. ‒ ‒
.Man sieht, es hat gute Gründe, wenn ernste OO
Männer und Frauen heute mit Sorge das «Kino‐ OO
problem» betrachten, wenn man endlich anfängt OO
zu sehen, welche verheerende Seuche da mitten OO
unter uns wütet, und nach Mitteln sucht, sie ein‐ OO
zudämmen. ‒ ‒
.Wie ich schon bemerkte, ist es gänzlich ver‐ OO
kehrt, den Kinobesitzer als den Schädling anzuse‐ OO
hen. Ein solcher Unternehmer würde mit Freu‐ OO
den auch die kulturell wertvollste Einrichtung mit OO
gleicher Liebe ausgestalten, wenn sie ihm mehr, OO
58 NachleseII
oder auch nur gleichen Gewinn bringen könnte.
.Und wenn heute wirklich gute, wirklich belehrende OO
Filme überhaupt in so reicher Menge zu haben wä‐ OO
ren wie der überreich angebotene glänzende OO
Schund, dann würden sich schon heute auch Licht‐ OO
spieltheater finden, deren Programm auch einen OO
leidlich geschmackvollen, und vor allem verantOO
wortungsbewußten Menschen den Besuch nahele‐ OO
gen könnte.
.Der Kardinalpunkt der ganzen Frage ist die OO
Filmbeschaffung, und da wieder nur läßt sich etwas OO
erreichen, wenn ein genügend starker Druck auf OO
die bestehenden Filmgesellschaften ausgeübt wer‐ OO
den kann, der ihnen die Frage überhaupt erwäOO
genswert erscheinen läßt.
.Bis jetzt «geht» das Geschäft ja auch so. ‒ Wes‐ OO
halb also etwas ändern, wenn der übergroße Teil OO
des Publikums doch äußerst zufrieden mit dem OO
Gebotenen ist? ‒ Ohne eine große, über ganzOO
Deutschland verbreitete Organisation wird sich nieOO
mals die Stimmstärke entwickeln, die kraftvoll ge‐ OO
nug ist, das Ohr dieser Finanzmagnaten aufhor‐ OO
chen zu lassen. Konkurrenzgesellschaften zu OO
gründen, die «nur Gutes» bringen sollen, halte OO
ich für völlig verfehlt. Die bestehenden Gesell‐ OO
schaften arbeiten mit einem eingespielten RiesenOO
apparat und mit Riesenkapital. Sie allein werden OO
59 NachleseII
auch weiterhin diktieren, und ihr Joch ist der OO
Menge süß. ‒
.Wenn schon die Jugend, hier und an andern Or‐ OO
ten, sich der Kinofrage annahm, so meine ich, OO
wäre es gar nicht so übel, wenn auch von der JuOO
gend die Bildung einer machtvollen deutschen OrOO
ganisation zur Umwandlung des Kinos ausginge. ‒ OO
Hier wäre jedenfalls ein ausgiebigerer Erfolg zu OO
erwarten, als er jemals von den doch recht dane‐ OO
ben hauenden Demonstrationen in Lichtspiel‐ OO
theatern zu erhoffen ist. ‒ An Unterstützung OO
würde es wahrhaftig nicht fehlen. Ist erst ein AnOO
fang gemacht, dann zweifle ich nicht mehr, daß in OO
ein paar Jahren auch gute Filme in genügender OO
Menge hergestellt werden, «der Not gehorchend, OO
nicht dem eignen Trieb», was die Filmgesellschaf‐ OO
ten anlangt.
.Mittlerweile haben hier in Görlitz zwei Männer, OO
deren Beruf sie in nächsten Konnex mit der Ju‐ OO
gend führt, sehr anerkennenswerte Versuche un‐ OO
ternommen, die Kunst und die Heimatliebe ins OO
Kino einzuführen. Als Bereicherung der MöglichOO
keiten, die ein Lichtspieltheater bieten kann, sind OO
diese Versuche sehr begrüßenswert, wenn sie auch OO
zur eigentlichen Lösung der Kinofrage, die eine OO
Filmfrage ist, nur mittelbar beitragen. Die durch OO
seine Bemühungen gebotene Gelegenheit, hier OO
60 NachleseII
schwer zugängliche Klingersche Radierungen im OO
Lichtbild sehen zu können, sichert Hrn. OberlehrerOO
Schulze, neben den hochinteressanten Ausführun‐ OO
gen seines Vortrages, stets gut besuchte Häuser, OO
zumal er sich an Erwachsene wendet, unter denen OO
hier immerhin eine ziemliche Anzahl Kunstinter‐ OO
essenten zu finden ist. Weniger Verständnis zeigt OO
sich, wenigstens vorläufig, für die schönen Nach‐ OO
mittagsvorträge, in denen Hr. Zeichenlehrer HauptOO
der Jugend seinen reichen Schatz an eigenen Auf‐ OO
nahmen aus der Heimat darbietet, und ihr, OO
gleichsam nebenbei, eine Fülle des Interessanten OO
und Belehrenden aus der Heimatgeschichte, die OO
er so genau kennt, übermittelt. Es wäre außeror‐ OO
dentlich zu bedauern, wenn diese vom Geist ech‐ OO
ter Heimatliebe und freudigen Gebenwollens ge‐ OO
tragene Veranstaltung aus «Mangel an Interesse» OO
aufgegeben werden müßte. Wenn Eltern sich OO
selbst und ihren Kindern eine Stunde gediegenen OO
Genusses bereiten wollen, so können sie nichts OO
Besseres tun, als diese Vorträge des Hrn. Haupt OO
zu besuchen.
.Immerhin, so anziehend und belehrend die OO
Vorträge beider Herren auch sind, so sehe ich in OO
ihnen, obwohl zwar Hr. Haupt, der Jugend Rech‐ OO
nung tragend, auch das Kino mit humorvollen, OO
einwandfreien oder auch belehrenden FilmnumOO
61 NachleseII
mern heranzieht, nur eine Bereicherung des im OO
Lichtspieltheater möglichen Programms, denn wie OO
die Dinge heute liegen, hat das Stehbild im «Kino», OO
wie schon der Name sagt, doch nur sekundäre Be‐ OO
deutung. Man kommt in erster Linie, um bewegtesOO
Leben auf der Leinwand zu sehen. Daß dieses be‐ OO
wegte Leben eminent bedeutend, belehrend, er‐ OO
heiternd, und in höchstem Grade interessant sein OO
kann, ohne verderblich zu wirken, steht außer OO
Frage. Aber die prächtigen Möglichkeiten des OO
Filmbildes, das uns alle Wunder der Märchenwelt OO
als Wirklichkeit schauen lassen, und die tiefste ur‐ OO
sprüngliche Poesie vermitteln kann, werden nie‐ OO
mals in einer andern, als der dem Berliner Nacht‐ OO
kaffeehaus angepaßten Weise ausgenützt werden, OO
wenn sich nicht in ganz Deutschland eine achtung‐ OO
gebietende Anzahl von Männern und Frauen fin‐ OO
det (die männliche und weibliche Jugend rechne OO
ich hier in erster Linie dazu), die wenigstens un‐ OO
sern deutschen Filmgesellschaften einmal mit allerOO
Deutlichkeit sagen, wie das deutsche Volk die an OO
sich so wunderbare Erfindung des beweglichen OO
Lichtbildes verwertet wissen will...
62 NachleseII
MAX KLINGER
E
S sind jetzt etwa fünfzehn Jahre her, seit ich OO
zum erstenmal die Hand des nun Verbliche‐ OO
nen in der meinen halten durfte. Damals, in sei‐ OO
ner Leipziger Villa, kam er mir, von dem er durch OO
Freunde gehört hatte, zuerst recht feierlich ent‐ OO
gegen, aber das legte sich bei späteren Begegnun‐ OO
gen, als wir uns genügend kennengelernt hatten, OO
ganz von selbst, so daß, wenn ich heute an Klinger OO
denke, nur immer das Bild eines Mannes vor mir OO
steht, mächtig und bedeutend schon in seiner OO
äußeren Erscheinung, aber nur mit Hose und Fi‐ OO
letnetzjacke bekleidet, und darüber dieser un‐ OO
glaublich kluge Kopf mit dem rotblonden Haar‐ OO
schopf und dem gleichgefärbten Knebelbart. Die OO
Art, in der er einen so über die Brillengläser weg OO
anschauen konnte, war ganz unbeschreiblich fas‐ OO
zinierend, und ich glaube gerne, daß diesem Blick OO
nicht jeder standzuhalten vermochte. Wie er mir OO
zwischen den Modellen und Vorarbeiten im Ate‐ OO
lier und abends beim Wein erzählte, war er auch OO
von Natur aus sehr unzugänglich und konnte OO
63 NachleseII
eine gewisse «Schüchternheit», wie er es selbst OO
nannte, nur sehr schwer überwinden.
.So viel auch über seine Kunst geschrieben wor‐ OO
den ist, ‒ den Menschen Klinger fand ich bis jetzt OO
noch niemals gehörig gewürdigt. Man konnte OO
glauben, er lebe in unserer Zeit, und entdeckte OO
dann plötzlich, daß man einen vornehmen Rö‐ OO
mer, vielleicht auch einen Griechen der hellenisti‐ OO
schen Zeit vor sich hatte, ‒ ‒ man war versucht, OO
ihn als einen Spätgeborenen, oder als eine Rein‐ OO
karnation der Antike zu nehmen, und sah ebenso OO
überraschend stark ausgeprägt einen Menschen OO
vor sich, der gesättigt war mit allen Werten mo‐ OO
derner Kultur... Musikalisch bis in die Finger‐ OO
spitzen, belesen wie ein moderner Literatur- und OO
Theaterkritiker, völlig vertraut mit dem Leben OO
der großen Welt, und dabei so unendlich kindlich OO
einfach in mancher Urteilsbildung, daß man sich OO
hätte verwirren lassen können, wenn man auch OO
nur einen Moment vergessen hätte, was alles die‐ OO
ser mächtige und doch so kompliziert gebildete OO
Schädel barg. Man hat Klinger oft genug ein OO
Übermaß an Intelligenz vorgeworfen, einer Intel‐ OO
ligenz, die angeblich seiner Kunst im Wege stehen OO
sollte, aber wer ihn jemals so kennen lernen OO
durfte, wie es mir vergönnt war, der wird mir OO
gerne bestätigen, daß in diesem modernen PanOO
64 NachleseII
auch eine Gefühlstiefe wurzelte, wie sie, selbst un‐ OO
ter den hervorragendsten Meistern der Kunst ‒ OO
sehr selten ist. Ich glaube, daß man wirklich bis OO
zu den Gestalten der Antike, bis zu griechischen OO
Vasenmalern, oder mindestens zu den hervor‐ OO
ragendsten Persönlichkeiten der italienischen OO
Renaissance zurückgreifen muß, wenn man OO
irgendwo in einem Menschen diese kraftstrot‐ OO
zende und doch so hochkultivierte Sinnlichkeit OO
wiederfinden will, die eigentlich Klingers künst‐ OO
lerisches Fundament war. Ihm war das ganze Er‐ OO
dendasein Ausdruck göttlicher Sinnenfreude, und er OO
glaubte an seine sinnlich-frohen «Heidengötter», OO
wie Schwind an seine Gnomen und Elfen glaubte, OO
mit der ganzen Inbrunst eines Herzens, dem es OO
Selbstverständlichkeit ist, daß «die Sonne Homers» OO
auch unserem Geschlechte scheint, wenn es ‒ ihrer OO
würdig ist, wie er es war. ‒ ‒ ‒
.Die neuere Kunstentwicklung hat anscheinend OO
Klinger überholt, aber niemand begrüßte das so, OO
wie Klinger selbst. ‒ Er wollte keine «Schule ma‐ OO
chen». Er wußte viel zu genau, daß er ein EinzigarOO
tiger war, dem keiner ohne Gefahr nachfolgen OO
durfte. Nichts brachte ihn, nach eigenem Geständ‐ OO
nis, mehr zur Verstimmung, als wenn er sah, daß OO
irgendein junger Künstler auf seinen Fuß-Spu‐ OO
ren zur Kunst zu gelangen suchte. Wie groß aber OO
65 NachleseII
war seine Freude, wenn er irgendwo einen fand, OO
der neue Wege suchte. Nur seine übergroße OO
Ängstlichkeit vor jeder Zeitungsnotiz konnte ihn OO
dann davon abhalten, für einen Neuerer öffent‐ OO
lich einzutreten. Ich selbst hatte ihm seinerzeit OO
Arbeiten gezeigt, zum Teil symbolischen und spä‐ OO
ter rein farbensymbolischen* Inhaltes, die man OO
heute wohl zum «Expressionismus» rechnen OO
würde, und ich werde niemals vergessen, wie er OO
mir mal bis zum Gartentor nachlief, um mir noch‐ OO
mals einzuschärfen, ich möchte mich doch ja OO
durch Ablehnung nicht «decouragieren» lassen. OO
Daß ich dennoch nur mit zwei Mappenwerken OO
rein symbolistischen Inhalts damals in die Öffent‐ OO
lichkeit zu treten wagte und mit meinen farben‐ OO
symbolischen Werken mich nicht bemerkbar OO
machte, hat er mir, wie ich bei meinem letzten Be‐ OO
such sah, beinahe als Charakterfehler angerech‐ OO
net, obwohl ich ihm damals wenigstens die PhotoOO
graphien meiner griechischen Bilder zeigen OO
konnte, die ihn, den begeisterten Freund Grie‐ OO
chenlands und seiner antiken Überreste, gerade OO
deshalb am meisten erfreuten, weil er auf keinem OO
der Bilder Anklänge an die heutige Zeit entdeckte. ‒ OO
* Die «farbensymbolischen Werke» bzw. «farbig-abstrak‐ 00
ten Gebilde» wurden später von Bô Yin Râ als «geistliche 00
Bilder» bezeichnet.
66 NachleseII
.Immer und immer wieder aber kam er auf die OO
früheren farbensymbolischen Arbeiten zurück OO
und bedauerte, daß ich den Mut nicht fand, sie OO
der Öffentlichkeit zu zeigen. Ich war mir jedoch OO
nur viel zu klar darüber, daß eben nur Klinger, mit OO
seinem unglaublich ausgebildeten Musikempfin‐ OO
den, dazu imstande war, das zu erfühlen, was ich OO
da in Farben-Rhythmen für mich selbst auszuspre‐ OO
chen unternommen hatte, aber ich bedauere tief, OO
daß ich ihm die letzte Freude nicht mehr bereiten OO
konnte, ihm zu sagen und zu zeigen, wie der OO
Drang zu farbig-abstrakten Gebilden mich wieder OO
erfaßte, und wie er schließlich, nachdem das Er‐ OO
lebnis «Griechenland» Gestalt gewonnen hatte, zu OO
neuen Resultaten führte. ‒ Immer wieder klagte OO
er mir, daß man ihn nicht in Ruhe ließe, und wie OO
Unzählige, meist seiner Ansicht nach völlig Un‐ OO
berufene, von ihm «ein Urteil» haben wollten, be‐ OO
sonders Graphiker. Hier war es nun seine Schwä‐ OO
che, daß er es niemals fertig brachte, rücksichtslos OO
seine Meinung zu sagen... Für jeden, mochte er OO
auch noch so unbedeutend sein, hatte er ein lie‐ OO
benswürdiges Wort, auch wenn er nachher dort, OO
wo er sich geben durfte, wie er war, kopfschüt‐ OO
telnd seine sarkastischen Bemerkungen machte OO
über die «unglaubliche Borniertheit» der Kerle, OO
die da «die schönen Kupferplatten zuschanden» OO
arbeiteten. ‒
67 NachleseII
.Über sein eigenes Werk, seine Radierungs‐ OO
Zyklen, seine Plastik und seine Malerei auch nur OO
ein Wort zu verlieren, hieße «Eulen nach Athen OO
tragen». (Obwohl ich in dem heutigen Athen OO
recht wenig Eulenrufe hörte!) Er war ein durch‐ OO
aus Einziger und Unnachahmlicher, eine der ganzOO
großen Persönlichkeiten, die man nur würdigen OO
kann, wenn man das Glück hatte, ihnen persön‐ OO
lich nahekommen zu dürfen, die aber erst von der OO
Nachwelt ihre feste und unverrückbare Stellung OO
im Pantheon der Großen eines Volkes erhalten. ‒ OO
.Erschütternd wirkt sein Scheiden doppelt in OO
diesen schicksalsschweren Tagen, und dennoch OO
hatte ich niemals bei ihm das Gefühl, daß dieses OO
starke Leben einst zu einem Patriarchenalter füh‐ OO
ren könne. Der ganze Mensch wirkte wie ein OO
Fragment einer überweltlichen Architektur, und OO
als ein solcher sollte er wohl auch seiner Nachwelt OO
erkennbar werden. ‒ ‒ Was Rodin für FrankreichOO
war, und dennoch zugleich für die ganze Welt, ‒ das OO
war Max Klinger für uns, und vielleicht ‒ ‒ auch für OO
einen gar nicht so unbeträchtlichen Teil der außerOO
deutschen Welt. ‒
68 NachleseII
ABHANDLUNGEN
EDISON UND DER SPIRITISMUS
K
ÜRZLICH war in einer Zeitungsnotiz zu le‐ OO
sen, daß Edison sich mit der Konstruktion ei‐ OO
nes hochsensiblen Apparats befasse, der es den OO
Seelen Abgeschiedener, falls sie die von überzeu‐ OO
gungstreuen Spiritisten angenommene Sehn‐ OO
sucht verspürten, mit den auf Erden Zurückge‐ OO
bliebenen zu verkehren, sehr wesentlich erleich‐ OO
tern solle, sich bemerkbar zu machen.
.Gleichzeitig hofft Edison, wie er angeblich ei‐ OO
nen amerikanischen Reporter wissen ließ, durch OO
seinen Apparat endgültig festzustellen, ob der Zu‐ OO
stand der Menschengeister nach dem Tode des OO
Körpers überhaupt zu einer solchen Kommuni‐ OO
kation fähig, oder ob alle mit Hilfe von Medien er‐ OO
haltenen Botschaften nur eitle Flunkerei seien. OO
Jedenfalls traut er, nach dem Bericht, den Medien OO
nicht viel Gutes zu.
.Es ist ebensowohl denkbar, daß diese Notiz als OO
fette Ente über den Ozean geflogen kam, wie es OO
71 NachleseII
auch durchaus zu verstehen wäre, daß ein bedeu‐ OO
tender Erfinder das Problem des Verkehrs mit OO
den Jenseitigen auf seine Weise zu lösen versu‐ OO
chen würde. Eine andere Frage aber ist es, ob je‐ OO
mals durch Apparate die Existenz jenseitiger Intel‐ OO
ligenzen (die trotz ihrer eigenen Behauptungen OO
durchaus keine verstorbenen Menschen zu sein OO
brauchen) überhaupt nachgewiesen werden OO
kann.
.An Apparaten, die den Jenseitigen die Arbeit OO
erleichtern sollten, hat es bis jetzt durchaus nicht OO
gefehlt, und es gibt sogar einen Apparat, der an‐ OO
geblich die Medien überflüssig macht (das ArnoldOO
sche Skriptoskop) und mit den minimalen Kräften OO
medialer Art rechnet, die in jedem Menschen OO
schlummern. Aber alle diese Apparate brauchen OO
dennoch die Mitwirkung der im sichtbaren Kör‐ OO
per lebenden Menschen. Immer ist die BerührungOO
des Apparates gebotene Bedingung, soll er über‐ OO
haupt in Bewegung geraten. Ich nehme an, daß OO
Edison, falls die Notiz auf Wahrheit beruht, an der OO
Konstruktion eines Apparats arbeitet, der diese OO
Fehlerquelle ausscheiden will, und ohne jegliche OO
Berührung von seiten der Experimentatoren, le‐ OO
diglich durch Kraftanwendung, die von unsichtOO
baren Agenten ausgeht, deren Dasein erweisen OO
soll. OO
72 NachleseII
.Der Nachricht zufolge erwartet Edison eine OO
«furchtbare Sensation», falls sein Apparat Erfolg OO
haben sollte. ‒ ‒
.Nun mag ja gewiß zugegeben werden, daß es OO
völligen Außenseitern vielleicht sehr imponieren OO
würde, wenn sie unter dem neuen Apparat plötz‐ OO
lich in sauberer Schreibmaschinenschrift eine OO
Mitteilung aus dem Jenseits vorfänden, ohne daß OO
eine Möglichkeit der Mitwirkung sichtbarer Men‐ OO
schen dabei in Betracht kommen könnte. Neu OO
wäre aber dabei allein die Form des Experiments, OO
denn die Geschichte des Spiritismus kennt längst OO
weit eindrucksvollere Geschehnisse, die sich nicht OO
nur ohne Berührung irgendeines Apparats, son‐ OO
dern völlig ohne besonderen Apparat ereigneten OO
und mehr als hinlänglich beglaubigt sind. Immer OO
aber ist die Nähe eines seiner medianimen Bega‐ OO
bung bewußten oder nicht bewußten «Mediums», OO
also eines Menschen von abnormer psycho-physi‐ OO
scher Beschaffenheit, Vorausbedingung solcher OO
Geschehnisse. Was dagegen bei der Beschäfti‐ OO
gung mit Apparaten, die angeblich keines Medi‐ OO
ums bedürfen, herauskommt, ist so wenig über‐ OO
zeugend, läßt sich so leicht auf unbewußte Bewe‐ OO
gung kleinster Muskeln der den Apparat Bedie‐ OO
nenden zurückführen, daß nur völlige Kritiklo‐ OO
sigkeit hier den Beweis für ein jenseitiges Eingrei‐ OO
73 NachleseII
fen erblicken kann, selbst wenn der Inhalt der auf OO
solche Weise erhaltenen Mitteilungen scheinbar OO
zwingend auf jenseitige Urheber schließen lassen OO
mag.
.Wird nun Edisons Apparat die Mitwirkung ei‐ OO
nes menschlichen Mediums tatsächlich völlig ent‐ OO
behrlich machen? Wird man, von einem Ausflug OO
zurückkehrend, plötzlich vor der Tatsache ste‐ OO
hen, daß im sicher verschlossenen Zimmer, in OO
dem der Apparat stand, eine «Mitteilung aus dem OO
Jenseits» zustande kam? ‒ Ich glaube kaum, und OO
mein Zweifel gründet sich dabei denn doch auf ei‐ OO
nigermaßen erprobte Untersuchung der in Be‐ OO
tracht kommenden Faktoren.
.Aber nehmen wir ruhig einmal an, es gelänge OO
Edison, das «Medium» völlig zu eliminieren und OO
auf diese Weise völlig einwandfreie Botschaften OO
aus dem Unsichtbaren zu erhalten. Was wäre da‐ OO
bei gewonnen? ‒ ‒
.Erhalten nicht unsere Telefunkenstationen tag‐ OO
täglich unzählige solcher Botschaften? Allerdings OO
kennt man da den Absender und weiß, daß es ein OO
in der Sichtbarkeit lebender Mensch ist. Bei dem OO
Edisonschen Apparat würde man nun bestenfalls OO
vielleicht Botschaften erhalten, wie sie der Spiri‐ OO
tismus allerdings längst schon kennt, Botschaften, OO
74 NachleseII
deren Urheber sich als der Geist Goethes, Napo‐ OO
leons, als «Erzengel Gabriel» oder gar als «Gott‐ OO
Vater» ausgeben würde. Man wäre nach wie vor OO
auf die Glaubwürdigkeit der sich manifestierenden OO
Intelligenz angewiesen, und daß es mit dieser OO
Glaubwürdigkeit dann doch eine recht eigenar‐ OO
tige Bewandtnis hat, das werden selbst unter den OO
Spiritisten nur jene nicht zugeben wollen, die in OO
der Offenbarung ihrer «Geister» ein unantast‐ OO
bares Evangelium sehen. Wir würden also nur OO
zum tausendstenmal die längst erwiesene Tatsa‐ OO
che feststellen können, die auch der Physiker OO
Crookes nach unzähligen Experimenten (zum Teil OO
ausgeführt unter Zuhilfenahme der empfindlich‐ OO
sten elektrischen Kontrollapparate) feststellte, OO
daß es unzweifelhaft unsichtbare Intelligenzen gibt, OO
die sich physikalisch manifestieren können, daß sie OO
sich selbst alle möglichen Namen beilegen, daß OO
aber jeder zwingende Beweis fehlt, der sie als OO
überlebende geistige Individualitäten «gestorbe‐ OO
ner» Erdenmenschen dartun würde. ‒ Es ist und OO
bleibt reine Glaubenssache, ob man sie als solche OO
ansehen mag oder nicht. ‒ ‒
.Wie aber wäre es, wenn man die Hypothese, OO
daß man es, ihren eigenen Angaben nach, hier OO
mit «Geistern Verstorbener» zu tun habe, einmal OO
gänzlich fallen lassen wollte, besonders, da die post‐ OO
75 NachleseII
humen Äußerungen dieser vermeintlichen Gei‐ OO
ster doch in den weitaus meisten Fällen sehr OO
merkwürdige Kontraste mit ihrer Geistigkeit bil‐ OO
den, die sie im Körper der Erde dokumentierten OO
und die nur durch einen schreckenerregenden OO
Rückschritt zu erklären wären? ‒ (Selbst «Gott‐ OO
Vater» und der «Erzengel Gabriel» bringen es OO
über triviale Salbadereien nicht hinaus!)
.Wie wäre es, wenn wir es hier mit einer Wesens‐ OO
reihe zu tun hätten, die zwar unseren Sinnen OO
nicht faßbar ist, aber dennoch einen Bestandteil OO
dieser physischen Welt bildet? ‒ Haben wir wirklich OO
schon alles entdeckt, was auf dieser Erde an Irdi‐ OO
schem und dennoch Unsichtbarem zu entdecken OO
ist? ‒ Ich spreche diese Frage gewiß nicht leicht‐ OO
fertig aus und glaube meine Gründe zu haben, sie OO
aufzuwerfen.
.Die Frage, ob es überhaupt absolut einwandfreieOO
Manifestationen «spiritistischer» Art gibt, bejahe OO
ich auf Grund unanfechtbarer eigener Erfahrung OO
durchaus, und diese Frage kann auch heute nur OO
noch von Menschen gestellt werden, denen ent‐ OO
weder das ganze in Rede stehende Gebiet durch‐ OO
aus fremd ist, oder von solchen, die niemals Gele‐ OO
genheit fanden, jeder nur möglichen Kontrolle OO
zugängliche, keinerlei Täuschungsmöglichkeit OO
mehr unterworfene Manifestationen aus unsicht‐ OO
76 NachleseII
barer Quelle zu erleben. Auch denen könnten die OO
Erfahrungen von Männern wie Crookes, Lombroso, OO
Schiaparelli, Zöllner, Richet, Rochas, Baraduc und OO
von vielen anderen doch zu denken geben... Mit OO
Schopenhauer möchte ich sagen: «Wer diese Tatsa‐ OO
che leugnet, ist nicht ungläubig, sondern unwissendOO
zu nennen.» ‒
.Ich will auch durchaus nicht in Abrede stellen, OO
daß diese Manifestationen sehr oft den Glauben OO
nahelegen können, man habe es mit Äußerungen OO
Abgeschiedener zu tun, ja daß es selbst möglichOO
sein könne, daß gelegentlich eine menschliche En‐ OO
telechie, sei sie nun noch an irdische Körperlich‐ OO
keit gebunden oder nicht, als «spiritus rector» sich OO
solcher Manifestationen bediene. Trotz alledem OO
aber glaube ich allen Grund zu haben, die eigent‐ OO
lichen Urheber aller spiritistischen Manifestationen, OO
also aller Vorkommnisse, zu deren Erklärung die OO
animistische Erklärungsweise nicht ausreicht (die OO
also nicht durch eigene Seelenkräfte erklärbar OO
sind), als Wesen einer uns unbekannten, in derOO
physischen Welt lebenden, unsichtbaren Wesensreihe OO
ansprechen zu dürfen, und meine, allerdings aus OO
gewissen Gründen nur mir persönlich zugängli‐ OO
chen Beweise würden auch selbst durch die stau‐ OO
nenerregendsten Erfolge des Edisonschen Appa‐ OO
rates nicht im mindesten zu erschüttern sein.
77 NachleseII
.Der Beweis vom Fortleben des Menschengeistes OO
nach dem Tode ist hier nie und nimmer zu finden OO
trotz der enormen Ausbreitung der spiritistischen OO
Glaubenssätze, trotz der über 30000 Bände um‐ OO
fassenden spiritistischen Literatur. Wer diesen Be‐ OO
weis nicht in einer für ihn selbst zwingenden Art inOO
sich selbst zu finden vermag, der wird ihn in der Welt OO
der äußeren Sinne vergeblich suchen und im be‐ OO
sten Falle nur der Täuschungslust tief unter ihm OO
stehender Wesen erliegen, die ihn nur gläubig OO
finden, weil er nicht imstande ist, sie zu sehen. ‒ OO
Was er gelegentlich, bei den doch immerhin rela‐ OO
tiv seltenen echten «Materialisationen» angeblich OO
Gestorbener zu sehen bekommt, sind, trotz aller OO
Ähnlichkeit niemals jene Gestorbenen, sondern OO
gleichsam galvanisierte astrale Larven, wie sie OO
jede irdische Erscheinung in der Aura dieses OO
Weltkörpers zurückläßt, erborgte Masken, deren OO
sich jene, mir mehr als wünschenswert bekannten OO
unsichtbaren Wesen bedienen, um ihre Rufer er‐ OO
folgreich zu äffen. ‒ («Materialisationsphäno‐ OO
mene», wie sie Schrenk-Notzing zu untersuchen OO
Gelegenheit fand, tragen ihren Namen zu Un‐ OO
recht und sind durchaus auf animistischer Basis, als OO
abnorme psycho-physische Erscheinungen, aber OO
niemals als echte Materialisationen, wie sie z.B. OO
Crookes erlebte, anzusprechen.) Es wäre sehr zu OO
bedauern, wenn etwa durch Edisons Erfindung OO
78 NachleseII
eine neue Verwirrung der Geister ‒ aber der in OO
Gehirnen tätigen ‒ Platz greifen würde; denn die OO
Enttäuschung wäre zum Schlusse unvermeidbar, OO
und für viele würde sie nur ein Zurücksinken in OO
flachste materialistische Denkungsart, ein Verfal‐ OO
len in trostlosen Zynismus bedeuten. Wen Natur OO
nicht selbst dazu befähigt hat, dem sinnlich Uner‐ OO
forschlichen auf übersinnliche Art zu nahen, der OO
bleibe ferne einer Region, die zu seinem eigenen OO
Besten vor seinen Augen verborgen bleibt, und er OO
«begehre nimmer zu schauen», was die Götter OO
«gnädig verhüllten mit Nacht und Grauen!» ‒ ‒
79 NachleseII
DIE «MEISTER»
DER «WEISSEN LOGE»
F
RAU Helena Petrowna Blavatski gründete im OO
Jahre 1875 zu New York die «Theosophical OO
Society». Die Beziehung auf das Wort «Theoso‐ OO
phie» erschien in diesem Titel, nachdem eine vor‐ OO
angegangene Gründung, der «Miracle Club», OO
nicht den erhofften Anklang gefunden hatte, und OO
stammt von dem, später durch seinen «buddhisti‐ OO
schen Katechismus» bekannt gewordenen Ameri‐ OO
kaner Olcott, der auch der erste Präsident der Ge‐ OO
sellschaft wurde.
.Seit ihrem zwölften Jahre hatte sich Frau BlaOO
vatski, geb. von Hahn-Hahn, als spiritistisches Me‐ OO
dium betätigt. Im Jahre 1871 noch gründete sie in OO
Kairo die «Société spirite», und noch kurz vor der OO
Umwandlung des «Miracle Club» in eine «Theoso‐ OO
phische» Gesellschaft, wußte sie durchaus nichts OO
von indischen oder tibetanischen «Mahâtmas», OO
sondern kannte nur ihren «Kontrollgeist» John OO
King. ‒
.Eine Änderung trat erst ein, als sie mit einem OO
Privatgelehrten Felt in Verbindung kam, der auf OO
80 NachleseII
seine Weise das Studium antiker Kulte betrieb OO
und eine reichhaltige Bibliothek seltener okkulti‐ OO
stischer Werke besaß.
.Hier lernte Frau Blavatski plötzlich so manches OO
kennen, das bis dahin nicht in ihren Gesichtskreis OO
getreten war, und ihr Ehrgeiz, ihre ausgeprägte OO
Eitelkeit, fanden sich sehr wenig schmeichelhaft OO
berührt durch die Auffassung Felts in bezug auf OO
den Spiritismus.
.Die Folge davon war, daß durch eine energisch OO
erzwungene Transfiguration aus ihrem «Kon‐ OO
trollgeist» John King ein «Mahâtma», ein im fer‐ OO
nen Tibet verborgen lebender «Wissender» und OO
Beherrscher der okkulten Kräfte der Natur, ‒ ihr OO
erster «Meister der Weisheit» wurde. ‒ ‒
.Alle okkulten, spiritistischen Phänomene, die OO
sie seit früher Jugend begleitet hatten, wurden OO
von ihr nun diesem «Meister» zugeschrieben.
.Aus den Aufschlüssen, die ihr bei Felt und in OO
dessen Bibliothek seltener okkultistischer und OO
mystischer Schriften geworden waren, hatte sie OO
bereits die Überzeugung geschöpft, daß es ir‐ OO
gendwie und irgendwo auf der Welt eine verbor‐ OO
gene, keinem, außer ihren Angehörigen und de‐ OO
ren erwählten Nachfolgern, zugängliche geistige OO
Gemeinschaft geben müsse, und selbstverständ‐ OO
81 NachleseII
lich war nun ihr «Meister», alias John King, ein OO
Zugehöriger dieser geistigen Gemeinschaft. ‒
.Einmal nach dieser Richtung hin auf der Suche, OO
gelang es ihr auch, auf Grund ihrer abnorm star‐ OO
ken medialen Veranlagung, sowie im somnam‐ OO
bulen Zustand, zwingende Beweise von dem Da‐ OO
sein einer solchen geistigen Gemeinschaft zu er‐ OO
halten, manches sorglichst Geheimgehaltene, das OO
von dieser Gemeinschaft ausging, gleichsam mitOO
anzuhören, wie etwa ein unberufener Dritter das OO
Gespräch zweier Telephonteilnehmer «abhören» OO
kann. ‒
.Nun kam die Zeit, in der sie jedem mehr oder OO
weniger bedenklichen Einfluß okkulter Art hem‐ OO
mungslos unterlag, wie ich das an anderer Stelle OO
bereits beschrieben habe.
.Jeder solcher Einfluß wurde von ihr einem An‐ OO
gehörigen jener geistigen Gemeinschaft zuge‐ OO
schrieben, die sie in ihrer Wundersucht so völlig OO
verkannte und zu der sie niemals in Beziehung tre‐ OO
ten konnte, da ihr dazu alle Vorbedingungen völ‐ OO
lig fehlten. ‒ Es entstand bald der zweite «Mei‐ OO
ster», dann wurden ihrer noch mehrere aktiv, OO
und hiermit war die «Weiße Loge» ‒ ein Wort aus OO
dem Sprachschatz Felts ‒ nach Frau Blavatskis Mei‐ OO
nung, hinter der ihre glühendsten Wünsche stan‐ OO
82 NachleseII
den, zu ihr in handgreifliche Beziehung getreten. OO
‒ Sie wurde die «Dienerin der Meister» ‒ und OO
ahnte wohl bis zu ihrem Tode nicht, daß ihre un‐ OO
gestümen Wünsche sie erst zum Selbstbetrug ver‐ OO
leitet hatten, um sie dann zu einer willigen Sklavin OO
bedenklicher okkultischer Praktiker zu machen. ‒ OO
.Sie ahnte wohl nicht, daß sie auch in den relativ OO
harmlosesten Fällen nur das Opfer mystisch gerich‐ OO
teter Schwärmer war. ‒ ‒
.Bis zu ihrem Tode spiritistisches Medium, von OO
seltenen und abnorm starken Phänomenen be‐ OO
gleitet, glaubte sie sich hoch erhaben über jeden OO
Zusammenhang mit spiritistischen Manifestatio‐ OO
nen und sprach sich späterhin stets in der abfällig‐ OO
sten Weise über den «Spiritismus» aus, immer in OO
der nach und nach bei ihr stets fester wurzelnden OO
Meinung, ihr «Kontrollgeist» John King sei von OO
ihr nur früher verkannt worden, und sie stehe OO
also schon von Kindheit an unter der Leitung der OO
«Meister». ‒
.Diese außerordentlich merkwürdige und hoch‐ OO
begabte Frau diente aber dennoch indirekt der Ge‐ OO
meinschaft des Geistes, mit der sie sich seit dem OO
Jahre 1875 in Verbindung glaubte...
.Durch ihr eigenes impulsives Werben, und OO
durch das Tam-Tam ihrer Anhänger wurde die OO
83 NachleseII
Aufmerksamkeit weiter Kreise erregt, und eine OO
dunkle Kunde aus ferner Vorzeit, nur da und OO
dort in orakelhaften Andeutungen noch erhalten, OO
erhielt wieder Sinn und Leben.
.Man erwog zum wenigsten wieder die MöglichOO
keit, daß eine verborgene geistige Gemeinschaft OO
auf dieser Erde bestehen könne, wenn auch kritik‐ OO
fähigeren Köpfen jene spiritistischen Phäno‐ OO
mene, durch die das Dasein einer solchen Ge‐ OO
meinschaft «bewiesen» werden sollte, jene allzu OO
albernen okkulten Kunststücke: ‒ herbeigezau‐ OO
berte Tassen und Broschen, Briefe, die in ver‐ OO
nähte Kissen hineineskamotiert wurden, verzau‐ OO
berte und an anderen Stellen wieder zum Vor‐ OO
schein gebrachte Zigaretten, auf mysteriöse Weise OO
erhaltene Antworten auf Briefe an die «Mahât‐ OO
mas», bei denen die Antwort im uneröffneten Ku‐ OO
vert des Briefes zu finden war, und ähnliches OO
mehr ‒ ‒ recht wenig mit der doch immerhin anzu‐ OO
nehmenden Selbstachtung einer solchen hohen OO
geistigen Gemeinschaft in Einklang zu stehen OO
schienen. ‒ ‒
.In den mächtigen Folianten, die von Frau BlaOO
vatski medianim niedergeschrieben wurden, fand OO
sich, neben einem Wust absurder Annahmen, OO
doch auch manches, das sich mehr oder weniger OO
unter oder auch über der «Schwelle ihres Bewußt‐ OO
84 NachleseII
seins», aus der Feltschen Bibliothek hierher geret‐ OO
tet hatte und immerhin zu denken gab.
.Eine gigantische, aber mehr noch gigantisch‐ OO
phantastische Kosmogonie bewirkte, neben der OO
Verwirrung, die sie in glaubensfreudigen Gehir‐ OO
nen anrichtete, immerhin eine ins kosmische ver‐ OO
breiterte Ausdehnung des Gesichtskreises bei gar OO
vielen, die vorher nicht die Anregung gefunden OO
hatten, über einen allzuengen dogmenumhegten OO
Umkreis hinauszublicken.
.Gewisse alte Weisheitslehren standen wieder OO
auf, allerdings umgeben von Gespenstern aus den OO
Gräbern modernden Aberglaubens aller Art, und OO
behängt mit den seltsamsten Draperien aus zu‐ OO
sammengeflickten Fetzen der ausgetragenen OO
Priestergewänder aller Zeiten und Völker.
.Trotz allem Tiefbeklagenswerten, das aus dem OO
ungestümen Wirken dieser rastlos tätigen Frau OO
resultierte, entstand auf solche Weise doch auch OO
ein erneutes Interesse in einer nahezu den Denk‐ OO
schablonen des Materialismus verfallenen Welt, OO
das die Geister wieder dazu bewog, sich auf ihren OO
Ursprung zu besinnen.
.Es wurden Vorbedingungen geschaffen, die zu OO
einem Verstehen der übersinnlichen Dinge hinleiOO
ten können, auch wenn das, was gegeben ward, soOO
85 NachleseII
wie es vorliegt, eher geeignet erscheint, von ihnen OO
abzuleiten. ‒
.So mannigfach auch die Irrtümer sein mögen, OO
die gutgläubig, auf die mysteriöse Autorität der OO
Frau Blavatski hin, in der Welt verbreitet wurden, OO
so übergab sie doch auch der heutigen Zeit eine OO
Fülle okkulter Begriffe, die schwerlich ohne das OO
Wirken dieser Frau gangbare Münze geworden OO
wären.
.Ich neige auch sehr zu der Ansicht, daß ein OO
Mensch, der bereits geschult wurde durch die OO
Lehren, denen er in der «Theosophischen Gesell‐ OO
schaft» wie überhaupt im Bannkreis der «theoso‐ OO
phischen» Geistesrichtung begegnen kann, ‒ vor‐ OO
ausgesetzt, daß er sein gesundes Urteil nicht OO
durch den massenweise mit unterlaufenden OO
Aberglauben umnebeln ließ ‒ ‒ gar manches vor‐ OO
aus hat, wenn er den Weg zum Geiste beschreiten OO
will, ‒ gegenüber jenen, die niemals von über‐ OO
sinnlichen Dingen hörten, und denen alle Be‐ OO
griffe fehlen, um sich Übersinnliches auch nur OO
verstandesmäßig faßbar zu machen.
.Wenn die von Frau Blavatski ins Leben gerufene OO
Gesellschaft wirklich «Theosophia», Gottesweisheit, OO
vermitteln will, wenn sie mehr als bisher zu einem OO
segenbringenden Faktor innerhalb der menschli‐ OO
86 NachleseII
chen Geistesentfaltung werden soll, dann dürften OO
ihre Führer gut daran tun, völlig von der EntsteOO
hungsgeschichte der Gesellschaft abzusehen, ‒ die OO
monströsen Folianten der Frau Blavatski als «Ku‐ OO
riosa» zu betrachten und nicht mehr als die «Bi‐ OO
bel» der alleinseligmachenden Theosophie, ‒ alle OO
allzu phantastischen Auswüchse der Glaubens‐ OO
meinungen ihrer Mitglieder zu beschneiden, ‒ OO
und, als reinlich denkende Lichtsucher, einem OO
Ziele erst vorurteilsfrei zuzustreben, das die impul‐ OO
sive Gründerin der «Theosophischen Gesell‐ OO
schaft» bereits erreicht glaubte. ‒ ‒ Noch ist es dazu OO
nicht zu spät.
.Es würde aber eines Tages, und zwar in recht OO
wohl absehbarer Zeit, «zu spät» sein, trotz der OO
hochtrabenden Redensarten nicht allzuseltener OO
Skribenten aus den Reihen der Gesellschaft, und OO
das voraussehbare Ende würde bedauerlich ge‐ OO
nug sein für alle ernsthaft und ehrlich Suchen‐ OO
den, die innerhalb der theosophischen Geistes‐ OO
richtung die letzten Antworten auf die Fragen ih‐ OO
rer Seele zu finden hofften. ‒
.Bramarbasierende, hochtönende Redensarten OO
täuschen nur über die Gefahr hinweg. ‒ ‒
.Ebensowenig hilft das Allheilmittel eines kritik‐ OO
losen Eklektizismus, eine geisteslahme «Tole‐ OO
87 NachleseII
ranz», die jede leidlich erträgliche, aber auch jede OO
noch so absurde Eigenbrötelei sonderbarer Heili‐ OO
ger nicht nur gelten läßt, sondern in ihrer inne‐ OO
ren, schlecht verhüllten Unsicherheit, um keinen OO
Preis zu kritisieren wagt, weil die Furcht im Hin‐ OO
tergrunde steht, just dort, wo es am tollsten ge‐ OO
trieben wird, oder wo gar irgend ein Orientale in OO
das Getriebe eingreift, müsse wohl doch «etwas OO
Wahres» zu finden sein, und man könne sich OO
durch Kritik eine Blöße geben. ‒
.Das alles muß nicht notwendigerweise so blei‐ OO
ben.
.Vor allem aber ist eine rigoros-peinliche Sonde‐ OO
rung des Weizens vom Unkraut vonnöten, hin‐ OO
sichtlich der landläufigen Lehrmeinungen inner‐ OO
halb der «Theosophischen Gesellschaft» und ihrer OO
Tochtergesellschaften. OO
Es ist nicht nötig, daß uralte, tiefe Weisheit, daß OO
ewig gültige kosmische Wahrheiten in «theoso‐ OO
phischer» Darbietung als verzerrte, ‒ oft bis zur OO
Karikatur verzerrte ‒ Bilder erscheinen! ‒ ‒
.Eine «Textkritik» theosophischer Lehren, aus‐ OO
geübt von Berufenen, ebenso ferne von verant‐ OO
wortungsloser Zerstörungssucht, wie von ängst‐ OO
licher Furcht, durch Streichung liebgewordener, OO
alter Meinungen Mitglieder zu verlieren, würde OO
88 NachleseII
gar bald das wahrhaft Echte finden, und es aus OO
dem Wust des Unechten, des Abstrusen, und der OO
mancherlei sonstigen Anhängsel zu retten wis‐ OO
sen. ‒
.Es ist mir nicht unbekannt, daß man schon des OO
öfteren innerhalb der «Theosophischen Gesell‐ OO
schaft» Stimmen vernehmen konnte, die eine völ‐ OO
lige Preisgabe der Lehre von den «Meistern», den OO
«älteren Brüdern der Menschheit», forderten.
.Sofern man damit die angeblichen «Meister»: OO
Koot Hoomi, Morya und andere, kurzum, die OO
«Meister», die «Mahâtmas» der Frau BlavatskiOO
meint, die Personen, deren rationalistisch dürren OO
und großsprecherischen Briefe u.a. in A.P. SinOO
netts «Okkulter Welt» zu finden sind, ‒ dann hat OO
man wahrlich allen Grund, sich endlich loszu‐ OO
sagen. ‒ ‒
.Man würde aber einen sehr verhängnisvollen OO
Fehlschritt tun, wollte man zu gleicher Zeit das OO
wenige in Bausch und Bogen mit verloren geben, OO
was man immerhin durch Frau Blavatski, wenn OO
auch also aus einer arg getrübten Quelle, über das OO
Bestehen einer rein geistlichen Gemeinschaft in‐ OO
nerhalb des Menschentums auf dieser Erde erfah‐ OO
ren hat...
89 NachleseII
.Zwar steht diese Gemeinschaft des reinen Gei‐ OO
stes auf diesem Planeten nicht am AusgangspunktOO
der «Theosophischen Gesellschaft», aber ‒ sie und OO
ihre geistige Führung zu erreichen, muß das Ziel ei‐ OO
nes jeden, wahrhaft im Sinne des Wortes «theoso‐ OO
phisch» Strebenden sein, will er wirklich den Weg OO
zum Geiste, den Weg zum Urlicht finden, den einOO
zigen Weg, den das geistige Urlicht dem Menschen OO
dieser Erde selbst bereitet hat. ‒ ‒ ‒
.Jeder Wanderer, der sich etwa berufen glauben OO
sollte, einen Weg zu finden, der an diesem einzi‐ OO
gen Wege vorbei führt, ihn umgehen will, und den‐ OO
noch das Leben im reinen Geiste, im Urlicht, zu OO
erreichen hofft, wird ein Opfer seines Wähnens, OO
gerät unvermeidlich auf Irrwege und wird nie‐ OO
mals wahrhaft in des Geistes lebenspendendes OO
Licht gelangen. ‒
.Es ist gewiß nicht nötig, von jener geistigen Ge‐ OO
meinschaft zu wissen, die das Urlicht selbst sich auf OO
Erden zum «Wege» bereitet hat, aber wer einmal OO
von ihr weiß, oder annimmt, daß sie bestehe, und OO
dann eine Willensrichtung einschlägt, die ihm die OO
Hilfe vermeiden läßt, die ihm werden könnte, der OO
darf sich nicht wundern, wenn er in all seiner trü‐ OO
gerischen Selbstsicherheit niemals finden wird, OO
was er sucht, mag er auch die scheinbar besten OO
90 NachleseII
Gründe für sein törichtes Tun in Anschlag brin‐ OO
gen. ‒
.Es wäre gewiß ein seltsamer Glaube, wollte etwa OO
ein Mensch, der von jener Gemeinschaft des Gei‐ OO
stes hörte, in aller Einfalt annehmen, diese OO
«Weiße Loge» sei eine Korporation mit menschli‐ OO
cher Satzung, benannt mit irgend einem Namen, OO
‒ und ihre Glieder führten den Titel «Meister». ‒ OO
.Meister nennt man auf dieser Erde einen jeden, OO
der in irgend einem Können Vollendung er‐ OO
reichte. Das Wort schließt nach altem Hand‐ OO
werksbrauch in sich, daß der also Bezeichnete die OO
Prüfung seiner Kräfte bestanden hat, und in sol‐ OO
chem Sinne mag es auch berechtigt erscheinen, OO
die Glieder jener geistigen Gemeinschaft «Mei‐ OO
ster» zu nennen, obwohl sich keines ihrer Glieder OO
selbst so nennen wird.
.Aber zu gleicher Zeit drückt das Wort «Meister» OO
eine Art Anerkennung pesönlicher Verdienste OO
aus, und von diesem Gesichtspunkt her betrachtet, OO
ist es geboten, stets dessen eingedenk zu sein, daß OO
dieses Wort nur als Notbehelf erscheint, denn OO
jeder, den man so in Kürze als «Meister» be‐ OO
zeichnen mag, ist das, was er ist, ohne eigenes Ver‐ OO
dienst. ‒
91 NachleseII
.Man kann nicht ein Glied der Gemeinschaft im OO
Geiste auf dieser Erde werden, indem man gewisse OO
Stufen ersteigt, um schließlich zur «Meisterschaft» OO
zu gelangen.
.Der «Meister», sofern mit diesem Worte einer OO
dieser Gemeinschaft, einer der «Leuchtenden des OO
Urlichts», bezeichnet werden soll, wird als solcher OO
geboren, und alle okkulte Schulung, die er unter OO
der Leitung Vollendeter zu durchleben hat, alle OO
Prüfung seiner Kräfte, dient lediglich nur dazu, OO
ihn fähig zu machen, sein eingeborenes Erbe ge‐ OO
brauchen zu lernen. ‒
.Er hat niemals erstrebt, zu werden, was man mit OO
dem Worte «Meister» bezeichnet, wenn man da‐ OO
mit ein Glied der Gemeinschaft des Geistes be‐ OO
nennen will.
.Als er bewußt zur Fähigkeit gereift war, das, was OO
der Geist von ihm verlangte, tun zu können, gab es OO
für ihn keine Wahl. ‒ Er mußte die Bürde überneh‐ OO
men, die ihm zu tragen gegeben war. ‒ ‒ ‒
.Man möge nicht zu sehr an Worten kleben blei‐ OO
ben und nicht willkürlich gewählten Benennun‐ OO
gen einen ungebührlich großen Wert verleihen! OO
.Es kommt auf eine Erfassung der realen GegebenOO
heit an und nicht auf die Namen, mit denen die OO
92 NachleseII
Sprache, mehr oder minder dürftig, das Gege‐ OO
bene benennt. ‒
.Man mag immerhin die eingebürgerten Worte OO
gebrauchen und von einer «Weißen Loge» und OO
ihren Meistern reden, wie ich ja auch in meine OO
Schriften unbedenklich diese Worte übernom‐ OO
men habe, aber man sei dabei stets bewußt, daß es OO
sich hier nur um frei gewählte Benennungen handelt, OO
und daß die hohe Gemeinschaft und Alleinheit im OO
Geiste, die sich hier auf dieser Erde in wenigen OO
Menschen eines jeden Zeitalters darstellt, keinerleiOO
Namen und keinerlei Titel gebraucht, um ihrer OO
Lenkung gemäß die Brücke zu bilden, über die OO
für den Menschen dieser Erde der Weg zu den OO
ewigen Hierarchien des Geistes und durch sie OO
hindurch, zum wesenhaften Urlicht führt. ‒ ‒ ‒
93 NachleseII
DIE GRUNDLAGEN
WAHRER THEOSOPHIE
W
ENN ich hier von neuem wieder zu den Le‐ OO
sern dieser von mir stets hochgeschätzten, OO
vornehmen theosophischen Zeitschrift spreche, OO
so geschieht dies auf den Wunsch sehr vieler dieser OO
Leser hin, den mir der verdienstvolle Heraus‐ OO
geber zu übermitteln die Güte hatte.
.Ich komme heute gerne diesem Wunsche nach, OO
schon um gewisse Legendenbildungen aus der OO
Welt zu schaffen, die in mehr oder weniger gehäs‐ OO
siger Weise einen Gegensatz zwischen mir und OO
dem Herausgeber der «Theosophie» zu konstru‐ OO
ieren unternahmen, besonders da meine letzten OO
Veröffentlichungen ausschließlich in den «Magi‐ OO
schen Blättern» erschienen.
.Wie falsch diese Annahme einer Gegnerschaft OO
ist, dürfte schon daraus erhellen, daß das «TheosoOO
phische Verlagshaus» die alleinige Auslieferungs‐ OO
stelle der «Magischen Blätter» ist, und daß die OO
Herausgeber beider Zeitschriften, Herr Dr. HugoOO
Vollrath und Herr Dr. Richard Hummel, im denkbarOO
94 NachleseII
besten, freundlichen Einvernehmen stehen, ein jeder OO
auf seine Weise durchdrungen von den hohen OO
geistigen Zielen, denen er in mühevoller Geistes‐ OO
arbeit dient. ‒
.Nach anderer Seite hin glaube ich aber auch jetzt OO
deutlich genug ausgesprochen zu haben, daß ich OO
zwar keineswegs von der «Theosophischen Gesell‐ OO
schaft» herkomme, daß ich gegen manche unter ih‐ OO
ren Mitgliedern verbreitete Lehre sehr begrün‐ OO
dete Einwände erheben muß, daß ich aber gewiß OO
nicht hier als feindlicher Eindringling zu betrach‐ OO
ten bin, sondern warmen Herzens das meinige OO
dazu beitragen möchte, damit jedes einzelne Mit‐ OO
glied dieser Gesellschaft das hohe Ziel erreiche, das OO
es letzten Endes doch durch den Anschluß an die OO
«Theosophische Gesellschaft» zu erreichen hofft.
.So möchte ich denn als freundschaftlicher Be‐ OO
rater vor den Leserkreis dieser weitverbreiteten OO
Zeitschrift treten, nicht um Meinungsverschie‐ OO
denheiten und Dispute zu veranlassen, sondern OO
um die großgedachten Einigungsbestrebungen des OO
Herausgebers auch meinerseits zu stützen, um OO
aus den Möglichkeiten meiner geistigen Einschau OO
her, auf jene Dinge hinzuweisen, die mir für ein OO
gedeihliches und fruchtbringendes Leben der OO
«Theosophischen Gesellschaft» wichtig erschei‐ OO
nen.
95 NachleseII
.Ich habe hier lediglich die «Theosophische Ge‐ OO
sellschaft» im Auge, wie sie heute besteht, als eine OO
Tempelvereinigung großen Stiles, eine Sammel‐ OO
stätte zum Geiste strebender Menschen unserer OO
Tage, ganz so, wie sie vom «Theosophischen HauptOO
quartier» in Leipzig, dem Ausgangspunkt dieser OO
Zeitschrift, aufgefaßt und vertreten wird.
.Aller Personenkultus scheidet bei den Aufga‐ OO
ben dieser, wie ich annehmen darf in bester Reor‐ OO
ganisation begriffenen Gesellschaft ebenso aus, OO
wie jede enge Dogmenbindung, und ihr Streben OO
ist einzig darauf gerichtet, jedem ihrer Mitglieder OO
alle Wege zu zeigen, die der Seele als Wege zum GeiOO
ste erschienen und noch erscheinen, und wenn ich OO
die Leitung dieser Zeitschrift richtig verstehe, OO
dann erwartet sie von ihren Lesern ausreichende OO
Fähigkeit zu eigener Urteilsbildung und schließt OO
jede Bevormundung ihrer Leser grundsätzlich OO
aus.
.Wer wollte bezweifeln, daß auf diese Weise un‐ OO
endlich viel Gutes gewirkt werden kann?!
Nur auf solche Art ist es nach meinem Dafür‐ OO
halten möglich, allmählich die mir innerhalb der OO
«Theosophischen Gesellschaft» als bedenklich er‐ OO
scheinenden Lehren prüfend in ihrer Unwesen‐ OO
96 NachleseII
haftigkeit zu erkennen und ohne Schaden abzu‐ OO
stoßen.
.Nur auf solche Art wird die verjüngte «Theoso‐ OO
phische Gesellschaft» die ewigen Grundlagen einer OO
wahren Theo-Sophia in ihrem Tempelkreise wie‐ OO
der finden, einer «Theosophie» im tiefsten Sinne desOO
Wortes, wie sie seit den Tagen des Lao Tse und des OO
Apostels Paulus bestand, bis hinauf zu Eckehard, OO
Tauler und Jakob Böhme, wie sie in der alten mystiOO
schen Maurerei gepflegt wurde, und wie sie in In‐ OO
dien zu finden war von Patânjali bis zu RâmaOO
krishna. ‒
.Tiefste, wenn auch geheimgehaltene Erkennt‐ OO
nis aller echten «Theosophen» aller Zeiten war stets OO
vertraut mit diesen Grundlagen, und deren weOO
sentlichste ist das hohe «Wissen» um die einzige Art OO
und Weise, in der sich die Gottheit den aus ihr ge‐ OO
zeugten Geisteswesenheiten offenbaren kann. ‒ ‒
.Zwecklos würde die Seele suchen, wollte sie je OO
in unermeßlichen Räumen, wollte sie je in höch‐ OO
sten geistigen Sphären ihrem Gotte begegnen. ‒ ‒
.Sinnlos wären die erhabenen Lehren hoher OO
Menschheitslehrer, würden die Bilder Gottes, die OO
sie gestalten, nur einem «Gotte» gelten, der da als OO
97 NachleseII
«höchstes Wesen» über anderen Geisteswesenheiten OO
thront. ‒ ‒
.So wie man an keiner Stelle der Erde der reinenOO
Elektrizität begegnen kann, und doch alles auf die‐ OO
ser Erde durchströmt wird von dieser Kraft, so auch OO
ist es in allen Geistes-Sphären ewig unmöglich, OO
Gott zu begegnen, obwohl alles, was da lebt, nur im OO
Dasein ist, als Ausdruck von Gottes ewig zeugender OO
Darstellungs-Gewalt. ‒
.Wie aber Elektrizität gewisse Apparate braucht, OO
um durch diese Apparate sichtbar und erkennbar OO
zu werden, so auch ist Gott in Zeit und Ewigkeit OO
nur in jenen Geisteswesenheiten sichtbar und er‐ OO
kennbar, die mit der Kraft Gottes völlig vereint, OO
zum lautersten Ausdruck von Gottes Wesen wur‐ OO
den. ‒
.Wer zur Theo-Sophia, zum «Wissen» um Gott ge‐ OO
langen will, der muß vor allem diese GrundtatsacheOO
begriffen haben. ‒ ‒
.Aus ihr aber ergibt sich folgerichtig das Wissen OO
um die Notwendigkeit solcher Menschengeister auf OO
dieser Erde, in denen die Gottheit sich selbst lebenOO
digen Ausdruck schuf, damit sie allen Menschengei‐ OO
stern erkennbar werde, auf daß alle jene Vereinung OO
erstreben, durch die der Menschengeist aus GottOO
verherrlicht wird...
98 NachleseII
.Nichts anderes als diese völlig der Gottheit OO
geeinten Menschengeister dieser Erde sind aber OO
die eigentlichen «Meister» der «Weißen Loge», von OO
denen leider ein Zerrbild existiert, das ihr wah‐ OO
res, kosmisch bedingtes Wesen gröblich ver‐ OO
fälscht. ‒ ‒ ‒
.Wie jeder Menschengeist, der je auf der Erde er‐ OO
schien oder noch erscheinen wird, so sind auch sie OO
vor Äonen, als diese Erde noch nicht eimal «Wel‐ OO
tenstaub» war, dem «Falle» der Geister, gleich al‐ OO
len anderen erlegen. Gleich allen andern erwar‐ OO
teten sie ihre Zeit, um sich mit dem Menschen‐ OO
tiere der Erde zu irdischem Leben zu verbinden, OO
mit der Aufgabe, dieses Menschentieres höhere OO
Kräfte zu erlösen, und durch diese Erlösertat OO
selbst Erlösung zu finden...
.Doch, höhere Geisteswesenheiten wußten aus OO
geistigem, gottgeeinten «Wissen», daß keiner der OO
diesem Erdentiere Verbundenen jemals zur Erlö‐ OO
sung kommen könne ohne ihre Hilfe, und geistiges OO
«Wissen» läßt keine Wahl, wird Verpflichtung, ver‐ OO
langt gesetzliche Tat, sobald eine Möglichkeit zur OO
Hilfe gegeben ist. ‒
.So suchten sich jene höheren Geisteswesenhei‐ OO
ten aus der Fülle harrender Geister, die sich auf OO
Erden dem Menschentiere verbinden mußten, OO
99 NachleseII
jene aus, die sich aus freiem Willen bereit finden OO
ließen, das Hilfswerk dieser höheren Geisteswesen‐ OO
heiten zu fördern, da diese selbst, ihrer Artung nach, OO
mit dem im Tiere gebundenen Menschengeiste OO
keine direkte Berührung schaffen konnten. ‒
.Die Bereitschaft, diesen höheren Geisteswesen‐ OO
heiten als Vermittlungswerkzeug zu dienen, OO
schloß die Bereitschaft in sich, eine JahrtausendeOO
dauernde geistige Vorbereitung durchzuleben und OO
so erst Jahrtausende später zur Inkarnation zu ge‐ OO
langen. ‒ ‒ ‒
.Darum läßt sich mit Fug und Recht von den OO
wirklichen «Meistern» der «Weißen Loge» als von OO
den älteren Brüdern der heute lebenden Mensch‐ OO
heit reden. ‒ ‒ ‒
.Es ist aber ebenso irrig, sie für eine Art über‐ OO
menschlicher Wesen zu halten, wie es irrig ist, sie OO
mit Fakiren und Dschungelheiligen zu verwech‐ OO
seln. ‒
.Sie betreiben auch keinerlei Mantik und entsa‐ OO
gen allen okkulten Künsten. ‒
.Sie wissen auf weitaus bedeutendere Art in der OO
Menschheit zum Guten zu wirken, ohne jemals als OO
Urheber dieses Wirkens offenbar zu werden. ‒
100 NachleseII
.Ihr Wirken ist lediglich geistiger Art, und Irdi‐ OO
sches wird von ihnen nur bewegt, von jenen göttOO
lich-geistigen Welten her, in denen ihr Wirken aus OO
Gott allein erfolgt. ‒ ‒ ‒
.Eine Theo-Sophia außerhalb der Einflußwir‐ OO
kungen dieser gottgeeinten Menschengeister, die OO
hier im Erdenkörper die Last des Erdenlebens OO
tragen wie jeder andere Menschengeist, ist ein UnOO
ding! ‒
.Absurd und jeder Logik bar ist jedes «theoso‐ OO
phische» Streben, das jene Wenigen auf dieser OO
Erde zu umgehen sucht, die allein ihm helfen könOO
nen.
.Kindlich ist aber hinwieder auch die Annahme, OO
man könne jemals zu einem «Meister» der «Wei‐ OO
ßen Loge» werden. ‒
.Man kann wohl die gleiche, göttlich-geistige EiOO
nigung erlangen, aber niemals wird man jene KräfteOO
zu eigen erhalten, die erst den «Meister» der OO
«Weißen Loge» zu dem machen, was er potentiell vorOO
seiner Inkarnation schon war. ‒ ‒ ‒
.Man darf freilich auch nicht glauben, daß jeneOO
Gestalten, die um die Wiege der «Theosophischen OO
Gesellschaft» herum gespensterten, etwa wirkliche OO
«Meister» der «Weißen Loge» gewesen wären ‒ ‒ OO
101 NachleseII
aber an dieser Stelle meiner Rede fürchte ich OO
doch noch, daß so mancher Leser dieser Zeit‐ OO
schrift es nur schwer ertragen könnte, wollte ich OO
so, wie es berechtigt wäre, unsanft das Spinnen‐ OO
netz seines Glaubenswahns zerstören, und darum OO
möge hier nur auf gewisse Kapitel eines dem‐ OO
nächst erscheinenden Buches* verwiesen werden, OO
die im Vorabdruck bereits in den «Magischen OO
Blättern», von denen ich oben sprach, zu lesen OO
waren...
.Auf dieser Erde kann jegliches Geschehen sich OO
oft Jahrzehnte lang in Verdunkelung verbergen, OO
aber die Wahrheit kommt dennoch eines Tages OO
schrill und klirrend an unser Ohr, und was sich OO
noch so lange im Dämmerdunkel verbarg, muß OO
eines Tages helles Sonnenlicht ertragen, mag OO
auch so manches Wundermärchen auf solche OO
Weise seinen Untergang finden. ‒ ‒ ‒
.Es wäre mir Anlaß zu tiefem, schmerzlichem OO
Bedauern, sollte einst solche Klärung der Ge‐ OO
schehnisse, die sich in den Säuglingszeiten der OO
«Theosophischen Gesellschaft» abspielten, dieser OO
Gesellschaft, so wie sie heute ist, und wie sie speziell OO
vom «Hauptquartier» in Leipzig aufgefaßt und ver‐ OO
* Mehr Licht (1921; erweiterte endgültige Ausgabe 1936, 1968 und 1989)
102 NachleseII
treten wird, Schaden zufügen, und darum halte OO
ich es für meine Pflicht, darauf hinzuweisen, daß OO
die Dinge damals nicht ganz so lagen, wie sie die OO
Gründerin der Gesellschaft zu sehen und darzu‐ OO
stellen beliebte. ‒ ‒ ‒
.Töricht und ungerecht wäre es aber, der «theo‐ OO
sophischen Gesellschaft» unserer Tage daraus ir‐ OO
gendeinen Vorwurf konstruieren zu wollen, oder OO
die heutigen Mitglieder verantwortlich zu ma‐ OO
chen für Irrtümer und Fehler der einstigen OO
Gründerin.
.Es unterliegt bei mir keinem Zweifel, daß eine OO
wahrhaft «theosophische» Gesellschaft heute tiefsteOO
Lebensberechtigung hat und es ist heute völlig OO
gleichgültig, welche Anlässe vor Jahrzehnten zur OO
Gründung einer solchen Gesellschaft führten, OO
wenn nur das heutige Wirken der Gesellschaft OO
als einwandfrei und vorbildlich betrachtet werden OO
darf. ‒
.Die Grundlagen wahrer Theo-Sophia bleiben für OO
alle Zeiten die gleichen.
.Auch die heutige «Theosophische Gesellschaft» OO
vermag es, auf ihnen das innerste Sanktuarium ihres OO
weiträumigen Tempels zu errichten.
103 NachleseII
.Die Erkenntnis der Auswirkung Gottes, das OO
«Wissen» daß Gott nur in den ihm völlig geeinten, OO
geistesmenschlichen Wesenheiten offenbarend OO
wirkt, das «Wissen», daß ein jeglicher Mensch die‐ OO
ser Erde imstande ist, sich seinem ewigen Urbild, OO
seinem «Vater im Himmel», seinem «lebendigen OO
Gotte» anzugleichen und sich ihm mit seinem Be‐ OO
wußtsein zu vereinen, das «Wissen», daß ohne die OO
stetige geistige Hilfe höherer geistiger Wesenhei‐ OO
ten, vermittelt durch die «Meister» der «WeißenOO
Loge», diese Vereinigung des menschlichen mit OO
dem göttlichen Bewußtsein unmöglich wäre ‒ diesOO
sind die hauptsächlichsten Fundamentsteine, auf OO
denen sich das unantastbare Tempelkultbild erhe‐ OO
ben muß, um das sich die Mitglieder der «TheosophiOO
schen Gesellschaft» erhobenen Herzens stets scha‐ OO
ren können, ohne jemals befürchten zu müssen, OO
daß die Gottheit solchen Ort der Weihe nicht als OO
ihrer würdig betrachten möge! ‒ ‒ ‒
.Theoretische Erörterungen über hellseheri‐ OO
sche «Forschungen» auf «höheren» Ebenen sind OO
völlig überflüssig, einmal, weil kein Hellseher jeOO
mals zu «höheren» Ebenen emporzudringen imOO
stande ist, und dann: weil alles Wissen über geistige OO
Zustände nichts nützt, nur eitle Befriedigung kin‐ OO
discher Neugier bleibt, solange man nicht, mit OO
dem Bewußtsein des lebendigen Gottes in sich OO
104 NachleseII
selbst vereint, selbst fähig wurde, die Wunder gei‐ OO
stiger Welten geistig zu erleben.
.Auf das geistige Erlebnis hin muß die «TheosophiOO
sche Gesellschaft» ihre Mitglieder erziehen, damit OO
ihr Tempel nicht zur Stätte wüstester Spekulation OO
entarte, damit er ein Heiligtum geistigen LebensOO
bilde, inmitten der ausgetrockneten Wüste dür‐ OO
ren Gedankenflugsandes, der auch die erhaben‐ OO
sten Tempelbauten früherer Zeiten allmählich zu OO
verschütten droht. ‒ ‒ ‒
.Möchten meine Worte offene Herzen fin‐ OO
den! ‒ ‒ ‒
siehe auch: "Worte der Meister" ...für die deutschen Schüler der Theosophie (i.d. "Nachlese" nicht enthalten)
105 NachleseII
DAS «WUNDER»
DER TANZENDEN TISCHE
W
IE kürzlich zu lesen war, beschäftigt man OO
sich zurzeit im Pariser Psychologischen InstitutOO
mit einem weiblichen «Medium», in dessen An‐ OO
wesenheit sich ein Tisch frei in die Luft erhebt, OO
ohne auch nur von dem Medium berührt zu wer‐ OO
den. Eine solche Art der Mediumschaft ist aller‐ OO
dings schon ziemlich selten, und es lohnt sich OO
zweifellos, die Manifestationen zu beobachten. OO
Prof. Bertrard, der die junge Dame einem gelehr‐ OO
ten Kreise vorführte, ist nun ein vorurteilsfreier OO
Forscher, der doch erst wissenschaftlich prüfenOO
möchte, wo andere ‒ man vergleiche nur EduardOO
von Hartmann ‒ frisch drauflos urteilen und dabei OO
selbst gestehen, niemals bei ähnlichen Manifesta‐ OO
tionen zugegen gewesen zu sein. ‒
.In der Pressenotiz, die über die Experimente OO
mit dem Pariser Medium berichtet, heißt es zum OO
Schluß: «Verwunderlich scheint dem Laien aller‐ OO
dings, daß das Mädchen nur bei gedämpftem, ro‐ OO
safarbenen Lichte operieren kann, während weis‐ OO
106 NachleseII
ses und blaues Licht seine Kraft lähmt und das OO
Aufblitzen von Magnesiumlicht ihm sogar einen OO
Nervenschock verursachte. Sollte es am Ende OO
doch Grund haben, hellere Lichtgattungen zu OO
scheuen?»
.Das erinnert mich lebhaft an die schöne Ge‐ OO
schichte von dem Mandarinen, dem zur Zeit des OO
ersten Aufkommens der Photographie ein euro‐ OO
päischer Gelehrter begreiflich machen wollte, daß OO
lediglich die Lichtstrahlen solche Bilder malten. OO
Der chinesische Würdenträger aber ließ sich dar‐ OO
aufhin also vernehmen: «Ja, wenn du das, was du OO
da in der Dunkelkammer treibst, mir bei hellem SonOO
nenlicht zeigen willst, dann werde ich dir gerne OO
glauben, vorher aber nicht!»
.Gewiß hat das Medium «hellere Lichtgattungen OO
zu scheuen», aber wenn es ein echtes Medium ist, OO
wenn also kein Schwindelmanöver vorliegt, was OO
bei den gelehrten Untersuchungen des Prof. BerOO
trard doch wohl als ausgeschlossen gelten dürfte, OO
dann hat es helleres Licht in keiner anderen OO
Weise «zu scheuen», wie der Photograph, der sich OO
auch außerstande sehen würde, ein gutes Licht‐ OO
bild zu fertigen, wollte man ihm die Bedingung OO
stellen, die Entwicklung der Platte bei hellem Ta‐ OO
geslicht vorzunehmen. ‒
107 NachleseII
.Dennoch aber werden diese neuen Pariser Ex‐ OO
perimente, wie so viele andere vorher, nur sehr OO
fragmentarische Lösungen des Rätsels bringen, OO
aber das liegt nicht etwa an der Fragwürdigkeit OO
der Phänomene, sondern daran, daß man hier OO
mit einer Wesenreihe experimentiert, von deren OO
Vorhandensein man keine Ahnung hat; und wäh‐ OO
rend man mit Recht die läppische Hypothese, es OO
handle sich da um Äußerungen «unserer lieben OO
Verstorbenen», von vornherein fallen läßt, be‐ OO
geht man nach der anderen Seite hin doch den OO
gleichen Fehler, indem man als gesichert annimmt, OO
daß es keinerlei außermenschliche, unsichtbare OO
Wesen geben könne. ‒ ‒
.Nun muß, wie auch bei den Experimenten von OO
Ochorowitz, das «Mädchen für alles», der soge‐ OO
nannte «Animismus» herhalten, obwohl es da gar OO
keine präzise Kontrolle geben kann, durch die OO
festzustellen wäre, wo «animistische» Wirkungen OO
aufhören und wo «spiritistische» beginnen; denn OO
die Kräfte der «Anima», der «Seele» des Mediums, OO
sind ja im sogenannten Trancezustand, mag er OO
nun vollendet oder nur teilweise vorliegen, völlig je‐ OO
ner unsichtbaren Wesenreihe ausgeliefert, deren OO
Existenz man von vornherein leugnen zu dürfen OO
glaubt. ‒ ‒
108 NachleseII
.Wie man vielleicht aus gewissen früheren Ab‐ OO
handlungen wissen wird, warne ich stets entschie‐ OO
den vor sogenannten «spiritistischen» Experi‐ OO
menten. Ich rate auch hier wieder jedem meiner OO
Mitmenschen, der etwa «mediale» Fähigkeiten an OO
sich bemerkt und sich dadurch vielleicht gar noch OO
besonders «begnadet» glaubt, sich so schnell als OO
nur möglich dem Spinnengewebe, das ihn zu OO
umschnüren droht, zu entwinden. Das ist jeder‐ OO
zeit möglich durch entschiedene Aktivität, durch OO
ein Aufsuchen gesunder Lebensbedingungen OO
in freier Natur und durch ein grundsätzliches OO
Vermeiden jeder geistigen Atmosphäre, in der OO
die «mediale» Veranlagung gefördert werden OO
könnte. Man vergesse nicht, daß jedes echte «Me‐ OO
dium» ein unglückliches Opfer sehr bedenklicher OO
und niemals von ihm zu erkennender Wesen ist, OO
Wesen, die zur physischen Welt gehören, auch OO
wenn sie für uns unsichtbar bleiben, und die für OO
das Leben der Seele Parasiten darstellen, wie Ba‐ OO
zillen und Mikroben für das Leben des physi‐ OO
schen Körpers! ‒ Diese Parasiten saugen ihr Op‐ OO
fer aus bis zum letzten Rest seiner feineren physi‐ OO
schen Kräfte, die dem Willen und dem SeelenlebenOO
dienen sollten, bis sie es schließlich zerbrochen OO
am Wege liegen lassen, so hochmoralisch auch die OO
«Bekundungen der Geisterwelt» vielleicht vorher OO
waren. ‒
109 NachleseII
Das Ende fast aller sogenannten «Medien» ist OO
entweder ein Versinken in willenlose moralische VerOO
worfenheit, oderin die Nacht des Wahnsinns!
.Es ist wahrlich notwendig, vor einer solchen OO
Seuche, die gerade jetzt wieder besonders stark OO
grassiert, eindringlichst zu warnen, auch wenn OO
die von dieser psychischen Pest Ergriffenen ent‐ OO
rüstet sein mögen, da sie sich ja doch für «er‐ OO
wählte Werkzeuge höherer Mächte», für die OO
«Mittler zwischen Diesseits und Jenseits», ja für OO
die eigentlichen «Sprachrohre Gottes» halten und OO
mit hirnverbrannter Kritiklosigkeit immer wie‐ OO
der den erhabenen Meister von Nazareth als «das OO
größte Medium» proklamieren. ‒
.Wenn ich aber, aus einer Kenntnis der Dinge OO
heraus, wie sie nur wenigen Lebenden möglich OO
wurde, so entschieden vor jeder «spiritistischen» OO
Betätigung, vor jedem Glauben an «spiritistische» OO
Orakelei warnen muß, so darf man gewiß schonOO
daraus ersehen, daß die mir in jeder ihrer Auswir‐ OO
kungsarten bis ins kleinste bekannten «spiritisti‐ OO
schen« Phänomene als solche durchaus realen GegeOO
benheiten entsprechen. Nur Ignoranz kann das DaseinOO
dieser Phänomene deshalb leugnen, weil es zu al‐ OO
ler Zeit gerissene Schwindler gab, die aus der OO
Neugierde ihrer Mitmenschen auf ihre Art Vor‐ OO
teil zogen, indem sie die möglichen echten Phäno‐ OO
110 NachleseII
mene auf mehr oder weniger geschickte Art vorzuOO
gaukeln suchten und so ihre Gläubigen oft lange OO
Zeit hindurch um deren «schnöden Mammon» OO
erleichterten, bis eines Tages die «Entlarvung» OO
dem Treiben ein Ende setzte.
.Das Vorhandensein der echten Phänomene des SpiriOO
tismus steht, trotzdem auch oft echte Medien sich zu OO
gelegentlichen Schwindeleien hinreißen lassen, OO
und je mehr ihre Kräfte ausgesaugt sind, desto OO
häufiger ‒ so außer allem Zweifel, wie das Dasein derOO
Röntgenstrahlen, nur werden sie sich niemals wie OO
diese erforschen lassen, eben weil es sich nicht leOO
diglich um physikalische Kräfte handelt, sondern weil OO
hier uns zum Teil unbekannte physikalische OO
Kräfte durch eine Art von Wesen in Aktion gesetzt OO
werden, die ihren eigenen Willensimpulsen folgen OO
und keineswegs gesonnen sind, unsern Wissens‐ OO
trieb wirklich zu befriedigen.
.Diese Zwischenwesen, auf deren Dasein wohl so OO
manche Gestalt aus der Vorstellungswelt des Mär‐ OO
chens und früherer Sagen zurückgehen mag, OO
sind durchaus amoralisch, weder gut noch böse, OO
folgen allein einem Triebe, den man bei Men‐ OO
schen etwa «Laune» nennen würde ‒ kennen kei‐ OO
nerlei «Gewissen» und sind einzig darauf bedacht, OO
sich mit Hilfe solcher Menschen, deren psycho‐ OO
physischer Organismus krankhaft gelockert ist, OO
111 NachleseII
auf dem Gebiet der physischen Erscheinungswelt OO
zu manifestieren. ‒ Was aus ihren Manifestatio‐ OO
nen erwächst, ist ihnen durchaus gleichgültig, OO
und es kümmert sie wenig, daß ihre Opfer OO
schließlich zugrunde gehen müssen. ‒
.Im Orient, wo die Kenntnis der okkulten Er‐ OO
scheinungen bis ins graueste Altertum zurück‐ OO
reicht, gab es stets und gibt es auch heute noch OO
Menschen, die nicht nur, wie unsere Medien, wilOO
lenlose Sklaven dieser Wesen sind, sondern sich ih‐ OO
rer Hilfe bewußt zu bedienen wissen, sie durch ihre OO
ungemein trainierte Willenskraft beherrschen.
.Es sind jene «Fakire», über deren staunenerre‐ OO
gende «Wunder» die bestbeglaubigtsten Berichte OO
vorliegen, die aber durchaus nicht mit jenen OO
«Büßern» zu verwechseln sind, von denen der OO
eine sich langsam zwischen vier Feuern rösten OO
läßt, während ein anderer es vermag, viele Jahre OO
lang kopfabwärts an einem Baume zu hängen OO
und dergleichen mehr.
.Auch mit den bekannten «indischen» Zirkus‐ OO
künstlern und Taschenspielern haben natürlich OO
diese echten «Fakire» nicht das mindeste zu tun.
.Ich leugne durchaus nicht, daß es sehr seltene OO
Fälle gibt, in denen auch von Seiten entkörperter, OO
also nicht mehr auf der Erde lebender Menschen, OO
112 NachleseII
diese hier besprochenen Wesen zur Manifestation OO
angetrieben werden, aber man glaube ja nicht, OO
auf normale Weise durch die Hilfe dieser Wesen OO
den erwünschten «Verkehr mit dem Jenseits» an‐ OO
bahnen zu können!
.Die wenigen, denen die Natur dieser Wesen be‐ OO
kannt ist und die sich ihrer bedienen könnten, weil OO
sie aus Gründen höherer übersinnlicher Entfal‐ OO
tung einst diese Wesen überwinden mußten, hüten OO
sich wohl, von ihrer Macht Gebrauch zu machen, OO
ja, sie gehen für gewöhnlich diesen Wesen aus OO
dem Wege wie giftigen Schlangen.
.Auch wissenschaftlicher Forscherdrang er‐ OO
scheint ihnen keineswegs entschuldbar, wenn er OO
dazu führt, den gefährlichen Bereich dieser Zwi‐ OO
schenwelt aufzusuchen.
.Sie können nur immer wieder davor warnen, OO
diese dunklen und dem Menschen verderblichen OO
Gebiete der Allnatur vorwitzig zu betreten. ‒
.Niemals wird die Menschheit aus dem Zwi‐ OO
schenreich her, dem die spiritistischen Phäno‐ OO
mene entstammen, irgendeine Antwort erhalten, OO
die ihr auf die Dauer segensreich werden könnte. OO
.Torheit aber wäre es, seine Augen vor gesicher‐ OO
ten Tatsachen verschließen zu wollen, die jederzeitOO
113 NachleseII
vorhanden waren, die so alt sind wie die Welt und OO
zu allen Zeiten, unter allen Völkern beobachtet OO
wurden, lange bevor Amerika, die Wiege des OO
neueren «Spiritismus», überhaupt entdeckt war.
.Wer hier noch zu leugnen versucht, der ist, um OO
mit Schopenhauer zu reden: ‒ «nicht ungläubig, son‐ OO
dern unwissend zu nennen», ‒ aber wer gar OffenOO
barungen des ewigen Geistes bei spiritistischen Mani‐ OO
festationen erwartet, der gleicht einem in der Wü‐ OO
ste Verschmachtenden, der einer Luftspiegelung OO
nachläuft, die ihm schattige Oasen mit köstlichen OO
Quellen verspricht, während er durch seinen Irr‐ OO
tum nur desto sicherer dem Verderben anheim‐ OO
fällt, dem er entrinnen wollte. ‒
114 NachleseII
STIMMEN AUS DEM
«GEISTERREICHE»
S
IE mehren sich wieder allerorten! Zwischen OO
hypermodernen Modedichtern und Salon‐ OO
bolschewisten verzeichnen die Kataloge ge‐ OO
schäftsgewandter Verleger eine Literatur, die mit OO
Prophetengeste sehr abgestandene Sensationen OO
von ehedem als «Allerneuestes» auftischt; und in OO
so mancher reputierlichen Familie sitzt man OO
halbe Nächte, um das Tischorakel zu befragen. OO
Männer und Frauen, die noch vor wenigen Jah‐ OO
ren halb Verachtung, halb gelindes Grauen zeig‐ OO
ten, wenn das Wort «Spiritismus» fiel, verharren OO
jetzt passiv am Schreibtisch und lassen sich von ih‐ OO
ren «Freunden aus dem Jenseits» ehrfurchtsvoll OO
die Feder führen. Eine wahre Epidemie dieser Art OO
wütet im Lande, und sie ist um so gefährlicher, OO
weil fast alle, die von ihr erfaßt wurden, ihr Tun OO
sorglichst geheim zu halten suchen, so daß man in OO
Kreisen, die nicht selbst zu den Mitgerissenen ge‐ OO
hören, auch nicht die leiseste Ahnung hat von der OO
erschreckenden Ausbreitung dieses Taumels.
115 NachleseII
.Als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die OO
neue Geisterkunde von Amerika her zu uns kam, OO
war die Wirkung weitaus harmloser. Abgesehen OO
von einigen schwärmerischen Enthusiasten und OO
allem Aberglauben freundlich gesinnten Eigen‐ OO
brötlern, die sich nun in spiritistischen Zirkeln OO
fanden, beschäftigten sich wirklich ernsthaft mit OO
diesen Dingen nur wenige Männer der Wissen‐ OO
schaft, stellten je nach Gelegenheit und Ausdauer OO
die Tatsächlichkeit der Phänomene oder auch OO
plumpen Schwindel daneben fest, kamen aber im OO
besten Falle ‒ wie etwa der Physiker Crookes ‒ nur OO
zu dem Schlusse, daß sie wohl das Wirken un‐ OO
sichtbarer, anscheinend oder unbestreitbar von OO
Intelligenz geleiteter Kräfte beobachtet hätten, OO
daß aber keinerlei beweiskräftige Gründe dafür OO
aufzubieten seien, in diesen durch Intelligenz ge‐ OO
leiteten Kräften wirklich, nach spiritistischer Hy‐ OO
pothese, die weiterlebende Geistigkeit gestorbe‐ OO
ner Menschen zu bestätigen.
.Was sonst vom damals neuen «Spiritismus» in OO
weitere Kreise drang, war Gesellschaftsspiel. In je‐ OO
dem Mädchenpensionat war der tanzende Tisch OO
bekannt. Wo immer eine ausgelassene Gesellschaft OO
beisammen war, gehörte es zu den beliebtesten OO
Scherzen, den Tisch nach allem zu befragen, was OO
Heiterkeit und Laune fördern konnte.
116 NachleseII
.So blieb der Spaß ungefährlich und ward als OO
überlebte Mode schließlich ganz vergessen.
.Die Zirkel der Schwärmer allein erhielten sich OO
auf dem Plan, und wenn auch die «Geistermani‐ OO
festationen» meist über bald bekannt gewordene OO
physikalische und psychische Phänomene sich OO
nicht erhoben, wenn auch die «Offenbarungen» OO
der «Geister» selten über die trivialsten Phrasen OO
emporstiegen, so fehlte es doch bald nicht an spi‐ OO
ritistischer Literatur, deren Berichte um so lieber OO
geglaubt wurden, je kritikloser sie abgefaßt wa‐ OO
ren, und es nährten sich diese halb frömmelnden, OO
halb kirchenabgewandten Leutchen eben wie sie OO
sich heute noch nähren: ‒ durch gegenseitige OO
Stärkung ihrer frommen Wünsche, mehr aus Bü‐ OO
chern als aus der Erfahrung.
.Auf über dreißigtausend «Bände» in allen Spra‐ OO
chen beziffern die Spiritisten mehr oder minder OO
strenger Observanz ihre Literatur, wobei aller‐ OO
dings die Vernünftigeren bedauernd zugeben, OO
daß das weitaus meiste obskures und wertloses OO
Zeug ist, oft nicht einmal von ehrlich Überzeug‐ OO
ten verfaßt, nur der geschickten oder bloß OO
schlauen Ausnutzung der Konjunktur sein Da‐ OO
sein dankend, geschrieben von Menschen, die ih‐ OO
ren Beruf darin sehen, das jeweils SensationelleOO
117 NachleseII
aufzugreifen, um seine pekuniären Erfolgsmög‐ OO
lichkeiten auszunutzen.
.Als Kaviar genießt man daneben in Behaglich‐ OO
keit die ernsten Werke wissenschaftlicher Auto‐ OO
ren, die über ihre Forschungsresultate berichten, OO
übernimmt aber jeweils nur solche Äußerungen, OO
die eigener Meinung als brauchbare Stütze er‐ OO
scheinen, und übersieht in der großmütigen Ge‐ OO
ste des Besserorientierten schlechthin alles, was OO
ein solcher Autor etwa an kritischen und negierenOO
den Einwänden gegen die spiritistische Lieblings‐ OO
theorie zu sagen hat.
.Da die Anhängerschaft opferbereit ist zugun‐ OO
sten der «guten Sache», und zu neun Zehnteln al‐ OO
les aufnimmt, was der Büchermarkt nach ihrer OO
Richtung hin bringt, so wird hier noch jahraus, OO
jahrein recht beträchtliches Nationalvermögen OO
entwertet, zugunsten geschäftstüchtiger Zeitge‐ OO
nossen, die stets für Befriedigung der Bedürf‐ OO
nisse und neuen Anreiz sorgen, was von ihrem OO
Standpunkt her gesehen gewiß das Lob der Klug‐ OO
heit verdient, hinsichtlich der Erhaltung und För‐ OO
derung geistiger Volksgesundheit aber sicherlich OO
vom Übel ist.
.So verbreitet aber auch derartiges Konventikel‐ OO
wesen verschiedener Schattierung in halbgebil‐ OO
118 NachleseII
deten Kreisen immer noch ist, so sind doch diese OO
Zirkel ehrlich genug, sich offen als «Spiritisten» zuOO
bekennen. Wer mit ihnen Fühlung sucht, der ist OO
entweder schon, auf Grund vorher genossener li‐ OO
terarischer Kost, mehr oder weniger spiritisti‐ OO
scher Gläubigkeit anheimgefallen, oder er will OO
sich unvoreingenommen orientieren.
B
edenklicher, ‒ weit bedenklicher steht es um OO
jene neueren Kreise unserer Gesellschaft, die OO
heimlich Spiritismus treiben und es nicht wahr ha‐ OO
ben wollen, daß dieses Tun nichts anderes ist, OO
auch wenn man ihm andere Namen gibt.
.Viele darunter glauben sich allen Ernstes be‐ OO
rechtigt, sehr verächtlich auf die deklarierten OO
«Spiritisten» herabzusehen, wollen vom Spiritis‐ OO
mus durchaus nichts wissen, glauben alles, was sie OO
erfahren, nur einer «hohen psychischen Entwick‐ OO
lung» danken zu dürfen, und ahnen nicht, daß OO
das, was ihnen widerfährt, die allerverbreitetste OO
Abart des «Mediumismus» ist, allen Spiritisten OO
wohlbekannt und von den Erfahreneren nur in OO
ganz besonderen Ausnahmefällen den «beweis‐ OO
kräftigen» Phänomenen zugezählt.
.Tatsächlich ist, wie selbst jeder anfängerhafte OO
Spiritist und wie die ernstere spiritistische Litera‐ OO
119 NachleseII
tur seit fast einem halben Jahrhundert weiß, der OO
Erfolg beim sogenannten «Tischrücken», wie OO
beim automatischen Schreiben, an sich durchaus OO
kein Beweis für die Mitwirkung unsichtbarer, in‐ OO
telligent geleiteter Kräfte.
.(Für gänzlich Fernstehende sei hier eingeschal‐ OO
tet, daß beim «Tischrücken» mehrere Teilnehmer OO
um einen Tisch herum sitzen, auf den sie die OO
Hände legen. Früher oder später gerät der Tisch OO
in Bewegung, die Tischbeine heben und senken OO
sich, und die Antwort auf gestellte Fragen wird OO
nach dem Alphabet, je nach der Anzahl der Auf‐ OO
schläge des Tischbeins auf den Boden, buchsta‐ OO
biert. Beim automatischen Schreiben setzt sich das OO
«Medium» ‒ die Person, von der die unsichtbare OO
Intelligenz wirklich oder angeblich Besitz ergreift OO
‒ entweder allein oder mit andern an einen Tisch, OO
legt ein Papierstück vor sich, nimmt einen Bleistift OO
und erwartet in passiver Haltung die unwillkürli‐ OO
che Bewegung seiner Hand, durch die dann nach OO
und nach Schriftzeichen entstehen, die ohne wei‐ OO
teres gelesen werden können.)
.In beiden Fällen ist es möglich, sehr weitge‐ OO
hende Resultate zu erhalten, bei deren Erlan‐ OO
gung niemand anders beteiligt ist als das «Me‐ OO
dium» selbst bzw. seine Beisitzer, wobei ich hier OO
keineswegs an Betrug denke. Das «Medium» kann OO
120 NachleseII
in beiden Fällen in völligem Wachzustand sein, OO
kann aber auch in sogenannten «Trance»-ZustandOO
verfallen, eine Art autohypnotischen Schlafes, der OO
die verschiedensten Stadien aufweist und in sei‐ OO
nen Anfangsstadien noch kaum als solcher er‐ OO
kennbar ist.
.Gewisse fluidische Kräfte des unsichtbaren Tei‐ OO
les der physischen Natur des «Mediums» wie der OO
Teilnehmer sind nun, ebenso wie die Nerven‐ OO
bahnen, von jeder Willensfessel befreit, für sich alOO
lein imstande, sowohl den Tisch wie noch viel OO
leichter die Hand zu bewegen, und automatisch OO
lösen sich sodann aus den im Gehirn gleichwie in OO
einer Grammophonplatte eingeprägten Runen OO
der Vorstellungsinhalte die entsprechenden Ant‐ OO
worten auf die gehörten ‒ auch im TrancezustandOO
gehörten ‒ oder auch nur gedachten Fragen los, oft OO
überraschend gut angepaßt, dann aber auch wie‐ OO
der orakelhaft dunkel, je nach der allgemeinen OO
und zeitlichen Disposition des «Mediums».
.Öftere Übung spielt diese automatische, durch OO
Verstand und Willen nicht mehr kontrollierte Tä‐ OO
tigkeit von Gehirn, Nervenbahnen und durch OO
beide wirkenden Seelenkräften derart ein, daß OO
die Erfolge oft verblüffend sind, besonders wenn OO
durch die erhöhte Aufnahmefähigkeit des «Medi‐ OO
ums» auch noch Gedankenbilder anderer wahrge‐ OO
121 NachleseII
nommen und in seiner Mitteilung verwertet wer‐ OO
den: ein Vorgang, der dem «Medium» selbst nicht OO
zu Bewußtsein kommt.
.Unsere «Neospiritisten» haben aber von alledem OO
entweder kaum gehört oder stehen gar den Er‐ OO
fahrungen ausgesprochener «Spiritisten» und OO
wissenschaftlicher Forscher auf diesem Gebiete OO
absolut fern.
E
in dunkles Ahnen einer unsichtbaren höheren OO
Welt, der durch religiöse oder phantastische Lek‐ OO
türe erregte Wunsch nach «geistiger» Führung, OO
deren man sich meist besonders würdig zu wissen OO
glaubt, oft auch, genau wie bei wissentlichen «Spi‐ OO
ritisten», die Sehnsucht nach einem Lebenszei‐ OO
chen eines kürzlich Gestorbenen, führen meist OO
spontan die ersten, mehr oder minder primitiven OO
Phänomene herbei, in denen der Betroffene stau‐ OO
nend und begeisterungsvoll seine besondere Be‐ OO
gnadung bestätigt wähnt.
.Nun vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht OO
mit dem «geistigen» Führer oder mit dem lieben OO
Dahingegangenen zu verkehren sucht, was bei OO
solcher Annahme allerdings sehr begreiflich ist. OO
Alle wichtigen Entscheidungen werden der Gei‐ OO
sterstimme unterbreitet. Man ist selig, sein Privat‐ OO
122 NachleseII
orakel zu besitzen, und jeder vollgekritzelte Bo‐ OO
gen Papier aus solchen Stunden wird wie ein Hei‐ OO
ligtum verwahrt.
.Sind es wirklich nur die Kräfte des «Mediums» OO
selbst, die ihm Antwort geben (jeder Mensch ist bis OO
zu gewissem Grade «mediumistisch» veranlagt, OO
auch wenn es bei ihm nie zu den abnormen Er‐ OO
scheinungen der ausgesprochenen «Medien» spi‐ OO
ritistischer Zirkel kommt), so könnte man in alle‐ OO
dem nur ein harmloses Tun erblicken, wenn nicht OO
auch dabei schon schwere Schädigungen sich ein‐ OO
stellten, Schädigungen nervöser und seelischer OO
Art, und vor allem eine allmähliche Paralysierung OO
der Willensbildung und des VerantwortungsbewußtOO
seins.
.Schlimmer aber wird die Sache dadurch, daß OO
tatsächlich jederzeit jene unsichtbaren lemuren‐ OO
haften Wesen des unsichtbaren Teiles der physi‐ OO
schen Welt, die in den Sitzungen der spiritisti‐ OO
schen Zirkel eine so verhängnisvolle, täuschende OO
Rolle spielen, ganz oder teilweise von dem seiner OO
Meinung nach so hoch «Begnadeten» Besitz er‐ OO
greifen können.
.Die Existenz dieser Wesenheiten wird trotz al‐ OO
ler wissenschaftlichen Erforschung spiritistischer OO
Phänomene, wie sie gerade neuerdings von vor‐ OO
123 NachleseII
urteilsfreien Gelehrten wieder betrieben wird, OO
niemals einwandfrei und experimentell nach‐ OO
prüfbar zu erweisen sein. Trotzdem scheint dieser OO
unsichtbare Teil unserer physischen Welt schon in äl‐ OO
testen Zeiten für manche Menschen gelegentlich OO
seine Pforten geöffnet zu haben, und die Sagen, OO
Mythen und Märchen, die von «Kobolden», «Na‐ OO
turgeistern» und ähnlichen Unsichtbaren zu be‐ OO
richten wissen, dürften ursprünglich in recht rea‐ OO
ler Erfahrung wurzeln.
.Auch ich vermag keinerlei «Beweise» für das OO
Dasein unsichtbarer, intelligenter Bewohner un‐ OO
serer physischen Welt zu erbringen, aber ich darf OO
bekennen, daß es auch heute Menschen auf die‐ OO
sem Planeten gibt, denen dieses unsichtbare OO
Reich der physischen Welt durch eigene geistige OO
Anschauung sehr genau bekannt ist, und daß ich OO
hier aus Erfahrung rede.
.Eben diese Erfahrung ist auch Ursache der er‐ OO
schreckenden Einblicke in seelische Verwüstun‐ OO
gen, die mir die Betroffenen selbst in überaus OO
zahlreichen Fällen ermöglichten, wobei stets das OO
Wirken jener unsichtbaren Lemurenwesen fest‐ OO
zustellen war und, wahrhaftig zum Heile der also OO
Mißbrauchten, in genügend überzeugender OO
Weise bestätigt werden konnte.
124 NachleseII
.Die Wesenheiten, um die es sich hier handelt, OO
sind weder als «gut» noch als «böse» anzuspre‐ OO
chen. Erfüllt von einer ungebundenen TäuOO
schungslust, kennen sie keinen anderen Drang, als OO
dem Menschen sich bemerkbar zu machen, was OO
aber nur unter besonderen Bedingungen mög‐ OO
lich ist, und dann ihn zu beherrschen und sich OO
selbst den Grad ihrer Herrschaft über ihn zu de‐ OO
monstrieren.
.Ich mag hier nicht alles wiederholen, was ich an OO
anderer Stelle (in meinem «Buch vom Jenseits» OO
und anderen Schriften) in ausführlicher Weise OO
darlegte, möchte vielmehr hier nur betonen, daß OO
die gewollte oder ungewollte Verbindung mit die‐ OO
sen Wesen die verhängnisvollsten Folgen nach sich OO
ziehen kann und in allen Fällen dem Menschen OO
nur Täuschung bringt, dort wo er Klarheit zu erhal‐ OO
ten hoffte.
.Es kann nicht genug vor diesen Regionen ge‐ OO
warnt werden, vor denen die Natur selbst ihre OO
Schutzwälle weise für den Menschen aufgerichtet OO
hat.
.Wer wirklich die göttliche Stimme in sich ver‐ OO
nehmen will, der muß andere Wege gehen, und OO
diese Wege habe ich gezeigt. (Siehe mein «Buch OO
vom lebendigen Gott».)
125 NachleseII
.«Geistige» Leitung, soll sie wirklich diesen Na‐ OO
men verdienen, kann dem Menschen nur in seinemOO
Allerinnersten werden. Sie bedarf weder des klop‐ OO
fenden Tisches noch der schreibenden Hand. Vor OO
allem aber wird sie stets den Suchenden selber zum OO
Finden führen, wird nie ein Gängelband um ihn OO
schlingen, dem er gleich einem Hypnotisierten OO
folgen zu müssen glaubt!
.Wer aber die tief verstehbare Sehnsucht fühlt, OO
mit dem geistig Ewigen derer in Verbindung zu OO
bleiben, die ihm vorangegangen sind in jenes OO
stille Reich des Geistes, aus dem kein Zeuge je‐ OO
mals wiederkehrt, der lasse sich durch Gaukel‐ OO
spiel nicht täuschen, auch wenn die unsichtbaren OO
Gaukler in der Maske jener Heimgekehrten ihm OO
erscheinen sollten!
.Auch ihm ist kein anderer Weg zu jenen ihm Ent‐ OO
rückten frei, als der Pfad in die leuchtenden OO
Lande seines allerinnersten geistigen Innern.
.Nur dort allein darf er hoffen, von denen Kunde OO
zu erhalten, die selbst nur noch in ihrem allerinnerOO
sten geistigen Sein von ihm wissen...
126 NachleseII
Die uns verlassen mußten,
.sind uns nicht verloren:
Sie wurden nur zu einem neuen Leben
.neu geboren.
Wir finden sie dereinst,
.so wie wir hier sie fanden;
Ihr «Tod» war nur die Lösung
.aus des Leibes Banden.
Das enge Haus der Sinne
.faßt «den Menschen» nicht:
Er ist ein König
.und sein Reich ist Licht!
127 NachleseII
BESPRECHUNGEN
DR. CARL VOGL
UND SEIN BUCH
«UNSTERBLICHKEIT»
.Hier soll von einem Buche gesprochen werden, OO
das vielleicht viele Leser der «Magischen Blätter» OO
noch nicht kennen dürften.
.Der Untertitel des Buches lautet: «Vom gehei‐ OO
men Leben der Seele und der Überwindung des OO
Todes». Sein Verfasser ist ein tiefschürfender, stil‐ OO
ler Gelehrter, der in einer abgelegenen Ge‐ OO
meinde Thüringens ein anstrengendes Seelsor‐ OO
geamt verwaltet, aber hoch über jeder dogmati‐ OO
schen Gebundenheit steht und mit dem vorur‐ OO
teilsfreien Forschermut des unvoreingenomme‐ OO
nen Wahrheitssuchers an die Aufgaben heran‐ OO
trat, die ihm die Abfassung dieses überaus gründ‐ OO
lichen und bedeutenden Buches stellte.
.Jahrzehntelanges Forschen und sorgfältigstes OO
Beobachten fanden in seinem Werke ihren Nie‐ OO
derschlag. Nichts was jemals alle Zeiten und Völ‐ OO
ker zur Lösung des Unsterblichkeitsproblems bei‐ OO
zutragen hatten, blieb dem Verfasser fremd, aber OO
darüber hinaus scheute er auch keine Mühe, OO
131 NachleseII
nicht weite Reisen und umfangreiche Korrespon‐ OO
denzen, um dem persönlich näher zu gelangen, OO
was er mit Recht für die einwandfreieste Basis je‐ OO
der wissenschaftlichen Untersuchung der Un‐ OO
sterblichkeitsfrage hielt: ‒ dem Erlebnis. ‒
.So wurde sein Buch nicht nur zu einem auf‐ OO
schlußreichen Handbuch für alle, die sich für OO
diese Frage interessieren, sondern, weit darüber OO
hinaus, zu einem durchaus persönlichen Werk ei‐ OO
nes reifen Denkers.
.In leicht lesbarer, formvollendeter, oft dichte‐ OO
risch verklärter Sprache, bleibt es trotz seiner wis‐ OO
senschaftlichen Gründlichkeit auch dem völligen OO
Laien durchaus verständlich, ist auf jeder Seite in‐ OO
teressant und voll Bedeutung, zeigt große Aus‐ OO
blicke und gibt das Resultat der Forscherarbeit OO
seines Autors in einer so abgeklärten und seelisch OO
durchfühlten Form, daß ich nicht anstehe zu sa‐ OO
gen: ‒ dieses Buch gehört zum Besten und Schönsten, OO
was jemals über das gleiche Problem geschrieben wurde! OO
.Aber es sei gleich hier schon bemerkt, daß ich OO
mich nicht mit allen Resultaten, zu denen Dr. OO
Vogl gelangt, einverstanden erklären kann, und OO
die Kenner meiner Schriften werden unschwer OO
die Stellen in dem hier empfohlenen Buche fin‐ OO
den, auf die sich meine Einwände beziehen, so OO
132 NachleseII
daß ich kaum genötigt bin, Seite für Seite darauf OO
einzugehen.
.Im wesentlichen richtet sich die hier angedeu‐ OO
tete kritische Stellungnahme nur gegen eine ge‐ OO
wisse Weitherzigkeit des Verfassers, die ihn dazu OO
führt ‒ quasi aus einem Übermaß an Toleranz ‒ OO
okkulte Phänomene sehr verschiedenwertiger ArtOO
dennoch gleichwertig zu behandeln, und überdies OO
scheint mir die Gefahr zu bestehen, daß hier das OO
Phänomen oft allzusehr in den Vordergrund tritt, OO
um so das eigentliche Erlebnis als seelische Reaktion OO
zurückzudrängen. ‒ ‒
.Daneben habe ich meine Bedenken, wenn Dr. OO
Vogl das indische Nirvana-Erlebnis, das er zwar OO
wunderbar klar zu vermitteln sucht, in jener, eu‐ OO
ropäischen Gelehrten und Okkultisten geläufi‐ OO
gen und wohl auch bei einigen indischen Sekten OO
findbaren Weise ausdeutet, wie es nur auf psycho‐ OO
pathologischer Basis zustandekommt.
.Ich kenne es anders, ‒ und auch bei RabindraOO
nath Tagore fand ich in diesen Tagen zu meiner OO
Freude eine dem echten Erfassen weit mehr ent‐ OO
sprechende Erklärung. ‒
.So wunderschön daher auch das Schlußkapitel OO
des Buches «Unsterblichkeit» ausklingt, so würde OO
ich doch wünschen, der auf das Nirvana-Erlebnis OO
133 NachleseII
bezügliche Passus wäre dort fortgeblieben, zumal OO
er auch inkonsequent wirkt, denn hier gelangt der OO
Autor, nachdem er eingangs die UnzulänglichkeitOO
des Denkens zur Lösung des Unsterblichkeitspro‐ OO
blems so überzeugend darlegt und alles Forschen OO
auf das Erlebnis gegründet sehen will, unverse‐ OO
hens zur Philosophie, und damit zum Denken zu‐ OO
rück, ‒ wobei ihm freilich zur Rechtfertigung die‐ OO
nen mag, daß er speziell die indische Philosophie OO
als auf das Erlebnis gegründet auffaßt.
.Ich glaube aber, daß diese meine Einwände, die OO
ich keinesfalls verschweigen durfte, keinem Ein‐ OO
sichtigen das Buch «Unsterblichkeit» entwerten OO
können.
.Die ganze Grundtendenz des Buches ist so wertOO
voll und hocherfreulich, die ganze GesamtgestaltungOO
des Buches ist so vollendet, daß es wahrhaftig in sei‐ OO
nem inneren Werte völlig intakt bleibt, auch wenn OO
da und dort eine Schlußfolgerung des Verfassers OO
so gegeben ist, daß man sie ‒ eben aus eigenem OO
Erlebnis heraus ‒ und einst belehrt von den beru‐ OO
fensten «Wissenden» auf diesem Gebiet, als irrig OO
ansprechen muß. ‒ ‒
.Wer dieses Buch richtig zu lesen weiß, dem OO
kann es eine gesegnete Fülle innerer Aufschlüsse OO
vermitteln, und manches Wort seines Autors läßt OO
134 NachleseII
sich, besonders für Fortgeschrittene, in einer OO
Weise deuten, die ihm eine vielleicht von dem Au‐ OO
tor selbst noch kaum ganz erfaßte Tragweite OO
gibt...
.Ich bin sicher, daß dieser Gelehrte auch keines‐ OO
wegs bei seinen ersten Ergebnissen stehen bleiben OO
wird, ja ich habe begründete Anzeichen dafür, OO
daß er wohl schon heute zu Ergebnissen gelangte, OO
die es ihm durchaus erwünscht erscheinen lassen, OO
daß ich neben aller vorbehaltslosen Würdigung OO
seines Werkes doch auch nicht verschwiegen OO
habe, was mir aus meiner eigenen Einsicht heraus OO
noch der Nachprüfung bedürftig erscheint.
.Wer dieses Buch schreiben konnte, hat allen OO
Anspruch auf die eindringlichste Beachtung aller, die OO
sich mit den magischen Tatsachen des Seelenle‐ OO
bens befassen, umsomehr als die okkultistische Li‐ OO
teratur nur sehr wenige Werke aufweist, die auch OO
nur von ferne der Bedeutung dieses Buches OO
gleichkommen! Dr. Vogl darf als ein Pfadfinder aufOO
den Gebieten des Übersinnlichen bezeichnet werden, OO
dessen Fußspuren zu folgen, jedem ernsthaften OO
Suchenden empfohlen werden muß. ‒
.Außer dem fesselnden Inhalt des Buches «UnOO
sterblichkeit» werden auch die im «Anhang» zusam‐ OO
135 NachleseII
mengefaßten «Anmerkungen» und «Literatur‐ OO
nachweise» hochwillkommen sein.
.Was da mit wissenschaftlicher Gründlichkeit OO
zusammengetragen wurde, ist schon für sich alleinOO
betrachtet: wertvollstes Material, das zum Teil weit OO
über die eigentlichen Ergebnisse des Buches OO
selbst hinausweist.
.Auf diese Art betrachtet, stellt sich das wegwei‐ OO
sende und bedeutende Werk als ein Führer in dieOO
Grenzlande des Übersinnlichen dar, und ich erblicke OO
das Wertvollste des ganzen Buches in dem, was OO
der Autor selbst zu sagen hat, aus eigenem Erle‐ OO
ben, so daß ich all seinen, auf hoher Gelehrsam‐ OO
keit beruhenden, philosophischen und mehr nur OO
spekulativ gearteten Expektorationen doch nur seOO
kundäre Bedeutung beilege, im Hinblick auf die OO
Bekundung des reichen und abgeklärten Geistes, die OO
uns aus dem Ganzen des Werkes entgegenstrahlt. OO
.In unserer Zeit, in der jeder geschickte Be‐ OO
griffsjongleur sich berufen glaubt, die Welt mit OO
seinen Eintagserzeugnissen zu überschwemmen, OO
mit wissenschaftlich übertünchten Machwerken, OO
die nichts anders sind, als ein Aufguß aus schon OO
hundertmal gehörten okkultistischen Theore‐ OO
men, ist es besonders dankbar zu begrüßen, wenn OO
ein wahrhaft Berufener erscheint. Als solchen aberOO
136 NachleseII
begrüße ich den Verfasser des Buches «Unsterblichkeit», OO
und ich bin über allen Zweifel sicher, daß sein OO
Buch jedem Leser, auf welcher Stufe des Erken‐ OO
nens er auch angelangt sein mag, reichen GewinnOO
bringen wird. ‒
Zum empfohlenen Buch (nicht i.d. Nachlese enthalten)
137 NachleseII
«MEISTER IN INDIEN*»
von F. R. Scatcherd**
.Trotzdem in dem Geleitwort des einen der drei OO
Übersetzer meines Namens als eines Gliedes der OO
Hierarchie des Geistes, in außerordentlicher OO
Weise gedacht wird, trotzdem die Einsichten der OO
Übersetzer sie unschwer als Schüler der Lehren OO
ausweisen, die ich in meinen Tagen den Men‐ OO
schen meiner Zeit geben durfte, sehe ich mich OO
verpflichtet, mit Wärme für dieses mir eben über‐ OO
sandte Büchlein einzutreten...
.Es wäre eine falsche «Bescheidenheit», eine Be‐ OO
scheidenheit, die der Lüge nur allzu nahe käme, OO
wollte ich nicht auch meinerseits bestätigen, daß OO
die Übersetzer dieser kleinen Berichte völlig ihreOO
Tragweite erkannten, daß sie auch in dem, was sie OO
* Bei den «Meister in Indien» handelt es sich nicht um 00
Leuchtende im Sinne von Bô Yin Râ, sondern um den zu 00
jener Zeit bekannt gewordenen Ramana Mahârshi und 00
dessen Chela Sastriar.
** Aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Paul 00
Behnke, Alfred Müller und Edgar Treusein.
138 NachleseII
erläuternd hinzufügen zu müssen glaubten, mit OO
größter Sorgfalt bemüht waren, sichersten Boden zu OO
gewinnen, und daß so diese kleine Schrift eine Be‐ OO
deutung erlangte, die sie hoch emporhebt über OO
gar manches dickleibige Buch, in dem nach Art OO
der Lederstrumpf- und Robinsongeschichten von OO
denen gesprochen wird, deren geistigem Kreise OO
ich zugehöre, nicht durch eigenes «Verdienst», OO
oder als «Belohnung» meines Strebens, sondern OO
weil sie mich selbst zu einem der ihren, und für OO
die mir von ihnen gestellte schwere Aufgabe in OO
sorglichster Weise bereiteten, wie sie auch jene, OO
für einen kleineren Wirkungskreis Verpflichteten OO
bereitet haben, von denen die vorliegenden Be‐ OO
richte eines offenbar sehr einfachen Mannes in OO
ungekünstelter Weise erzählen.
.Schon der Umstand, daß hier, wo gewiß die OO
sprachliche Übersetzung an sich keine Schwierig‐ OO
keiten bot, doch keiner der Übersetzer allein die OO
Verantwortung auf sich nehmen wollte, ergibt ei‐ OO
nen Beweis dafür, wie sehr die drei Männer, die OO
dieses Büchlein in deutscher Sprache vorlegen, OO
sich bewußt waren, welche Wichtigkeit den Be‐ OO
richten zugesprochen werden muß, die tatsäch‐ OO
lich von einem auch von mir in Freundschaft ver‐ OO
ehrten Wissenden weit höher geschätzt werden, OO
als fast alle, sonst so schwer zugänglichen okkulti‐ OO
139 NachleseII
stischen Werke seiner wahrlich erlesenen und rei‐ OO
chen Bibliothek. ‒
.Mir ist vor allem maßgebend, daß in diesem OO
kleinen Schriftchen jedes Wort, das die eigentli‐ OO
che Lehre betrifft, auf Wahrheit beruht, daß die allOO
gemeine Charakterisierung der beiden «Meister» ‒ OO
vielleicht abgesehen von einigen wenigen und OO
nicht ins Gewicht fallenden mythologisierenden OO
Zügen ‒ tatsächlich die menschliche Wesensart OO
wirklicher «Meister» getreu widerspiegelt, und daß so OO
der Suchende endlich befreit wird von den myste‐ OO
riösen, theatermäßigen Vorstellungen, denen er OO
in fast allen anderweitigen Berichten über angeb‐ OO
liche Mahâtmas zu erliegen droht, wenn er sich OO
nicht in gesundem Ekel vor derlei Mummen‐ OO
schanz abwendet und dabei dann allerdings auch OO
das Körnchen Wahrheit, das hinter allen diesen my‐ OO
stifizierenden Erzählungen dennoch gesucht zu OO
werden verdiente, völlig aus den Augen verliert. ‒ OO
.Ich kann daher das Büchlein «Meister in Indien» OO
nur jedem Suchenden ohne Vorbehalt empfehlenOO
und den von heiliger Ehrfurcht vor der Wahrheit OO
erfüllten, bereits sehr «wissenden» Übersetzern OO
Dank sagen, daß sie auf ihre Weise mithelfen, an OO
Stelle verwirrender und phantastisch ausge‐ OO
schmückter Sagen, einfache Tatsachen zu setzen, OO
die allerdings weit weniger seltsam klingen als der OO
140 NachleseII
bisher meist verbreitete, auf üppig gedüngter OO
Erde erwachsene mediumistische «Meister»‐ OO
Spuk, dafür aber Wirklichkeit sprechen lassen, wo OO
bisher Traumwahn orakelte. ‒ ‒
.Die Ausstattung der kleinen Schrift ist äußerst OO
vornehm und die beiden, in vorzüglicher Repro‐ OO
duktion wiedergegebenen Photographien des OO
«Meisters» Sastriar und des Mahârshi, seines höhe‐ OO
ren «Bruders», dürften jedem natürlichen, feine‐ OO
ren Empfinden manches zu sagen haben, beson‐ OO
ders im Vergleich zu gewissen angeblichen «Mei‐ OO
sterbildern», die noch unglaublicherweise in so OO
manchen okkultistischen, bzw. theosophischen OO
Kreisen Verehrung genießen, obwohl wahrlich OO
nicht allzuviel Kritikfähigkeit dazu gehören OO
dürfte, diese letztgenannten Phantome einer OO
überreizten Phantasie, die noch dazu in einer OO
künstlerisch so unmöglichen Art gestaltet wur‐ OO
den, als das zu erkennen, was sie wirklich sind... OO
.Ich hoffe und wünsche, daß die vorliegenden OO
Berichte manches nur erträumte Ideal endgültig in OO
sein leeres Nichts zurückweisen werden, um an OO
dessen Stelle würdigeren Vorstellungen in bezug OO
auf jene Geisteseinheit Platz zu schaffen, die tat‐ OO
sächlich von Menschen dieser Erde verkörpert wird, OO
um Licht zu verbreiten, wo ohne sie nur der finsterOO
ste Aberglaube herrschen würde. ‒ ‒ ‒
Zum empfohlenen Buch (nicht i.d. Nachlese enthalten)
141 NachleseII
«NACHKLANG»
von Erika von Watzdorf-Bachoff
.Nachdem man geraume Zeit in deutschen Lan‐ OO
den einer gewissen Scheu vor jedem Gedichtband OO
begegnet war, bewegt sich heute unstreitig das In‐ OO
teresse am Gedicht als solchem wieder in aufstei‐ OO
gender Linie. Man empfindet wieder den seelen‐ OO
lösenden Himmelstau, der aus wirklich guter Ly‐ OO
rik, wie aus keiner anderen Form dichterischen OO
Schaffens sich über die eigene Stimmung hernie‐ OO
dersenkt, weiß wieder jene subtilen Empfindun‐ OO
gen zu schätzen, die Reim und Rhythmus der OO
Sprache entlocken können, kurz: man liest wie‐ OO
der Gedichte!
.Nun ist aber in unserer Zeit, in der jeder dritte OO
Mensch mit leidlichem Geschmack oder grausa‐ OO
mem Ungeschmack sich zum Reimen berufen OO
fühlt, der Kunstform des Gedichtes arge Unbill OO
widerfahren und widerfährt ihr noch Tag für Tag. OO
.Die alte Gartenlaubenlyrik gräßlichen Ange‐ OO
denkens pudert und frisiert sich dem Zeitge‐ OO
schmack entsprechend und gilt als «neue Dich‐ OO
142 NachleseII
tung», während auf der anderen Seite barbari‐ OO
sche Sprachverstümmelung eine seltsame Clow‐ OO
nerie ihre geschmacklosen Kapriolen schlagen OO
läßt.
.Einsam steht ferne all diesem betulich-beflisse‐ OO
nen Gebahren der wirkliche Dichter, und gute Ly‐ OO
rik, die, aus klingender Seele geboren, der Mut‐ OO
tersprache Laute in Musik zu wandeln weiß, ist OO
seltener geworden als je. ‒
.In solchen Tagen ist es geradezu ein Labsal, ei‐ OO
nem Gedichtbande zu begegnen wie dem vorlie‐ OO
genden.
.Es sind durchweg nur kleinere Gedichte. Auf OO
dem Titelblatt des schmalen, auch in seinem Äus‐ OO
seren überaus vornehm, still und edel wirkenden OO
Bandes steht, gleichsam als Vorzeichen der Ton‐ OO
art, das Goethewort: ‒
.«Jeden Nachklang fühlt mein Herz froh- und OO
trüber Zeit,
.Wandle zwischen Freud' und Schmerz in der OO
Einsamkeit.»
.Und so wie hier über dem Tor des Gartens die‐ OO
ser reifen, starken Dichterin ein Wort des von ihr OO
ehrfurchtdurchdrungen erfühlten Größten steht, OO
143 NachleseII
so gibt sie auch jedem Blumenbeete ihres Gartens OO
eine Inschrifttafel mit Versen Goethes.
.Vielleicht kein ganz ungefährliches Unterfan‐ OO
gen? ‒ Aber wer diese reine, quellende Lyrik in OO
sich trägt wie Erika von Watzdorf-Bachoff, der darf OO
schon ruhig bewußt große Vergleiche wecken, die OO
manchem anderen recht fatal werden könnten. ‒ OO
.«Heimat», «Einsamkeit und Erinnerung», OO
«Weimar» und «Sternenfreundschaft» sind die OO
vier Teile des Gedichtbandes überschrieben. Der OO
Titel des Ganzen: «Nachklang», weist von selbst auf OO
das lange vorher schon Erschienene zurück. Wem OO
das Schaffen der Dichterin, die Johannes SchlafOO
wahrhaftig nicht zu Unrecht nur der Droste-HülsOO
hoff an die Seite stellen zu dürfen glaubt, nicht oh‐ OO
nehin bekannt ist, dem seien hier ihre früheren OO
Bände genannt: das stattliche Bändchen «ZwiOO
schen Frühling und Herbst», das bei Cotta erschien, OO
sowie «Das Jahr und neue Gedichte», 1913 bei KiepenOO
heuer erschienen. Dazu kommt noch der feinsin‐ OO
nige, im Milieu ihrer Jugend spielende Roman OO
«Maria und Yvonne», der ebenfalls bei Cotta verlegt OO
wurde.
.Es ist nicht die Aufgabe des Rezensenten eines OO
Gedichtbandes, die einzelnen Gedichte irgend‐ OO
wie inhaltlich zu erläutern. Auch würde es mir OO
144 NachleseII
verfehlt scheinen, dies oder jenes Gedicht zitieren OO
zu wollen, denn stets bleibt hier die Wahl viel zu OO
subjektiv bestimmt, und es besteht die Gefahr, das OO
Bild der Dichterin zu verzeichnen. Lyrische OO
Kunst in höchster Vollendung, herbsüße Frauen‐ OO
lyrik voll rhythmischer Schönheit, eine Sprache, OO
die restlos in Wohllaut und Klang aufgeht, bietet OO
jede Seite des Bandes! Ich sage mit Vorbedacht: OO
Frauenlyrik, denn nichts ist hier männlichem Füh‐ OO
len nachempfunden, alles kündet nur von dem OO
reichen, starken Schwingen und Sehnen einer in OO
Freud und Leid gleich erlebenstiefen Frauen‐ OO
seele. Erika von Walzdorf-Bachoff gehört zu den OO
wenigen Erlesenen der heutigen Menschheit, die OO
in weiser Selbstgestaltung ihr Leben zu formen OO
wissen, so daß nichts Unedles ihnen zu nahen ver‐ OO
mag. Aus solcher Lebensformung fließt das Werk OO
der Dichterin. Solcher Selbstdarstellung dankt sie OO
die unbestreitbare Eigenform ihrer Gedichte. OO
Wer Vollendetes liebt und Echtes zu beurteilen OO
weiß, der wird ihre Kunst, die stets nur reifster OO
Ausdruck innersten Fühlens ist, wahrlich zu OO
schätzen wissen.
145 NachleseII
REZENSION, VIELLEICHT
AUCH SELBSTANZEIGE*
E
S kam ein Mensch zu mir, der einer meiner OO
nächsten Schüler werden mußte, weil er es OO
lange vorher schon im Geistigen war.
.Dieser Mensch wurde mir zum intimsten OO
Freunde.
.Was Wunder, wenn er als Kunsthistoriker sich OO
berufen und bewogen fand, ein Buch über meine OO
Kunst zu schreiben.
.Ich kann dieses Buch nicht hinausgehen lassen, OO
ohne ihm ein paar Geleitworte mitzugeben.
.Freilich kann ich nur über das Buch selber spre‐ OO
chen, denn es stünde mir übel an, seine WerturteileOO
zu begutachten.
* Bezieht sich auf «Der Maler Bô Yin Râ» von R. Schott, 00
München, Hanfstaengl. 1927. Eine zweite erweiterte 00
Ausgabe erschien 1960 in der Koberschen Verlagsbuch‐ 00
handlung, Bern.
146 NachleseII
.Was aber das Buch selber betrifft, so kann ich OO
nur sagen, daß es mit einer Einfühlungssicherheit OO
und genialen Erfassung des Wesentlichen ge‐ OO
schrieben ist, die für mein eigenes Urteil sicher OO
ans Wunderbare grenzt.
.Es ist hier unendlich vieles zu Worte geworden, OO
was mir selbst immer unaussprechlich schien.
.Aber es ist die alte Geschichte: ‒ ohne den An‐ OO
schlag des Stahles springt der Funke nicht aus OO
dem Feuerstein. ‒ ‒
.Ich sollte Rudolf Schott, der das Buch über den OO
Maler Bô Yin Râ geschrieben hat, eigentlich recht OO
«böse» sein, denn er hat mich bis aufs Blut ge‐ OO
quält, um alles das aus mir heraus zu holen, was er OO
für sein Buch zu brauchen glaubte.
.Allein, das Resultat seiner unermüdlichen Ar‐ OO
beit zwingt mich denn doch, ihm vor aller Öffent‐ OO
lichkeit für die Tortur zu danken, der er mich so OO
manchen Achtstundentag und manche Nacht‐ OO
stunde hindurch mit unerbittlicher Grausamkeit OO
unterworfen hat.
.Es war lediglich die Kunst seiner Fragestellung, OO
die es mir ermöglichte, ihm tausend Dinge auf‐ OO
zuklären, die mir jedem anderen Menschen ge‐ OO
genüber als unsagbar erschienen wären.
147 NachleseII
.So kam ein Material zutage, dessen Fülle mich OO
selbst in Erstaunen versetzte.
.Aber gerade auf dieses Material hatte es SchottOO
abgesehen, und mit intuitiver Sicherheit wußte er OO
daraus sein einzigartiges Buch zu gestalten.
.Möge es allen die Augen öffnen, die sehen ler‐ OO
nen wollen!
.Ich habe nichts Besseres in ihre Hand zu ge‐ OO
ben. ‒ ‒
.Daß in dem Buche nichts besprochen ist, was OO
nicht auch bildhaft dargestellt wäre, dürfte zweifel‐ OO
los als besonderer Vorzug zu betrachten sein.
.Sollte man mehr in dieser Art erwarten, so wird OO
der Autor auch noch mehr zu sagen und zu zeigen OO
haben, obwohl er bereits hier wahrlich überrei‐ OO
chen Stoff zum Nachdenken und Nachfühlen bie‐ OO
tet.
.Ich begrüße dieses Buch als Wegweiser für Tau‐ OO
sende, ganz abgesehen davon, daß es ein wahrhaft OO
zuverläßiger «Cicerone» ist in den Gebieten geisti‐ OO
ger Kunst!
.Dem Kunstverlag Hanfstaengl aber weiß ich OO
Dank für die vorzügliche Ausstattung.
Zum empfohlenen Buch
148 NachleseII
DAS BÔ YIN RÂ-BREVIER
von Rudolf Schott
Auf eine Anfrage an Bô Yin Râ, ob es ihm unerwünscht er‐ 00
scheinen würde, wenn wir das in unserem Verlag (Richard 00
Hummel Verlag, Leipzig) seinerzeit erschienene obenge‐ 00
nannte Brevier weiter propagierten, bzw. ob es durch 00
seine Bücher unnötig sei und forthin zurückzuziehen 00
wäre, erhielten wir nachfolgend wiedergegebene Ant‐ 00
wort:
OO
.Ihre Anfrage kommt mir durchaus nicht über‐ OO
raschend, denn auch bei mir sind im Laufe der OO
Zeit zahlreiche und einander stark widerspre‐ OO
chende Urteile eingelaufen.
.Es scheint mir aber ein allgemeiner Irrtum vor‐ OO
zuliegen, sowohl bei den begeisterten FreundenOO
des «Breviers», wie bei seinen Kritikern, die gewiß OO
formal im Recht sind, wenn sie dagegen geltend OO
machen, daß man ‒ herkömmlicherweise ‒ soge‐ OO
nannte «Breviere» erst dann zusammenstelle, OO
wenn man das Lebenswerk eines Autors als ab‐ OO
geschlossen betrachten dürfe. Jedoch folgt aus OO
solchem Herkommen keinerlei Gesetz! Es ist OO
149 NachleseII
nicht einzusehen, weshalb man nicht aus jedemOO
vorliegenden reichlichen Material an Sentenzen OO
ein Buch zusammenstellen dürfte, einerlei, ob der OO
Autor schon verstorben ist oder noch im Schaffen OO
steht. An sich bedeutet ein Kurzbuch mit gesam‐ OO
melten Aussprüchen ja noch nichts Abschließen‐ OO
des. Meines Erachtens ist ein solches Buch überall OO
da berechtigt, wo eine größere Reihe von Senten‐ OO
zen jederzeit leicht zugänglich gemacht werden OO
soll, einerlei ob von der gleichen Stelle her noch OO
weiterhin Produktives ausgeht oder ob man vor OO
einem bereits abgeschlossenen Lebenswerke OO
steht.
Was aber nun das von Rudolf Schott aus meinen OO
Werken zusammengestellte «Brevier» angeht, so OO
liegt da ein Sonderfall vor, der eigentlich vielleicht OO
von Anfang an einer Erläuterung bedurft hätte, OO
denn meines Wissens kam es dem feinsinnigen OO
Autor des Ludwig-Richter-Buches und der «Reise OO
in Italien», der das ausgezeichnete Wort von der OO
«inwendigen Antike» geprägt hat, viel weniger auf OO
eine Sentenzensammlung an als eben um das Auf‐ OO
zeigen dieser von ihm auch in meinen Werken er‐ OO
fühlten «inwendigen Antike» unter Benutzung OO
meiner eigenen Worte, die hier gleichzeitig das OO
Aufgezeigte bestätigen sollten.
150 NachleseII
.Gewiß dachte er daneben auch daran, daß die OO
gegebenen Zitate manchem Leser meiner Werke OO
zuweilen schon an sich willkommen sein könnten, OO
‒ so etwa auf Reisen, wo die Bücher nicht alle mit‐ OO
geführt werden, ‒ oder auch um Neulingen einen OO
bequemen Überblick verschaffen zu können über OO
die Begriffs- und Gedankenkreise, die mein Leh‐ OO
ren umfaßt. Er hat das ja auch in seiner, übrigens OO
im Hauptinhalt wirklich ganz einzigartig bedeu‐ OO
tungsvollen «Einführung» nebenher erwähnt. OO
Aber weitaus wichtiger war ihm natürlich doch OO
das, was er in den von ihm gewählten Zusammen‐ OO
fassungen mit meinen Worten aufzeigen wollte. OO
Das erklärt auch seine Wahl der einzelnen Be‐ OO
griffe, durch die er meine Aussprüche zusam‐ OO
menbündelt, wie «Geist», «Seele», «Körper», OO
«Ich», «Du» u.s.f., wie auch die nicht immer gleich OO
erkundbare Motivierung für die mitunter schein‐ OO
bar kaum gerechtfertigte Einbeziehung von ein‐ OO
zelnen Aussprüchen, die ich vielleicht selber in ei‐ OO
ner bloßen Sentenzen-Anthologie nicht als beson‐ OO
derer Hervorhebung entsprechend erachtet OO
hätte. Als ich aber einmal während unfreiwilliger OO
Bettruhe die Möglichkeit fand, alles sorgfältig OO
kontrollierend durchzulesen, blieb kein einziges OO
Zitat übrig, von dem ich noch weiterhin geurteilt OO
hätte, daß es an seiner Stelle überflüßig sei. Es OO
wird auch das zuerst Befremdende sogleich deut‐ OO
151 NachleseII
lich, wenn man sich klar macht, daß die Aussprü‐ OO
che dazu dienen sollen, mein Verkündungswerk OO
von verschiedenen Seiten her in klarer Kontur fassen OO
zu lehren.
Gelegentlich ist mir in kritischen Äußerungen OO
über das vermeintlich «überflüssige» ‒ in Wahr‐ OO
heit aber so überaus zum Nachdenken anregende OO
und seelisch fördernde ‒ Werkchen, das da, unter OO
Benutzung meiner Worte, über meine Bücher ge‐ OO
schrieben ist, und vielleicht das Authentischste OO
darstellt, was von einem Anderen darüber ge‐ OO
schrieben werden kann, ‒ auch der Einwand be‐ OO
gegnet, es seien doch auch Stellen gebraucht, die OO
in späteren Neuausgaben mehrerer Bücher end‐ OO
gültig eine andere Fassung erhalten haben. Die‐ OO
ser Einwand kommt aber nur zustande durch die OO
recht merkwürdige Annahme, als bilde die endgülOO
tige Formung, wo sie von mir für notwendig ge‐ OO
halten wurde, etwa gar eine Negierung der vorher OO
gebrauchten Formulierung. Wer zu solcher An‐ OO
sicht neigt, dem muß ich jedoch hier eindeutig sa‐ OO
gen, daß ich selbstverständlich zu jedem Wort OO
stehe, das ich jemals in die Öffentlichkeit gegeben OO
habe, so daß die späterhin erfolgte Andersformu‐ OO
lierung natürlich niemals das zuerst gegebene OO
Wort von meiner Verantwortung ablösen könnte. OO
152 NachleseII
Insofern stellt also Schotts «Brevier» geradezu OO
den Beweis dafür dar, daß die mittlerweile in OO
Neuausgaben einzelner meiner Bücher getroffe‐ OO
nen Neuformulierungen natürlich nichts am Sinn OO
des Ganzen verändert haben.
.Aus all dem Vorstehenden werden Sie gewiß OO
schon ersehen, daß ich das unter Verwendung OO
meiner eigenen Worte seinerzeit von Rudolf OO
Schott gestaltete Erläuterungswerk zu meinen OO
Büchern, das er als «Brevier» herausgab, ganz ge‐ OO
wiß nicht für etwas Überflüssiges halten kann. Na‐ OO
türlich will und kann dieses Buch, auch wenn es OO
das, was Schott die «inwendige Antike» nennt, anOO
meinen eigenen Worten aufzeigt, niemals auch nur OO
eines meiner Bücher «ersetzen», aber man würde OO
sich ja auch einer kuriosen Vorstellung hingeben, OO
wenn man der törichten Annahme Raum lassen OO
wollte, als wäre die doch von mir gutgeheißene Ent‐ OO
stehung des «Breviers» der Absicht zu verdanken, OO
einen «Ersatz» für meine Bücher zu schaffen.
.Ich bin Ihnen nur dankbar, wenn Sie dem «Bre‐ OO
vier» auch weiterhin die Wege zu denen offenhal‐ OO
ten wollen, die es brauchen können, was von jedemOO
Leser meiner Bücher mit Bestimmtheit zu sagen OO
ist! Freilich sollte kein Benützer dieses «Breviers» OO
darin nur eine bloße Anthologie sehen, sondern OO
in erster Linie ein in acht Kapiteln bewußt aus OO
153 NachleseII
meinen Worten gestaltetes Buch über mein Ver‐ OO
kündungswerk, das ihm für sehr vieles in meinen OO
Büchern die Augen öffnen kann. Auch die «Ein‐ OO
führung» Schotts ist dabei gewiß nicht auszuneh‐ OO
men! OO
154 NachleseII
ZUR MITARBEIT
AN DEN «MAGISCHEN BLÄTTERN»
UND AN DER «SÄULE»
ZUSCHRIFTEN AN BÔ YIN RÂ
BÔ YIN RÂ bittet um Veröffentlichung nachfolgender Zeilen:
.«Je mehr meine Bücher zu einem wertvollen OO
Besitz vieler Leser werden, desto ungeheuerli‐ OO
cher häuft sich die Masse der Zuschriften, die mir OO
direkt oder durch Verlagsvermittlung zugehen, OO
entweder um Dank und Freude Ausdruck zu ge‐ OO
ben, oder um persönliche Fragen zu stellen.
.Anfänglich versuchte ich, alle derartigen Briefe OO
gewissenhaft zu beantworten; wollte ich aber auch, OO
weiter bei dieser Gepflogenheit bleiben, dann OO
müßte ich jede andere Tätigkeit einstellen und könnte OO
dennoch die Stöße von Briefen nicht auf solche OO
Weise beantworten, wie es meinem Empfinden OO
und meinem Willen, Hilfe zu bringen, entspre‐ OO
chen würde. ‒
.Es ist im übrigen bis auf den heutigen Tag noch OO
keine einzige Anfrage an mich ergangen, auf die OO
sich der Fragende mit einigem guten Willen und OO
157 NachleseII
etwas Nachsinnen, auf Grund logischer Folge‐ OO
rungen aus den durch mich gegebenen Lehren, OO
nicht selbst die Antwort hätte geben können...
.Jene anderen zahllosen Zuschriften aber, die OO
nur dem Dank und der Freude, oder der inneren OO
Zustimmung des Herzens Ausdruck geben sollen, OO
muß ich leider gleichfalls fürderhin unbeantwor‐ OO
tet lassen, obwohl ich gewiß gern jedem einzelnen OO
Briefschreiber von Herzen danken möchte.
.Vielfach scheinen die Absender der an mich ge‐ OO
richteten Briefe anzunehmen, daß die EinsendungOO
des Rückportos alle der Antwort im Wege stehenden OO
Umstände beseitigen müsse. Gern wollte ich je‐ OO
doch die Portospesen tragen, sähe ich überhaupt OO
noch eine Möglichkeit, all diese Briefe zu beantwor‐ OO
ten, ohne meine anderen bindenden Lebens‐ OO
pflichten zu vernachläßigen, ja gänzlich unerfüllt OO
zu lassen.
.Allen, die in den letzten Monaten an mich ge‐ OO
schrieben haben und keine Antwort mehr erhal‐ OO
ten konnten, sage ich hiermit herzlichen Dank OO
und bitte zugleich, die Nichtbeantwortung nicht OO
als Zeichen der mangelnden Anteilnahme an dem OO
jeweiligen Einzelschicksal auslegen zu wollen! ‒
.Ich bin kaum mehr imstande, auch nur alles zuOO
lesen, was man mir zuschickt, und ich glaube OO
158 NachleseII
nichts Unmögliches zu erwarten, wenn ich an‐ OO
nehme, daß man bei einiger Überlegung begrei‐ OO
fen wird, wie vieles durch meine Geistesarbeit ge‐ OO
tan sein will, und daß auch ich nicht in der Lage OO
bin, zu gleicher Zeit den mir übertragenen Pflich‐ OO
ten zu genügen, wenn ich von Sonnenaufgang bis OO
zur Mitternacht nur Zuschriften beantworten OO
wollte.»
159 NachleseII
AN UNSEREN LESERKREIS!
BÔ YIN RÂ ersucht uns um die Verbreitung folgender Mitteilung:
.In den letzten Jahrgängen der «Säule» (bzw. OO
der «Magischen Blätter») waren zahlreiche Bei‐ OO
träge von mir zu finden, so daß es manchen Le‐ OO
sern zuletzt als ganz selbstverständlich erschien, OO
daß sie in jeder Nummer der Zeitschrift meinen OO
Abhandlungen begegnen müßten.
.Nun liegt es aber gewiß nicht in der Art meines OO
Lehrauftrags, die Mitarbeit an Zeitschriften zu er‐ OO
streben, sondern es hatte sich zwanglos aus dem OO
freundschaftlichen und Schülerverhältnis des OO
Herausgebers und Verlegers der «Säule» zu mir OO
ergeben, daß ich dieser seiner Zeitschrift einzelne OO
in sich geschlossene Teile meiner für zukünftiges OO
Erscheinen in Buchform vorbereiteten Schriften OO
zum Vorabdruck überließ.
.Gelegentlich nur kamen auch Themen zur Be‐ OO
handlung, die der Tag nahegelegt hatte und über OO
160 NachleseII
die ich mich den Lesern der Zeitschrift gegenüber OO
äußern wollte.
.Niemals aber war es von mir beabsichtigt, mei‐ OO
nerseits die «Magischen Blätter» oder die «Säule» OO
ad infinitum mit Beiträgen versehen zu wollen, OO
sondern ich hoffte stets darauf, daß sich ein Stab OO
gediegener Mitarbeiter zusammenschließen OO
möge um mir die Mitsorge für die als nötig und OO
bedeutsam erachtete Zeitschrift abzunehmen.
.Mehr und mehr fand diese Hoffnung auch ihre OO
Erfüllung, und gleichzeitig plante der Verlag eine OO
gewiße Neugestaltung der «Säule», wie sie der OO
laufende neunte Jahrgang bereits erfreulicher‐ OO
weise zeigt.
.Hier war die Zeit meiner Entlastung nun ge‐ OO
kommen und wenn ich auch wußte, daß ein künf‐ OO
tiger Ausfall meiner Beiträge vorerst zu allerlei OO
Legendenbildungen Anlaß werden könne, so OO
durfte ich mir doch auch sagen, daß alle einsichti‐ OO
gen Leser alsbald auf die Spur der wahren Gründe OO
meines Zurücktretens als «Mitarbeiter» der Zeit‐ OO
schrift geführt würden, die mir so nahe steht wie OO
je zuvor.
.Was mir aber da und dort neuerlich zu Ohren OO
kommt, läßt es mir nachgerade als Pflicht erschei‐ OO
nen, den Lesern der «Säule» klar und deutlich zu OO
161 NachleseII
sagen, wie ferne der Wahrheit alle Vermutungen OO
sind, die aus dem Fehlen meiner Beiträge auf ir‐ OO
gendwelche Veränderung meiner Wertschätzung OO
der Zeitschrift oder gar ihres Herausgebers und OO
Verlegers schließen möchten!
.Ich stehe der Neugestaltung der «Säule» seit OO
Beginn des laufenden neunten Jahrgangs sogar OO
mit besonderer Sympathie gegenüber und bin si‐ OO
cher, daß Herausgeber und Mitarbeiter auf dem OO
nun betretenen Wege immer Besseres schaffen, im‐ OO
mer mehr segensreiche Klärung bringen werden.
.Was ich persönlich den Lesern der «Säule» zu sa‐ OO
gen habe, ist allein in meinen Büchern zu finden und OO
soll nur dort gesucht werden!
.Die Zeitschrift hat nicht den Zweck, mich zu OO
Wort kommen zu lassen, sondern soll durch dazuOO
Berufene, ‒ aber auch nur durch solche! ‒ Fragen OO
der Lebenspraxis, Probleme der Vorstellung und OO
der zeitgegebenen Mentalität im Lichte der durchOO
mein Wirken verbreiteten Lehren klären helfen, ‒ sollOO
aufzeigen, wie die unerschütterbare Wahrheit dieserOO
Lehren den nach ihnen Lebenden offenbar und bestimOO
mend wurde. ‒
.Längst gemahnt, meine physische Gesundheit OO
nicht ganz außer acht zu laßen, die durch eine al‐ OO
len Nahestehenden bekannte, beispiellose Ar‐ OO
162 NachleseII
beitsüberbürdung und stete Sorge um Andere OO
seit Jahren um ihre primitivsten Rechte kam, muß OO
ich auch die äußeren Bedingungen zu erhalten OO
suchen um alle Kraft auf das Werk konzentrieren zu OO
können, das mir zu vollbringen geboten ist und OO
das wahrlich den ganzen Menschen verlangt...
.Daß die Nötigung, einzelne Teile aus noch un‐ OO
vollendeten Schriften in den Vorabdruck hinzu‐ OO
geben, zur quälenden Störung der Arbeit an der OO
Endgestaltung einer Schrift werden kann, brau‐ OO
che ich wohl keinem Menschen zu sagen, der die OO
Bedingungen geistigen Schaffens auch nur von OO
ferne erahnt. ‒
.Manches ist mir so in den Jahren meiner OO
«Mitarbeit» an der Zeitschrift verlorengegangen, OO
was ich bis heute noch nicht wiederbringen OO
konnte. ‒ ‒
.Unmöglich aber wäre es mir, außer allem ande‐ OO
ren Tun das meine Kräfte braucht, noch beson‐ OO
dere Abhandlungen, nur für die «Säule» be‐ OO
stimmt, zu formen, und wie ich oben dargelegt zu OO
haben glaube, ist es auch gewiß nicht mehr von‐ OO
nöten.
.Hier sollen nun Menschen sprechen, die in sich OO
erlebten, was meine Schriften sie erleben lehrten, OO
163 NachleseII
und die befähigt sind in Wortgestalt zu formen was OO
sie innerlich erfüllt.
.Alle Unfähigkeit zur Darstellung, ‒ alle UnzulängOO
lichkeit der Gestaltung aber möge diesen Blättern OO
fernebleiben, und jeder der an ihnen mitzuarbeiten OO
berufen ist, sei stets sich der Verantwortung bewußt, OO
die jeder übernimmt, der Anderen auf seine Weise OO
Hilfe bringen will, damit auch ihnen nach der OO
Weise ihrer Seele Licht und Wahrheit werde. ‒ ‒
164 NachleseII
MEIN «GLÜCKWUNSCH»
an den Herausgeber der «Säule»
H
IER sollte der mir freundschaftlich naheste‐ OO
hende Herausgeber der «Säule» eigentlich OO
weghören, denn was ich sagen will, gilt zwar ihm OO
und seiner Arbeit, geht aber mehr seine Freunde OO
und vielleicht ‒ auch Feinde ‒ an, als ihn selbst.
.Was ich ihm selbst zu sagen hatte, ob es nun An‐ OO
erkennung war oder zuweilen auch ernste Kritik, OO
das hat er stets in direkter Aussprache erfahren, OO
und so wird er auch heute wieder von mir hören OO
wie ich's meine, ohne daß ich dazu des freundli‐ OO
chen Setzers Mithilfe in Anspruch nehmen OO
möchte.
.Ich will hier nur zu den Lesern dieser Zeit‐ OO
schrift sprechen, die mit dem vorliegenden Heft OO
ihren zehnten Jahrgang erfolgreich vollendet.
.Mit der Zeitschrift feiert zugleich ihr Verlag sein OO
zehnjähriges Bestehen.
.Was das in so schwerer Zeit heißen will, wissen OO
am besten die dem Buchhandel Nahestehenden, OO
165 NachleseII
die während dieser zehn Jahre so viele Verlage OO
und Zeitschriften entstehen, aber auch alsbald OO
wieder verschwinden sahen. ‒ ‒
.Es ist gewiß leicht, an der allgemeinen Berufs‐ OO
tätigkeit eines Verlegers, und noch leichter, an ei‐ OO
ner von ihm herausgegebenen Zeitschrift Kritik zu OO
üben, aber oft recht schwer, der trotz allem Anlaß OO
zur Kritik dennoch geleisteten positiven Arbeit ge‐ OO
recht zu werden.
.Auch ich konnte mich in Sachen der «Säule» ge‐ OO
wiß nicht immer einer wohlwollenden Kritik ent‐ OO
halten, ‒ auch mir erschien gewiß nicht jeder Bei‐ OO
trag, dem die Zeitschrift Raum gab, der Auf‐ OO
nahme würdig, und noch weniger konnte ich eine OO
allzu weitherzige Liberalität gutheißen, die in der OO
Aufnahme von Beilagen oder auch redaktionell OO
befürworteten Buchanzeigen zum Ausdruck OO
kam, und zu der sich der Verleger für beruflich OO
verpflichtet halten mochte.
.Ich muß aber nachdrücklichst dennoch beto‐ OO
nen, daß es recht verkehrt wäre, aus solchen sicht‐ OO
lichen Mißgriffen heraus voreilige Schlüsse zu zie‐ OO
hen und die geistige Einstellung des Herausge‐ OO
bers, der hier sein eigener Verleger ist, besorgt in OO
Frage zu stellen.
.Ich weiß, daß stets nur das Beste erstrebt OO
wurde, auch dann, wenn die Wohlmeinenden OO
166 NachleseII
schärfste Kritik üben zu müssen meinten und oft OO
auch mich auf ihrer Seite fanden.
.Nicht umsonst stehe ich bis auf den heutigen Tag dieOO
ser Zeitschrift mit allem Vertrauen und mit den wärmOO
sten Wünschen für ihr ferneres Gedeihen gegenüber!
.Nicht umsonst verbindet mich aufrichtigste Be‐ OO
freundung und Hochschätzung mit ihrem Her‐ OO
ausgeber und Verleger!
.Nur zu gut kenne ich die großen Schwierigkei‐ OO
ten, denen sein lauterer Wille sich in diesen zehn OO
Jahren immer wieder gegenüber sah, und ebenso OO
weiß ich, daß so manches, was andere zur Kritik OO
nötigte, auch von ihm nicht gebilligt wurde, OO
mochte er es auch, der Macht äußerer Verhält‐ OO
nisse gegenüber, nicht verhüten können.
.Es steckt eine immense Arbeit und ein ganz un‐ OO
gewöhnliches Maß freudiger Hingebung in die‐ OO
sen zehn Jahrgängen der Zeitschrift und der OO
gleichzeitigen Verlagsentwicklung, ganz abgese‐ OO
hen von dem tiefen Bewußtsein, durch das alles OO
mit den eigenen Kräften der Ausbreitung geisti‐ OO
gen Lichtes zu dienen!
.Die in solcher Weise betriebene Treue der ein‐ OO
mal gestellten Aufgabe gegenüber, verdient um so OO
mehr Anerkennung, weil es sich im wesentlichen OO
167 NachleseII
hier stets nur um ein Wirken aus idealer Intention OO
handelte, die bei allem, was sie erstrebte, das ma‐ OO
teriell Mögliche streng im Auge behalten mußte. OO
.Allzuwenig wird beachtet, daß es sich hier um OO
eine Zeitschrift handelt, die einer noch keines‐ OO
wegs konventionell ausgemünzten Form geistiger OO
Erkenntnisse Ausbreitung zu schaffen sucht, so OO
daß es überaus schwer hält, die wirklich geeigne‐ OO
ten und allen Einwänden überlegenen Mitarbei‐ OO
ter zu erlangen.
.Ebensowenig aber ist man sich auch der Tatsa‐ OO
che bewußt, daß der Bezugspreis einer Zeitschrift, OO
die sich nach Möglichkeit von artfremden Insera‐ OO
ten und Beilagen freihalten soll, kaum die Druck‐ OO
und Versandkosten deckt, so daß es der Beihilfe OO
vieler, die heute noch lässig, wenn auch wohlmei‐ OO
nend und kritikbereit zur Seite stehen, bedürfte, OO
um das an sich auch finanziell gesunde, gegebene OO
Fundament zu einem seiner Tragkraft entspre‐ OO
chenden Aus- und Aufbau zu nutzen. ‒
.Aus allen diesen Erwägungen heraus kann ich OO
meinem Glückwunsch zur Vollendung des zehn‐ OO
ten Jahrgangs dieser Zeitschrift nur die Form des OO
Appells an alle, die es angeht, geben, sich selbst OO
einmal zu überlegen, ob das, was da nun bereits OO
ein volles Jahrzehnt überdauerte, nicht doch da‐ OO
168 NachleseII
mit den Beweis seiner Notwendigkeit erbrachte, OO
und somit auch den Beweis einer Ausbaufähig‐ OO
keit, die sich nur dann in der Tat bewirken läßt, OO
wenn gleichstrebende Beihilfe sich dem Heraus‐ OO
geber und Verleger freudig zu verbinden gewillt OO
ist. ‒
.Geschieht, was Einsicht und Weitblick hier mit OO
einigem Einsatz der im irdischen Getriebe auch OO
dem Geistigen nötigen Mittel bewirken können, OO
so bin ich ganz außer Sorge über die Frage maß‐ OO
geblicher Mitarbeiterschaft, die der «Säule» jenes OO
Niveau sichern wird, das die näheren Freunde OO
der Zeitschrift von ihr mit Fug und Recht erwar‐ OO
ten.
.Dann dürfte nach der Vollendung eines weite‐ OO
ren Jahrzehnts wohl kaum noch die Frage erho‐ OO
ben werden können, ob solcher Ausbau vonnöten OO
war und ob sich der hierfür bereitgestellte Einsatz OO
lohnte. ‒
.Der Begründer und Herausgeber dieser Zeit‐ OO
schrift wird stets das Verdienst für sich in An‐ OO
spruch nehmen können, ihre Fundamente so tief OO
verankert zu haben, daß sie auch den hochra‐ OO
gendsten Aufbau zu tragen imstande sein wür‐ OO
den. OO
169 NachleseII
DANKESADRESSEN
ZUM
50. UND 60. GEBURTSTAG
DANK
E
S sind mir zu meinem fünfzigsten Geburtstag OO
fast unzählige Glückwunschbriefe und Tele‐ OO
gramme ins Haus geflogen, so daß meine anfäng‐ OO
liche Absicht, jedem einzelnen Gratulanten per‐ OO
sönlich zu danken, sich leider als unausführbar er‐ OO
weist, und ich mich in der Zwangslage sehe, we‐ OO
nigstens von den Lesern dieser Zeitschrift die Er‐ OO
leichterung erbitten zu müssen, daß sie mir gütig OO
erlauben, ihnen auf diese Weise von Herzen Dank OO
zu sagen. ‒
.Wenn auch der so überreich gefeierte, mit Blu‐ OO
mengrüßen und Geschenken bedachte Tag für OO
mich nur insofern von besonderer Bedeutung OO
war, als noch vor kurzer Zeit nicht allzusicher OO
stand, daß ich ihn in dieser Sichtbarkeit erleben OO
würde, so waren mir doch diese unerwartet zahl‐ OO
reichen Zeichen der Liebe und Verehrung, die OO
mir aus aller Welt zugesandt wurden, Anlaß ge‐ OO
rührter Freude und Dankbarkeit genug, um ihn OO
in frohem Festempfinden und mit heißen Segens‐ OO
173 NachleseII
wünschen für Alle, die mich liebend zu ehren OO
suchten, als rechten «Feiertag» zu begehen. ‒ ‒
.Freilich nehme ich die mir entgegengebrachte OO
Liebe und Ehrung auch gewiß nicht für mich perOO
sönlich in Anspruch, sondern sehe in dem allen OO
nur die freudige Dankbarkeit der Seelen, die an OO
Hand der durch meine Bücher der Welt wieder‐ OO
geschenkten Lehren, beglückt zu sich selber fan‐ OO
den, und in sich selbst zu ihrem lebendigen Gott.
.Daß ich noch weiterhin allen zum Lichte Stre‐ OO
benden auf den Weg helfen darf, ist für mich das OO
schönste Geschenk des Himmels, denn ich weiß OO
nur zu gut, welche Aufgaben noch darauf warten, OO
von mir getan zu werden...
.In Zeiten hoher religiöser Kultur ist es verhält‐ OO
nismäßig ein Leichtes, den Weg zum Lichte zu zei‐ OO
gen, da im Vorstellungsleben Aller die grundle‐ OO
genden Voraussetzungen gegeben sind, die zu‐ OO
nächst einmal da sein müssen, soll einige Hoff‐ OO
nung bestehen, daß es gelinge, die Augen der OO
ernstlich Suchenden zu öffnen.
.Heute aber gilt es vor allem, erst einmal diese OO
Voraussetzungen wieder zu schaffen, und der Weg, OO
der gezeigt werden soll, ist überdies derart von OO
dürrem und grünem Gestrüpp überwuchert, daß OO
es vonnöten ist, ihn erst wieder zu bahnen und al‐ OO
174 NachleseII
lenthalben neue Wegmarken zu setzen, damit der OO
Suchende vor den verderblichsten Irrgängen be‐ OO
wahrt werde. ‒
.So sehe ich denn bis heute noch kaum das AllernöOO
tigste getan, wenn meine Lebensaufgabe wirklich OO
erfüllt werden soll, und mehr denn je bin ich mir OO
heute der Tatsache bewußt, daß mein Wirken OO
durchaus nicht außerhalb der Gesetze steht, die OO
jegliches menschliche Schaffen bestimmen, so OO
daß auch in meinem Verkündungswerke ohne OO
Zweifel die Linie einer allmählichen Entfaltung OO
einst feststellbar sein wird, sei es auch nur im Hin‐ OO
blick auf die Fähigkeit, das oft fast Unsagbare in OO
Worten menschlicher Sprache zum Ausdruck zu OO
bringen...
.Aus innerster Gewißheit kann ich sagen, daß OO
ich wohl auch nach weiteren fünfzig Jahren, wenn OO
solches im Bereich der mir bestimmten irdischen OO
Lebensbahn gegeben wäre, mich noch in gleicher OO
Weise erst am Beginn meines Wirkens fühlen OO
würde, denn keine Kunst der Sprache ist jemals OO
vollendet genug, um dessen wahrhaft würdig zu OO
werden, was ich meinen Mitmenschen hier auf OO
Erden zu Bewußtsein bringen soll! ‒ ‒
.In solcher Erkenntnis weiterwirkend, danke OO
ich allen, die den «Weg» betreten haben, daß sie OO
175 NachleseII
nicht Anstoß nahmen an dem, was etwa Mangel OO
menschlichen Ausdrucksvermögens nicht zu faß‐ OO
lichster Verständlichkeit kommen ließ, und sich OO
an das unmißdeutbar Gegebene hielten, das in ih‐ OO
rem eigenen Herzen Widerhall fand, um so zur OO
Gewißheit auch dessen zu gelangen, was meine OO
Worte noch im Dunkel lassen mußten! ‒
.Möge es mir beschieden sein, den Pfad immer OO
mehr erhellen zu dürfen, zum Besten derer, die OO
ihn bereits betreten haben, wie nicht minder aller OO
jener, die ihn, durch meine Worte bewegt, zu‐ OO
künftig in sich suchen wollen! ‒
.Die frohe Hoffnung, für Gegenwart und alle OO
Zukunft Weg und Ziel stets lichter und klarer be‐ OO
zeichnen zu können, und damit die Zahl der Men‐ OO
schen zu vermehren, die schon hier auf Erden OO
zum untrüglichen Bewußtsein ihres ewigen Le‐ OO
bens gelangen, läßt mir vor allem anderen mein OO
weiteres Erdendasein, dem es an Mühe, Arbeit OO
und Sorge wahrlich noch niemals fehlte, als aller OO
mir so liebevoll zugedachten Wünsche wert er‐ OO
scheinen! ‒ ‒
Im Dezember, 1926
176 NachleseII
DANK
E
S ist gewiß nicht die Schuld der Schriftleitung OO
dieser Zeitschrift*, wenn meine Worte des OO
Dankes erst so spät all jenen Lesern vermittelt OO
werden, die mir bei Gelegenheit meines fünfzig‐ OO
sten Geburtstages liebe Grüße und Glückwünsche OO
sandten.
.Äußere Umstände verschiedener Art ließen OO
mich nicht eher dazu kommen, das hier Gesagte OO
niederzuschreiben, und diese Verzögerung war OO
mitbedingt durch meine anfängliche Absicht, den OO
einzelnen Gratulanten, wenn irgend möglich, OO
brieflich zu danken oder danken zu lassen.
.Leider wurde das zu einem Ding der Unmög‐ OO
lichkeit.
.So hoffe ich denn, daß mein verspäteter Dank OO
wohl doch auch jetzt noch entgegengenommen OO
werden mag, und daß man es mir nicht verübelt, OO
*«Magnum Opus», Freiburg i.Br.
177 NachleseII
wenn ich ihn nur auf diese Weise zum Ausdruck OO
bringen kann.
.Wenn ich auch selbst sehr wenig Wert auf die OO
Wiederkehr der Daten des Kalenders lege, so war OO
es mir doch wahrhaft wohltuend und beglückend, OO
von so vielen zum Lichte Strebenden aus aller OO
Welt die rührendsten Zeichen der Verehrung OO
und Liebe zu empfangen.
.Ich bin dabei sehr weit davon entfernt, diese OO
Bekundungen der Dankbarkeit etwa auf mich OO
persönlich zu beziehen, und es wurde mir vielmehr OO
Anlaß besonderer Vertiefung meiner Freude, al‐ OO
les, was man mir zu sagen kam, geistig an der OO
Quelle niederlegen zu können, aus der die Lehre OO
entströmt, der ich den Weg zu den Herzen zu be‐ OO
reiten suche...
.Aus den allermeisten Zuschriften war denn OO
auch wirklich bereits zu ersehen, daß die mich Be‐ OO
grüßenden im Innersten erfühlt oder erahnt ha‐ OO
ben, um was es sich in meinem Wirken handelt OO
und allein handeln kann, und wenn andere auch OO
noch erkennen ließen, daß ihnen noch nicht recht OO
zu Bewußtsein kam, wie weit entfernt die Offen‐ OO
barung des Urlichtes, die allein ich der Welt zu OO
vermitteln habe, aller spekulativ erdachten Er‐ OO
denweisheit ist ‒ wenn auch einige gar mir dan‐ OO
178 NachleseII
ken zu müssen glaubten für meine «tiefschürfen‐ OO
den Gedanken» oder meine «lebensbejahende OO
Philosophie», so war doch auch das herzlich gut OO
gemeint, und ich zweifle kaum daran, daß auch OO
diesen noch mehr außen Stehenden im Verlaufe OO
der Zeit ein tieferes Eindringen möglich werden OO
wird, wie es die Erkenntnis der ewig unwandelba‐ OO
ren Wahrheit nun einmal fordert.
.Wenn man mir Gutes wünscht für mein weite‐ OO
res äußeres Erdendasein, so sehe ich das mir wün‐ OO
schenswerteste Gute vor allem darin, daß es die OO
hohen Geistesmächte, denen ich alles danke, also OO
lenken möchten, daß auch jene Suchenden, die OO
jetzt noch fernab stehen und im Dunkeln tasten, OO
dereinst zu glückbewegten Findern werden.
.Der Weg zum Lichte ist wahrlich durch meine OO
Lehre schon aufs deutlichste gezeigt und all mein OO
Wirken kann jetzt nur noch dazu dienen, ihn im‐ OO
mer aufs neue auch denen zu zeigen, die noch in OO
der Wildnis irren, oder ihn zu finden meinen, wo OO
er nicht zu finden ist.
.Wohl weiß ich, was noch vor mir liegt, wenn ich OO
im Laufe der Jahre allem noch Ausdruck schaffen OO
soll, was denen helfen kann, die redlichen Her‐ OO
zens nach dem Licht der Ewigkeit verlangen ‒ OO
wenn ich alle erreichen will, die noch befangen OO
sind im Wahn: als handle es sich hier um etwas, OO
179 NachleseII
das der Strebende erlangen könne, wenn er sich OO
im Denken dazu aufzuschwingen wisse...
.Nur die wenigsten ahnen allbereits, daß die Be‐ OO
friedigung, die uns gedankliches Erschließen OO
bringen kann, zwar recht erfreulich sein mag, OO
aber keineswegs auch nur das mindeste uns nützt, OO
wenn dieser Erdenleib dereinst verlassen werden OO
muß. ‒ ‒ ‒
.So rede ich denn vielen noch wie in einer ihnen OO
fremden Sprache, weil sie gewohnheitsmäßig OO
meine Worte bildlich nehmen, dort wo ich vom OO
Geiste als von jener höchsten Wirklichkeit zu OO
sprechen habe, die allem Denken unvergleichbar ist. OO
.Von Schein und Scheinweisheit geblendete Au‐ OO
gen gilt es vor allem erst zu heilen, und leider weiß OO
ich, daß Jahrtausende vergehen werden, ehe wie‐ OO
der einer kommen wird, der hier Arzt sein kann, OO
wenn es auch niemals an Quacksalbern und un‐ OO
berufenen, eigenmächtigen Kurpfuschern fehlen OO
wird, und ebensowenig an solchen Menschen, die OO
das Heil stets nur dort erwarten, wo es niemals zu erOO
langen ist. ‒
.So danke ich denn allen, die mir segensreiches OO
weiteres Wirken wünschten, insonderheit auch OO
im Namen derer, denen mein Wirken noch gar OO
sehr vonnöten ist! ‒
Im Januar 1927
180 NachleseII
DEN GRATULANTEN
ZU MEINEM
SECHZIGSTEN GEBURTSTAG
D
IE in den Ländern des Sonnenaufgangs gel‐ OO
tende Gepflogenheit, am Geburtstag eines OO
Menschen lediglich seiner Mutter zu gedenken, da OO
er ja bei dem Ereignis seiner Geburt nur passiv be‐ OO
teiligt war, entspricht durchaus meinem eigenen OO
Empfinden, so daß ich nach allen in Betracht OO
kommenden Seiten hin eindringlich den Wunsch OO
geäußert hatte, man möge von der platten Tatsa‐ OO
che, daß sich zum sechzigsten Male die jährliche OO
Wiederkehr des Datums meines Eintretens in die‐ OO
ses Erdendasein ereigne, keinerlei Notiz nehmen. OO
.Nun ist jedoch trotzdem an diesem Tage eine OO
derartige Menge von Gratulationen bei mir ein‐ OO
gelaufen, daß ich mich vor die Frage gestellt sehe, OO
ob meine Auffassung nicht, etwas zu einseitig, von OO
anderen eine Zurückhaltung erwartet habe, wo OO
mit Freuden die Gelegenheit erwünscht worden OO
war, einem vielfach empfundenen seelischen OO
Drängen Ausdruck geben zu dürfen.
.Ich mag auch nicht verschweigen, daß ich mich OO
nun dennoch mit jeder, auch der bescheidensten OO
181 NachleseII
Gratulation gefreut habe, wenn ich auch nur den OO
allergeringsten Teil von dem mir Zugedachten OO
am gemeinten Tage selbst einzusehen vermochte. OO
.Was mich aber jetzt, nachdem ich endlich alles OO
gelesen habe, am allermeisten freut, ist die in so OO
vielen kurzen und längeren Briefen zu findende, OO
fast wörtliche Wiederkehr des Satzes: «Was wäreOO
aus mir geworden, hätte mir eine unsichtbare FührungOO
nicht vor Jahren Ihre Bücher zugeleitet, die mir nun siOO
chere Wegweiser auch in allen Angelegenheiten des äusOO
seren Alltagslebens geworden sind, so daß ich sie nieOO
mehr missen möchte
.Ich muß unumwunden sagen, daß mir diese, OO
nur auf die Werte praktischer irdischer Lebens‐ OO
gestaltung bezogenen Dankesbekenntnisse fast OO
noch mehr Freude bereitet haben, als die vielen, OO
mir gewiß überaus erfreulichen Beweise der seeli‐ OO
schen Einfühlung in die von mir so vielgestaltig OO
dargebotenen Schilderungen der inneren Struk‐ OO
tur des ewigen Geisteslebens, das unser aller Da‐ OO
seinsgrund ist, denn die vom Innersten der Seele OO
her gesicherte Aufnahme ewig unwandelbarer OO
Geisteswirklichkeit sollte ja jedem meiner Mit‐ OO
menschen, der über ein gesundes Empfindungs‐ OO
vermögen und klares Denken verfügt, ganz OO
selbstverständliches Ergebnis der Beschäftigung OO
mit meinem nun abgeschlossenen Lehrwerk sein, OO
182 NachleseII
während das Hereinwirken ins praktische, durch OO
so mancherlei äußere Umstände gemeinsam be‐ OO
stimmte Alltagsleben mit seinen notwendigen An‐ OO
forderungen, schon «die Probe aufs Exempel» OO
darstellt.
.Aber alle Gratulanten ‒ ohne jegliche Aus‐ OO
nahme ‒ soweit sie durch diese Zeitschrift erreich‐ OO
bar sind, dürfen gewiß sein, daß sie mir mit ihrem OO
Gedenken Freude bereitet haben. Allen sei hier‐ OO
mit von Herzen gedankt!
.Mit allen Segenswünschen für jeden der überaus OO
Vielen, denen ich auf keine andere Weise im ein‐ OO
zelnen antworten kann.
Im November 1936
183 NachleseII
PERSÖNLICHE ERINNERUNGEN
EIN LEBEN
D
IE Menschen, denen ich das Leben danke, OO
waren einfache Leute, aber beider Familien OO
standen in ihrem Kreise in hohem Ansehen, das OO
durch Besitz, Tüchtigkeit und persönliche OO
Würde, mehr aber noch durch Rechtlichkeit und OO
Wohltätigkeit begründet war.
.Frömmigkeit, in den Formen der Kirche Roms, OO
war erblich.
.Mein Vater, ein strenger Mann, dem alles OO
Menschliche Sünde war, ist niemals lachend gese‐ OO
hen worden.
.Meine Mutter, eine tiefreligiöse Frau, voll ech‐ OO
ter Mystik, lebte in ständiger Gemeinschaft mit OO
den heiligen Wesen, die sie nach katholischer OO
Lehre verehrte, und ihre Andacht war mehr ein OO
Schauen als bloßer Glaube.
.Ich war etwa 7 Jahre und einige Tage alt, als zum OO
erstenmal ein Bote jener Gemeinschaft, deren OO
Bruder ich heute bin, sichtbar in mein Leben trat. ‒ OO
187 NachleseII
.An einem strahlend schönen Sonntag-Morgen OO
lag ich, erfrischt durch einen gesunden Kinder‐ OO
schlaf, bereits völlig erwacht in meinem kleinen OO
Bette.
.Die Sonne schien durch das geöffnete Fenster OO
und erfüllte den ganzen Raum mit Licht.
.Die Mutter war zur «Frühmesse» gegangen, OO
während wohl der Vater, wie es seine Gewohnheit OO
auch später war, in dem alten Predigtbuch, dem OO
Geschenk eines verstorbenen geistlichen Freun‐ OO
des, die auf den Sonntag gerade bezügliche Pre‐ OO
digt las.
.Ich hatte nur die Mutter gesehen, bevor sie zur OO
Kirche ging.
.Während ich nun so lag, in froher Erwartung OO
der Rückkehr der Mutter, ‒ plötzlich, ohne daß OO
eine Türe sich geöffnet hätte, stand zu Füßen mei‐ OO
nes Bettes ein alter Mann im Sonnenschein, ange‐ OO
tan mit seltsamen und mir recht ärmlich erschei‐ OO
nenden dicken Wintergewändern. (Heute weiß OO
ich, daß es die im Innern Hochasiens übliche OO
Wintertracht war).
.Ich sah sein braunes durchfurchtes Gesicht und OO
glaubte zuerst, es sei ein alter Bettler, der öfter ins OO
Haus kam um ein Essen zu erhalten.
188 NachleseII
.Erschreckt schrie ich auf.
.Der Vater, seit Jahren sehr schwerhörig, OO
konnte mich nicht vernehmen. Die Gestalt jedoch OO
kehrte sich nicht an meinen Angstschrei und der OO
Gesichtsausdruck des alten Mannes hatte etwas so OO
unbeschreiblich Gütiges, daß ich sogleich darauf OO
mich völlig sicher fühlte.
.Ich «wußte», daß er irgend etwas Gutes für OO
mich hier zu tun habe, ohne mir Rechenschaft zu OO
geben darüber, was das wohl wäre. ‒
.Mit einem Gefühl der Neugierde und des Ver‐ OO
trauens zugleich betrachtete ich bald das faltige, OO
und so unendlich gütige Gesicht, bald den seltsa‐ OO
men Mantel, der mir besonders merkwürdig war, OO
weil die Ärmel viel zu lang und weit über die OO
Hände herabreichten. Bilder, auf denen so etwas OO
dargestellt gewesen wäre, hatte ich niemals gese‐ OO
hen.
.Da hob er langsam und bedächtig den Arm, OO
streifte den überlangen Ärmel zurück, und kam OO
zur Seite meines Bettes.
.Ich war so unerklärlich vertrauensvoll, daß ich OO
es diesmal, ohne zu schreien und ganz von Angst OO
befreit, geschehen ließ, daß er mit der rechten OO
Hand, einer Hand mit vornehmen feinen Fin‐ OO
189 NachleseII
gern, langsam über meine Decke strich. Dabei OO
verweilte er Augenblicke über meinen Füßen, OO
über den Knien, dann über dem Herzen und zu‐ OO
letzt legte er die feine zarte Hand auf meine OO
Stirne.
.Dabei schlief ich ein. ‒ ‒
.Ich erwachte erst, als längst die Mutter von der OO
Kirche zurückgekommen war.
.«Wo ist der Mann? ‒ Wer war denn der Mann? ‒ OO
Er muß ja noch hier sein. ‒ Du weißt gewiß wer er OO
ist.» ‒
.So bestürmte ich meine Mutter mit Fragen, die OO
sie ängstlich bestürzt anhörte.
.Nachdem auch der Vater meine Worte gehört OO
hatte, wurde zu meinem größten Leidwesen ent‐ OO
schieden, ich dürfe heute nicht mit zum Hoch‐ OO
Amt, sondern müsse mich ausschlafen.
.Nach dem Frühstück wurde das Zimmer ver‐ OO
dunkelt, alles Protestieren half nichts, und ich OO
mußte «schlafen».
.Ich schlief aber nicht. ‒
.Stets suchten meine Augen den alten Mann, je‐ OO
doch er kam nicht wieder.
190 NachleseII
.Dabei hatte ich eine brennende Sehnsucht nach OO
ihm und versprach mir hoch und heilig, daß ich, OO
wenn er wiederkäme, gewiß nicht mehr schreien OO
würde. Er kam nicht, aber alles im Zimmer schien OO
mir lebendig geworden.
.Ich fühlte mich, wie wenn eine ganze Gesell‐ OO
schaft guter Leute um mich wäre. Dabei war mir OO
leicht und so froh zumute, daß ich schließlich die OO
Betthaft nicht mehr aushielt und unversehens, OO
gewaschen und angezogen, neben der Mutter in OO
der Küche stand. Sie mochte wohl sehen, daß mir OO
nichts fehlte und so wurde mir erlaubt, hinab zum OO
Garten zu gehen, wo ich noch den ganzen Mor‐ OO
gen hinter jedem Busch und wo es nur ein Ver‐ OO
steck gab, nach dem alten Manne suchte.
.Alle Gärtnerburschen wurden befragt nach ihm OO
und kein Auslachen konnte mich irre machen.
.Ich wurde älter.
.Das religiöse Leben, in der Art wie meine Mut‐ OO
ter es pflegte und es mir nahelegte, übte große OO
Anziehungskraft auf mich aus.
.Im übrigen war ich ein völlig normaler Junge, OO
mit allen guten und üblen Eigenschaften.
191 NachleseII
.Tollkühn und waghalsig trieb ich mich viel im OO
Freien, im Wald und Feld herum, und lebte des OO
Glaubens, daß mir nie etwas geschehen könne. OO
Kein Baum war zu hoch, kein Abhang zu steil zum OO
Erklettern, kein Mensch und kein Tier wurde ge‐ OO
fürchtet. Im religiösen Leben aber war der ganze OO
Junge ein Anderer.
.Alle die Worte der Liturgie, alle Symbole des OO
Ritus wurden von mir mit einer tiefen klaren Be‐ OO
deutung erfüllt und es wurden mir in dieser OO
Weise Dinge klar, über die ich gelegentlich von OO
Erwachsenen als von «unerklärlichen Rätseln» OO
sprechen hörte.
.Ich fürchtete mich, etwas von dem zu verraten, OO
was ich «wußte», denn es war so ganz anders als OO
die Erklärungen der Predigt, oder die des Kate‐ OO
chismus. Nicht im geringsten aber konnten mich OO
diese anderen Meinungen irre machen an dem, OO
was ich auf diese innere klare Weise schaute. So OO
ging es lange Jahre, bis im halbwegs Erwachsenen OO
die äußeren Zweifel an Kirche und kirchliche OO
Lehre erwachten.
.Da fielen wohl manche Formen, aber für jede OO
«Form» war schon ein tieferer «Inhalt» in mir le‐ OO
bendig. Der «alte Mann» war fast vergessen, je‐ OO
doch an seiner Stelle stand etwas, das immer, OO
192 NachleseII
selbst in den tollsten Stunden, um mich war und OO
das mich nur deshalb an ihn denken ließ, weil es OO
mit demselben Gefühl der Zuversicht auf meine OO
Seele wirkte, wie dieser seltsame Alte mit seinem OO
wohltätigen Streichen der Hand, mit seinem so OO
unendlich gütigen Ausdruck. ‒
.Mir war oft ein innerlicher Zuspruch gewor‐ OO
den, zu Zeiten, in denen ich gerade am wenigsten OO
dessen würdig schien, und jedesmal hatte ich stär‐ OO
ker als sonst das Gefühl des Zusammenhanges mit OO
jenem alten Mann, und ich war in solchen Mo‐ OO
menten fester überzeugt als je, daß ich ihn wie‐ OO
dersehen würde. ‒
.Mittlerweile hatte ich mich einem Lebensberuf OO
gewidmet. In dieser Zeit kam ich mit Spiritisten in OO
Berührung, und deren Sache erschien mir mehr OO
als nur interessant.
.Ich hatte Gelegenheit, unter den denkbar si‐ OO
chersten Bedingungen, die unglaublichsten Phä‐ OO
nomene zu sehen, aber meine geheime Hoff‐ OO
nung, gelegentlich auf diese Art jenes Alten wie‐ OO
der ansichtig zu werden, wurde nicht erfüllt. Ich OO
fühlte im Gegenteil eine immer mehr sich aus‐ OO
breitende Kälte und Leere in mir, je mehr ich OO
mich an den «Sitzungen» beteiligt hatte. Der in‐ OO
nere Zuspruch, an den ich fast gewohnt war, hatte OO
193 NachleseII
nach und nach gänzlich aufgehört, und dennoch OO
verließ mich nicht jenes unerklärliche Gefühl, in OO
Sicherheit und guter Hut zu sein.
.An einem Weihnachtsfest endlich vernahm ich OO
wieder das Gewohnte, und diesmal war es eine so OO
starke Warnung vor den Experimenten, denen OO
ich als Zuschauer beigewohnt hatte, daß ich, zum OO
Erstaunen der früheren Freunde, plötzlich die OO
Beziehungen zu jenen Spiritisten abbrach.
.Ich empfand ein Grauen vor dieser Sache, als OO
ob ich verwesende Leichname liebkost hätte, und OO
nichts in der Welt hätte mich je wieder zu den Sit‐ OO
zungen bewegen können.
.Immerhin waren mir in dieser Zeit einige Be‐ OO
griffe klarer geworden, zu denen mir «Thomas a OO
Kempis», mein einziges mystisches Lehrbuch, OO
noch nicht die nötige Aufklärung gab.
.(Daß das römisch-katholische Meßbuch das OO
vollkommenste Einweihungs-Rituale der Welt OO
darstellt, wußte ich damals noch nicht, trotzdem OO
ich an seiner Hand in die tiefsten Mysterien nach OO
und nach geistig eingeführt wurde. ‒
.Wie oft mußte ich später an jenes Wort Jesu OO
denken: «Ihr habt die Schlüssel des Himmel‐ OO
reichs, aber Ihr gehet nicht hinein, und denen, OO
die hineinwollen, wehret ihr!») ‒
194 NachleseII
.So vergingen weitere Jahre, bis ich eines Tages OO
unter Umständen, die auch einem mehr myste‐ OO
riös veranlagten Gemüt, als mir, genügend «my‐ OO
stisch» erschienen wären, aufs neue mit jenem OO
alten Manne meiner Kinderzeit Bekanntschaft OO
machte. Diesmal auf eine wesentlich andere OO
Art. ‒ ‒
.Briefe, die ich in jener Zeit an eine liebe Seele OO
richtete, erfüllten die Leser mit unsagbarer Angst, OO
und nur die nüchterne Erwägung, daß dieser OO
«Wahnsinn» denn doch zu viel «Methode» habe, OO
verscheuchten den aufkeimenden Glauben, es OO
könne sich um eine geistige Erkrankung handeln. OO
.Wenig später wurden meine Beziehungen zu OO
dem «alten Mann», oder meinem Guru, denn das OO
war er, wie der etwas erfahrenere Leser leicht OO
längst raten konnte, völlig regelmäßig.
.Die letzte Spirale der Chelaschaft hatte begon‐ OO
nen. ‒
.Im ägäischen Meer, auf einer weltabgeschiede‐ OO
nen Insel, sollte sie ihr Ziel erreichen. ‒ ‒ ‒ ‒ OO
195 NachleseII
ALPENLUFT
F
AST hört es sich heute wie ein Märchen an, OO
daß die großen Hotels des Berner Oberlan‐ OO
des vor dem Kriege bis zu sechzig Prozent Deut‐ OO
sche unter ihren Besuchern zählten. Jetzt beher‐ OO
bergen sie der Mehrzahl nach Amerikaner und OO
Holländer; aber der Verdienstausfall, der ihnen OO
durch das Fehlen des deutschen Reisepublikums OO
erwächst, bleibt sehr empfindlich und ist so leicht OO
nicht auszugleichen. Vielleicht nirgends in der OO
Welt ersehnt man so sehr das Steigen der deut‐ OO
schen Valuta. Jeder vereinzelt auftauchende OO
deutsche Besucher wird als Vorbote einer wieder‐ OO
kehrenden besseren Zeit begrüßt.
.Aber ganz abgesehen von den hier berührten OO
Interessen der Schweizer Hotelbesitzer ist es auch OO
vom allgemeinen deutschen Standpunkt tief be‐ OO
dauerlich, daß die geistigen Bande zwischen OO
Deutschland und der Schweiz durch die Ungunst OO
der Zeitumstände und die daraus für den Deut‐ OO
schen sich ergebende Unmöglichkeit, die Schweiz OO
als Reiseziel zu wählen, so sehr gelockert werden. OO
196 NachleseII
.Zwar ist entschieden die Beliebtheit des deut‐ OO
schen Reisenden gerade durch seine Seltenheit OO
außerordentlich gewachsen, während anderer‐ OO
seits mancher Schweizer, der früher im eigenen OO
Lande geblieben wäre, durch die für ihn so gün‐ OO
stigen Geldverhältnisse angelockt, heute nach OO
Deutschland fährt und meist weit bessere Ein‐ OO
drücke mit nach Hause nimmt, als er vorher er‐ OO
wartet hatte. Alles das aber kann nicht die stete OO
nahe Berührung ersetzen, die durch den frühe‐ OO
ren deutschen Reiseverkehr in der Schweiz gege‐ OO
ben war.
.Und wieviel leuchtende Erinnerung lebt in un‐ OO
seren Herzen auf, wenn die Namen der majestäti‐ OO
schen Alpengipfel der Schweiz, der Paßüber‐ OO
gänge und traulichen Täler im Gedächtnis vor‐ OO
überziehen!
.Wie manchen deutschen Naturfreund mag zur OO
Sommerzeit die Sehnsucht packen, liebgewor‐ OO
dene Stätten wieder aufzusuchen; aber wenn OO
nicht Wunder und Zeichen geschehen, dann wer‐ OO
den die Schweizer Grenzen für die allermeisten OO
Menschen in deutschen Landen noch recht lange OO
Leidensjahre hindurch eine unübersteigbare chi‐ OO
nesische Mauer bilden, die nur im Rückerinnern OO
an schönere Zeiten zu überfliegen ist.
197 NachleseII
.So werde sie auch hier nun in einem kleinen Er‐ OO
innerungsbezirk einmal überflogen! Ich bin ge‐ OO
wiß, daß mich mancher Leser, der die Orte und OO
Namen kennt, von denen hier die Rede ist, gerne OO
begleiten wird. ‒ ‒
.Nachdem wir wochenlang die Häupter der OO
Schneeriesen des Berner Oberlandes nur vor klar‐ OO
blauem Himmel gesehen hatten, war offenbar der OO
Wetterumschlag gekommen; denn immer mehr OO
ballten sich schwere Wolkenmassen in stein‐ OO
grauen Klumpen um die Berge, verdeckten bald OO
dieses, bald jenes Eishaupt der höchsten Gipfel, OO
bis sie auch die Jungfrau selbst, die noch vor einer OO
Stunde in all ihrer Majestät sich dem stets aufs OO
neue überwältigenden Blicke dargeboten hatte, OO
dichter und dichter umhüllten.
.Besorgt standen wir auf der breiten Terrassen‐ OO
bastion des Regina-Hotels in Wengen und ver‐ OO
suchten immer wieder, irgendein Anzeichen zu OO
entdecken, das doch auf besseres Wetter schlies‐ OO
sen lassen könnte; denn lange schon war es ge‐ OO
plant: ‒ morgen sollte es über die Stationen Ei‐ OO
gergletscher, Eigerwand und Eismeer hinauf zur OO
derzeit höchsten Station der Jungfraubahn ge‐ OO
hen, zum Jungfraujoch. Was hätten wir aber da‐ OO
198 NachleseII
von, in 3457 Meter Höhe zu sein, wenn man doch OO
droben nur im Nebel herumstapfen könnte?!
.«Sie werden morgen einen prächtigen Tag ha‐ OO
ben», ließ sich da der Besitzer des Hotels verneh‐ OO
men, der eben unserer besorgten Gruppe näher‐ OO
getreten war.
.Nun, das hörte sich fast an wie Hohn und OO
wurde auch zuerst fast als mitleidiger Spott von OO
uns aufgenommen, bis wir doch merkten, daß es OO
dem stets nur in liebenswürdig-persönlicher OO
Weise um seine Gäste besorgten Hotelier gar OO
nicht in den Sinn gekommen wäre, uns ein wenig OO
zu verspotten, daß er im Gegenteil: mitfühlte, was OO
in uns vorging, und uns ganz ernstlich Hoffnung OO
geben wollte.
.Nun bin ich schon grundsätzlich mißtrauisch OO
gegen jede Gutwetterprophezeiung in den Ber‐ OO
gen; aber wenn auch dieses Mißtrauen vielleicht OO
in vorliegendem Fall nicht ganz gerechtfertigt ge‐ OO
wesen wäre, so setzte ich dennoch allerlei Zweifel OO
in die Wetterkundigkeit unseres freundlichen OO
Trösters, denn er war jahrelang drunten am Nil OO
Direktor eines Hotels in Assuan, bevor er sein OO
Schweizer Hotel übernahm (eines der auch vom OO
künstlerischen Standpunkt her vorbildlichsten OO
großen Hotels, die ich kenne); und Leute, die so OO
199 NachleseII
lange unter dem ewig blauen Himmel des Südens OO
lebten, haben meist ihre Wetterinstinkte für un‐ OO
sere Breiten ziemlich verloren.
.Wie sehr aber hatte ich am anderen Morgen in OO
Gedanken Abbitte zu leisten, als ich schon beim OO
ersten Augenaufschlag ‒ ich hatte absichtlich am OO
Abend die Vorhänge nicht vorgezogen ‒ das OO
durch all die Wochen her gewohnte Bild wieder OO
erblickte: den leuchtend blauen, gleichsam strah‐ OO
lensprühenden Himmel, und davor das giganti‐ OO
sche Jungfraumassiv, Gipfel und Silberhorn eben OO
gerade von dem ersten Licht der Morgensonne OO
zart übergossen!
.Ja, er kannte halt doch seine Berge und ihr OO
Wetter besser als wir; und es war kein bloßer fa‐ OO
denscheiniger Trost gewesen, als er uns gestern OO
so selbstverständlich «gutes Wetter» verheißen OO
hatte!
.Es dauerte nicht lange, da trug uns die trotz frü‐ OO
her Morgenstunde schon mit Fahrgästen voll‐ OO
besetzte Wengernalpbahn hinauf zur kleinen OO
Scheidegg, dem Ausgangspunkt der JungfrauOO
bahn.
.Die Fahrt bis Scheidegg hinauf ist schon an sich OO
überaus lohnend durch die stetig wechselnden OO
Bilder, die man beim langsamen Emporklimmen OO
200 NachleseII
der elektrisch betriebenen Zahnradbahn fort und OO
fort zu beobachten Gelegenheit hat. Man genießt OO
dabei wie ein Fußgänger die allmähliche Erobe‐ OO
rung der Höhe, nur völlig unbehindert durch die OO
Mühe eigenen Ersteigens. Vom bequemen Sitz OO
aus blickt man hinunter ins Lauterbrunnental mit OO
seinem Staubbachfall, dann geht's durch Tannen‐ OO
wald immer höher hinauf zu Alpweiden, wo uns OO
Kuhglockengeläute melodisch umfängt und wo OO
«die guten großen Tiere» Segantinis nachdenk‐ OO
lich an der Bahnrampe dem seltsamen Ungetüm OO
nachsehen, das da raupenartig auf die Höhe OO
kriecht und in seinem Innern so viel Menschen OO
herauftragen kann, ohne Stöhnen und Pusten, OO
und vor allem ‒ ohne Rauch, so daß man im offe‐ OO
nen Aussichtswagen durch nichts gestört wird in OO
seinem Naturgenuß.
.Jetzt endlich ist, kurz vor Station Wengernalp ‒ OO
dem weltbekannten, herrlichen Ausflugsziel ‒ die OO
Höhe fürs erste erklommen; und nun bietet sich OO
dem Auge ein Bergpanorama aus nächster Nähe! OO
Nun läßt sich förmlich jedes Steinchen der Glet‐ OO
schermoränen schon greifen, und Jungfrau, OO
Mönch und Eiger liegen ausgebreitet in der gan‐ OO
zen Erhabenheit und Größe ihrer urweltlichen OO
Formen vor uns! Hier auch erblicken wir nun OO
hoch oben das Jungfraujoch, den großen Glet‐ OO
201 NachleseII
schersattel zwischen dem eigentlichen Jungfrau‐ OO
gipfel und dem Mönch. Aber wer würde ahnen, OO
daß man auf diese unglaubliche Höhe mit einer OO
Bahn hinaufkommen kann?! Wo sieht man auch OO
nur die leisesten Spuren ihres Daseins??
.Doch wir haben nicht gar lange Zeit zu solchen OO
Betrachtungen; denn kaum konnten wir auch OO
nur das grandiose Bild des gewaltigen Bergmas‐ OO
sivs so recht in uns aufnehmen, da sind wir auch OO
schon auf der kleinen Scheidegg angelangt, wo OO
die eleganten Salonwagen der Jungfraubahn be‐ OO
reitstehen, uns aufzunehmen.
.«Einsteigen nach Station Eigergletscher, Eis‐ OO
meer, Jungfraujoch!» ruft der sprachenkundige OO
«Interpret» des Platzes, der stets in liebenswür‐ OO
digster Weise bereit ist, den Fremden aus allen OO
Nationen, die hier heraufströmen, Auskunft auf OO
alle Fragen zu geben. Wie eigentümlich berührt OO
doch das Aussprechen dieser Namen hier als OO
«Bahnstationen»! Man muß sich erst an den Ge‐ OO
danken ordentlich gewöhnen, bevor es einem so OO
recht zu Bewußtsein kommt, daß man keinen Ju‐ OO
les-Verne-Traum träumt, sondern daß das reale OO
Wirklichkeit ist!
.Eben hilft er einer alten Dame, die am Arm ih‐ OO
rer Begleiterin langsam auf den Wagen zukam, OO
202 NachleseII
flink und behutsam beim Einsteigen, und ‒ in die‐ OO
sem Moment erst empfinden wir völlig die Größe OO
der Idee Guyer-Zellers, des geistigen Urhebers OO
und Erbauers der Jungfraubahn, empfinden, was OO
er allen denen geben wollte und mit aller Zähig‐ OO
keit seines unbeugsamen Willens schließlich er‐ OO
kämpfte, die wohl die unendliche Majestät der OO
Bergwelt ahnend empfinden konnten, aber nie‐ OO
mals imstande gewesen wären, die Höhen des OO
ewigen Eises selbst zu ersteigen...
.Während wir aber noch in derartigen Empfin‐ OO
dungen versunken, dem bedeutenden Tatmen‐ OO
schen, der diese Bahn erstehen ließ, unsern Dan‐ OO
kesgruß über sein Grab hin senden, hat sich fast OO
unmerklich unser kleiner elektrischer Zug in Be‐ OO
wegung gesetzt. Tief unter uns sehen wir schon OO
wieder die Wengernalpbahn, die uns heraufge‐ OO
tragen hatte, nach Grindelwald hinunterkrie‐ OO
chen; dann geht's bei uns durch einen kleinen OO
Vortunnel, und schon haben wir die Station Ei‐ OO
gergletscher erreicht.
.Von Wengen aus zu Fuß, oder von der kleinen OO
Scheidegg her, waren wir schon öfters hier, haben OO
den Gletscher bis weithinauf durchquert, sind in OO
seine phantastischen Spalten hinuntergestiegen OO
und ließen die Kinder auf dem Schneefeld beim OO
203 NachleseII
Gletscher in der Julihitze auf dem großen Hör‐ OO
nerschlitten rodeln.
.Auch die grünsmaragdene Eishöhle, die man, OO
da der Gletscher stets wandert, alljährlich aufs OO
neue in seine Flanken bohrt, haben wir natürlich OO
bewundert. Der Gletscher ist uns so schon richtig OO
lieb und vertraut geworden und hat unvergeß‐ OO
liche Erinnerungsbilder der Seele eingeprägt.
.Wie oft sahen wir auch schon die braunpolier‐ OO
ten, vornehmen Wagen der Jungfraubahn gleich OO
hinter der Station durch die dunkle Höhlung in OO
den Felsen des Eiger verschwinden!
.Jetzt fährt auch unser Zug, prächtig elektrisch OO
beleuchtet, in die Finsternis des Berginnern hin‐ OO
ein. (Von hier aus braucht er mit allen Aufenthal‐ OO
ten nicht mehr ganz eine Stunde, um sein höch‐ OO
stes Ziel zu erreichen, und überwindet dabei eine OO
Steigung von 1127 Meter, denn auf 2330 Meter OO
Höhe waren wir schon beim Eigergletscher ange‐ OO
langt.) Nach einigem Fahren gewahren wir plötz‐ OO
lich eindringendes Tageslicht in der Ferne des OO
Tunnels. Noch wenige Minuten, und der Zug OO
hält. «Station Eigerwand!» Ein kurzer Aufenthalt OO
ermöglicht es allen Reisenden auszusteigen, und OO
durch den Stollen, den man in die Felsen OO
sprengte, bis zum Aussichtspunkt zu gelangen, OO
204 NachleseII
von wo aus man das Tal von Grindelwald und da‐ OO
hinter die weiten Bergketten bis fast ins Vorland OO
hinaus überblickt. Die Aussicht ist bestrickend, OO
aber dennoch trennt man sich bald von ihr, denn OO
noch gibt es hier keine Gletscher und ewige OO
Schneefirnen.
.Wieder im fahrenden Zug, wird nun mit Span‐ OO
nung die Station Eismeer erwartet und ‒ die ver‐ OO
wegenste Erwartung wird nicht enttäuscht, als wir OO
schließlich in diesem respektablen Bahnhof im OO
Innern des Urgesteins der Erde anlangen.
.Die Bahnstrecke hatte von Station Eigerwand OO
aus eine Biegung gemacht, und wir sind nun hoch OO
oben im Innern des Bergmassivs wieder ans Licht OO
gekommen, mitten in einer titanisch aufgebäum‐ OO
ten Gletscherwelt mit haushohen Eisblöcken und OO
unergründlichen Spalten; und dahinter ragt wie‐ OO
der mächtiges Felsengebirge bis zu den Gipfeln OO
des Schreckhorns, des Finsteraarhorns und vieler OO
anderer ferner Spitzen. Der Eindruck ist so uner‐ OO
hört großartig, daß man lange braucht, seiner OO
Herr zu werden.
.Erst, als nach längerer staunender Bewunde‐ OO
rung das Auge zu ermüden anfängt, empfinden OO
wir es doch recht angenehm, hier im Erdinnern in OO
einer eleganten Restauration auch unserer Leib‐ OO
205 NachleseII
lichkeit einige Stärkung zufügen zu können; OO
denn hier ist Wagenwechsel, und der Aufenthalt OO
genügt, um Seele und Leib zu ihrem Rechte ge‐ OO
langen zu lassen. Eines der Sprüchlein in Schwei‐ OO
zer Mundart, die mir rings an den Wänden der OO
äußerst geschmackvollen Restaurationsräume OO
auffielen, möge hier seine Stätte finden, da es mir OO
eine sehr beherzigenswerte Weisheit zu enthalten OO
scheint. Es besagt:
.«Dä hät am meiste vo sim Gält,
.Wo öppis g'seht vo dr schöne Wält!»
.Wirklich, man kann dem Spruchdichter nur OO
recht geben, besonders hier, wo man so Grandio‐ OO
ses «vo dr schöne Wält» zu sehen bekommt!
.Das gilt natürlich noch weit mehr von der bald OO
darauf erreichten, derzeit höchsten Station der OO
Jungfraubahn ‒ dem Jungfraujoch.
.Wer jedoch hier heraufkommt und nur in OO
Sorge ist, ob er hier oben nicht etwa «verhungern» OO
müsse, dem sei zum Troste gesagt, daß er hier al‐ OO
les vorfindet, was Küche und Keller einer ganz OO
erstklassigen großstädtischen Hotelrestauration OO
zu bieten haben. Und das in einer Höhe von 3457 OO
Metern über dem Meer! Der tüchtige Wirt gehört OO
zu jenen Originalen, denen man schließlich auch OO
206 NachleseII
eine gewisse Rauhbeinigkeit verzeiht, weil man so OO
gut bei ihnen aufgehoben ist.
.Ich sprach hier zuerst von den leiblichen Ge‐ OO
nüssen, weil der Weg von der Station im Innern OO
des Berges zum Tageslicht und zum eigentlichen OO
Joch, durch das heimelige und wieder überaus OO
geschmackvolle Restaurant führt.
.Schon auf der Terrasse des Restaurants ist man OO
mitten in einer wahren Wunderwelt. Unter uns OO
der riesenhafte Aletschgletscher, auf dem alljähr‐ OO
lich im Juli das berühmte «Jungfrau-Ski-Rennen» OO
stattfindet, gegenüber aber, in erhabener Maje‐ OO
stät, der eigentliche Gipfel der «Königin der Al‐ OO
pen»!
.Das Auge ist zuerst so geblendet von der fast un‐ OO
wirklichen Weiße des Schnees, von all der strah‐ OO
lenden Helligkeit, daß man gerne die Schnee‐ OO
brille anlegt, oder wenn man noch keine besitzt, OO
sich eine hier oben noch kauft.
.Der ganz unbeschreibliche Eindruck steigert OO
sich noch ins völlig Märchenhafte, wenn man OO
dann heraustritt und mit wenig Schritten über OO
den Schnee, droben am Joch selbst mit seiner un‐ OO
vergleichlichen Aussicht, angelangt ist! Weder OO
Wort noch Bild können hier das Wesentliche der OO
Empfindung zum Ausdruck bringen, die jeden OO
207 NachleseII
fühlenden Menschen ergreift, der, so fast un‐ OO
vermittelt auf dieses ragende Gletscherplateau OO
emporgehoben, nun mit allen Sinnen aufzuneh‐ OO
men sucht, was ihn umgibt...
.Tausende bringt die Jungfraubahn alljährlich OO
hier herauf, aber es dürfte nicht einen geben, der OO
hier nicht in stiller Ergriffenheit verstummen OO
müßte, der nicht auf dieser Empore des Tempels OO
der Allnatur von Andacht ergriffen würde und OO
Höheres auch in sich selbst erwachen fühlte, als OO
ihm jemals im Leben des Alltags, drunten in der OO
Ebene, zu Bewußtsein gekommen war.
.Wer solches seinen Mitmenschen zu verschaf‐ OO
fen wußte, der hat wahrlich den Dank der Nach‐ OO
welt reichlich verdient! Sein schönstes Denkmal OO
aber bleibt sein Werk, dieses Meisterwerk, das un‐ OO
zählige Gehirne in seinen Dienst spannte, die alle OO
nur durch die Kraft der Idee eines einzelnen an‐ OO
geregt wurden, dem Werke ihr Bestes zu geben.
.Der Mann aber, aus dessen Geist heraus die OO
Idee einer Jungfraubahn Gestalt gewann, der OO
Schweizer Guyer-Zeller, hat niemals selbst diese OO
Firnenhöhen betreten. Er starb, als er gerade OO
noch kurz vorher durch den Draht die Nachricht OO
erhalten hatte, daß der Durchbruch bei Station OO
Eigerwand geglückt war.
208 NachleseII
HERBST IM TESSIN
Anm.: Bô Yin Râ kam nach Massagno bei Lugano um 1925. Die 00
beiden Fotos von Lugano (aufgenommen um !1914! in einer 00
unglaublichen Qualität von Prokudin-Gorsky und bearbei‐ 00
tet von Jan Bielawski) sollen einen Eindruck der ge‐ 00
priesenen Landschaft vermitteln und sind im Buch nicht 00
enthalten:
Lugano1/ Lugano2
G
ESEGNET ist dieses südliche Bergland mit OO
seinen Seen, im Verbande der helvetischen OO
Republik, gesegnet sind seine Rebengelände und OO
Kastanienhaine, gesegnet seine malerischen OO
Bergdörfer und heiteren kleinen Städte, gesegnet OO
vor allem seine Menschen!
.Diese Nachkommen der alten Etrusker haben OO
bis auf den heutigen Tag noch Eigenschaften be‐ OO
wahrt, die man weiter südlich nicht in diesem OO
Maße findet: sie wirken heute noch so, wie wir die OO
Menschen der Antike uns vorstellen, man findet OO
bei ihnen eine Tatkraft und Energie, eine kluge, OO
würdevolle Besonnenheit, eine Ehrlichkeit und OO
Rechtlichkeit, die dieses italische Schweizervolk OO
uns bald von Herzen lieb gewinnen lassen. Auch OO
innerhalb des Schweizer Staatsverbandes hat der OO
Kanton Tessin es verstanden, sich immer mehr OO
hohe Achtung und Sympathie zu erwerben, und OO
was die tüchtige Art des Tessiners zu leisten ver‐ OO
mag, das zeigten und zeigen noch zur Stunde so OO
209 NachleseII
manche Männer in hohen Ämtern der Zentral‐ OO
regierung der Schweiz, Männer, deren Namen OO
weit über ihr engeres und weiteres Heimatland OO
hinaus allüberall guten Klang haben.
.Es ist ein beglückendes Gefühl der Geborgen‐ OO
heit hier um den Fremden, mag er auch durch die OO
einsamsten Täler und Schluchten wandern. Er OO
weiß, daß er nur guten Menschen begegnen OO
kann, und in dem entlegensten Albergo, das ihm OO
des Abends Rast gewährt, braucht er seine Türe OO
nicht zu verschließen.
.In solchem Lande, das alle Reize des Südens OO
mit aller Schönheit der Bergnatur vereint, wo OO
Licht und Wärme selbst noch des Winters rauhe OO
Kraft zu bändigen vermögen, da läßt es sich gut OO
sein, besonders für den, der auch andere Art und OO
Sitte ehrt und schätzt, der ein Land und seine Be‐ OO
wohner als organische Einheit empfindet, der OO
diese Einheit mit zu erleben versucht und das OO
herzliche Gastrecht vollauf zu würdigen weiß, das OO
man ihm, dem Fremden, allerorten zugesteht.
.Ein Paradies ist dieses Land! Südlich genug, um OO
der belebenden Kraft der südlichen Sonne reich‐ OO
lich teilhaftig zu werden, und doch nicht ihrem OO
sengenden Brande ausgesetzt, ‒ erfrischt stets OO
durch die Nähe der Berge mit ihrer ewigen Fir‐ OO
210 NachleseII
nenwelt, und doch nie von ihren rauhen Stürmen OO
umtost.
.Während nördlich vom St. Gotthard bereits die OO
feuchten Nebel über den Tälern nördlicher Nie‐ OO
derung lagern, während der Herbstwind die letz‐ OO
ten vergilbten Blätter von den kahlen Bäumen OO
schüttelt, prangt hier im Süden der Alpen Busch‐ OO
werk und Baum noch in vollem Grün, und die im‐ OO
mergrünen Pflanzen, die im Norden nur in Kü‐ OO
beln und Töpfen gezogen werden, überwintern OO
hier im Freien und erreichen dabei eine Größe, OO
die sie eben nur in ihrer Heimat haben können.
.Überall zwischen dem Laubwerk und den Blu‐ OO
men leuchten heitere südliche Villen hervor und OO
aus jedem Bergdorf grüßt uns der schlanke Cam‐ OO
panile als Zeuge alter hoher Kultur.
.Wir stehen oben auf dem Monte San Salvatore OO
bei Lugano und genießen in heller Freude den OO
wundersamen Ausblick über dieses wahrhaft ge‐ OO
segnete Land. Tief unter uns breiten sich die ural‐ OO
ten Wasser des Ceresio, des Lago di Lugano, in ih‐ OO
ren mannigfach geschlungenen Buchten, und am OO
Fuße des Berges lagert an der smaragdenen Flut OO
die ausgedehnte Stadt, deren Namen der See in OO
heutigen Tagen trägt, in der heiteren Vornehm‐ OO
heit ihrer leuchtenden Paläste, Villen und moder‐ OO
211 NachleseII
nen Hotelbauten aus dem Grün der Palmen und OO
dem Dunkel der Zypressen, wie die kostbare Fas‐ OO
sung eines Edelsteins.
.Drüben am anderen Ende der Stadt erhebt OO
sich, wie ihr zweiter Beschützer, der Monte Bré OO
aus den Fluten, von Rebenhängen bedeckt, aus OO
denen die hellen Villen strahlen. Dort liegt der OO
prächtige Villenort Castagnola mit seinen Kasta‐ OO
nienhainen, die ihm den Namen gaben, mit sei‐ OO
nem alten Kirchlein und seinem unvergleichlich OO
schön gelegenen Friedhof; weiter entfernt liegt OO
Gandria, malerisch aus dem See heraufgebaut, OO
und in noch weiterer Ferne erblickt man die OO
Grenzorte Italiens, dem der See sich in langge‐ OO
streckter Bucht verbindet.
.Am gegenüberliegenden Ufer aber erhebt sich OO
das mächtige Bergmassiv des Monte Generoso, OO
von dessen Gipfel aus man die ganze lombardi‐ OO
sche Ebene bis nach Mailand hin überblicken OO
kann.
.Wir wenden den Blick, und über den Gefilden OO
des Lago Maggiore gewahren wir nun ein Alpen‐ OO
panorama von unbeschreiblichem Reiz. Vom OO
Monte Rosa bis zu den Aletschfirnen drängt sich OO
Gipfel an Gipfel und noch weiter im Norden setzt OO
sich der Kranz der Schneehäupter fort, wie eine OO
212 NachleseII
weiße Zinnenmauer, die den immergrünen Kan‐ OO
ton Tessin umschließt. Es ist fast zuviel des Schö‐ OO
nen für das Auge, und immer wieder mühen wir OO
uns, den ausgebreiteten Reichtum zu fassen.
.Hier oben stand, nach manchen Funden zu OO
urteilen, einst ein altes Druidenheiligtum, und OO
mancher andere Mysterienkult mag hier seine OO
heilige Stätte gefunden haben, bevor ein christ‐ OO
liches Sanktuarium sich auf dem Bergesgipfel er‐ OO
hob.
.Die Alten wußten wahrlich ihre geweihten Stät‐ OO
ten stets an Punkte zu legen, die schon von der OO
Natur dafür bestimmt zu sein schienen, und ob OO
wir nun auf den Hängen von Delphi stehen, oder OO
hier auf dem San Salvatore; ‒ wir empfinden in OO
gleicher Weise ein geheimnisvolles fluidisches Et‐ OO
was an allen Orten, die dem Altertum heilig wa‐ OO
ren, oft ohne vorher zu wissen, daß da ein Heilig‐ OO
tum stand. ‒ ‒ ‒
.Noch lange saß ich am Abend im südlich tag‐ OO
klaren Mondlicht auf meinem Balkon im Hotel OO
Villa Castagnola und blickte über die Silhouetten OO
des Parkes zu meinen Füßen hinüber über den OO
See, stets magnetisch angezogen von den Formen OO
des heiligen Berges, der, jetzt dem auferstande‐ OO
213 NachleseII
nen Erlöser geweiht, einst den Namen des Son‐ OO
nengottes Belenius trug.
.Unzählige Geschlechter sind seitdem in die OO
Erde versunken, die Namen der Gottheit haben OO
sich gewandelt, die Herzen haben dem Göttlichen OO
in mannigfacher Art andere Empfindungen ge‐ OO
weiht, aber noch immer trägt der Berg sein Hei‐ OO
ligtum, und vielleicht ist es kein Zufall, daß es OO
heute das Heiligtum dessen ist, von dem die heili‐ OO
gen Bücher künden: «Sein Angesicht leuchtete OO
wie die Sonne und sein Gewand war weiß wie OO
Schnee» ‒ ‒ ‒?
.Vielleicht gibt es in unserem tiefsten Innern OO
doch eine Wahrheit, die kosmisch verankert ist, so OO
daß sie nur im Laufe der Zeiten sich stets andere OO
Gewänder formt, um das Urewige, im Symbol OO
verhüllt, der Verehrung darzustellen.
.Reiner als an anderen Orten empfindet man in OO
dieser heiteren Natur des Südens das Ewige, und OO
es wird schwer, sich an den Gedanken zu gewöh‐ OO
nen, daß man wieder diese heiteren Gefilde ver‐ OO
lassen soll.
.Wer aber einmal hier seelisch heimisch wurde, OO
auch wenn seine Wiege im kälteren Nordland OO
stand, den zieht es mit unwiderstehlicher Gewalt OO
stets wieder zurück in den Bereich der südlichen OO
214 NachleseII
Berge, an diese Seegestade, mit ihren lauen Lüf‐ OO
ten, ihren Sonnentagen, die alles im strahlenden OO
Lichte baden, ihren Mondscheinnächten voll von OO
flimmerndem Silberglanz, ‒ und mit dankerfüll‐ OO
tem Herzen sendet er auch aus der Ferne seine OO
Grüße in dieses gesegnete Land.
215 NachleseII
«WIE WÜNSCHT SICH
DER SCHWEIZER SCHRIFTSTELLER
SEINE LESER?»
I
CH weiß von einer lieben alten Schweizerfrau, OO
die ihr ganzes Leben hoch über einem welt‐ OO
bekannten Tal in einem kleinen Almengütli bei OO
harter Arbeit verbracht hatte, und mit der man OO
doch die anregendsten Gespräche über viele Bü‐ OO
cher führen konnte. Ein einziges Mal war sie in OO
der nächst erreichbaren Stadt gewesen. Niemals OO
hat sie einen Eisenbahnwagen betreten. Wie ich OO
vor Jahren hörte, ist die Gute hochbetagt gestor‐ OO
ben. Zu ihren Lebzeiten aber konnte man bei ihr OO
nicht nur die Bibel und gute Goethe- und Schil‐ OO
ler-Gesamtausgaben finden, sondern auch alles OO
von ihrem geliebten Jeremias Gotthelf, von Gott‐ OO
fried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. Die OO
ganze Bibliothek war versorgt in einem großen al‐ OO
tertümlichen Schrank, den sie wie ihr Heiligtum OO
gehütet hat. Ich glaube getrost sagen zu dürfen, OO
daß alle Schweizer Schriftsteller sich Leser wün‐ OO
schen würden von Art und Gehalt dieser alten OO
einfachen Bauersfrau, die beinahe von allen Sei‐ OO
ten ihrer Bücher wußte, was dort zu finden war, OO
weil sie alles auch im Herzen trug!
216 NachleseII
ENDE